Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Ernst >

Der Tod des Cosimo

Paul Ernst: Der Tod des Cosimo - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Tod des Cosimo
authorPaul Ernst
firstpub1912
year1912
publisherMeyer & Jessen
addressBerlin
titleDer Tod des Cosimo
created20070331
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Der Dichter und die Schauspielerin

Eine Novelle in Briefen

1

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, April 1750.

Lieber Freund: Darf ich Sie noch so anreden nach den harten Worten, die wir gewechselt haben, ehe Sie von Paris abreisten; noch mehr: darf ich die acht Tage gänzlich aus meinem Gedächtnis entfernen, in denen unser Verhältnis plötzlich so ganz anders erschien; und wäre es Ihnen möglich auf den Vorschlag einzugehen: daß alles zwischen uns wieder so sein soll, wie es in den Monaten vor jener stürmischen Woche war?

Ich verlange vielleicht viel. Aber Sie werden mir gewiß glauben, daß die Erfüllung meines Wunsches mich ebensoviel Überwindung der Scham kostet wie Sie – vielleicht noch mehr, da ich Weib bin – und daß ich ihn nur ausspreche, weil ich denke: auch Ihnen wird seine Erfüllung etwas sein. Wir sind ja beide einsam in der Welt: Sie auf Ihrem stillen Stübchen und ich inmitten der vielen Menschen, welche mich umdrängen. Sie haben sich wohl nie falsche Begriffe über das Leben gemacht; mir wurde erst klar durch Sie, daß ich immer allein gewesen, wie mir seit unserer Trennung klar wurde, welches Glück mir Ihre Freundschaft bereitete. Es war ein merkwürdiges Glück, denn es entstand nicht durch das, was Sie mir gaben, wiewohl das kostbar genug war, sondern dadurch, daß ich selbst mich plötzlich reich fühlte, daß ich geben konnte, und Dinge geben, von denen ich vorher nie gewußt hatte, daß ich sie besaß.

Seit Sie mich verlassen haben, bin ich wieder arm geworden, so arm, daß selbst die Erinnerung an meinen vorigen Reichtum mir unglaublich wird, und daß ich mich oft frage: waren das Diamanten, was du damals besaßest, waren es nicht dieselben armseligen Kirschsteine, die du nun hast? Sie sagten mir in jener Zeit einmal, daß auch Sie neue Schätze in sich entdeckten, und Sie glaubten in jenen Tagen, daß der Dichter die Schauspielerin brauche wie die Schauspielerin den Dichter. Wir sprachen von dem Ausdruck von Empfindungen durch die Haltung des Nackens, und Sie erzählten mir, wie Ihnen lange gesuchte Worte gekommen seien durch eine plötzliche Wendung des Kopfes, die ich bei einer Ihrer Bemerkungen machte. Gewiß erinnern Sie sich noch. Sie erzählten noch manches, was ich nicht verstand – ich verstehe es auch jetzt noch nicht – aber es machte mir eine merkwürdige Freude: daß für den Dichter das Leben eine schwere Last sei durch den Kampf zwischen Schamlosigkeit und Stolz, und daß die Leichtigkeit meiner Füße Ihr Leben leichter mache.

Sie sehen: wenn ich an diese Erinnerungen komme, so werde ich geschwätzig. Aber ich darf in diesem Briefe einen solchen Ton nicht anschlagen. Ich bitte Sie um eine Gunst: Sie sollen mein Vertrauter sein, vielleicht mein Ratgeber – ich habe ja niemanden in der Welt, dem ich mich vertrauen kann, wie Sie, Sie, den ich so sehr gekränkt habe. Aber Sie müssen mich anhören, denn erst durch Sie habe ich die Notwendigkeit kennen gelernt, zu sprechen – wissen Sie noch, was wir »sprechen« nannten, damals! – und klar zu werden durch einen Wiederhall. Ein Wort von Ihnen läßt mich nicht mehr ruhen. Sie sagten: »Künstler sein heißt Lügner sein – Sie sind glücklich, daß Sie das nicht begreifen.« Ich habe es begriffen, ganz ernst spreche ich, ich habe es begriffen; vielleicht verstehe ich heute manches mehr von Ihrem Betragen in der letzten Zeit, von meinem eigenen Betragen: weshalb empfand ich plötzliche Leere? Aber was sind denn die andern Menschen, wenn wir Lügner sind?

– Ich hatte bis hierher geschrieben; aus einem Gefühl der Unruhe las ich meine Sätze wieder durch, und ich finde, daß ich in einem Hauptpunkte mich falsch ausgedrückt habe: nicht ich habe Sie, sondern Sie haben mich gekränkt. Ich bot Ihnen ein Herz an – was machten Sie mit meinem Herzen? Aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, darf sie nicht machen; nur: schreiben Sie mir eine Zeile, daß ich Ihnen meine Mitteilung machen darf, daß Sie mein Vertrauen ehren und in Freundschaft aufnehmen wollen.

2

Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, April 1750.

Ich habe lange darüber nachgedacht: insoweit man von Schuld sprechen kann bei unserer Trennung, auf wessen Seite lag denn die Schuld? Aber ich bin zu dem Ende gekommen, daß das eine unlösbare Frage ist. Als wir zusammen waren, entstand ein Neues zwischen uns Beiden, das weder Sie waren noch ich – das auch nicht einmal Züge von uns Beiden hatte, sondern es war ganz neu entstanden. Und wie das mit dem Glück war, so war das nachher auch mit dem Streit und mit dem Auseinandergehen: es war ein neues Wesen zwischen uns entstanden, das uns trennte.

Von Herzen danke ich Ihnen für Ihren Brief. Er beweist, was er zwar mir nicht beweisen mußte, daß Sie groß denken: dafür danke ich Ihnen, daß Sie das vermögen, wie ich Ihnen immer dankbar bin dafür, daß Sie sind. Erzählen Sie mir, was Ihnen auf der Seele liegt; ich werde Ihre Worte treu aufnehmen. Vielleicht gibt Ihnen das eine gewisse Beruhigung in der Aufregung, in welcher Sie sich offenbar jetzt befinden, daß Sie zu einem Mann sprechen können wie zu einem Fremden, der ein Beichtvater ist: nicht wahr, Sie wissen, daß Sie nicht mehr von mir erwarten dürfen, wie einen Fremden, einen sehr gütigen Fremden, der ein Beichtvater ist? Als wir uns trennten, sagte ich Ihnen: »Ich werde immer Güte fühlen gegen Sie;« auch das haben Sie gewiß nicht vergessen, denn als ich es Ihnen sagte, wollte ich, daß Sie es in Ihrem Sinn behalten sollten.

Ich schließe mit den Worten, mit denen Sie Ihren Brief beginnen: Liebe Freundin.

3

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, April 1750.

Lieber Freund, hier ist meine Erzählung. Vor etwa vier Wochen erhielt ich einen seltsamen Brief von einem mir unbekannten Vicomte de Palafoy. Der Schreiber hatte mich am Abend in einer großen Rolle gesehen – die Sie gewiß ahnen, die mir sehr teuer ist Ihretwegen – und hatte, nach seiner Darstellung, einen sehr tiefen Eindruck gewonnen. Er erzählte, daß er noch sehr jung sei und eben den Nachmittag erst in Paris eingetroffen sei. Meine Darstellung der edlen und schönen Empfindungen, welche die Heldin des Stückes habe (merkwürdig, daß der junge Mann in seiner Begeisterung doch den Unterschied zwischen den Worten des Dichters und der Darstellung machte, den die meisten unserer Verehrer vergessen; ein Zeichen für seine Intelligenz) – werde bestimmend für sein ganzes Leben sein. Der weitere Inhalt des Briefes kann Sie nicht interessieren.

