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Der Tod des Cosimo

Paul Ernst: Der Tod des Cosimo - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Tod des Cosimo
authorPaul Ernst
firstpub1912
year1912
publisherMeyer & Jessen
addressBerlin
titleDer Tod des Cosimo
created20070331
sendergerd.bouillon
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Der Tod des Cosimo

Es war in den Tagen, da Cosimo de Medici starb, welcher der Vater des Vaterlandes genannt wurde, daß die Bürger von Florenz blindlings dem Willen Savonarolas gehorchten. Wie das alles so gekommen, war keinem recht klar; Savonarola hatte schon lange von der Buße gepredigt und von dem Tage des Gerichtes, und allmählich hatten ihm immer mehr Menschen geglaubt, zuerst die Frauen und endlich auch die Männer. Nun zitterten alle, wenn sie dachten, daß er predigen würde, und wiewohl sie eine heftige Furcht vor seinen Worten hatten, gingen sie doch zu jeder neuen Predigt, um jede neue Last aufzunehmen, die er ihnen aufladen wollte.

Auf der Piazza Signoria hatte er einen großen Scheiterhaufen errichtet, zu dem brachte ein jeder, was ihm das Teuerste war, um es zu opfern. Der Scheiterhaufen schwelte, und nur ab und zu kamen kleine Flammen an ihm hochgezüngelt. Der Wind trieb den Rauch nach der Seite des Arno zu. Auf der anderen Seite stand auf einem Stuhl, der ihm als Rednertribüne gedient hatte, Savonarola. Er hatte die Arme vor dem Leib gekreuzt, die Hände in den Ärmeln der weißen Kutte und sah mit seinen scharfen Blicken über die Menschen, die sich lautlos drängten.

Auf der Spitze des Scheiterhaufens war ein großes Bild: eine Venus von Botticelli, in breitem geschnitztem Rahmen; aufrecht war es und wurde zufällig in seiner Lage gehalten durch die regellos übereinandergeworfenen Gegenstände: eingelegte Tischchen, gold- und purpurgewebte Kleider, Fläschchen aus Kristall, Bilder, schönbemalte Kästchen, welche Schmuck enthielten, eine große goldene Kette mit prächtiger Schaumünze, Bücher und, als Gabe eines ganz Armen, ein elendes Bett.

So still war die Menge, daß man das Knistern, Knacken und Fauchen des Feuers hörte. Zuweilen teilte sie sich leise, und ein Mensch trat vor, der etwas zu dem Haufen warf.

So trat ein vornehmes Weib vor, das in der Reife ihrer Schönheit stand mit etwa fünfunddreißig Jahren, mit stolzem Nacken und festem Gang. Sie löste sich eine Perlenkette vom Hals, küßte sie noch einmal und legte sie zu den Opfergaben. Ein Jüngling wendete sein Gesicht ab und weinte, der erste Flaum färbte ihm die Wangen dunkler. Eine spitze Flamme kam plötzlich aus der Mitte des Scheiterhaufens weit heraus, einiges geriet ins Gleiten, das Venusbild schwankte und schlug dann um, gerade auf die Flamme. Ein Mann seufzte tief auf, es war Botticelli selbst.

Cosimos Sterbebett stand in dem großen Saal, dessen drei rundbogige Fenster auf den Platz hinausgingen, denn er hatte Beklemmungen des Herzens und mußte einen großen Raum um sich empfinden. Unheimlich drang Unverständliches von unten zu ihm und machte ihn unruhig; denn er hatte Savonarola geschont, um ihn gegen den Papst zu verwenden, aber fürchtete immer, daß er einen Aufruhr entfachen werde.

So erhob er sich langsam vom Bett, ließ sich die Schuhe vom Diener anziehen und schlich an das Fenster. Schon begannen ihm die Augen zu versagen, und mehr der Verstand zeigte ihm, was unten geschah, als der Blick. Das fiel ihm auf, und wie zahnlose alte Leute tun murmelte er etwas; es war darüber, daß das Innere länger lebte als das Äußere.

