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Der Tod des Cosimo

Paul Ernst: Der Tod des Cosimo - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Tod des Cosimo
authorPaul Ernst
firstpub1912
year1912
publisherMeyer & Jessen
addressBerlin
titleDer Tod des Cosimo
created20070331
sendergerd.bouillon
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Die Venus

Zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten lebte in Paris ein junger Bildhauer namens André, der von seinen Freunden wegen seiner Kunst wie um sein fröhliches Wesen sehr geschätzt war. Dieser ging an einem Morgen in der Frühe zu einer Arbeit, die ihm in einem vornehmen Hause aufgetragen war, und indem er einen anderen Weg nahm wie den gewöhnlichen, sah er in einer engen und armen Straße, etwa zwanzig Schritte vor sich, ein junges Mädchen aus einem bescheidenen Hause treten, sich flüchtig umblicken und dann mit schnellen und zierlichen Schritten vor ihm hergehen. Zwar hatte er ihr Gesicht nur flüchtig bemerken können, aber sie machte doch einen sehr tiefen Eindruck auf ihn, sodaß sein Herz plötzlich schneller schlug, durch ihre gerade und schöne Haltung und ihre ebenmäßige und schlanke Figur, und besonders durch die Art, wie sie die Arme hielt. Wie er sich von seiner ersten Bestürzung erholt hatte, beschloß er, alles zu versuchen, um ihre Bekanntschaft zu machen; deshalb beschleunigte er seinen Gang und verringerte schnell den Zwischenraum von ihm zu ihr; aber da die entlegene Straße in dieser frühen Stunde noch menschenleer war, so hörte sie sein eiligeres Gehen, wurde ängstlich und beschleunigte gleichfalls ihre Schritte. Als er das sah, ging er in eine noch schärfere Gangart über, sie aber begann fast zu laufen vor ihm her. So kamen sie aus der engen Straße und eilten quer über das Seineufer zu der Brücke Heinrichs des Vierten; auf deren Mitte holte der junge Mann das Mädchen ein. Er zog höflich seinen Hut, indem er sich etwas zu ihr beugte; und sie blickte ihn erst mit einem erschrockenen Lächeln an, indem sie die Hand auf ihr Herz legte, das von dem raschen Gang pochte; da vergingen ihm aber plötzlich die Worte, er wurde rot und stotterte, und sie lachte mit einem silberhellen Lachen auf, als sie seine Verlegenheit verspürte. Er fragte, ob er sie begleiten dürfe, und sie erwiderte, sie wolle es ihm gestatten, wenn er sie nicht belästigen wolle.

So gingen denn die beiden mit nunmehr gemäßigten Schritten weiter. Das Mädchen erzählte, daß sie Nicolette heiße und bei einem großen Kaufmann die Geschäftsbücher führe. Sie bat ihn, daß er sie wegen des Geredes der Leute an der letzten Straßenecke verlassen möge; er dürfte sie indessen am Abend wieder erwarten, um sie heimwärts zu begleiten.

Am Abend aber versäumte André die bestimmte Zeit, da er sich zu sehr in seine Arbeit vertieft hatte. Deshalb wartete er am andern Morgen auf sie an der Brücke Heinrichs des Vierten. Sie sah ihn schon von weitem, beachtete ihn aber nicht; als er grüßend zu ihr trat, erwiderte sie seinen Gruß stumm, und während er sie wie den vorigen Tag begleitete und zu ihr sprach, betrug sie sich zwar nicht ablehnend gegen ihn, aber antwortete ihm auf keine Frage und sprach auch sonst nicht ein Wort, bis sie an der bekannten Straßenecke ankamen; dort verabschiedete sie sich von ihm mit einem stummen Gruß. An diesem zweiten Abend versäumte André die Stunde nicht, sondern erwartete sie und gesellte sich grüßend zu ihr; aber auch jetzt wieder blieb sie gänzlich stumm.

In dieser Weise begleitete André das schöne Mädchen jeden Morgen und Abend die ganze Woche hindurch, bis zum Sonnabend. In der allerersten Zeit hatte er ihr immer gleichgültige Dinge erzählt, wie man sie jedem Menschen sagen kann; dann war auch er schweigsam geworden, und an einem Abend hatten sie beide den Weg zurückgelegt, von Anfang bis zu Ende, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Wie aber durch das gemeinsame Schweigen eine Vertraulichkeit und Sicherheit in sein Herz gezogen war, erzählte er ihr von seinen Absichten und Plänen und beschrieb, was er für Figuren zu arbeiten gedenke.

