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Der Tod des Cosimo

Paul Ernst: Der Tod des Cosimo - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Tod des Cosimo
authorPaul Ernst
firstpub1912
year1912
publisherMeyer & Jessen
addressBerlin
titleDer Tod des Cosimo
created20070331
sendergerd.bouillon
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Die beiden Maler

Zu der Zeit, als das Mittelalter sich zu Ende neigte und neues Wollen in allen Künsten und Wissenschaften aufkam, lebte in einer nördlichen Stadt ein ganz alter Maler, welcher bei seinen Leuten als der kunstfertigste Maler galt. Er hatte nicht Weib und Kind und führte ein recht einsames Leben, indem er nur immer fleißig war, sich in seiner Kunst weiterzubilden und vollkommener zu werden; und wiewohl er zu jener Zeit, von welcher wir sprechen wollen, schon das neunzigste Jahr erreicht hatte, schienen seine neuen Bildnisse auch in Wahrheit immer schöner und lebendiger geworden zu sein wie seine früheren; so sagte er auch von sich: »Bis zu meinem fünfundachtzigsten Jahre bin ich nur ein Lehrjunge gewesen und gut genug, die Farben zu reiben, nun bin ich ein Geselle worden, aber so mir Gott das Leben gönnt, so werde ich mit hundertundzehn Jahren ein Meister sein.« Und solchen Glaubens fröhlich lebte er seine Tage dahin im Winter und Sommer.

Nun geschah es, daß ein reicher Kaufmann, welcher viele Reisen machte, auch einmal eine Reise machte zu den großen Handelsstädten, die im Westen liegen, wo stolzes Tuch gewebt wird und schöne Leinwand. Der sah dort Bilder eines neuen Meisters, die ihm gar wohl gefielen, und besser wie die Bilder des alten Mannes, den sie daheim hatten; und indem diesem Meister viele Schüler zugeströmt waren, welche alle von ihm seine vollkommenere Art gelernt hatten, so kaufte er von einem solchen Schüler ein schönes Bildnis unserer Frauen um ein nicht allzu teures Geld, denn die Bilder des Meisters selber wurden allzu hoch gehalten im Preise, also, daß er nicht darankommen konnte. Solches Bild bewahrte er sorgfältig auf, nahm es mit nach seiner Stadt und schenkte es in die Kirche seines Viertels als einen besonderen Schmuck an der Wand des Chores.

Wie der alte Meister das neue Bild gesehen hatte, kam über ihn ein tiefes Stillschweigen, und wiewohl die meisten Leute sagten, deren Art es ja immer ist, daß sie das Einheimische loben, aus Stolz, daß es geringer sei wie die Bilder, welche er selber gemalt hatte, so erwiderte er doch, daß sie das nicht verständen, und sei dieses Bild das herrlichste, welches er je gesehen; er glaube auch nicht, daß er je solche Kunst und Geschicklichkeit erreichen könne, ein dergestaltes Werk zu schaffen.

Darauf ging er zu wichtigen Ratspersonen, stellte denen vor, wie bedeutsam es für eine Stadt sei, wenn berühmte Künstler in ihr leben, denn die ziehen viel Geld von außen herein, und sprach dann, daß er selber seines Lebens zur Genüge habe und nicht auf den Erwerb mehr angewiesen sei, und sollte der Rat den jungen Maler herziehen, welcher die Tafel gemalt habe, durch einen Auftrag eines großen Bildes mit vielen Figuren, das eigentlich er selbst, der Alte hatte malen sollen.

Die Ratspersonen wunderten sich wohl, daß der alte Mann gar keinen Neid gegen den Fremden aufwies, aber sie dachten, daß er doch wohl sein Handwerk aufgeben wolle seines hohen Alters wegen, und schien ihnen auch gut, was er gesagt, daß sie den jungen sollten herziehen. Also schrieben sie Briefe und schickten die fort, und es wollte auch das Glück, daß der Junge ja sagte, sich auf die Reise machte und angezogen kam.