Ich empfand den Wunsch, den Briefschreiber selbst kennen zu lernen. Es stellte sich mir ein wirklich sehr junger Mann vor. Um die äußern Dinge gleich mitzuteilen: er treibt hier wissenschaftliche Studien, ist sehr reich und sehr vornehm und völlig sein eigener Herr, da beide Eltern tot sind.

Lieber Freund, es soll zwischen uns die größte Offenheit herrschen, nicht wahr? Sie wissen, welchen Teil in meiner Seele Sie einnehmen: nie wird jemand Sie aus diesem Besitz verdrängen können. Aber dieser achtzehnjährige Vicomte hat noch ein neues Land in mir entdeckt. Ich glaube Ihr skeptisches Lächeln zu sehen, aber Sie haben unrecht: ich habe die Schönheit der Tugend empfunden. Mein Ausdruck ist schlecht. Er sagte einmal: er werde am nächsten Abend zu einer bestimmten Stunde einen Stern ansehen, den er mir zeigte; ich solle zu derselben Zeit meine Blicke fest auf den Stern heften und wir würden dann glücklich sein, indem wir empfinden, daß unser gereinigtes Ich sich auf jenem Stern treffe.

Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich selbst, wie lächerlich ich mich Ihnen zeige. Könnte ich mich ausdrücken – ach, gerade Ihnen gegenüber kann ich mich nicht ausdrücken! Ihnen habe ich einmal gesagt: Ehe ich Ihre Freundschaft hatte, habe ich mich selbst nicht gekannt. Und ich habe dasselbe dem jungen Vicomte gesagt, ich habe es ihm sagen müssen, indem ich dabei an Sie denken mußte; und wir saßen dabei in demselben Zimmer, das Ihnen so gut bekannt ist, an demselben Tischchen, und alles war dasselbe wie damals, nur auf Ihrem Stuhle saß der Vicomte.

Ich muß mich fragen: Ist denn unser ganzes Leben nur ein Theaterspiel? Spiele ich nur eine Rolle, heute in einem Stück, das der Vicomte dichtet, wie gestern in einem, das Sie gedichtet hatten? Aber ich schwöre es Ihnen: ich bin gegen Sie die alte, und der Vicomte hat Ihnen nichts, nichts genommen: er hat sich eine neue Welt entdeckt und ein herrenloses Land erobert.

Als ich meinen ersten Brief an Sie schrieb, ahnte ich, daß die Begegnung weitere Folgen für mich haben werde, und ich fühlte mich zu schwach, allein denen entgegenzutreten. Ich fühlte, daß ich Ihnen und Ihren Gefühlen ein Unrecht antun werde durch meine Mitteilungen, aber Sie sind ja der einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen kann in meiner Lage, und Sie sind großmütig, Sie wissen, weshalb wir Frauen oft grausam sind – schlecht sind. Ich bin schlecht gegen Sie, aber Sie sind ein guter Mensch.

Gestern war der Vicomte bei mir und trug mir seine Hand an. Ich hatte seine Worte erwartet, aber als er sprach, war ich so überrascht, daß ich in Tränen ausbrach, aus dem Zimmer ging und mich einschloß. Er verließ das Haus, ohne mich nochmals gesprochen zu haben.

Habe ich Ihnen einmal die Geschichte Emiliens und des Herrn de Saint-Cyr erzählt? Hätte ich Emilie noch hier! Aber ich weiß nicht, in welcher entlegenen Gegend Frankreichs sie sich verborgen halten mag.

4

Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, April 1750.

Liebe Freundin, der Vicomte de Palafoy ist achtzehn Jahre alt, Sie selbst zählen sechsundzwanzig. Sollte eine so kluge Frau, wie Sie sind, die so viel gesehen hat, nicht wissen, welcher Art die Liebe des jungen Mannes ist, welcher Art Ihre eigene Zuneigung sein kann? Lassen Sie uns sprechen als die zwei Erfahrenen der Liebe, die wir sind: der Jüngling ahnt in Ihnen das Weib, das ihn bilden kann, das den doppelten Reiz von Geliebter und Mutter auf ihn ausübt. Er ist gut, vornehm und unschuldig; er versteht den Zug der Natur nicht zu deuten; das ist die Sache der Erfahrung, ist Ihre Sache, liebe Freundin. Können Sie glauben, daß seine Beziehung zu Ihnen auch nur wenige Wochen das Angesicht behalten kann, das sie jetzt hat, das neue und ersehnte Angesicht, das sie in den ersten Tagen des Taumels erfüllter Liebessehnsucht haben wird? Ist seine Natur vornehm und gut, und ist seine jetzige Verfassung nicht durch bloße Zufälligkeiten eines behüteten und zurückgezogenen Lebens in der Provinz verursacht, so wird er durch Sie aus dem Jüngling ein Mann werden und muß dann seine Neigung einem unberührten Mädchen zuwenden, das in ihm den Geliebten und Vater sehen wird. Um Ihre neue Ausdrucksweise zu gebrauchen: so tugendhaft wie seine jetzige Liebe zu Ihnen wird dann seine neue Liebe sein, denn er folgt einem durch die Menschen veredelten Triebe der Natur.

Möchten Sie wünschen, alsdann den heute noch Unerfahrenen durch ein unlösliches Band an sich gekettet zu haben, seine Vorwürfe zu hören, denn wenn er ein Mann wird, muß er die Ihnen machen; Ihre eigenen Vorwürfe zu übertäuben; unglücklich zu machen und unglücklich zu sein? Ich glaube, Sie sind zu klug, eine solche Tat zu begehen; und wenn Sie vielleicht auch nicht Güte des Herzens haben, so haben Sie doch die wertvollere Güte des Verstandes, die Ihnen eine solche Schlechtigkeit verbieten wird.

Aber ich warne Sie auch vor Anderem.

Frauen sind in der Liebe immer klüger wie wir Männer, so lange es sich nur um Gefühl und Empfindung handelt; aber sie werden törichter wie der törichtste Mann, sobald die bürgerliche Ordnung der Liebesbeziehungen in Frage kommt. Sie haben alle recht in ihrer Klugheit: in ihrer Torheit haben die Geringeren noch mehr recht, denn die ist ihnen eine wichtige Waffe im Lebenskampf, der für die Kleinen ja nun einmal den Lebensinhalt bildet. Wenn ich von unserer Beider Beziehung sprechen darf: Sie begannen mich nicht mehr zu verstehen, als ich das von Ihnen verlangte, was Sie nannten »Ein Opfer bringen«. Ich habe mich beschieden, denn ich bin stolz und weiß, was meine Liebe wert ist, daß sie wirklich auch das aufwiegt, was Sie Opfer nannten; denn wenn ich liebe, so will und kann ich geben und brauche nicht zu nehmen; wo die Hand nicht ausgestreckt ist zum Nehmen, wo sie geballt ist zur Verteidigung, da ist freilich ein Geben nicht möglich.