Am Samstag Abend nun brach sie plötzlich ihr Schweigen und sagte zu ihm, wenn er möge, so solle er sie und ihre Eltern, bei denen sie wohne, zum Mittagessen besuchen; und nach dem Essen solle er einen Spaziergang mit ihr vor das Tor machen. Er dankte ihr vielmals und versprach ihr zu kommen, und kam auch zu der bestimmten Stunde mit einem schönen Blumenstrauß zu der Tür, öffnete die, ging die Treppen hinauf und klopfte am Eingang der Mansardenwohnung. Nicolette schloß ihm auf, zog ihn in die Stube und stellte den Blumenstrauß in ein Glas. Da traten ihre Eltern herein, ehrbare und freundliche alte Leute, die ihn zutraulich begrüßten; sie sagten ihm, daß ihre Tochter ihnen von seinem Begleiten erzählt habe. Nicolette band eine große blaue Schürze mit Brustlatz vor ihr zierliches Kleid und ging mit der Mutter in die Küche; und André setzte sich mit dem weißhaarigen alten Mann in die Nische des Mansardenfensters, vor dem allerhand blühende Blumen in Töpfen standen, sauber gehalten und an weißlackierten Stäbchen aufgebunden. Der alte Mann plauderte von seiner Jugend, und wie er Diener bei einem großen Herrn gewesen sei, viele Reisen mit dem gemacht habe und nun in seinem Alter gern an diesem Fenster sitze und dem Zug der Wolken zuschaue, die vielleicht aus den fernen Gegenden hergeschwommen, die er ehedem bereist.

Nicolette richtete indessen hurtig den Tisch zu, indem sie ein glänzendes Leinentuch aufdeckte mit scharfgebrochenen Falten, und altererbte Teller aufstellte, die mit bunten Farben bemalt waren, und Messer und Gabeln zur Seite legte, die geschnitzte Griffe aus Knochen hatten und von dem Gebrauch durch Menschenalter dünn geworden waren. In die Mitte stellte sie den Blumenstrauß. Dann trat die stattliche Mutter herein und trug mit beiden Händen auf einer großen zinnernen Schüssel einen wohlzubereiteten Schweinebraten, dessen zierlich eingekerbte Kruste golden schimmerte. Der Vater erhob sich mit einem listigen Gesicht und holte aus dem Winkel eine Flasche alten Wein, den er da zurecht gestellt hatte, und wie er sie öffnen wollte, nahm André sie ihm aus der Hand und zog sie auf. Dann setzten sich alle, und die Mutter schnitt gleiche Stücke von dem Braten und legte jedem vor auf seinen Teller, und sie nahmen Messer und Gabel, schnitten und aßen; der Vater aber erzählte, daß er den Wein vor Jahren geschenkt erhalten habe von seinem Herrn bei der Hochzeit der jüngsten Tochter, denn bei besondern Gelegenheiten mußte er immer noch bei der Familie zur Hand sein.

Wie sie zu Ende gegessen hatten, erhoben sich alle, und Nicolette räumte flink den Tisch ab. Die Eltern machten keine Anstalten für einen Ausgang, und wie André fragte, ob sie nicht mit ihnen beiden vor das Tor gehen wollten, da sagten sie, daß ihre Tochter lieber den Nachmittag mit ihm allein verbringe, und daß sie keinerlei Besorgnis hätten, sie mit ihm ohne eine Begleitung gehen zu lassen, denn sie sei immer ein sehr besonnenes und gutes Kind gewesen, das ihnen stets nur Freude gemacht habe. Bei diesen Worten weinte die Mutter. Nicolette aber hatte in der Küche ihre Schürze abgelegt und sich eine gefällige kleine Haube aufgesetzt und kam, um ihn zum Ausgang abzuholen. Sie gaben den alten Leuten die Hand, und Nicolette nahm eine Blume aus dem Strauß, um sie in ihr Haar zu stecken, und das tat sie mit einem flinken Blick auf André und unter Erröten, und dann gingen sie.

