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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Der Harmlose

Das Bild von Mekka hebt sich ein wenig und geht nach links ab, als wenn's geschoben würde; die Moschee verschwindet, der Markt verschwindet und die Pilger desgleichen.

Und die Wüste kommt vor – mit Kameelen und Hyänen.

Aber die Wüste steht nicht still, sie geht auch nach links – und zwar immer schneller – immer hastiger.

Oasen mit Palmen, Felsen und Quellen flitzen nur so vorüber. Die ganze arabische Wüste rast so schnell an den Europäern vorbei, als wenn die in einem europäischen Blitzzuge sässen und nicht im Syrerland.

Und durch die arabische Wüste jagen bunte Reiterscharen im gestreckten Galopp von links nach rechts – das sind die wilden Krieger des allmächtigen Harun!

Immer mehr Reiter erscheinen auf der Bildfläche – ganze Heere! Und dazwischen rennt viel Fussvolk ohne Stiefel mit blitzenden Klingen und blitzenden blutdürstigen Augen.

Alle Krieger Haruns sind bis an die Zähne bewaffnet. Die Lanzenspitzen der Beduinen leuchten im Sonnenlicht, die Hauptleute fluchen – und Alles ist voll Kampfgier.

Die Landschaft geht immer nach links, und die Krieger gehen nach rechts, sodass diese länger zu sehen sind. Lange Karawanen folgen den Heeresmassen; die Kameele laufen auch, dass die Leiber kaum mitkommen können.

Und dann erscheint Harun mit den Feldherrn.

Fesselten schon die unzähligen Farben der Heeresmassen, die wie ein Blütensturm vorüberwirbelten, mächtig das Auge der Europäer – so war das doch noch Garnichts – denn Harun mit seinem Gefolge entzündet einen blendenden Farbenrausch – der ist viel viel bunter als die ganze Welt und funkelt dazu, da die reichen Araber unter Harun mit Diamanten und Edelsteinen nicht sparsam umgehn.

Der grosse Chalif, der breiter und stärker ist als sein ganzes Gefolge, sitzt auf einem sehr kräftigen schwarzen Hengst, dessen hochgewölbte Brust ein hellbrauner mit blauen Saphiren besetzter Ledergurt umspannt. Steigbügel, Sattel und Zaumzeug sind ebenfalls hellbraun und mit Saphiren besetzt – Alles ist breit, gross und fest wie Harun selbst. Seine mächtige Gestalt ist mit golddurchwirkten Gewändern umhüllt, die auch überall mit grossen dunkelblauen Saphiren beschwert sind. Oben am grünen Turban strahlt ein eigrosser Saphir. Aber die schwarzen Augen im vollen braunen Antlitz des Fürsten brennen stärker als alle Edelsteine; er streichelt mit der Linken seinen schwarzen Bart und hebt mit der Rechten seinen krummen Säbel empor.

Mit einem Schenkeldruck zügelt der Chalif sein Ross und ruft seine Feldherren heran.

Und die Landschaft steht still.

Die glänzenden Feldherren kommen – der ganz knallroth gekleidete Henker kommt in erster Reihe – und Alle – hoch zu Ross – bilden ein buntes funkelndes Bild.

Harun in der Mitte ist ganz voll Seligkeit – Rebellen bekriegen, macht ihm Spass.

Nach einer kurzen Rede des Chalifen sprengt die stattliche Reiterschar mit gezücktem Säbel weiter – nach rechts ab.

Der Wüstenboden steigt langsam höher und höher und verschwindet in der Höhe – unter ihm sehen die Europäer einen schattigen Garten der Chalifenburg im fernen Bagdad mit dem blauen Tigris und einem kleinen Kiosk.

Im Kiosk sitzt die Abbasah und wartet auf ihren Djafar, doch der lässt nicht lange auf sich warten – er erscheint schon, er trägt Sklaventracht, kurzen gelben Leinenrock, der nur bis zum Knie reicht und auch die Arme frei lässt; die braunen Beine und Arme sehen etwas staubig aus. Die Abbasah nickt ihrem Geliebten freundlich zu, und der reisst im Kiosk sein gelbes Kopftuch ab, sinkt zu ihren Füssen nieder und bleibt da liegen. Die Abbasah blickt in den blauen Tigris und streichelt dabei Djafars schwarze Haare.

