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Der Tod des Cosimo

Paul Ernst: Der Tod des Cosimo - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Tod des Cosimo
authorPaul Ernst
firstpub1912
year1912
publisherMeyer & Jessen
addressBerlin
titleDer Tod des Cosimo
created20070331
sendergerd.bouillon
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Manto und Sextilius

Zu der Zeit, als das Christentum die Herrschaft über die anderen Religionen erlangt hatte, waren in Alexandria häufige und schwere Unruhen; denn das untere Volk, nämlich die Arbeiter, die Armen und die Sklaven hingen der christlichen Lehre an, die Vornehmen aber und Reichen glaubten noch an die alten Götter, erwiesen ihnen Verehrung und beschäftigten sich mit der Philosophie. Und indem das Volk auch Neid und Haß zeigte gegen die anderen, wegen ihres Reichtums und ihrer Bildung, und zugleich stolz war auf seine bessere Religion, beruhigte es sich wohl die meiste Zeit, weil es ein Reich hoffte, welches nahe bevorstand, in welchem es selber alles Glück und Wohlleben haben würde, denn alsdann, dachten sie, trägt das Korn tausendfältig ohne Mühe des Landmanns, und der Weinstock bringt Trauben, so schwer, daß zwei Menschen sie tragen müssen, und eine Olive hat so viel Öl, wie eine ganze Familie braucht zu ihrer Mahlzeit, die Stadt ist aus Edelsteinen gebaut, und ihre Tore sind von lauterem Golde; die Reichen aber und Gebildeten werden dann in den tiefsten Abgrund geworfen zu dem alten Drachen, da ist Heulen und Zähneklappen, weil sie bis nun ein großes Wohlleben gehabt haben. Jedoch nur die meiste Zeit beruhigten sich durch solche Hoffnungen die armen und einfältigen Leute, und wenn große Krankheiten kamen und Teuerungen, welche denn damals häufig waren, so wurden sie ungeduldig, meinten, der große Umschwung stehe schon bevor, und zogen mit vielem Lärmen durch die Stadt, erbrachen die Häuser der Reichen, raubten und plünderten, zerrissen Schuldbriefe, und wenn sie einen vornehmen Reichen antrafen, so ermordeten sie ihn auch. Das taten sie aber in eigener Weise; denn da geschrieben steht: des Herrn Wort wird die Ungläubigen töten, so nahmen sie ihre heiligen Bücher, welche eben des Herren Wort enthielten, die waren in großen Büchsen aus Erz aufbewahrt, und mit denen schlugen sie auf die Reichen ein, welche sie fanden, Männer, Frauen und Kinder, bis die tot waren; die Leichname schleppten sie dann durch die Straßen und sangen fromme Lieder, und es wurde auch erzählt, daß sie einige von den Leichen gegessen haben, denn es steht geschrieben: des Herren Zorn wird sie fressen. Als Anführer hatten sie bei solchem Treiben Mönche, welche nackt gingen oder sich in große Decken hüllten und aus der Wüste kamen, wo sie sonst lebten und viele Erscheinungen hatten von Geistern, Engeln und Teufeln.

Damals lebte eine vornehme Jungfrau in ihrem großen und vornehmen Hause allein mit einigen Dienerinnen. Ihr Name war Manto, und sie war eine Griechin aus einem uralten und stolzen Geschlechte in Elis, welches seine Vorfahren noch in der heroischen Zeit hatte. Schon seit mehreren Geschlechtern aber war die Familie nach Alexandria übergesiedelt, und war auch hier immer vornehm, stolz und reich gewesen. Wie denn nun damals in rätselhafter Weise oft viele Menschen starben, als sei eine Krankheit gekommen, welche nur eine bestimmte Klasse, Stand, Schicht oder Familie befiel, daß viele an Brunnenvergiftungen durch die Christen, viele an heimliche Tücken der Verwandten der Erbschaften wegen dachten, und noch andere an Geheimbünde wollüstiger und frommer Art, so überfielen auch plötzliche und verschiedene Krankheiten die Familie der Manto, daß ihr alle Anverwandten in wenigen Tagen starben und sie allein zurückblieb in dem hallenden Palast.