Dieselbe Torheit, die sie mir zeigten, zeigen Sie nun auch dem Vicomte. Liebste, Liebste, sind Sie denn so wenig, daß es erstrebenswert für Sie ist, mehr zu sein? Sie wollen Vicomtesse werden, Schloßherrin, reich, und den ganzen Traum einer kleinen Grisette zur Wirklichkeit machen. Es ist also nichts, eine in ihrer Art einheitliche Persönlichkeit zu sein? Der junge Mann stammt aus einer vornehmen Familie; er muß eine Frau vornehmer Abstammung haben, die von seinen Standesgenossen anerkannt wird, in ihre Lage hineingehört, ihm nachfolgeberechtigte Kinder gibt und die nach den Anschauungen und Bedürfnissen ihres Standes erzieht. Eine solche Frau wird auf Grund ihrer Eigenschaften und ihrer gesellschaftlichen Stellung geachtet. Werden Sie nicht geachtet auf Grund Ihrer Eigenschaften und Ihrer Stellung in der geistigen Gesellschaft? Würden Sie es nicht töricht finden, wenn eine Dame aus den vornehmen Kreisen, bloß, weil sie Ihre Stellung wünschenswerter findet wie die, zu welcher Natur und Gesellschaft sie bestimmt, das werden wollte, was Sie sind? Und Sie wollen werden, was jene ist? Jene könnte nicht unglücklicher werden wie Sie. Oder meinen Sie, daß die Schloßherrinnen glücklicher sind wie die Schauspielerinnen? Ich habe das Glück als Regel nur gefunden bei den körperlich schwer arbeitenden und sich den Tieren nähernden Menschen; als Ausnahme in den Kreisen, welchen Sie angehören, wo man die Kunst versteht, sich vorzulügen, was man will und für den Augenblick zu sein, wer man will; und nie fand ich es in der höheren Gesellschaft. Haben Sie sich das nie klar gemacht: Je höher Einer steht, desto mehr sieht er, desto mehr muß er wünschen, desto mehr bleibt ihm unerfüllt – desto weniger bedeutet ihm eine Erfüllung.

Wenn meine Worte Sie überzeugt haben sollten, so werden Sie vielleicht auf einen neuen Weg für Ihre Wünsche kommen. Denn Sie lieben den Vicomte. Wollen Sie ein freies Herzensbündnis mit ihm schließen und wollen Sie ihm gewähren, was Sie mir versagten? Ich verstehe durchaus, daß Ihre neue Neigung stärker sein muß, wie die Neigung, die Sie zu mir haben konnten. Ich sprach zu Ihrem Verstand, zu Ihrer Phantasie, mit mir lebten Sie in jenem Kreis, der bis zu einem gewissen Grade – nämlich soweit die schauspielerische Darstellung Kunst ist – der Kreis ist, in welchem sich Ihre höchsten Empfindungen bewegen. Aber der Vicomte spricht zu ihrem Herzen, in seiner Gegenwart kann das tiefste Menschliche in Ihnen warm überströmen, das in meiner Gegenwart erstarren mußte. Er kann Ihnen Kind sein, ich war Ihnen immer Lehrer.

Sie wissen, daß mich selbst nie ein Leiden abhalten würde, wenn ich meine Seele bereichern kann; und ich kann Ihnen nicht raten, was für Ihr kleines Wohlbefinden gut ist; dazu schätze ich Sie zu sehr, halte ich Sie zu sehr für meinesgleichen; ich kann Ihnen nur raten, was ich selbst tun würde. Das ist: Geben Sie sich ihm hin, machen Sie ihn ganz glücklich und suchen Sie jedes Glück, das Sie mit ihm haben können; indem Sie wissen, daß er in kurzem Sie unglücklicher machen wird, als jemals ein Mensch Sie gemacht hat; denn Sie können ihm mehr geben, als Sie sonst jemandem geben konnten, und deshalb wird nachher seine Undankbarkeit die größte sein, Ihre Leere die vollständigste.

Aber mußte ich Ihnen das alles sagen? Haben Sie das nicht alles vorher gewußt, wollten Sie nicht nur, nach Frauenart, eine Bestätigung, oder – einen Vorwand zur Blindheit? Wird Ihnen diesen Vorwand nicht mein Brief dennoch verschaffen, denn es ist doch der Brief eines Verschmähten?

Was ist das für eine Geschichte von Herrn de Saint-Cyr und Emilie? Es lebt in meiner Nähe ein Ehepaar dieses Namens. Ich lernte den Herrn auf der Jagd kennen, als ich auf der Pirsch durch Unkenntnis in sein Revier geraten war. Die Beiden scheinen sehr liebenswürdig; nur ist die Frau wohl etwas gedrückt, vielleicht, weil die Ehe kinderlos ist. Der Mann gibt sich viele Mühe, sie zu erheitern. Sie haben ihr Gut vor etwa zwei Jahren gekauft, und es kennt sie sonst Niemand von dem umwohnenden Adel.

5

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, Mai 1750.

Lieber Freund, Sie haben mich freilich nicht geschont in Ihrem Brief, und vielleicht haben Sie nicht bedacht, daß Sie ihn an eine Frau schrieben. Gestehen Sie nur: wir Frauen mögen unsere große Torheit haben; aber ist es wirklich klug, den Schleier, den die Natur selbst uns treibt über manche Empfindungen zu decken, unbarmherzig zu zerreißen? Wäre es nicht möglich, daß diese Empfindungen dadurch etwas anderes würden als sie waren und in Wahrheit sein müssen? Sie nennen den Schleier vielleicht Lüge: üben Sie darin nicht Rache an der Liebe? Ich habe nicht gedacht, was Sie aussprechen; nachdem Sie es ausgesprochen, muß ich es denken. Die Natur gibt selbst den Tieren in der Zeit der Liebe irgend etwas, das nur ein schöner Schein ist, und merkwürdig, es ist meistens das Männchen, dem sie diese Sorgfalt zuwendet! Sollten nicht auch die Frauen deuten und überlegen, und wenn ein Mann zum Dichter wird in der Zeit, da er um ein Weib wirbt, wie das Männchen einer Vogelart neue und glänzende Federn erhält: könnte da nicht dem Weib der Gedanke kommen: das ist nur ein bedeutungsloses Prunken, ein Mittel, um dich für einen bestimmten Zweck gefügig zu machen? Sollten wir Frauen alle so unwissend sein, daß wir diesen Schönheiten die Bedeutung zuerteilten, welche sie beanspruchen: nämlich dauernd zu sein und wesentliche Eigenschaften des liebenden Mannes? O, viele von uns sind klug genug, um die Wahrheit zu wissen, welche sich hinter dem Schleier verbirgt, aber nur eine ganz Verworfene wäre so unedel, sie zu sagen. Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, denn ich weiß, daß die Männer schamlos sind, daß sie das sein müssen; aber ich dachte, daß auf den höchsten Stufen der Gesittung die Männer von uns Eigenschaften annehmen, wie wir von ihnen; und ich habe mich gefragt – achten Sie ernsthaft darauf, was ich mich gefragt habe: ob Sie an Mlle. de Villars geschrieben hätten, wie Sie an mich schrieben. Ich bin nicht eifersüchtig, und ich habe kein Recht, auf Sie eifersüchtig zu sein; aber wenn Sie meinen Stand und meine Lage als nicht problematisch (wie sie meines Erachtens sind), sondern als in ihrer Art gleich vollendet und selbstgenügend hinstellen wie die einer Dame der Gesellschaft; so muß ich auch verlangen, daß Sie in entsprechender Weise Rücksichten nehmen, indem Sie das schonen, was Sie ja in Ihrem Innern meine Lebenslüge nennen mögen. Noch einmal: Stellen Sie sich recht lebhaft vor, wie Sie an Mlle. de Villars geschrieben haben würden, an das junge Mädchen von achtzehn Jahren aus vornehmer Familie, das eben aus dem Kloster gekommen ist, und das Sie zu Ihrer Gattin zu machen beabsichtigen. Sie würden nicht gedacht haben: ich will ihr schreiben, was ich selbst tun würde, nachdem ich ihr geschrieben, was ich selbst denke, sondern ich will mir vorstellen, was sie empfinden muß, was ein Mensch, der so empfindet, denken und tun muß; denn ein Mann muß Frauen schonen.