Der Alte hatte eine große Begier, ihn zu sehen, und wie denn von einem Bauern durch Zufall erzählt wurde, daß er einige Meilen vor der Stadt in einem Wirtshause dem Manne begegnet sei, der da gesessen habe und habe getrunken und viel Rühmens gehabt von seiner Kunst, da zog er sein gutes Kleid aus feinem Tuch an und seinen Pelzmantel, setzte sich auf ein Pferd, dem Fremden entgegenzureiten. Wie er ihn noch in der Wirtschaft antraf, wunderte er sich zwar sehr, daß der Mann gar nicht erschien nach ehrbarer Bürger Art, sondern hatte einen langen Raufdegen an der Seite und als Gewand trug er einen lumpichten Koller wie ein gartender Lanzknecht.

So setzte er sich nun neben den Jungen mit einer zierlichen Anrede, welche der auch mit großer Höflichkeit und Geschwinde der Zunge erwiderte, erzählte von dem Bilde, wie er großen Gefallen an dem gefunden, und er sei selber auch Maler und habe viele Tafeln vollendet in seinem Leben. Der Fremde erwies sich als ein Mann von frohem Mute, der gern lachte, Späße erzählte und allerlei Scherz trieb mit den kichernden Mägden. Solches Wesen hatte der alte Meister bis dahin nicht gekannt; aber er dachte, daß die heutige Jugend wohl in allen Dingen fröhlicher ist wie die frühere. Während dem Reden und Spaßen zog dann der Junge ein Büchlein aus der Tasche und zeichnete mit flinken Strichen des Silberstifts die fliegenden Röcke einer Dirne, welche am Fenster vorbeijachterte zum Ziehbrunnen mit zwei Eimern in den Händen; hier erstaunte der Alte wieder über die Lebendigkeit und natürliche Schönheit der Zeichnung, freute sich des jungen Gesellen, und ward gegen aller Erwarten mit einem Male selber ganz lustig, daß er Wein bestellte und eifrig mit dem andern becherte.

Nun zeigte es sich, daß der Beiden Art zu arbeiten ganz verschieden war, denn der Alte setzte sich in die Einsamkeit, brütete über seiner Aufgabe und brachte es dahin, daß ihm endlich ein herrliches Bild vor der Seele stand, durch seinen Willen, welchen er auf seine Absicht gerichtet; das mühte er sich dann auf dem Holz festzuhalten durch fleißige und sorgfältige Arbeit. Der Junge aber lebte in der Welt, freute sich mit den Menschen, und die Frauen hatten ihn lieb, trotzdem er ein frecher Geselle war; da zeichnete er in sein Buch dann viel, das er sah, mit wenigen Strichen, und dachte: dieses brauche ich für dieses Bild, und das für jenes, und auch was ich von solchen schnellen Zeichnungen nicht brauche, das gefällt mir doch, und macht mir solches Zeichnen Freude, wie einem jungen Mädchen das Tanzen. Hatte er dann aber einen Auftrag für ein großes Bild, so suchte er zuerst immer in seiner Erinnerung, wo er Menschen gesehen, die wohl so aussehen mochten, wie die Leute, welche auf seinem Bilde abgemalt sein sollten, Männer und Frauen, und dann ging er hin zu denen, bat freundlich, und sie gewährten es ihm meistens, daß sie sich vor ihm in der Stellung halten sollten, welche der Mensch auf dem Bild haben mußte, und danach malte er dann treu seine Figur, und aus vielen solchen Figuren setzte er sein Bild zusammen.

An solche Möglichkeit des Arbeitens hatte der Alte noch nicht gedacht, und wie er erst eine Weile des Jungen Art beobachtet hatte, da sah er sehr wohl, daß die Jungfrauen, die er selbst malte, Arme hatten, die eng an die Seite gedrückt waren und das Jesuskindlein hielten mit steifer Haltung und ohne Lieblichkeit, und so war auch alles andere. Aber wie er das eingesehen hatte, da ward ihm, als sei er mit einem Male wieder ein ganz Junger geworden, und fange in allem von vorn an, und fühlte eine Hoffnung und Zuversicht, daß er lachend zu dem andern sagte, nun werde er ihn noch übertreffen. Der aber, als ein fröhlicher und leichter Mann sonder Harm und Groll lachte desgleichen und antwortete, wenn er das vermöchte in seinem Hochalter, so wolle er ihn für den tüchtigsten Maler halten, den es je gegeben, bei den alten heidnischen Völkern wie bei den neueren. Und so wurden sie beide fröhlich, und ließ der Alte Wein holen, wie er denn nun gewohnt war, seit er des Jungen Gesellschaft hatte, und saßen lange zusammen in Kunstgesprächen.