Nun hatte sie sich schon als Kind an der Kunde des Himmels und der Sterne erfreut, denn ihr Vater war ein stiller und schweigsamer Mann gewesen, welcher seine Nächte auf dem hohen Turm seines Hauses verbrachte mit Betrachtung der Sternbilder an dem blauen und klaren Himmel, und mit vielen Berechnungen und Voraussagen. Diese Freude hatte sie beibehalten; und wie sie nun ohne Eltern, Geschwister und selbst Vormund war, denn in jenen unruhigen Zeiten wurde von den Behörden wenig auf die Schicksale der Bürger geachtet, dachte sie nur noch daran, des Abends auf dem viereckigen, quadergemauerten Turm zu sitzen, der hoch über das flache Dach des Hauses in die dunkelblaue Nacht hinausstand, und durch allerlei Rohre die glitzernden Sterne zu betrachten, Beobachtetes aufzuschreiben und älterer Sternkundiger Niederschriften nachzulesen.

Bei diesem Forschen gewann sie einen Freund, welcher jung war wie sie, und ein Gelehrter der Sternkunde, von jüdischer Abstammung, mit dem Namen Sextilius; denn er gehörte einem Judengeschlechte an, welches sich den Dingen anpaßte und nicht streng festhielt an allem, was es einst in Palästina geglaubt hatte, weil es wohlhabend war und gebildet. Mit diesem Freund verbrachte sie manche Nacht unter dem klaren Himmel bei dem blassen Sternlicht auf dem flachen Dache des alten Turmes; und auch Sextilius war der letzte und einzige seines Geschlechtes, denn seine gesamte Familie war umgekommen bei einem Aufstand des Pöbels gegen die Juden, wo viele vornehme Judenfamilien gänzlich ausgerottet waren.

Nun geschah es an einem Abend, als die beiden in ihrer gewohnten Weise zusammen waren, daß sie ein ungewohntes Lärmen hörten in den Straßen. Es kam nämlich für gewöhnlich nur ein dumpfes und gleichmäßiges Dröhnen an ihr Ohr, welches herrührte von der Vermischung vieler verschiedenartiger Geräusche, die ihr Besonderes unter einander zu verlieren schienen, wie auch der Blick über die Stadt selbst ganz gleichmäßig schien durch die vielen Lichter, obschon doch die Straßen ganz verschieden waren und die Häuser. Es entstand aber das neue Lärmen durch die gleichmäßigen Fußtritte vieler, und durch einen allgemeinen Gesang, der einen wilden und wüsten Takt hatte, und dazwischen war das allgemeine Dröhnen der Stadt doch noch vernehmbar.

Wie sie sich noch verwunderten, kam eine Sklavin in Eile die Enge des Turmes heraufgestiegen und erzählte, daß die Christen in große Unruhe geraten seien und sich zusammengerottet hätten, weil sie glaubten, daß Zauberkünste angewendet würden, um die alten Heidengötter zurückzurufen, welche durch die Heiligen und Märtyrer verbannt waren; denn es strömte da eine Quelle, welche früher der jungfräulichen Artemis geweiht war, wo Leute geheilt wurden von allerlei Gebrechen, indem sie badeten und tranken, nun aber war Artemis vertrieben, und an ihrer Stelle herrschte hier eine christliche Heilige, welche mehr Wunder tat wie die Göttin. Und an eben dem Tage waren zwei arme Männer, welche lahm waren, in das Wasser gestiegen, hatten sich bekreuzt und die Heilige angefleht: da war ein böser Geist gekommen, der hatte sie erwürgt, daß man sie tot herauszog aus dem Wasser; und nun meinten die Christen, das sei Artemis gewesen, welche durch Zauberkünste der Heiden zurückgerufen sei und die Heilige vertrieben habe. Deshalb zogen sie durch die Straßen und wollten sich an den Heiden rächen, und vornehmlich an solchen wie Manto, welche ihnen verdächtig schienen wegen ihrer Wissenschaft.