Der alte Diener mußte ihm um die Hüften greifen, und er selbst legte seinen Arm über des Dieners Nacken. So schleppte er sich schlürfend zu einem Schrank. Schwerfällig zog er ein Schlüsselbund aus der Tasche und prüfte mit den Fingern, bis er den richtigen Schlüssel gefunden hatte, dann ließ er sich vom Diener die Finger führen, bis er das Schlüsselloch fand. Die Tür ging mit leisem Ächzen auf, und Häufchen Holzmehl lagen inwendig, und ein dumpfer Modergeruch kam aus dem Dunkeln. Dann suchte er mit den zitternden Fingern den zweiten Schlüssel und ließ sich die Hand zu dem Schlüsselloch des Schubkastens führen. Er zog ihn ganz heraus, dann tastete er im Aufzug, suchte die Feder, die Feder sprang, und ein geheimes Kästchen zeigte sich. In dem lag ein kleiner Ring auf rotem Samt. Es war ein dünner Goldreif, der einen blauen, goldgetupften Stein hielt; in dem war ein Schmetterling eingeschnitten; es war ein antikes Stück aus den Zeiten des römischen Heidentums. Schon war Cosimos Hand schweißbedeckt durch die Anstrengung. Mit unsicherem Griff drückte er das Kästchen wieder zurück, daß die Feder einschnappte, dann paßte der Diener das Schubfach in den Auszug und schob es hinein. Cosimo drehte den Schlüssel um, der Diener schlug die Tür des Schrankes zu und führte wieder die Hand mit dem Schlüssel zum Schlüsselloch. Cosimo schloß, zog den Schlüssel ab und ließ das Bund wieder in die Tasche gleiten. Den Ring hielt er fest mit Daumen und Ringfinger der linken Hand.

Nun ging er aus dem Saal, geführt und getragen von dem Diener, und stieg Stufe für Stufe die Treppe nieder, und ging über den Vorplatz, und trat aus der Tür. Die Menge wich schweigend auseinander und machte ihm einen Weg frei. Er schleppte sich zu dem Scheiterhaufen, erhob die linke Hand zu halber Höhe, und warf, mit ungeschickter Bewegung durch die Schwäche, den Ring zu dem Haufen. Dann wendete er sich und ging so zurück, wie er gekommen war.

*           *
*

Vor langen Jahren, als Cosimo noch ein unbärtiger Jüngling war, dessen Hände noch nicht zitterten und dessen Augen scharf sahen, ging er einst lustwandeln und disputieren mit Savonarola und einem anderen jungen Mönch, einem Maler, der später der Fra Beato oder Angelico genannt wurde. Die drei Freunde stiegen den Weg nach Fiesole in die Höhe zwischen hohen Gartenmauern, über welche sich gelbe Rosen hängten. Wie sie bei San Domenico angekommen waren, kam ihnen Lucrezia entgegen, die junge und schöne Frau eines entfernten Vetters der Medici, zu der Cosimo eine unerwiderte Liebe hegte. Sie trug mit zwei Fingern einen hohen Lilienstengel, auf dem die Blüten standen. Sie ging mit raschem Gang, daß ihr blaues Gewand hinter ihr in einem schönen Bogen schlug. Wie sie vor den Dreien angekommen war, zeigte sie ihnen ihren Fund: in der Erde hatte seit undenklichen Zeiten ein Ring gelegen; durch einen Zufall war die Lilie durch ihn hindurchgewachsen und hatte ihn gehoben, sodaß er nun in der Mitte des Stengels lag, auf einem der schmalen Blätter. Der Ring umschloß einen dunkelblauen Stein mit Goldflimmern, auf welchem ein Falter eingeschnitten war.

Savonarola sagte: »Der Schmetterling entsteht am Morgen aus der toten Puppe, und einen Tag hat er zu flattern. Der Weg der Sonne ist für ihn das Maß seines Lebens. Er denkt, daß für ihn die Blumen gewachsen sind und der Berg sich hochzieht, und wenn er abends auf den kalten Erdboden fällt, so ist die Welt tot. Und wenn wir Menschen auch achtzig Jahre leben und denken, alles ist für uns da, und uns muß alles gehorchen, so leben wir doch nicht länger wie der Schmetterling. Deshalb war er unseren Vorfahren ein Sinnbild der Vergänglichkeit. Aber ruhiger kann er leben wie wir, denn er weiß seine Stunde, denn die ist, wenn die Sonne sinkt. Wir aber, wir leben wie es geschrieben steht, und wissen die Stunde nicht.« Und er betonte das: wissen. »Deshalb ist es ein Furchtbares um diesen geschnittenen Stein, der tausend Jahre in der Erde geruht hat und nun aufersteht, wie der Schmetterling aus der Hülse. So nimm ihn und vergrabe ihn wieder, damit er weiter ruht, mit allem Andenken an seinen alten Herrn und an dich, die ihn nun von neuem betrachtet hat.«

Fra Beato sagte: »Der Schmetterling wird geboren am Morgen und muß sterben am Abend, ihm sind seine Stunden gezählt. Aber Menschen sah ich sterben, die zwanzig Jahre gelebt hatten und in der Zeit ihren Weg durcheilten, und Menschen, die achtzig Jahre brauchten, um an ihr Ziel zu kommen. Deshalb müssen wir glücklicher sein wie der Schmetterling, denn wir, wir wissen die Stunde nicht«; und er betonte das: Stunde; »denn es wäre ein Unrecht gegen unsern gütigen Gott, wenn wir uns nicht jeder Blume gefreut hätten, weil wir etwa dachten: noch viele Jahre haben wir vor uns, in denen wir sie umflattern können. Deshalb ist der Schmetterling ein Sinnbild des Glückes, weil er unschuldig alles Glück genießt. So ist es etwas Wundervolles um diesen Trost und die Ermahnung, die nach tausend Jahren aus der toten Erde zu uns kommt. Gib mir den Ring, Lucrezia. Ich will dich auf meinem Bilde darstellen als den Engel der Verkündigung, der die Lilie in der Hand trägt; und unter dem Bild in einem Kästchen will ich den Ring aufbewahren, der so schön gesprochen hat: Freue dich.«

