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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Die verbotene Liebe

Aus dem Boden der heissen, stummen Wüste wachsen Berge heraus – Berge von dunkelgrünem Gestein. Die wachsen bis in den Himmel empor und verdecken die Sonne, sodass Schatten ist überall – kühler Schatten!

Und in der Mitte bildet sich allmählich eine grosse Grotte, an den Seiten bilden sich kleinere Grotten.

Wie die vorn vorstehenden Felsen wieder versinken, sieht man in der Mitte Djafar, den Barmekiden, auf einem weissen Linnenlager: er liegt in seiner Badegrotte und träumt.

Kühles Wasser plätschert sachte von den Felsen herunter in eine grosse blaue Wanne hinein. Von Lapis lazuli ist die grosse Wanne, vor der Djafar, der Barmekide, träumt.

Oben erweitert sich die Grotte, und neben den dünnen, kleinen Wasserfällen schaukeln nun in goldenen Ringen unzählige indische Papageien – die sind ganz bunt – blau, roth und gelb.

In den kleineren Seitengrotten steigen viele Sklaven mit Badezeug gewundene Treppen rauf und runter; die Sklaven sprechen kein Wort.

Zu Djafars Füssen kauert ein weisses Mädchen mit rothen Wangen, schwarzen Augen und schwarzen Haaren.

Der Barmekide träumt von Abbasah und sagt das dem Mädchen, das ihn immerfort andächtig mit schwärmerischen Augen anstarrt.

»Hör, Kind!« ruft er, »ich bin verliebt! – schrecklich verliebt! Ich liebe die schöne Abbasah! Weisst Du, wie das ist, wenn man verliebt ist? Erzähl mir mal, wie das ist!«

»Ich weiss, wie das ist!« erwidert einfach das Kind, »wenn Einer liebt, kommt ihm die ganze Welt ganz anders vor. Alles ist verwandelt. Die Bäume sind keine Bäume mehr. Die Blumen duften viel stärker und anders. Die harten Steine sind weich wie Wachs. Und das Wasser ist oft so hart wie Stein. Man hungert und will doch nicht essen. Man hört viele Stimmen im Garten – die sprechen, was man nicht sagen kann. Und die Sterne des Himmels sind so nah – fast zum Greifen. Und – und – «

Das Kind fängt an zu zittern und muss heftig weinen. Es küsst Djafars Füsse, die von den Thränen ganz nass werden.

Der Barmekide lächelt und nickt, er streichelt dem weinenden Mädchen die Haare aus dem Gesicht und denkt an Abbasah – er seufzt.

»Hol den Bademeister!« flüstert er, »ich will noch einmal in meinem Palaste baden – dann zieht Harun hier ein. Der Glückliche! Aber – hoh! hoh! – wir wollen sehen, wer glücklicher ist!«

Er räkelt sich auf den weissen Tüchern und klopft dabei mit dem Knöchel des rechten Zeigeringers an die blaue Wanne von Lapis lazuli – es klingt.

Die Sklavin hat sich erhoben und geht langsam links ab, blickt sich öfters um – doch das sieht ihr hoher Gebieter nicht – der denkt nur an Abbasah – pfeift dazu.

»Blumen will ich haben!« ruft er noch.

Und lange Zweige mit kleinen, weissen Blüten fallen vorn vor der Grotte langsam runter und bleiben schaukelnd hängen; es sind bald so viele weisse Blütenzweige, dass die Grotten sämmtlich verdeckt werden.

Eine weisse bebende Blütenwand macht den Djafar, die Papageien und Sklaven, das grüne Gestein und alles Andre – unsichtbar.

– – – – –

Aber ein leises Knirschen ist gleich zu hören, und nach ein paar Augenblicken theilt sich die Wand; die weissen Blütenzweige werden nach rechts und links an die Seite geweht – wie von einem Doppelwinde.

Und jetzt steht mitten in einem üppigen Garten eine Alabasterhalle – in der die Abbasah baden will.

Die Sklavin Onabba putzt eifrig die kleinen und die grösseren Metallspiegel blank.

Abbasah liegt auch auf einem weissen Linnenlager und träumt auch – sie träumt von Djafar, dem Barmekiden.

Tausend Wohlgerüche wehen berauschend aus der Alabasterhalle heraus. Die Nasen der Europäer schnuppern – so was haben sie noch nie gerochen.

Abbasahs Bäder duften stets sehr stark.

Sie liebt nur sehr theures Räucherwerk und nur sehr kostbare Seifen. In ihrer grossen Alabasterwanne war nie ein Tropfen Wasser. Da schwimmt nur warme Ziegenmilch mit Honig und Waldkräutern, Schöpsenblut und Rosenöl herum. Und wenn's erst ans Baden geht, kommen noch viele viele andre Sachen hinein; und die duften alle betäubend, dass die Blumen draussen im Garten ihren Duft verlieren. Die vielen Spezereien stehen in unzähligen bunten Kruken und Flaschen an den Wänden herum; es sieht beinah wie im Krämerladen aus. Nur die herrlichen Wände, die ganz aus Alabaster sind, erinnern daran, dass man in den Gärten der Chalifenburg weilt.