Sie wollen Emiliens Geschichte wissen; ich will sie Ihnen erzählen; vielleicht, daß Sie aus ihr lernen, was einem Dichter hätte die Natur lehren sollen.

Sie wurde als ganz junges Mädchen von ihrer Mutter dem Leiter unserer Truppe vorgestellt, und da sie eine vorzügliche Bühnenfigur besaß, nahm man sie sogleich mit einem kleinen Gehalt an. In der Folge stellte es sich heraus, daß sie keinerlei schauspielerische Begabung hatte; nicht, daß es ihr an Phantasie, Temperament und Verstand gemangelt hätte; aber sie war durch eine eigenartige Vornehmheit ihres Wesens gebunden und konnte nicht aus sich herausgehen; Sie sagten einmal selbst: jede Kunst steht in einem gewissen Gegensatz zur Vornehmheit; man konnte sie höchstens zu Anmelderollen verwenden. Von ihrem Herkommen sprach sie nie, es schien mir aber, daß sie von guter Familie sein müsse. Ein geringer Rest von Vermögen, der wohl noch vorhanden war, wurde im Laufe der Zeit ausgegeben, da sie mit ihrer Mutter von ihrem Verdienst beim Theater nicht leben konnte, und es stellte sich die Notwendigkeit heraus, daß sie den Bewerbungen eines reichen Verehrers nachgab. Über diese Dinge sprach sie nie mit mir, trotzdem ich die einzige unter uns war, zu der sie ein Zutrauen gefaßt hatte. Sie wissen, wie es am Theater hergeht, und daß selbst ein Mädchen ohne besondere Reize, wenn sie nur irgendwie mit der Bühne in Beziehung steht, auf das lebhafteste von unseren vornehmen jungen Herren umworben wird. Emilie scheint ihre Verehrer mehrfach gewechselt zu haben, aus welchen Gründen ist mir unbekannt; jedenfalls wußten wir alle, daß sie in einigen Jahren durch die Freigebigkeit der Herren und ihr einfaches Leben ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Ihre Mutter starb in dieser Zeit, und als ich sie bei dem Begräbnisse besuchte, sagte sie mir, daß sie sich ein Landgut in einer entfernten Gegend kaufen wolle, wo sie niemand kenne, um dort ihr Leben zu beschließen. Sie haben wohl nie von ihr gehört durch Ihr einsames und zurückgezogenes Leben; bei jedem andern Herrn Ihres Standes und Alters würde es mich wundern, daß Sie Emilie nicht gekannt haben sollen. Herr de Saint-Cyr kam um diese Zeit nach Paris. Durch einen Zufall nahm er seine Wohnung in dem Hause, wo Emilie wohnte, nur durch den Korridor von ihren Zimmern getrennt. Diese sah den vornehm aussehenden, aber sehr bescheiden gekleideten jungen Herrn täglich an ihrem Fenster vorbeigehen, und sein höflicher und achtungsvoller Gruß machte einen tiefen Eindruck auf das arme Mädchen, das sehr unter ihrer Stellung litt. Sie bemerkte, daß der Ausdruck seines Gesichtes täglich trauriger wurde. Da er sich um die Zeit des Mittagessens immer auf seinem Zimmer aufhielt und sie ihn nie mit irgend welchen Einkäufen zurückkehren sah, so wurde sie durch ihr Mitgefühl getrieben, ihn durch das Schlüsselloch zu beobachten; sie sah, daß er ein Stück Brot aus dem Schrank nahm, es sorgfältig abmaß, ein Stück abschnitt, und dieses dann ohne weitere Beigabe verzehrte.

Für den nächsten Tag ließ sie ihre Köchin etwas reichlichere Einkäufe machen und ein für mehrere Personen genügendes Essen vorbereiten; dann erwartete sie ihn an ihrem geöffneten Fenster, indem sie sich an ihren Blumenstöcken zu schaffen machte. Er wollte mit seinem gewöhnlichen Gruß vorbeigehen, sie redete ihn aber an, indem sie ihm scherzend vorwarf, er sei unhöflich, daß er noch nie zu ihr gesprochen habe; und indem er erwiderte und sie antwortete, lud sie ihn am Ende zu ihrem Essen ein und drängte ihn so, daß er kommen mußte.

Nach der Mahlzeit, als sie noch verschiedenes geredet hatten und vertrauter geworden waren, sagte sie zu ihm: »Ich sehe, mein Herr, daß Sie sehr unglücklich sind, und vermute wohl mit Recht, daß Sie hier keinen Freund oder Bekannten haben, dem Sie Ihre Sorgen erzählen können. Deshalb möchte ich mich Ihnen als Vertraute anbieten, ob ich vielleicht Sie trösten oder Ihnen sonst irgendwie helfen kann. Und damit Sie die Scham überwinden, welche ein Unglücklicher naturgemäß hat, wenn er einem Fremden sein Herz öffnen soll, so will ich selbst mit einem Geständnis beginnen, welches mir viel schwerer werden muß als alles, was Sie mir gestehen können, denn mein Leiden ist schwerer, wie es das Ihre sein kann: ich bin ein Mädchen, das seinen Unterhalt davon hat, daß es seine Ehre preisgegeben hat.«

Herr de Saint-Cyr erzählte, daß er ohne Eltern sei und durch die Nachlässigkeit seines Vormundes sein gesamtes Vermögen verloren habe. Seine Verwandten, die denselben Namen trügen wie er, seien sehr einflußreich am Hofe, und er sei nach Paris gekommen, um durch ihre Verwendung eine bescheidene Stellung zu erhalten. Aber da es ihnen offenbar peinlich sei, einen verarmten Vetter anzuerkennen, so sei er bei allen entweder durch leere Versprechungen hingehalten oder mit peinlichen Worten entlassen; und gerade heute habe er seinen letzten Besuch gemacht, und es bleibe ihm keinerlei Aussicht oder Hoffnung mehr.

Emilie dachte eine Weile nach, dann erwiderte sie ihm: »Ein anderes Betragen ist von Verwandten in solchen Fällen nicht zu erwarten, wenn man nicht ein Mittel besitzt, um sie auch gegen ihren Willen zur Hilfe zu zwingen.« Und als Herr de Saint-Cyr sie fragte, ob sie ein solches Mittel wisse, fuhr sie fort, indem sie noch mehr errötete, wie bei den Worten, durch welche sie ihm mitgeteilt hatte, wer sie war: »Sie müssen Ihren Verwandten drohen, daß Sie sich werden durch die Not, um Ihr Leben zu erhalten, zu einer ehrlosen Handlung treiben lassen; und da diese, weil Sie den gleichen Namen haben wie Ihre Verwandten, auch denen Unehre machen würde, so werden sie gewiß alsdann alles aufbieten, um Ihr gerechtes Verlangen zu erfüllen. Als eine solche Handlung schlage ich Ihnen folgendes vor. Ich habe mir ein Vermögen erworben, welches für den standesmäßigen Unterhalt einer Familie genügen würde; mein Name und meine Lebensweise sind in den Kreisen der vornehmen jungen Leute bekannt genug; es genügt, wenn Sie erzählen, daß Sie mich kennen gelernt haben und mich heiraten wollen, um nicht Hungers zu sterben.«