Nun geschah es, daß der junge Maler eine leichtsinnige Dirne annahm, welche hübsch gewachsen war von Körper und auch ein anmutiges Gesicht hatte; die gebrauchte er für seine Kunst, indem er sie in allen Stellungen, welche ihm nötig schienen, zeichnete und malte, und in viel verschiedenen Gewändern, wie auch ohne alle Kleider und gänzlich nackt. Dieses Mädchen blieb eines Abends noch in der Werkstatt, als der alte Mann zum Besuch kam, und wie nachher gesprochen und getrunken ward, da ergriff sie eine Laute, welche des Jungen war, und sang ein lustiges Lied, das damals von Allen gesungen wurde, und so wurden sie alle drei recht fröhlich, und der Alte betrachtete mit scharfen Augen alle ihre Bewegungen und prägte sie seinem Gedächtnis ein, am Ende aber ergriff er einen Stift und zeichnete auf den Tisch die merkwürdige und schnelle Wendung ihrer Füße, wie sie in kurzen Kleidern in der Werkstatt hin und herging, denn sie machte die Wirtin. Da sagte er zu dem andern: »Heute habe ich meinen Bart im Spiegel betrachtet, der war zwanzig Jahre lang schneeweiß, und nun finde ich ganz schwarze Haare in ihm; so will auch mein Körper sich verjüngen, wie sich mein Geist schon verjüngt hat.«

Diese Freude wurde aber durch einen wunderlichen Zufall gestört. Denn wie das Mädchen wiederum ein Lied sang zur Laute, da ward der Alte plötzlich ganz still und sah das Mädchen mit großen Augen an, die waren so dunkel geworden, daß sie sich fürchtete, zu ihrem Herrn trat und mit Singen aufhörte. Da schlug der alte Mann mit der Faust auf den Tisch und wollte aufstehen; aber er fiel zurück, legte sein Haupt in seine Hände und fing heftig an zu weinen.

Der Junge, in Gutmütigkeit, vermeinte ihn zu trösten; und weil er dachte, daß des Alten Kummer auf irgend welche Weise mit der Frauensperson zusammenhänge, sagte er ihm, ein Weib sei nur ein Ding wie ein Hund oder Pferd, aber nicht unseresgleichen; erzählte dann auch, er werde jetzt ein groß Geld kriegen für sein Bild, dann wollten sie zwei ein lustig Leben führen und alles vertun. Aber solche Reden halfen nichts, und am Ende gab sich der Alte von selbst, setzte sich aufrecht in seinen Stuhl, schickte die Dirne aus der Werkstatt, welche denn gar gern ging, denn vor dem Alten fürchtete sie sich und des Jungen Rede hatte sie verdrossen, und begann so zu reden:

»Lieber, wenn ich mein Gemüt nicht bezwingen könnte, so möchte ich dich jetzt bitterlich hassen. Denn das Lied, welches die Dirne eben sang, das habe ich selber gemacht vor vielen Jahren, denn ich war damals ein Jüngling von zwanzig, und heute bin ich ein Neunziger. Das war für eine Jungfrau, die heiratete mein Freund, und seitdem ist sie selbst alt geworden und ist gestorben, und ihre Kinder sind alt geworden und sind gestorben, und ihre Enkelin ist nun schon ein altes Weib, so lange ist das nun her; aber gegen meinen Freund zog ich damals mein Messer und verwundete ihn hart, nachher bereute ich, tat Buße und habe ihn gepflegt in seiner Krankheit, damals war es, daß ich zuerst lenkte alle meine Inbrunst auf meine inwendigen Bilder und begann zu malen in der Weise, welche du kennst, und wurde ein froher Mann, auch ohne Weib und Kind; denn es sind ja Weib und Kind auch ein Hindernis.«

Darauf schwieg er eine Weile. Dann fuhr er fort: »Nun scheint mir aber jetzt, daß ich verblendet gewesen bin, wie ich deine Bilder gesehen habe, denn deine ganze Art und Kunst ist törlicher und leichter Art und kann nicht bestehen vor einem ernsten Gemüt.« Der Andere vermeinte ihn immer noch zu beruhigen, er aber nahm seine Mütze und ging aus dem Hause ohne Gruß und Abschied; und wie er in seiner eigenen Werkstätte angekommen war, steckte er einen Kienspan an und beleuchtete alle seine Bilder, welche er neulich gemacht, seufzte tief, nahm jedes von seinem Ort und zerspellte es mit einer Axt in der Küche auf dem Fleischklotz, da seine Haushälterin das Fleisch wiegte, denn er hatte keine Zähne mehr und konnte nichts Hartes genießen.