Doch das Bild versinkt sofort wieder in die Tiefe, aus der's herauskam, und der Wüstenboden kommt wieder herunter und verdeckt Alles.

Und abermals Pferdegetrappel und dazu wildes Kriegsgeschrei: von links stürzen in unabsehbar langer Front die Krieger des Rebellen Jahjah ibn Abdallah herein, und von rechts bricht Harun mit seinen Scharen auch in unabsehbar langer Front herein. In der Mitte prallen die Schlachtlinien auf einander. Furchtbar ist das Getöse der Schlacht! Es kämpfen an die hundert Tausend Mann.

Riesige Staubwolken wirbeln empor und verhüllen das Bild. Dumpf dröhnt das Gestampfe der Rosse, durch das die Säbel und Schilde hell hindurchklingen. Der Boden zittert.

Wie die Staubwolken fallen, sehen die Europäer, dass neben verreckenden Pferden unzählige Tote und Verwundete den Kampfplatz bedecken. Schauerlich hallt das Wuthgebrüll der sterbenden Krieger zum Himmel.

Im Hintergrunde tobt die Schlacht weiter.

Die Landschaft aber setzt sich wieder in Bewegung und geht mit der ganzen Schlacht links ab.

Wieder flitzen die Oasen und Felsen, die Palmen, Quellen und Karawanen an den Augen der Europäer vorbei....

Dann geht's mit einem Male langsamer, und ein grosses Feldlager mit unzähligen Zelten bleibt auf der Naturbühne stehn. Überall brennen Holzhaufen und Fackeln.

Harun sitzt mit nacktem Oberkörper vor dem grössten der Zelte und lässt sich den linken Oberarm verbinden, mit der Rechten schwingt er seinen von Blut ganz rothen Säbel und zertheilt mit ihm ein gebratenes Lamm und fängt dann an, mit Eifer zu essen, ohne sich um die beiden Ärzte zu seiner Linken zu kümmern. Die ungeheuer breite schwarz behaarte Brust hebt und senkt sich sehr schnell, denn er hat sich nach dem Kampfe noch garnicht ausgeruht. Der knusprige Lammbraten schmeckt ihm vorzüglich; die Europäer hören deutlich, wie die Knochen des Lamms im Munde des Chalifen knacken und brechen.

Ringsum bewegtes Lagerleben – die Köche und Aerzte haben sehr viel zu thun – die Schlacht war heiss.

Ueber den Zelten zeigt sich eine grosse weisse Lichtscheibe, die hin- und herwackelt. Und plötzlich versinkt das ganze Lager, dass nur noch die Spitzen der Zeltdächer zu sehen sind. Die Lichtscheibe steht still.

Die untere Hälfte der Scheibe verwandelt sich in einen dunklen See, der nur am Ufer von Mondlicht erhellt wird. Und am Ufer im Schilf kommt ein Kahn hervor – in dem sitzen Djafar und Abbasah – sie halten sich fest umschlungen und flüstern sich Liebesworte ins Ohr. Die Europäer müssen ihre Operngucker mehr rausschrauben und die Schallfänger breiter machen.

Die Abbasah ruft schwärmerisch:

»Horch, Djafar, dort drüben flötet eine Nachtigall – wie die jauchzt! Jetzt möcht' ich meine Lautenspieler hier haben. Die hätten doch hier im Schilf spielen können. Warum hast Du nicht daran gedacht? Du denkst auch an Garnichts!«

Das runde Bild fällt nach diesen Worten wie ein runterfallender Mond in die Tiefe, und gleichzeitig verschwinden die Spitzen der Zeltdächer – dafür wird unten ein wildes Stimmengewirr hörbar, Rossegewieher und Schwerterklang.

Und ein Schlachtbild erhebt sich aus dem Boden – das ist noch wilder als das andre. Es wird vom Mondlicht bestrahlt und nicht von Staubwolken verdeckt.

In wilder Hast jagen Beduinenscharen mit leuchtenden Lanzenspitzen vorüber, Fahnen flattern, die Hauptleute fluchen unheimlich.