Sie begegneten vielen geputzten Menschen, und André erklärte ihr, wie die Gestalt des Menschen geschädigt wurde durch die Art der Kleidung, wie unwahr Haltung, Gang und übrige Bewegungen der meisten sind, und wie das Unwahre auch unschön werde; und dann erzählte er ihr, welchen besonderen Eindruck ihre ganze Gestalt sofort auf ihn gemacht habe, und wie er sich gleich ihren Körper in allen seinen Verhältnissen ohne die Kleider vorgestellt. Sie errötete bei diesen Erzählungen und wurde sehr verlegen, ohne daß er es verspürte; vielmehr fuhr er in seiner Erzählung fort, daß er für seine Arbeit notwendig ein lebendes Modell gebrauche und doch nie das finden könne, was ihm nötig sei, weil besonders die Frauen ihren Körper verschnüren und verkrüppeln. So liege ihm die Figur einer Venus im Sinn, und er habe sich in der Phantasie das Bild auch ganz ausgedacht; aber unter den Mädchen, die Modell stehen, finde er kein Vorbild; und auch sonst würde ihm die Arbeit unmöglich sein, denn er wolle sie nicht nur in Ton machen, sondern in Marmor; aber bei dem jetzt herrschenden Geschmack werde niemand, wenn er die Tonfigur gesehen habe, das Werk in Marmor bei ihm bestellen; und er sei zu arm, um für sich selbst einen Marmorblock zu kaufen.

Nach diesen Gesprächen sagte Nicolette zu ihm, daß sie fröhlich sein müßten und alle schweren Gedanken vergessen, weil Sonntag sei, wo man sich erhole von der wöchentlichen Arbeit. Und so gingen die beiden zu einem Bauernhäuschen, dessen Bewohner an die Lustwandelnden Milch ausschenkten, setzten sich unter die weitschattende Linde vor dem Hause, unter der glattgehobelte Bänke und Tische in der Erde eingeschlagen waren, und ein rotwangiges Mädchen brachte ihnen auf einem weiß gescheuerten Holzbrett in sauberen Krügen kühle Milch. Sie tranken, und er scherzte viel mit ihr, weil auf den feinen und unsichtbaren Härchen ihrer Oberlippe zarte Perlen der Milch zurückgeblieben waren und einen leichten Rand bildeten. Sie nahm ein Tuch aus der Tasche und lachte leise in sich hinein.

Als die Schatten begannen länger zu werden, brachen sie auf, und sie legte ihren Arm in seinen, als seien sie seit langem vertraut, und gingen zurück, und vor ihrer Haustür nahm er Abschied mit einem freundlichen Händedruck.

Nun erwartete er sie wieder täglich und begleitete sie, wenn sie morgens zu ihrer Arbeitsstelle ging und abends nach Hause kehrte, und sie sprachen miteinander wie zwei vertraute Menschen.

Da geschah es an einem Abend, daß sie ihn bat, sie noch eine Weile zu führen, denn es war eine schöne und frische Luft, und sie sagte, daß sie ihm etwas mitteilen wolle, aber sie wolle die Dunkelheit abwarten, und wie die Dunkelheit kam, da sagte sie ihm, daß sie wohl gemerkt habe, wie sehr ihm seine Arbeit an der Venus am Herzen liege, und sie wisse jetzt auch, daß er sie an jenem ersten Abend nur seiner Arbeit wegen versäumt habe; sie habe damals aber geglaubt, daß er irgend einer leichten Liebschaft wegen nicht gekommen sei; deshalb habe sie damals die ganze Woche hindurch nicht zu ihm gesprochen, um ihn auf die Probe zu stellen, aber ehe sie aus dem Hause gegangen sei, habe sie immer im stillen zu ihrer Heiligen gebetet, daß er sie erwarten möge, und wenn er damals fortgeblieben wäre, so wäre sie sehr traurig gewesen. Wenn einem jungen Mann aber seine Arbeit so am Herzen liege, das sei nicht verwerflich, vielmehr müsse man es auf das höchste loben. Deshalb habe sie sich auch seinen Plan mit der Venus sehr überlegt, und sie wolle ihm sagen, daß sie von einem verstorbenen Oheim ein kleines Vermögen geerbt habe und ihm gern das Geld geben wolle, um den Marmorblock zu kaufen. Und sie wolle auch zu ihm kommen in seine Werkstätte und ihm als Modell dienen, wenn er wenigstens ihren Vorschlag so auffassen wolle, wie er gemeint sei. Aber wenn sie sich auch überwinden könne, sich vor ihm nackt zu zeigen, so wolle sie doch nicht, daß irgend ein anderer Mensch die Figur sehe, welche nach ihrem Körper gemacht sei, denn dann müsse sie sich allzusehr schämen. Deshalb müsse er ihr fest versprechen, daß kein Mensch je die Figur sehen dürfe. Sie schloß aber ihre Rede, indem sie sagte, die Dunkelheit habe sie abgewartet, weil sie ihm das alles nicht habe im Hellen sagen können, aus Scham.