Da sagte Manto, daß es zu dem Turme nur einen Eintritt gebe, nämlich durch eine eiserne Tür, welche vom ersten Stockwerk des Hauses in den Turm führte; und wenn die Christen wirklich ihr Haus angreifen würden, und würden eindringen, so wollten sie die Tür verschließen und Feuer in das Haus legen, daß das verbrennen müßte, der Turm aber unversehrt bliebe, denn alsdann werde der Pöbel keinen Zugang zu ihnen gewinnen, welche auf dem Turme blieben, und später müßten sie dann durch die Behörde gerettet werden. Sextilius wurde sehr traurig über diese Rede, denn er dachte an die vielen Kostbarkeiten, Bücher und Bilder, welche in dem großen und schönen Hause aufbewahrt waren. Aber indem erblickte Manto auch schon von oben die ersten der wütenden Schar, welche in die Straße liefen mit geschwungenen Fackeln und brüllend, und ihr Name wurde gerufen unter heftigen Verwünschungen. Da raffte sie ihr weites Gewand zusammen, schlüpfte durch die schmale Falltür die enge und gewundene Treppe hinunter und lief in das Haus, da brannten in leeren Zimmern Lichter, die riß sie herab und warf sie zwischen kostbare Decken und Teppiche, und in einem kleinen und dunkeln Zimmer traf sie eine ganz junge Sklavin, die verschüchtert in einem Winkel hockte, die trieb sie heraus; und wie schon die Schläge und Stöße der wüsten Menge gegen das eisenbeschlagene Tor hallten, warf sie noch Kleidungsstücke über die Geländer der großen Treppe in den Hausflur und warf eine Fackel hinterher, dann eilte sie zurück zu der eisernen Tür des Turmes, zog die nach sich und verschloß und verriegelte sie.

So kam sie atemlos nach oben, fand da Sextilius und die Sklavin, welche schweigend saßen. Und wie sie sich in ihrem weißen Gewand über die Brüstung des Turmes beugte, um nach unten zu sehen, wo die Menge an dem starkbohligen Haustor arbeitete, ward sie gesehen von unten, und Johlen und Pfeifen drang nach oben, heftige Verwünschungen und verächtliche Namen auf die alten Götter. Aber indem sprang aus einem Fenster spitz die erste Flamme, wie ein Pfeil vom Bogen, und die Menge ward plötzlich still; dann folgte wirbelnder Rauch, und ein Sturmwind kam plötzlich; da johlte die Menge lauter und heulte vor Wut, und die Stöße und Schläge gegen das Haustor wurden heftiger, bis am Ende ein Krachen und Splittern gehört ward; aber wie der eine Flügel sich nach innen neigte, sprang auch aus dem Tor die spitzige Flamme und flog dem Vordersten ins Gesicht, daß der Pöbel heulend auseinanderstob; unterdessen klirrten noch andere Fenster, und die Flammen leckten hoch an dem schweren Gemäuer.

Der Rauch zog wirbelnd in die Höhe und flog über den Turm hin; da legten sich die drei, welche oben standen, auf den Boden des Turmes hinter die Brüstung, denn sie fürchteten, daß sie ersticken möchten, und der Wind trieb den Rauch fort über ihnen, so daß sie nun atmen konnten. Und im Liegen sprach Sextilius und klagte über die Schätze, welche verbrannten; denn in dem Hause stand goldenes und silbernes Gerät, kunstvoll gearbeitet von berühmten Handwerkern der alten Zeit, das schmolz nun zu schlackigen Klumpen; und kostbare Gewebe waren da mit allerhand künstlichen Figuren, wie sie in früheren Zeiten von den Frauen in Alexandria gewebt wurden, und seltene Bücher standen in Rollen, viele Werke der Gelehrten und Dichter, welche in Alexandria ein friedliches Leben geführt hatten, und auch die Werke der alten Dichter des heimatlichen Griechenlands. Dann hingen an den Wänden Bilder, welche Götter und Göttinnen darstellten, und die Geschichte der alten Helden, und merkwürdige und schöne Landschaften. Aber das Kostbarste war ein uraltes Holzbildnis der Aphrodite, welches in einem kleinen und dunklen Heiligtume des Hauses aufgestellt war. Das hatten die Vorfahren der Familie mit aus ihrer griechischen Heimat gebracht, wo es einen eigenen Tempel gehabt hatte und verehrt wurde, und es stammte noch aus der Zeit, da die Götterbilder mit geschlossenen Füßen gestaltet wurden und mit Armen, welche eng am Körper anlagen. Von allen diesen Schätzen und Heiligtümern sprach Sextilius, denn auch die Dichtwerke waren Heiligtümer, und die schönen Bilder, weil sie Erhabenes darstellten, das die Menschenseele in die Höhe reißt. Nun verschwelte und verkohlte das alles, oder brannte auch mit lichter Flamme; und es war nicht anders, als sei da nur schlechtes Brennholz und alte Lumpen.