Die Reiter hauen und stechen auf einander los, Pferde stürzen, dumpfe Pauken dröhnen – und in der Mitte sieht man wieder den riesigen Harun auf seinem schwarzen Streitross – er holt mit einer riesigen Streitaxt zum Schlage aus – Alles brüllt – Der Vorhang fällt.

*

Die Löwen lächeln, denn zu ihren Füssen steht ihr Lieblingsgericht: Klapperschlangen in Unkentunke. Die schmecken besonders in der Nacht sehr schön.

Die Europäer staunen den neuen Vorhang an, der von oben bis unten mit herrlichen schnörkelreichen Goldstickereien bedeckt ist. Ein kraftvolles, knotiges, vielgekrümmtes Rankenwerk mit dicken Fruchtknollen und hakigen Menschennasen!

In der Mitte des Vorhangs sitzt ein grosses, scheusslich dickes Negerweib, das die Europäer mit traurigen Augen anglotzt. Die Haut des dicken nackten Weibes ist tiefschwarz wie Ebenholz. Aber schön ist dieses schwarze Weib nicht zu nennen, denn die Formen desselben sind so üppig, dass man eine Auflösung – ein Auseinanderfliessen – befürchten muss.

Die Löwen speisen mit vielem Vergnügen, aber sie vergessen dabei das Reden keineswegs.

Plusa hebt mit seiner Rechten ein dickes Stück Schlangenhals empor und spricht ernst also:

»Brüder, wir sind ächte Geister und sind niemals traurig wie Menschen; eine Thräne, wie sie Menschen weinen, rann noch nie über unsre Wangen – und das wird auch in Ewigkeit nicht vorkommen. Wir sind immer gleich wieder lustig, auch wenn uns mal was weh that. Ihr habt mir weh gethan – doch ich bin schon wieder lustig. Sagt mir drum, ich bin ja so dumm, warum sollen die Weiber keine Freiheit haben – wie die Männer? Das hab' ich immer noch nicht begriffen.«

Frimm schluckt hastig einen Löffel Unkentunke runter und erwidert grimmig:

»Aller Spektakel geht doch gewöhnlich nur von den Frauen aus – diese bringen allen Zank und Unfrieden in die Welt. Man muss daher dieses Geschlecht einsperren – und Alles wird gutgehn. Die Fortpflanzungsakte sind eben immer gefahrbringend und lebensgefährlich – deshalb darf den Weibern nicht so viel Freiheit wie den Männern eingeräumt werden. Jede freie Liebe erzeugt höchst schmutzige Verhältnisse – man sehe sich nur Europa an! Die Europäer sollten endlich mal gegen das gesammte Hetärenwesen mit Allem, was drum und dran hängt, energisch Front machen. Das geböte doch schon der Anstand. Der Mann darf doch nicht zum intimen Freunde einer Hetäre werden – der spielt doch nirgendwo eine Heldenrolle. Grade die sexualen Verhältnisse müssen in erster Linie geregelt werden. Unklare und ungeregelte Verhältnisse passen sich doch nicht für anständige Leute. Die Freiheit der Frau führt Hetärenrecht ein und ist doch unsittlich.«

Leidenschaftlich zermalmt der gute Knaff ein Dutzend Schlangenknochen und schreit dann heftig:

»Führt Hetärenrecht ein! Bravo! Hetärenrecht, das natürlich nicht mit dem Rechte der anderen Frauen identisch ist! Das fehlte auch grade noch! Mensch und Mensch ist eben nicht dasselbe, denn schon Pferd und Pferd ist bekanntlich nicht dasselbe. Die Weiber sind schon im Allgemeinen Menschen zweiter Klasse – die Hetären sind aber nur dritter, vierter oder fünfter Klasse, haben daher lange nicht so viel Rechte wie andre Menschen.«

»Nu wart doch nur!« sagt darauf Olli beschwichtigend, »Du darfst die Sache nicht gleich so bösartig anfassen. Du redst ja so gehässig wie ein Weib ›erster‹ Klasse!«

»Aber Olli!« rufen die andern Löwen im Chor; und Pix bemerkt in sehr ernstem Tone: »Es ist sehr wichtig, den Europäern gegenüber öfters zu betonen, dass wir das Weib als Rasseerhalterin durchaus nicht unterschätzen. Es war daher sehr überflüssig von unserm Freunde Knaff, die Frauen als Menschen zweiter Klasse zu bezeichnen. Die schulmeisterliche Rangordnungssucht könnte uns in den Augen der Europäer schaden. Die Erde ist noch mehr als ein Schulhaus.«

Die Löwen haben ihre Schlangen verspeist und nur deren Köpfe übrig gelassen – diese spiessen sie jetzt ihrer Gewohnheit gemäss auf ihre Schwanzspitze; mit ein paar blauen Haaren aus der Mähne werden die Schlangenköpfe festgebunden.