Nun wurde André sehr froh, denn er wußte schon einen schönen Marmorblock, der für sein Bildwerk paßte. Er machte eine gute Ordnung in seiner Werkstätte, kehrte Staub und Schmutz fort, richtete einen Vorhang ein, hinter dem sich Nicolette entkleiden sollte, und erwartete mit Ungeduld die Stunde, wo er seine Arbeit beginnen konnte. Und wie Nicolette kam, mit sehr großer Scham in ihrem Gesicht und in allen ihren Bewegungen, da gab er ihr nur flüchtig die Hand, führte sie gleich hinter den Vorhang, und indessen sie sich entkleidete, rückte er nochmals an dem Fußgestell, das er für sie bereitet hatte und versuchte die Feuchtigkeit des Tons und den Halt des Drahtgerüstes, wie er aber eine Weile vergeblich gewartet hatte, daß Nicolette hinter dem Vorhang hervorkommen sollte, hörte er ein leises Weinen; da ging er hin, wo sie saß, und fand sie entkleidet, nahm sie bei der Hand, denn er war ganz hingenommen von dem Gedanken an seine Arbeit, und sie folgte ihm geduldig, wie er sie zog und an ihren Ort stellte und ihr angab durch Worte, Bewegungen und Richten, wie sie stehen müsse. Dann eilte er zu seinem Drahtgerüst und Ton und begann mit großem Eifer zu arbeiten, indem er sie mit scharfen Augen anblickte und ihr gelegentlich ein kurzes Wort zurief, wenn sie müde schien oder ratlos aussah. Und dann lachte er mit einem kurzem Lachen und sagte sich selbst, daß seine Arbeit gut werde, ging einige Schritte zurück, prüfte Nicolette und die Figur mit andern Blicken, wie er sonst sie ansah, und begann aus Freude an der Arbeit ein Lied zu singen, indem er Nicolette ganz vergaß. Nachdem er aber stundenlang gearbeitet hatte, sagte Nicolette mit leiser Stimme, daß sie ermüdet sei und nicht mehr ihre Haltung beibehalten könne; da erwiderte er, daß er heute seine Arbeit beschließen wolle; sie stieg herab und ging hinter den Vorhang, und er arbeitete immer weiter an seinem Ton; und als er nach einer ganz langen Zeit sich ihrer erinnerte, da hatte sie sich längst angezogen gehabt und war leise fortgegangen.

So arbeitete er nun mit großem Fleiß an einem Tonmodell, dann machte er die Übertragung auf den Marmor und begann an seinem Marmorblock zu schlagen; und zuletzt wurde er fertig mit seiner Arbeit und freute sich über sie; da war Nicolette das letztemal in seiner Werkstatt und freute sich seiner Freude und bat ihn denn nochmals mit bekümmertem Herzen, daß er die Figur niemandem zeigen wolle; das versprach er ihr und gab ihr die Hand, sie aber nahm mit beiden Händen seinen Kopf, küßte ihn auf die Lippen und entfloh mit schnellen Schritten aus der Werkstatt, indessen er verwundert zurückblieb.

Nun war am Hofe des Königs ein vornehmer Herr, der viel Liebe zur Kunst hatte und Bildhauer und Maler oft besuchte, ihre fertigen Werke betrachtete und den König dann von dem Gelungenen erzählte, damit er es für sich ankaufe. Dieser Herr kam auch zu André, und weil er unerwartet kam und eintrat ohne anzuklopfen, so hatte André keine Zeit gehabt, seine Venus zu verbergen, sondern das Werk stand gerade in der Mitte seiner Arbeitsstube und zeigte sich dem Eintretenden mit der allerbesten Verteilung von Licht und Schatten. Der geriet in eine lebhafte Begeisterung über die Arbeit und trotz aller verlegenen Ausreden Andres versprach er, dem König einen Bericht zu geben; und weil er in diesem Bericht sehr große Lobeserhebungen machte, so befahl ihm der König, das Werk dem Bildhauer für eine große Summe abzukaufen und es dann in einem seiner Gärten aufzustellen, damit sich viele an ihm erfreuen könnten.

Gegen diesen Befehl des Königs konnte André sich nicht sträuben; er mußte seine Venus abgeben, und aus großer Liebe zu ihr besorgte er alles selbst bis zu der Aufstellung im Garten. Aber als das nun alles beendet war, da geriet er in große Bedenken wegen seines Versprechens; und er wußte sich keinen Ausweg aus Schüchternheit, sondern wartete bis Nicolette das Geschehene von selbst erfahren werde.