Die alte Sklavin lag dem Sextilius gerade gegenüber, und in ihren Augen erglänzte merkwürdig das Weiße, indem die Pupille sich fast ganz in die Höhe geschoben hatte. Da stand sie plötzlich auf und trat auf die Brüstung, so daß die Schwaden des Rauches sie umzogen; ihr graues Haar war hinten in ein ärmliches und dünnes Zöpfchen geflochten, das stand wunderlich von ihrem Kopfe ab. Zuerst heulte sie in einem hellen und durchdringenden Ton, indem sie mit den Händen um sich schlug, und dann fing sie in abgebrochenen Worten an zu schreien und rief, daß eine Feuersbrunst das Herrlichste ist, und des Menschen Herz jauchzt vor Lust und Schmerz und voller Wohligkeit gegen die Flamme, und alles jagt in den rauchumzogenen Himmel, denn es gibt nur einen Gott, der macht, daß unsere Eingeweide sich umwenden; und wir suchen den Schmerz und die Schande, denn auch seine Heiligen jauchzten im Kot der Gefängnisse und indem Eiter und Blut von ihren gepeitschten Rücken rann, darum ist es süß, wenn wir unrecht leiden.

Solche und ähnliche Worte schrie sie mit brüllender Stimme, dann sprang sie wieder herunter von der Brüstung, riß die Falltür auf, welche zu der schmalen und gewundenen Turmtreppe führte. Eine grausige Glut spie die schmale Treppe aus, sie aber eilte hinab, der eisernen Tür zu, welche den Turm mit dem Hause verband; Manto und Sextilius liefen ihr nach, aber die Sklavin glitt aus und ward wie eine Kugel und kollerte die steilen Stufen hinunter, die rund um die Spindel der Treppe liefen; ihr Kopf schlug dumpf auf den Steinen auf, aber sie schrie in einem fort ihre Worte, die sie vorher geschrieen hatte; da war am Ende die eiserne Tür, die war rotglühend geworden von dem Brande, gegen die rollte sie; da geschah ein Zischen und Fauchen und ein ganz lauter Schrei, und Brandgeruch drang nach oben, denn Manto und Sextilius hatten nicht weit folgen können wegen der Hitze; und wie ein paar gellende Schreie gewesen waren, ward alles still, nur ein ganz scheußlicher, stinkender Schwaden kam herauf. Da kletterten die beiden entsetzt zurück und schlossen wieder die Falltür und legten sich wieder dicht an die schützende Brüstung; aber es war nun sehr heiß oben geworden, und der Rauch beizend und scharf, und senkte sich nieder, und viele Asche senkte sich auch nieder und bedeckte hoch die Fläche des Turmes oben und die Brüstung, und quälte die beiden sehr. Und auch einen heftigen Durst bekamen sie, daß sie fast ihre Lage nicht mehr aushalten konnten.

 

Manto dachte daran, daß das alte Schnitzbild der Aphrodite verbrannt war, und dachte an die alte Sage in ihrer Familie, welche sich an das Schnitzbildnis knüpfte.

Vor Urzeiten, als die Heroen noch lebten, noch vor dem trojanischen Kriege, waren zwei Schwestern, die lebten in einem Hause, das lag an dem Wege nach Elis. Diese gerieten untereinander in Streit, welche von ihnen die Schönere wäre, und nachdem sie alle ihre Gliedmaßen einzeln und auch ihre ganzen Personen insgesamt miteinander verglichen hatten, konnten sie doch zu keinem Ende kommen. Da beschlossen sie, ein Urteil Fremder anzurufen, gingen aus dem Hause und setzten sich an der Landstraße auf einen Stein. Wie sie eine Weile gewartet hatten, kam ein Wanderer, ein junger und schöner Mann, dem trugen sie ihren Streit vor und sagten ihm, er solle entscheiden, und so legten sie ihre Gewänder ab und traten nackt vor ihn, damit er urteile. Er prüfte sie, und ihm schien die ältere schöner zu sein; das sagte er auch; und weil sie aber so sehr schön war, und er hatte alle ihre Glieder gesehen, so faßte er eine große Liebe zu ihr, fragte sie, ob sie ihn zu ihrem Ehegatten wolle, und wie sie ihm erwiderte, ja, nahm er sie und ging mit ihr, die Vermählung zu vollziehen.