Auf diese großmütige Rede Emiliens konnte de Saint-Cyr nicht mit Worten erwidern. Er küßte ihre Hand, die sie ihm schnell entzog, und ging. Gegen Abend kam er zurück und suchte Emilie in ihrem Zimmer auf. Mit traurigem Gesicht erzählte er, als einzige Antwort habe er von seinen Verwandten erhalten, daß man ihn alsdann als einen Betrüger, der sich seinen vornehmen Namen fälschlich beigelegt habe, werde verhaften und in die Bastille führen lassen. Dann fuhr er fort: »Ich habe meine Eltern nicht mehr gekannt und war stets unter fremden Leuten. Sie sind der erste Mensch gewesen, der mir eine Freundlichkeit erwiesen hat. Ich biete Ihnen in Wirklichkeit meine Hand an und verspreche Ihnen, daß ich Sie lieben und ehren werde, wie Sie es verdienen. Wir werden Paris verlassen und an einem entfernten Ort leben; und mit einer Güte, welche der gleich sein soll, die Sie mir erwiesen, will ich mich mühen, Sie Ihre bisherigen Leiden vergessen zu machen.«

Emilie antwortete ihm, daß er ihr etwas Unmögliches vorschlage, denn kein Mann könne vergessen, was sie bis jetzt gewesen sei; und wenn er auch jetzt glaube, daß er mit ihr eine Ehe führen könne, wie sie sein müsse, nämlich mit Achtung und Liebe für seine Gattin, so werde doch eine Zeit kommen, wo er seinen Schritt bereuen müsse; sie aber würde es nie ertragen können, sich als Ursache seiner Erniedrigung zu fühlen, selbst wenn er ihr, wie sie glaube, nie ein Wort sagen würde.

Sie erzählte mir alles, was ich Ihnen schreibe, mit häufigen Tränen noch an demselben Abend und sagte, daß sie am nächsten Tage an einen Ort gehen werde, wo sie niemand finden könne. Am nächsten Tage kam Herr de Saint-Cyr zu mir, die er als einzige Freundin Emiliens kannte, berichtete mir ihr Verschwinden und teilte mir mit, daß er von einem Notar die Nachricht bekommen habe, daß sie ein Landgut auf seinen Namen habe überschreiben lassen; er war in höchster Erregung und sagte, er werde nicht eher ruhen, als bis er sie wiedergetroffen habe.

Nun haben sich also die Beiden doch noch gefunden – und sind glücklich.

6

Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, Mai 1750.

Liebe Freundin, Ihre Erzählung finde ich erstaunlich. Gestatten Sie mir jedenfalls eine kleine Zurechtsetzung: ich habe nicht geschrieben, daß das Ehepaar glücklich ist.

Ich habe immer gefunden, daß Schauspieler behaupten, gute Menschenkenner zu sein; und Menschenkenntnis nennt man wohl die Begabung zum Mißtrauen. Ich selbst bin Dichter, und Dichter sind gläubige Menschen – für meine eigene Person mißtraue ich nicht, auch Mlle. Eugenie Chabert gegenüber war ich ja stets gläubig, ungläubig war ich immer nur gegen mich selbst. Aber wäre ich Schauspieler, so würde ich sagen: vermutlich hat Mlle. Emilie Herrn de Saint-Cyr das Suchen nicht allzu schwer gemacht. Ich habe selten einen so vornehm empfindenden Mann getroffen, wie ihn: er kann unmöglich in irgend einer Lage seines Lebens, auch wenn er sein Teuerstes suchte, eine hervorragende Intelligenz entwickelt haben. Gewöhnlich verbindet die gütige Natura – auch das haben Sie ihr gewiß abgelauscht! – Vornehmheit der Gesinnung mit einem Vermögen, das den Besitzer vor den Folgen schützt; da Herr de Saint-Cyr einen begabten Vormund hatte, der ihn seines natürlichen Schutzmittels beraubte, so war es wohl ganz natürlich, daß schon sein erster Schritt ihn in eine unmögliche Lage brachte. Aber man bewundere die nie versagende Weisheit der Natur: sie pflanzte den Lebenskünstlerinnen ein, daß sie einem solchen Mann rettungslos erliegen müssen; ich bin gewiß, daß Emilie ihren Mann liebt mit einer Leidenschaft und Aufopferung, wie – nun, das »wie« sage ich Ihnen nicht, Sie wissen es nur zu gut, das zeigen Sie mir täglich.

Aber bin ich ein Schauspieler? Ich bin ein Dichter: was ich eben sagte, war eine Verstandesplattheit. Nein, Emilie ist gegen ihren Saint-Cyr wahr gewesen; haben denn nicht die Frauen die Begabung, immer wahr zu sein? Alle ihre Lüge – und sie lügen wohl immer – ist ja nur Oberfläche, ihre Tiefe ist wahr: auch Sie sind wahr, Liebste, Allerliebste! – Glauben Sie es auch? Ach, wir Dichter sind allzu schamhaft!

Bekannte schreiben mir, Ihr junger Vicomte habe die Bekanntschaft von Mlle. de Villars gemacht. Sollten Sie nichts davon gehört haben? Ich finde eine allzu große Klugheit unanständig; wenn wir die Handlungen und Beweggründe der andern Menschen zu gut erraten, so müssen wir ihnen wohl sehr ähnlich sein und nahe stehen; ich für meine Person wünsche nicht solche Ähnlichkeit und Nähe. Deshalb möchte ich Ihnen nur schreiben, daß ich Mlle. de Villars sehr liebe – wenn ich ein Ihnen nicht unbekanntes Bild gebrauche: sie besitzt einen Teil meiner Seele, der Ihnen unbekannt ist.

Wenn ich das Glück hätte, sie zu meiner Gattin zu machen, so würde ich mit ihr in diesem alten ehrwürdigen Haus leben, das von tüchtigen Vorfahren gebaut ist; wir würden Kinder haben, welche die Züge meines Geschlechtes haben, und hoffentlich keine Erbschaft von ihrem Vater, dem Dichter, überkommen, sondern Krieger werden und gar nicht bedeutend, wie meine Vorfahren; ich würde täglich ihre Hand küssen, sie würde zu Tisch in großer Toilette erscheinen, und wir würden jeder unsere Mauer um uns ziehen; denn finden Sie nicht auch: man kann sich nicht mehr achten, wenn man zu vertraut miteinander wird; und seine Gattin muß man doch wohl achten? Ich fürchte, ich habe zu viel verachtet in meinem Leben.

Ich glaube, besonders sind es die Menschen, die durch sich (ich sage nicht: an sich) leiden, die sich mit andern vertraut machen. Gott schuf vielleicht das Weib, daß sie zu dem Mann kommt und ihm sagt, was er ist. Er schuf es demnach als Schauspielerin. Sie lacht und sagt zu dem Mann: du bist ja nicht einsam, du hast ja mich. Aber verletzt es nicht die Scham, wenn sie mit dem Mann mit leidet, mehr noch: nur in ihrer Phantasie mit leidet? Denn ich glaube ihr ja nicht, daß sie mit leidet. Sie hat da ein gewisses Land in ihrer Seele, daß sie in solchen Fällen entdeckt. Für jede neue Rolle entdeckt sie ein solches Land. – Nebenbei; es fällt mir ein: Haben Sie noch Ihre frühere Auffassung von der Rolle in meinem Lustspiel, Sie wissen, das an jenem Abend gegeben wurde, wo der Vicomte sie zum ersten Male sah? –

Sie sagen vielleicht wieder: ich bin herrschsüchtig? Ich werde Mlle. de Villars nach meinem Willen formen, wenn ich sie heiraten sollte, und ich werde auf ihre Persönlichkeit keine Rücksicht nehmen? Ja, ich möchte, daß sie vornehm wird, daß sie das Leben in Heiterkeit erträgt, daß ich sie immer achten kann; darum liebe ich dieses Kindchen: ich weiß, daß sie eine Frau zu werden vermag, die ich immer achten kann. Und ich sehne mich so danach, jemanden zu achten! Ich werde sie lieben mit aller meiner Kraft.