Nach diesem hielt er sich Wochen zu Hause und zu seiner Arbeit, ohne sich um seinen Gesellen zu kümmern, machte dem auch nicht auf, wie er ihn besuchen wollte, sondern entsendete ihn mit harten Worten, welche endlich sich auch der in sein harmloses Gemüt nahm und ihn nun desgleichen mied.

Es vermochte aber der Alte in diesen Wochen nichts zustande zu bringen, sondern saß nur immer und strengte sich an mit Mischen der Farbe, Zurichten der Tafeln und anderm handwerksmäßigen Tun. Hierüber faßte er einen Gram, der fraß ihm am Herzen, daß er krank wurde und im Bett liegen mußte.

Nun hatte er wohl eine sehr starke Natur, aber das hohe Alter zwang ihn doch, also, daß er arg von Kräften kam; und am Ende genas er zwar und stand auf von seinem Bett, aber da war er gar klapperig und schwach geworden, mochte nicht viel mehr gehen, geschweige daß er hätte ein Pferd besteigen können, sondern saß gern und viel in der Sonne und wärmte sich.

Weil er in dieser Verfassung nun wieder freundlicher schien und milder denn früher, lachte auch wohl einmal mit Kindern, die da auf der Straße spielten, so dachte sein Beichtiger, daß er ihn wollte wieder versöhnen mit dem jungen Maler, damit er nicht dereinst in einer Feindschaft mit einem Menschen abfahren müsse. So ging er zu ihm und sprach mit ihm, der seufzte und klagte, daß er nichts mehr arbeiten könne, aber auf des Pfaffen Vorhalten gab er zu, daß er an seines Lebens Grenze angelangt sei und müsse Gott nur danken für die Gnade eines solchen langen Lebens voller Kunst und Kraft. Durch diese Gespräche ward er erweichet, daß er am Ende beistimmte und sprach, er wolle sich versöhnen, und wolle auch mit dem Jungen zusammen das Abendmahl nehmen auf die neue Freundschaft.

So ward nun alles abgemacht, und trafen sich die Beiden an der Kirchentür, und nahm der Alte mit einem freundlichen Lächeln die schwarze Mütze von seinem weißen Haar, drückte dem Jungen die Hand und sprach mit Herzlichkeit zu ihm, daß der in ganz besondere Fröhlichkeit kam und ihm die Hand küßte, welche zitterte; denn er hatte vor dem alten Mann eine sonderliche Hochachtung.

Nun gingen sie zusammen durch die Tür; da faßte der Riemen, daran der Alte sein Messer am Gurt hängen hatte, in das Schloßblech, sodaß der schwache Mann ins Wanken geriet; der Junge griff ihn schnell unterm Arm und stützte ihn, und so schritten sie vorwärts in der Kirche miteinander, wie der Urahn mit seinem Enkel, so sehr schienen sie zusammengehörig. Darauf stellten sie sich zusammen hin, recht in die Mitte der Kirche, vor den Altar, daran der Priester zelebrierte.

Aber auf dem Altar stand ein Bild des Alten, das er gemalt hatte vor nunmehr wohl fünfzig Jahren, das stellte den Schmerzensmann vor; wie er das wieder ansah, und er hatte genug Zeit zu solchem Ansehen, da zog wieder alles in sein Herz, das er einst gefühlt hatte, und das Herz hob sich ihm. Da zog er sein Messer aus der Scheide, mit Ungeschicklichkeit, und ehe sich einer solches versah, stieß er zu und traf den Jungen gerade an einer sichern Stelle, daß er umfiel ohne einen Laut, und so wenig Aufsehen hatte diese Schnelligkeit und Ruhe gemacht, daß der Priester noch fortfuhr im Amt, wie schon das Blut aus dem Toten sich auf den Fliesen verbreitete.

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