Cosimo sagte: »Die Raupe starb, und es ward die Puppe, und als die Puppe starb, ward der Falter. Deshalb ist er ein Sinnbild der Auferstehung. Und wir wissen nur nicht, was sein wird, wenn der Falter stirbt. Aber alles das geschieht, weil es so geschehen muß, ohne unsern Willen, ohne Verdienen, ohne Verschulden. Auch wir werden sterben, und das ist alles ein ewiger Kreislauf, deshalb wollen wir gleichmütig sein; denn wir, wir wissen die Stunde nicht.« Und er betonte das: nicht. »Deshalb gib mir den Ring, Lucrezia.« Und er griff nach der Lilie und nahm sie und wollte Lucrezia küssen; sie aber schrie auf, riß sich los und eilte den Berg hinab.

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Savonarola und Fra Beato waren zu dem sterbenden Cosimo gerufen. Sie standen vor seinem Bett.

Savonarola sprach: »Du hast in Gewalttätigkeit, Trug und Hinterlist gelebt, denn du wolltest, dir soll alles gehorchen. Als du ein Jüngling warst, da waren die Florentiner freie Bürger, du hast sie zu deinen Sklaven gemacht. Viele Menschen hast du gemordet; aber schlimmer wie die Morde war es, daß du Freie zu Sklaven gemacht hast, denn du hast die Seelen erniedrigt. Laß von deinem Wahn der Herrschaft, gib dem Volk die Freiheit wieder, denn noch kannst du es und kannst vieles gut machen, denn noch bist du im Leben, und wir wissen die Stunde nicht.« Und wieder betonte er das: wissen.

Cosimo lag mit dem Gesicht zur Wand gekehrt; lange lag er so; dann drehte er sich langsam herum und sah Savonarola in das furchtbare Antlitz, und ein kluges Lächeln huschte über sein müdes Gesicht, und er sprach: »Savonarola, auch du hast in Gewalttätigkeit gelebt, auch du hast oft anders gesprochen, als du dachtest, denn du hattest immer im Auge, was du dein Ziel nanntest: nämlich, daß dir alle gehorchen sollen. Savonarola, Savonarola, du hast mehr Seelen erniedrigt wie ich, denn ich machte die Menschen unfrei gegen ihren Willen, du aber hast sie mit ihrem Willen zu deinen Sklaven gemacht. Aber ich will dich nicht vermahnen, denn du warst notwendig, wie ich notwendig war, und nur Gott weiß, weshalb wir so sein mußten, wir aber, wir wissen die Stunde nicht.« Und wieder betonte er das: nicht.

Da sprach Fra Beato: »Mir hat Gott das höchste Glück verliehen, nämlich die Freiheit, und nicht nur für mich gab er sie, sondern er gab mir auch, daß ich alle Menschen frei machen kann, die zu mir kommen. Das aber tat er, indem er mich zu einem Knecht der Schönheit machte. Wie ein Schmetterling habe ich gelebt, und jeder Tag meines Lebens war mir so lang wie ein ganzes Menschenleben, und alles Glück habe ich in mir, denn Schönheit ist Glück. Mitleid habe ich stets für dich gehabt, Cosimo; denn ein Herrscher muß einen andern Menschen aus sich bilden neben sich selbst, der hält ihn in Gefängnis und Ketten. Und noch größeres Mitleid hatte ich mit dir, Savonarola; denn Cosimos wahrer Mensch lebte wenigstens noch, wenn auch in Banden, und er hatte die Erinnerung an Jugend, Liebe und Sonne; aber du hast einen solchen andern Menschen aus dir bilden müssen, der dich selbst, deinen wahren Menschen, ermordete. Ich aber bin noch, der ich war, und ich freue mich, daß ich der sein werde bis zu der Stunde, denn deshalb war ich ja immer freudig, weil ich Gottes Willen mit mir erfüllen wollte, der war: ich soll immer freudig sein, denn wir, wir wissen ja die Stunde nicht.« Und wieder betonte er das: Stunde.

Savonarola stand stolz da, dann ging er aus der Tür, ohne Abschied; Cosimo aber hielt seine Hände vor das Gesicht und weinte. Seine Hände waren sehr fest gewesen.

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