Und liebe ich denn nicht Sie? Weshalb dürfen wir nicht ein Spiel aus unserm Leben machen, dem wir in Heiterkeit zuschauen! Ich sagte Ihnen einmal: ich möchte mein Gesicht in Ihrem Schoß bergen und weinen. Sie haben mich nicht verstanden. Ich bat Sie einmal um etwas, das Sie mir hätten geben müssen; und indem ich fühlte: ich dürfte nicht bitten, ich müßte nehmen; und ich würde nehmen, wenn ich Sie nicht so unendlich liebte, daß ich durch die Liebe schwach bin; – indem ich das fühlte, schmerzlich und nicht ingrimmig, sagte ich: Ich habe vor Ihnen keine Scham. Auch das haben Sie nicht verstanden. Vielleicht verlangte ich zu viel von Ihnen; Sie sollten gleichzeitig ein Stern sein, den ich ersehne und eine Blume, die ich pflücke: unerreichbar und erreicht. Es scheint, daß Dichter leicht närrisch werden, wenn sie lieben. Fräulein de Villars liebt der Edelmann, Sie liebt der Dichter. Ich bin nicht stolz auf die Tatsache, daß ich ein Dichter bin, Sie hätten Grund stolz zu sein, daß ein Dichter Sie liebt.

7

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, Mai 1750.

Geehrter Herr, Ihr Brief ist mir nicht verständlich geworden; nur weiß ich, daß er auf jeder Zeile eine Kränkung für mich enthält. Aber ich verstehe jetzt besser Ihr Leben: Sie hatten recht, sich von den Menschen abzuschließen; denn ein solcher selbstsüchtiger Hochmut muß jeden zurückstoßen, der sich Ihnen in Güte nahen will. Hoffentlich kennt Mlle. de Villars nicht Ihre Pläne; wenigstens wird sie vermutlich den Gesprächen des Vicomte de Palafoy mehr Geschmack abgewinnen.

Über Emilie denken Sie vielleicht anders, wenn Sie den beigeschlossenen Brief gelesen haben; ich bitte Sie, ihn mir zurückzusenden.

Frau de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Anmey, Mai 1750.

Verehrtes Fräulein, Ihre häufig mir bewiesene Güte ermutigt mich, nach langer Zeit mich Ihnen wieder zu nähern. Ich bin Emilie, das damals so unglückliche Mädchen, dem vielleicht nur Ihre Freundlichkeit und Großmut ein furchtbares Leben erträglich machte. Heute bin ich Gattin des Mannes, von dem ich Ihnen erzählte, des edelsten und besten Mannes, den ich je sah, dem ich vielleicht nur einen Fehler vorwerfen kann: daß er sich keine würdigere Lebensgefährtin gewählt hat.

Sie haben meine Beichte entgegengenommen; Sie wissen, daß ich vor meinem Glück fliehen wollte – nur zu laut rief freilich mein Herz nach diesem Glück; und in Stunden, wie diese ist, wo mein ganzes Leben wieder vor mir steht und die schöne Gegenwart verdeckt, klage ich oft meine Sehnsucht und Hoffnung an, die meinen Gatten zu mir riefen gegen meinen Willen, die ihn zu seinem Schritt führten, den ich nie billigen kann, auch wenn er mich namenlos glücklich machte. Seit zwei Jahren sind wir vermählt; und meine ehrfürchtige Liebe ist nur größer geworden.

Aber nicht im Glück brauchen wir unsere Freunde, wir haben sie im Unglück nötig; und ich ahne ein nahendes Unglück. Mein Gatte hat seit einiger Zeit die Bekanntschaft eines Herrn de Voisenon gemacht, der in der Nachbarschaft begütert ist. Er erwähnte einmal, daß er auch Sie kennt; wissen Sie etwas von ihm? Ich fürchte von ihm, und diese Furcht ist die Ursache meines Schreibens.

Er ist gewiß kein guter und einfacher Mann; nie sah ich eine so harte Selbstsucht, eine so rücksichtslose Verachtung aller andern Menschen und ihrer berechtigten Wünsche. Vielleicht ist er nicht eigentlich schlecht, aber auch der schlechteste und gemeinste Mensch, den ich bisher sah, schien mir nicht so unmenschlich wie er. Meinen Mann hat er wie bezaubert, sodaß der nur noch mit seinen Augen sieht – und was sind das für Augen! Ich möchte sagen: er sucht überall sein Unglück, und in seinem Gesicht steht geschrieben, daß er es überall gefunden hat. Sicher hat er nie etwas geglaubt, nie einem Menschen vertraut, nie einen Menschen geliebt; bis jetzt wußte ich nicht, daß es möglich ist, der Liebe gänzlich unfähig zu sein. Aber ich weiß noch nicht einmal, ob das alles richtig ist, was ich sage, denn er scheint nur aus Widersprüchen zu bestehen. Er will Kriegsdienst nehmen, obgleich er stark lahmt; nur das Kriegswesen scheint ihn zu interessieren, und wiewohl bei seinem Körperfehler doch eine soldatische Laufbahn ausgeschlossen sein müßte, wiewohl er schon an die Dreißig zu sein scheint, erstrebt er sie doch mit aller Leidenschaft, die diesem phlegmatischen Menschen möglich ist. Für alles Geistige hat er eine tiefe Verachtung, und insbesondere die Dichtung scheint er geradezu zu hassen, obschon er ein sehr lebhaftes Interesse für sie zu besitzen scheint.

Ich habe keine Kinder und wünsche nicht, welche zu haben. Ich weiß genau, daß mein Charakter unedler ist wie der meines Mannes, daß nur in meinem Gefühl zu ihm das Gute, dessen ich fähig bin, zutage kommt, vielleicht auch sogar erst gebildet wird; und ich würde unsagbar betrübt sein, wenn unsere Kinder Eigenschaften von mir hätten, nicht ganz Abbilder meines edlen Mannes wären. Durch einen unglücklichen Zufall kam das Gespräch auf Kinder, und statt mich zu schonen, statt auf eine Ablenkung einzugehen, die ich versuchte, stellte er die unerhörtesten Behauptungen auf: nur als Mutter werde das Weib liebenswert, nur gegen ihre Kinder zeige sie ihre Schönheit, und man müsse ein Weib hassen, das keine Kinder gebären könne. Als ich weinend aufstand und mein Mann einige verlegene Worte sprach, entschuldigte er sich und sagte, er habe nur mit Worten gespielt, und seine eigene Ansicht sei vielmehr: nur die kinderlose Frau könne die Freundin des Mannes sein und ihn in seinem Wesen ergänzen, und erst durch eine solche Beziehung entstehe ein vollkommener Mensch. Ich konnte mich nicht halten und rief ihm zu: »Wer nicht an das Gute glaubt, der wird es nie erleben.« Er verbeugte sich und sagte ironisch: »Sie haben recht.«

Schreiben Sie mir, ich bitte Sie flehend: wer ist dieser Mensch, wie kann ich mich vor ihm schützen? Er macht mich selbst unsicher. Ja, ich wünschte, daß mein Gatte mich finden möge; ich betete zu Gott, daß er seine Schritte zu mir führen möge; aber ich schwöre es Ihnen: ich bin ihm nicht entgegengekommen. Seit dieser neuen Bekanntschaft muß ich immer über mein Leben nachdenken, und überall finde ich Grund, mir Vorwürfe zu machen. Ja, bei seinem spöttischen Blick glaube ich nicht mehr an das Gute in mir selbst; das einzige, was er mir nicht rauben konnte, ist der Glaube an meinen Mann: aber ich fürchte, ihm wird er alles nehmen.