Die jüngere wurde sehr traurig und blieb zurück, zog ihr Gewand wieder an, setzte sich auf den Stein und weinte sehr vor Kummer. Da kam ein zweiter Wanderer des Weges, der war ein jüngerer Bruder des vorigen. Wie der die weinende Jungfrau sah, hatte er Mitleiden und fragte sie, weshalb sie so traurig sei. Sie erwiderte ihm, indem sie alles erzählte und auch sagte, daß der andere ihrer Schwester Schönheit vorgezogen habe. Da sagte der Wanderer, daß es in diesen Dingen kein sicheres Urteil gibt, und daß die einen so urteilen über die Schönheit und die anderen so, und vielleicht, wenn er an Stelle des älteren Bruders hätte entscheiden sollen, so hätte er die jüngere vorgezogen. Da trocknete die Jungfrau ihre Tränen und sagte, wenn das so sei, so wolle sie sich auch vor ihm entkleiden, und er solle ein Urteil fällen, ob es wohl möglich sei, daß ihre Schwester schöner sein könne. Damit war er auch einverstanden, und sie entkleidete sich. Aber wie er sie nun so gesehen hatte, da sagte er, sie habe recht gehabt in ihrem Urteil, und er wenigstens könne sich nicht denken, daß eine Jungfrau schöner sein könne wie sie. Deshalb habe er eine plötzliche und starke Zuneigung zu ihr gefaßt und frage sie, ob sie nicht seine Ehefrau werden wolle. Da sagte sie ja, und nun gingen auch diese beiden gleich nach Hause und vollzogen ihre Vermählung.

Nun lebten die beiden Schwestern mit den beiden Brüdern zusammen und waren sehr froh und zufrieden, hatten ihre Kinder und wurden sehr alt, und keinerlei Unglück traf sie. Da sagten sie, daß Aphrodite ihres Glückes Ursache gewesen sei, welche ihnen den Streit um ihre Schönheit aufgeregt und ihnen dann auch aufgegeben hatte, daß sie an die Landstraße gehen sollten, wo sie ihre Männer getroffen hatten. Und weil sie sich nun für solches Glück der Urheberin dankbar erweisen wollten, so bauten sie der Aphrodite einen kleinen Tempel, und durch einen geschickten Arbeiter ließen sie das Standbild machen, und beteten an, dankend und preisend. Solche Verehrung wurde dann auf die Kinder vererbt und auf die Kindeskinder, und indem die Familie viele hundert Jahre blühte, wurde das Standbild immer in der alten Weise verehrt durch die jungen Mädchen des Geschlechtes, welche vor ihm die Hände aufhoben und Blumen brachten. Am Ende zogen dann die letzten der Nachkommen von Elis fort und gingen nach Ägypten, da nahmen sie das alte Heiligtum mit, aus Frömmigkeit und in dankbarer Gesinnung, denn Aphrodite war der Familie immer günstig gewesen.

An dieses alte Märchen dachte Manto, und dachte, daß nun das alte Götterbild verbrannt war; und sie wunderte sich, daß man in der Urzeit sich nicht seines Körpers geschämt hatte, sondern man war seiner froh gewesen, heute aber hatte man Schamgefühl auch in bezug auf die Seele.

Ganz schwarz und schmutzig waren die Gesichter und Hände der beiden geworden, welche oben auf dem Turm lagen, und ihre Kleidung war mit lauter Flugasche bedeckt; es durstete sie sehr, und sie fühlten sich sehr unglücklich und krank und dachten, daß sie sterben müßten; und so schwach und elend waren sie, daß der Tod ihnen gar nicht abscheulich und schreckenerregend schien, sondern als etwas ganz Leichtes.