Bei dieser umständlichen Beschäftigung setzt Olli seine scharfsinnigen Betrachtungen über die Konsequenzen des Hetärismus auseinander:

»Würden die Männer das sexuale Leben der Frau in laxer Weise kontrolliren und so dem Hetärenthum Vorschub leisten, so wäre der ungeregelten und damit unbedachten Zuchtwahl Thür und Thor geöffnet, was der Verbesserung der Rasse niemals förderlich sein könnte – und auf die ›Verbesserung‹ der Rasse kommt's doch an. Die Europäer wissen gewiss, dass die geregelte und wohlbedachte Zuchtwahl auch bei den Hunden und Pferden bessere Resultate zeitigt als die simple natürliche Zuchtwahl. Warum also bei den Menschen anders verfahren? Lässt man der Frau, die doch die ›Verbesserung‹ der Rasse nicht oft im Auge hat, in sexualen Fragen zu viel den Willen – oder gar jeden Willen – so bedeutet das einen Rückfall in die alte vorsintfluthliche Zeit, in der die Mutter das Oberhaupt der Familie war und kein Kind wusste, zu wem es Vater sagen sollte. Solchen Atavismus wird kein vernünftiger Mensch wollen. Wohin steuert also die freie Liebe? In den Hetärismus. Und wohin steuert der Hetärismus? In einen vorsintfluthlichen Zustand hinein, der jederzeit für einen sehr niedrigen gehalten wurde. Das sind die Konsequenzen des Hetärismus! Ich habe Euch das in Eurer Sprache gesagt! Ihr habt mich hoffentlich verstanden, nicht wahr?«

Die Europäer murmeln schüchtern: »Ja!«

Plusa fängt schrecklich zu lachen an und redet also:

»Da brat' mir Einer 'nen Storch! Die Freiheit der Frau ist ein Uebel! Gut! Die Freiheit des Mannes ist aber der Kinder wegen nothwendig, da die Hetären das Sexualsystem der Männer doch von Zeit zu Zeit aufzureizen haben. Ist demnach nicht die Existenz der freien Weiber ebenfalls eine Nothwendigkeit? Haben somit die Hetären nicht mindestens eine eben so grosse Bedeutung und Existenzberechtigung wie die angeketteten Mütter? Diese könnten ja ohne jene garnicht da sein! Was sagt Ihr dazu, Ihr Schlauköppe?«

Die vier anderen Löwen wedeln mit den Schwänzen und blicken nachdenklich in den Wüstensand – dabei nähern sie ihre Schwänze mit den Schlangenköpfen dem Gesichte des Plusa und – schwapp! da hat der Ewigfreche die vier Schlangenköpfe in den Augen und in den Nasenlöchern – und schwapp! da hat er sie noch mal, dass er niesen und Thränen vergiessen muss.

Und über diesen Zwischenfall müssen die Europäer schrecklich lachen, während Plusa vor Schmerz aufbrüllt.

Indess – das Lachen der Europäer empört die Löwen so furchtbar, dass sie donnernd auffahren und den Europäern die Schlangenköpfe an die Köpfe schleudern – und da ist denn das Wehgeschrei bei dem sonst so stillen Publikum.

Raifu hört es, sein Kopf erscheint wieder über dem Vorhang, und seine Stimme dröhnt mächtig durch die Wüste – er sagt drohend:

»Was sollen denn diese Kindereien? Wisst Ihr nicht, was Ihr zu thun habt? Na? Los!«

Und mit ein paar Sätzen sind die Löwen wieder in der Mitte des Vorhangs und reissen ihn knurrend entzwei.

*

Die neunte Nummer beginnt:

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