8

Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, Mai 1750.

Den Brief von Frau de Saint-Cyr sende ich Ihnen mit verbindlichstem Dank zurück. Ich habe in demselben freilich keine Veranlassung gefunden, meine Ansichten über die Dame zu ändern; indessen hat mir aber mein Porträt, das er enthielt, große Freude gemacht. Man erfährt doch zu selten, wie man eigentlich ist. Besonders interessierte mich der Bericht meines indiskreten Gespräches über Kinder, das ich, wie Sie sich wohl gedacht haben, aufbrachte, um zu erfahren, bei welchem Teil der Ehegatten der Wunsch nach Kinderlosigkeit vorhanden ist.

Ihrem eigenen Brief habe ich natürlich nichts hinzuzufügen. Nur möchte ich doch noch einmal von der Beziehung Ihres jungen Vicomte zu Mlle. de Villars sprechen. Ich schreibe sehr ernst; hielten mich nicht zur Zeit ganz dringende Geschäfte hier fest, so würde ich nach Paris reisen: wenigstens diese Angelegenheit wird mir nicht zum Lustspiel in meiner Empfindung (Sie wissen, ich habe eine unüberwindliche Neigung, das Tragische komisch zu finden: möchten Sie nicht die Kolombine in meinem nächsten Lustspiel spielen? Es heißt »der verliebte Dichter«). Also: Sie werden nicht verstehen, was ich schreibe, vielleicht werden Sie es wenigstens fühlen: Ich hasse die Unvernunft, ich hasse die Unsittlichkeit, und ich bin an beide gekettet durch meine dichterische Begabung; ich hasse diese dichterische Begabung, denn sie macht den Menschen zu ihrem Werkzeug, der sie besitzt, sie zwingt ihn zu Dingen, die er nicht will und nicht darf; ich hasse eine unvernünftige und unsittliche Leidenschaft, die dem Mann vorgaukelt, er werde ein vollkommenes Wesen erst durch eine notwendige Ergänzung. Ich will eine vernünftige und sittliche Leidenschaft, bei der ich frei bin, unabhängig von einem andern Menschen, von einer Mauer umgeben. Ist mein Wille weniger mein Selbst, wie meine Begabung? Meine Begabung ist es weniger, denn mein Selbst ist nicht unvernünftig und nicht unsittlich, ist nicht unterjocht durch etwas Fremdes, sondern ist frei – frei, hören Sie, Eugenie?

Ich habe mich sehr töricht gegen Sie benommen – Sie meinen, weil ich töricht bin? Glauben Sie, ich weiß nicht, wie man ein Weib nimmt? Glauben Sie, ich wußte nicht, wie ich Sie hätte nehmen können, daß Sie willenlos mir gegenüber wurden? Aber ich streife da an Dinge, die in Wahrheit verhüllt werden sollten; denn wer auch die beiden Menschen sein mögen, es ist etwas Heiliges um den Augenblick, wo das Weib, das so lange verweigert hatte, begehrt. Seien Sie nicht wieder klein, werden Sie nicht gekränkt darüber, daß ich den Augenblick empfand, ihn nicht benutzte, und Ihnen das jetzt sogar noch sage; es ging Furchtbares vor in mir; ich liebte Sie zu sehr, und ich haßte meine Leidenschaft; Sie hätten mich damals schonen müssen, schonen Sie mich wenigstens jetzt.

9

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, Juni 1750.

Geehrter Herr, ich fand gestern bei mir Ihre Karte vor. Wenn Sie wünschen, wegen der mir zugewiesenen Rolle in Ihrem neuen Lustspiel mit mir Rücksprache zu nehmen, so erwarte ich die Ehre Ihres Besuches, zu dessen Annahme mich mein Beruf verpflichtet, morgen zu der Ihnen bekannten Stunde. Sollten Sie wegen der Verlobung von Mlle. de Villars mit Herrn Vicomte de Palafoy Näheres von mir zu erfahren wünschen, so muß ich Ihnen schon jetzt mitteilen, daß die Nachricht mir selbst eine völlige Überraschung war.

10

Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Paris, Juni 1750.

Liebe Freundin, ich liebe Sie mehr, wie ich Sie je geliebt, aber ich sage Ihnen Lebewohl. Wenn ich nur an Sie denke, so fühle ich Glück, aber ich muß mich von Ihnen trennen. Alles war ja Glück, was von Ihnen kam, auch das, daß Sie ein Glück für mich zerstörten. In Ihnen habe ich mich vergessen, und mein ganzes Leben habe ich mich danach gesehnt, einmal, nur ein einziges Mal mich zu vergessen, mich, diesen grausamen Tyrannen, der mich quält seit meiner frühesten Kindheit. Wissen Sie noch, im Vorfrühling, im Anfang des März, als das verwesende Gras noch auf dem Rain lag und noch keine jungen Spitzen waren, da sagte ich: »Ich habe keine Scham vor Ihnen«; ich weiß nicht, ob ich es damals nicht im Haß sagte, und sicher habe ich Sie später tief gehaßt darum, daß ich das einmal sagte; aber gestern, als wir uns trennten, als ich Ihre dunkle Treppe leise tastend hinabstieg, vorsichtig tastend Ihre Haustür aufschloß, um den Pförtner nicht zu wecken: da erinnerte ich mich plötzlich an diese Demütigung, diese tiefste Demütigung, die ich je erlitt; und ich war Ihnen dankbar dafür und empfand Glück; denn ich hatte mich verloren, selig verloren, wie eine Welle im wogenden Meer, mein Ich war weit geworden.

Ich habe mein ganzes Leben dem Schicksal geflucht, das mich zum Dichter machte, denn mir war die Kunst eine Qual, eine Krankheit, an der ich litt, ein Alp, der mich bedrückte. Gestern empfand ich es, daß es ein Glück sein kann, ein Dichter sein – das Glück, das höchste Glück. Ich wollte nicht mehr Welle sein, ich wollte das ganze Meer sein, alles spiegeln: den blauen Himmel, den Mond, die Sterne, Ufer mit Bäumen und den Zug der fliehenden Kraniche, alles spiegelnd in meiner Tiefe bergen, eine Insel schaffen und die schmeichelnd umspülen. Meine Brust hätte ich weit machen mögen, denn so viel Glück umschloß sie, daß sie nun alle Leiden umschließen wollte; alles wollte ich fühlen, fühlend alles genießen, die Leiden nicht weniger wie die Freuden.

War ich einmal hart gegen Sie, war ich grausam? Gegen mich war ich es, und weil Sie schon in mir waren, war ich es gegen Sie. Habe ich gegen Sie gekämpft? Gegen mich habe ich gekämpft, die junge Saat des Glückes in mir ließ ich zertreten durch die rohen Hufe wilder Gedanken. Aber heute fliegen meine Gedanken wie Tauben blitzend im Sonnenschein um einen Kirchturm und ihre erstaunten Augen trinken die Weite, die sonnig ist.

Wie ganz anders ist die Welt geworden! Ich wußte ja stets, daß sie ist, was ich sehe; aber ich wußte es nur, ich glaubte es nicht. Ich war ja steinern geworden; als Sie mir Emiliens Selbstmord erzählten, als Sie mir aus ihrem Brief vorlasen, daß sie sich töte, weil sie fürchte, ihr Mann könne beginnen, seine Liebe zu bereuen, da rief ich lachend: »Ich glaube nur dem Menschen, ich zweifle an seinen Taten, mißtraue seinen Worten, und traue nie seinen Empfindungen.« War das ich, der das sagte? Habe ich Emiliens Schönheit nicht empfunden? Erst mußte ich meinen Stolz vergessen, erst mich in meiner Liebe verlieren, erst mich des Dichters freuen, bis mein Herz mitschlagen konnte bei Emiliens Empfindungen.