Sextilius dachte an eine Begegnung, die er vor wenigen Tagen gehabt. Seine Vorfahren, die strenge Juden gewesen, hatten einen Fluch auf die Unkeuschheit gelegt, und vornehmlich auf die, welche mit heidnischen Dirnen verübt wurde. Nun hing er zwar nicht mehr an dem strengen Glauben seiner Väter, aber doch lebte noch in ihm jenes Gebot. So geschah es ihm, daß er vor den Toren der Stadt lustwandeln ging und kam in eine Gegend, wo viele Gärten sind und kleine Häuser, welche sich die Reichen gebaut haben zu ihrem Vergnügen, an den Sommerabenden da die Frische und Kühle zu genießen. Diese Gärten waren so geordnet, daß Straßen zwischen ihnen liefen und Nebenstraßen, wie in einer Stadt; und wie in einer Stadt war da auch eine entlegene Gegend, wo die Dirnen wohnten. Dahin geriet er durch einen Zufall. Da war ein ganz kleines Häuschen, das war weinüberrankt, und gelbe Trauben leuchteten aus dem Laube, und Rosen blühten vor dem Eingang; die Tür war geöffnet und wies in ein dämmerndes grünes Dunkel, und in der Tür stand eine Dirne, ein ganz junges Mädchen, die hatte die leichte und durchsichtige Tracht des Landes, durch welche man jedes Glied sehen konnte, und mit einem heitern und unbekümmerten Lächeln winkte sie Sextilius zu, er solle kommen; ihre Zähne blitzten in dem sonnenbraunen und frischen Gesicht: ein Weintrieb war vor ihrem duftigen und weißen Kleid, mit den schönen Blättern und der fein geschwungenen Ranke. Ihm pochte das Herz vor Freude und Sehnsucht, aber etwas anderes machte, daß er sich abwendete mit einer verächtlichen Gebärde; da sah er, wie über das helle und offene Gesicht des Mädchens eine Enttäuschung flog.

 

Schmutzig und ganz erbarmungswürdig sahen die beiden aus, wie sie auf dem Turm lagen, ihre Augen waren gerötet. Sie mochten schon lange nichts mehr zu einander sprechen, denn der Gaumen war ihnen ganz ausgedörrt. Sie meinten, daß sie sterben müßten in der Hitze und durch den Rauch, und schon erwog Sextilius, ob es nicht ein besseres Ende sei, sich von dem Turme auf das Pflaster herabzustürzen. Noch lärmte und schrie der Pöbel unten, aber ein großer Teil des Volkes war abgezogen, um an einem anderen Orte zu rauben und zu töten. Da wendete sich plötzlich der Wind und machte den Turm von dem Rauch frei, und auch die Hitze schien minder arg zu sein. Bald darauf stürzte das Dach des Hauses nach innen, und obgleich eine kurze Weile dann eine hohe Flamme in die Höhe schlug, schien doch der Brand abzunehmen, als würde er durch die schweren und großen Dachsteine erstickt. Die beiden erhoben sich und traten an die Brüstung, um mehr von dem kühleren Windhauch zu genießen. Da johlte die Menge von unten und rief Schimpfworte nach oben, und rief, Manto habe einen Liebhaber bei sich. Wie sich die beiden aber anblickten, da erschraken sie, so entstellt sahen sie aus.

Manto sprach: »Ich bin allein auf der Welt, denn alle meine Verwandten sind gestorben, und meine ganze Familie ist ausgestorben, und ich glaube auch, daß mein Volk tot ist, dem ich angehöre; denn diese da, welche heulen, sind anders wie ich und sind mir ganz gleichgültig. Nun will ich in die Gegend dieser Stadt ziehen, wo die Dirnen wohnen, und will mich preisgeben jedem, der mich kaufen will.«

Sextilius sprach: »Ich will in die Wüste gehen, wo die Einsiedler und Heiligen der Christen wohnen. Sie fasten und kasteien sich, und die Teufel kommen in allerlei Gestalt, um sie zu verlocken, sie aber sind standhaft. Deshalb will ich ein Christ werden und leben als ein Heiliger und Einsiedler.«

Manto sprach: »Wenn ich an uns denke wie an fremde Menschen, so meine ich, daß wir uns lieb haben könnten, heiraten und Kinder haben, und in Ehre und Freude leben, denn wir könnten ja auch in einer andern Gegend leben wie in Alexandria. Sehr wunderbar ist es, daß das nicht geschehen kann, und ich weiß dessen keinen verständigen Grund. Aber es kann nicht geschehen, sondern ich werde in die Dirnenvorstadt gehen und du in die Wüste.«

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