Das geschah aber auf eine sehr schlimme Art.

Denn es hatte sich das Gerücht verbreitet von der schönen Figur, die im Garten des Königs aufgestellt war, und da der Garten des Sonntags allen Einwohnern von Paris geöffnet wurde, so versammelte sich am ersten Sonntag eine sehr große Menschenmenge vor der Venus. Unter dieser befand sich auch Nicolette, denn durch ihre Freundschaft für André hatte sie Liebe zur Bildhauerkunst gefaßt, und indem sie nicht wußte, daß das neue Werk Andrés sei, war sie mit andern hingegangen, es anzusehen. Wie sie es erblickte, stieß sie einen lauten Schrei aus und fiel ohnmächtig hin, und ihre Freundinnen dachten, daß ihr durch die Menge der Menschen übel geworden sei und brachten sie nach Hause. Hier aber weinte sie und erwies sich als ganz untröstlich. Wie sie allein war, schrieb sie einen Brief an André, durch welchen sie ihm anbefahl, daß er sie besuchen solle; und indem André sich wohl dachte, welches der Grund ihres Briefes war, beschloß er sich unbefangen zu stellen, nahm das viele Geld, das er vom König bekommen hatte und ging zu ihr, in der Meinung, daß er ihr sagen wolle, da ihr der Marmor gehöre und der Körper der Figur, so solle sie ganz ihr Eigentum sein, und deshalb bringe er ihr alles Geld, das er bekommen habe, weil es ja ihr gehöre. Sie aber ließ ihn gar nicht seine ausgedachte Rede vorbringen, sondern redete sogleich zu ihm, daß er sein Versprechen nicht gehalten habe, und daß sie sich sehr schäme; und noch mehr: er habe nicht gespürt, weshalb sie sich ihm als Modell gegeben, nämlich weil sie ihn über alle Maßen geliebt; und wohl habe sie während der Arbeit gesehen, daß er von ihren Gefühlen nichts wisse, aber sie habe sich gedacht, daß die Mädchen wohl zärtlicher sind wie die Männer; und wenn sie auch eine Weile eine Eifersucht gehabt habe auf die Figur, so habe sie sich doch nachher bezwungen und sie sogar geliebt, weil sie gemeint, er liebe sie. Nun sie aber gesehen, daß er das Werk fortgegeben und es sogar habe in der Öffentlichkeit ausstellen lassen, sodaß jeder es mit den Augen haben könne, da sei ihr klar geworden, daß er im Innern seiner Seele ein gemeiner und schamloser Mensch sei, wenngleich er äußerlich sogar schüchtern erscheine. Nun sei ihr jedoch das Leben in der Welt überhaupt eine Last geworden, denn alle Menschen seien anders, wie sie früher gemeint habe, und deshalb wolle sie in ein Kloster gehen, und heute sage sie ihm das letzte Lebewohl.

André ging mit bestürztem Gemüt von ihr fort und erwog alle ihre Worte wochenlang; und durch dieses Denken und Überlegen kam eine immer größere Liebe zu Nicolette in sein Herz, daß er vor übergroßer Sehnsucht schwachen Herzens wurde, träumte und nachsann mit Kummer. Der König schickte zu ihm, sprach freundlich mit ihm und gab ihm eine schöne Stellung, sodaß er keinerlei Sorgen mehr hatte um sein Auskommen und hätte arbeiten können, wie er wollte; aber er saß nur traurig in seiner Werkstatt, und es war ihm, als seien alle Pläne und Gedanken davon geflogen in die Luft.

So fand ihn nach Monaten jener vornehme Herr, der die Figur als Erster gesehen hatte, wie er gleichgültig vor einem Werk saß, das er früher gemacht hatte und mit Anstrengung und Willen etwas verändern wollte. Er sah ihm ins Gesicht und sprach zu ihm, er habe gewiß eine Liebe, die nicht erwidert werde; aber er müsse nicht verzagen, denn wenn jemand ernstlich liebe, so erwecke er auch bei dem andern eine Zuneigung, wenn dessen Herz nicht etwa vorher vergeben sei, nur müsse er heiter sein und suchen, daß er glücklich aussehe. Über diese Worte weinte André plötzlich, sodaß der Herr in Verlegenheit fortging.

In der Nacht aber nahm André einen Becher, aus dem Nicolette einmal getrunken hatte, als sie noch bei ihm war, mischte ein Gift, und tötete sich selbst.

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