Früher hätte ich gesagt: ein Dichter darf nicht vornehm sein, er muß ein gemeiner Mensch sein; heute liebe ich den Buchenwald, in dem die Zweige sich oben vereinen und eine weite Halle decken, die getragen wird von befreundeten Stämmen; wie heiter ist diese leichte Halle, wie glücklich geht das Reh – und ich hasse den Fichtenwald und die starren, himmelstrebenden Stämme; die jeder einzeln sein wollen und sich wehren mit Nadeln; die zu einer Spitze aufragen.

Ja, ich weiß nun, was Glück ist, und ich bin zufrieden, daß ich es einmal erfahren habe; es wäre doch merkwürdig: älter werden und sterben, und wie ein Farbenblinder sterben kann ohne zu erfahren, daß er nie die höchste Trunkenheit des Auges erfahren hat; zu sterben, ohne wissen, was Glück ist.

Ich liebe Sie, denn Sie sind großmütig; glücklich bin ich, daß ich Sie lieben darf. Wissen Sie noch, wie ich einmal weinen wollte in Ihrem Schoß? Damals hatte ich Kampf. Heute möchte ich weinen vor Glück in Ihrem Schoß; so glücklich bin ich, daß mir mein Herz weh tut – eben tat es weh, nun aber schwebe ich wie fliegend in der Luft, und die Erde sinkt unter mir.

Aber ich muß Ihnen Lebewohl sagen, für immer Lebewohl. Fühlen Sie, daß ich muß? Ach, Sie sind ein Weib und können es nicht fühlen: Sie dürfen es nicht fühlen, denn sonst könnte ich Sie nicht lieben. Käme ich nochmals zu Ihnen, öffnete Ihre Tür, Sie gingen mir entgegen mit Freude auf Ihrem schönen Gesicht und mit ausgebreiteten Armen – dann müßte ich Sie hassen, denn ich würde mich als Unterjochter fühlen; ich würde wieder den Gedanken in mir aufsteigen fühlen, Sie zu töten. Spüren Sie, was ich meine? Ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken; aber Sie spüren ja, denn Sie haben ja mit mir gelitten, und daß Ihre Seele wie eine gleichgestimmte Saite zart mitschwang bei meinen Tönen, das war ja mein höchstes Glück. War es Demütigung gewesen? Jeden andern Menschen müßte ich hassen, der mit mir litte. Sie liebe ich; aber ich muß mich hüten, daß mein Gefühl nicht umschlägt, denn ich will diese Liebe bewahren, und wenn ich einst weißhaarig bin und gebückt, dann will ich sie noch empfinden, wie heute. Lassen Sie mich nicht auf den Gedanken kommen, daß Sie, die ich empfinde, nur meine Empfindung sind; daß in Wirklichkeit ein triumphierend lächelndes Weib eine sklavische Huldigung annimmt; haben wir gegeneinander gekämpft, und bin ich besiegt? Ich will solche Gedanken nicht haben, denn ich will Sie lieben bis an das Ende meines Lebens. Es genügt ja für mich, daß ich einmal geliebt habe, ich bin zufrieden, und wie ein Geizhals will ich täglich meine Goldstücke zählen.

Leben Sie wohl – nicht um meinetwillen allein, um Ihretwillen. Ich will Sie behalten in meinem Geist, aber Sie sollen mich vergessen; Sie sollen wieder glücklich sein, wieder vergessen und wieder glücklich sein. Umarmen Sie einen neuen Vicomte de Palafoy; ich freue mich bei dem Gedanken, daß Sie neues Glück genießen: Sie, die Wirklichkeit, nicht meine Empfindung; denn Ihr wahres Ich ist gänzlich mein Werk; ich habe es gedichtet und behalte es für mich allein; auch Sie selbst sehen es nie mehr, Sie, die Wirklichkeit; in ewiger Jugend wird es bei mir leben.

11

Herr de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Anmey, September 1750.

Verehrtes Fräulein, Ich bin glücklich, Ihnen endlich durch eine kleine Gefälligkeit ein Zeichen meines dankbaren Sinnes geben zu können; meine geliebte Gattin, der Sie in den schwersten Zeiten ihres Lebens mit solcher Güte zur Seite standen, dachte täglich an Sie; und seit ihrem frühzeitigen Tode durch jenen entsetzlichen Unfall hat sie mir ihre Gesinnungen fast wie eine Erbschaft hinterlassen; denn in Wahrheit, hätte ich nicht Ihre tröstenden Briefe empfangen, ich wüßte nicht, wie ich die ersten Zeiten meines Schmerzes überstanden hätte, eines Schmerzes, der nicht frei von Selbstvorwürfen war; denn ich hätte sie, die sonst so sanft und gefügig war, vielleicht durch inständigeres Bitten abgehalten, das unglückselige Pferd zu besteigen, dem ihre Reitkunst nicht gewachsen war.

Heute hatte ich endlich eine Unterredung mit Herrn de Voisenon. Auf Ihren Wunsch faßte ich Mut zu der indiskreten Frage, was ihn, den ich sonst als spielenden Skeptiker kannte, als einen Philosophen, dessen freundlicher Gleichmut durch nichts zu erschüttern war und den gewiß nie ein Gefühl zu übermannen vermochte, dessen selbstlose Güte ihm gewiß nie erlaubt hat, irgendeinem Menschen Böses zuzufügen, der nicht einmal einem böswilligen Dienstboten ein hartes Wort sagen konnte – was ihn, wenn es weder Frömmigkeit, noch Weltüberdruß, noch Reue war, denn veranlassen konnte, sich dergestalt von allen Menschen zurückzuziehen und wie ein Asket zwischen Büchern und Papieren in einem ärmlichen Stübchen zu leben. Er sah mich mit seinem gütigen und liebenswürdigen Lächeln an und erwiderte: »Wenn die Kämpfe, die wir gegen uns selbst führen, allzugefährlich werden, so ist es gut, unserer Kriegslust ein neues Ziel zu setzen.« Mehr vermochte ich nicht von ihm zu erfahren. Er schien an einem großen Werk zu arbeiten; ich sah Zeichnungen von Kriegsmaschinen auf seinem Tisch; er vermied es aber, von seiner Beschäftigung zu sprechen.

Eine Weile dachte ich, daß vielleicht sein körperlicher Fehler, der ihn verhinderte, nach seinem Lieblingswunsch Soldat zu werden, die Ursache seiner eigentümlichen Lebensweise sei. Aber ich gab diesen Gedanken auf, als ich ihn sah, wie er mit einer sonderbaren Zärtlichkeit eine späte Rose berührte, die er in einem Blumenscherben im Fenster stehen hatte. Vielleicht war seine Seele zu weich geschaffen, und er hat allzujugendlich, trotz seiner bereits männlichen Jahre, irgendeine zufällige trübe Erfahrung mit Menschen verallgemeinert. Solche Verallgemeinerungen sind gewiß ein Unrecht, das wir an der Menschheit begehen, denn im Grunde sind doch alle Menschen gut, mögen sie auch oft anders scheinen; aber wer könnte einer so zarten und seinen Empfindung einen Vorwurf machen?

Daß Sie solches Interesse für den Freund von Emiliens Gatten nehmen, ist mir ein neues Zeichen für die reine Güte Ihrer Seele; seien Sie versichert, daß Ihnen mein Herz immer erkenntlich sein wird.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.