Und Abbasah spricht zu ihrer Sklavin:

»Onabba, das war eine schreckliche Nacht. Ach, das Leben ist Nichts. Djafar hat mich geküsst. Mein wirklicher Gemahl war so gütig, mich von Djafar küssen zu lassen – zu gütig! Ich bin einfach toll! Gieb mir den Spiegel!«

Die Onabba reicht ihr einen kleinen Handspiegel und lächelt verschmitzt.

»Wie lange,« fragt die Sklavin, »küsste Euch der Barmekide? Was dachtet Ihr bei seinem Kuss?«

»Garnichts!« brummt die Abbasah.

Doch nach einer Weile sagt sie leise:

»Onabba, Du darfst es Keinem sagen: nachher, wie ich mit Harun allein war, dacht' ich nur an Djafar – ich glaub', ich liebe den Djafar.«

»Das glaub' ich,« versetzt die Sklavin nachdenklich, »vorläufig noch nicht. Wenn Ihr Euren neuen Gemahl, auf dessen Besitz Ihr doch eigentlich ein Recht habt, in Wahrheit lieben würdet, so wäret Ihr heute nicht so ruhig. Ihr könnt doch jedenfalls thun, was Euch passt und braucht Euch nicht um den alten Harun zu kümmern. Nein, Ihr liebt den Djafar noch nicht – noch lange nicht!«

»Was Du schlau bist!« ruft da lachend die hohe Herrin, »wie würd' ich mich denn benehmen, wenn ich den Djafar in Wahrheit lieben würde?«

»Oh, ganz anders!« sagt die Schlaue, »Ihr würdet die Fäuste zusammenknallen, mir den Spiegel an den Kopf werfen, hell auflachen und gleich wieder flennen wie 'n geprügeltes Kind. Ihr würdet Euer langweiliges weisses Gewand zerreissen – und mir Eure Diamanten schenken – mir um den Hals fallen – und mit mir ringen – dabei wieder weinen vor Wuth – und dann wieder lachen! Ihr würdet mich mit meinen Kleidern in die Badewanne werfen! Ihr würdet mich dann wieder küssen – und mir die Haare trocknen – mich auch wieder schlagen – und schliesslich mir die Kleider vom Leibe reissen – und mich beissen – und – «

»Onabba, hör auf!« schreit keuchend die Abbasah, »Du machst mich verrückt! Hol mir die Bademädchen! Ich will baden und den Djafar verfluchen und lieben. Schnell! Die Bademädchen!«

Die hohe Herrin drückt krampfhaft ihren Metallspiegel an die Brust.

Die Onabba rennt hinten raus; man hört ihre Stimme Befehle ertheilen.

Im Garten wird's lebendig.

Abbasah will ihr weisses Kleid zerreissen – es ist aber zu fest – zu stark.

Die Bademädchen kommen.

Der Vorhang fällt.

*

Die Löwen essen ein bischen Rhinocerosmark.

Die Europäer sehen sich den Vorhang an.

Der Vorhang ist feuerroth. In seiner Mitte ist ein aufrecht stehender totblasser Mann gemalt, der in höchster Verzückung die Augen verdreht und tausend ganz lange dünne Arme gierig wie Spinnenbeine nach oben und nach den Seiten hin ausbreitet, als wollt' er was mit ihnen umarmen. Die Kleider sind undeutlich – sowohl in der Farbe wie in der Form.

Die Löwen machen über den Vorhang einige kunstkritische Bemerkungen, die leider nicht von Bedeutung sind.

Die Europäer benutzen ihre Operngucker mit beneidenswerther Ausdauer.

Olli, der Scharfsinnige, bemerkt mit sachkundiger Miene, während er sich mit den Krallen etwas Rhinocerosmark aus dem Schnurrbart kratzt:

»Man fühlt doch gleich heraus, dass die ganze Geschichte in erster Linie fürs Volk aufgeführt wird, aufs Volk berechnet ist. Es ist nur traurig, dass die Geschichte für die Europäer trotzdem noch in so mancher Beziehung zu hoch ist.«

Er reicht seinen leeren Teller den flinken Wiener Kellnern. Die andren Löwen reichen ihre Teller auch herunter.

Fünfzig Mann tragen immer einen Teller fort.

Knaff bemerkt unwirsch:

»Nächstes Mal vergesst nicht die Wischtücher fürs Maul! Es sind doch genug da!«

Plusa sagt mit seiner klaren lauten Stimme:

»Dieser Harun! Dieser Mensch, der die Sitte durchbrechen will! Was der sich blos einbildet! Unglaublich! Jugendliche Schwärmerei! Unsittliche Begierde!«

Hienach ergreift der ungestüme Knaff abermals das Wort: »Und diese herrliche Harmonie der liebenden Seelen! Wie sie sich gegenseitig Alles nachmachen! Köstlich war's! Und Harun liebt die Beiden! Das soll wahrscheinlich auch ›freie Liebe‹ sein. Europäer, passt auf, dieses Stück wird Euch jede Art von ›freier Liebe‹ ein für alle Mal vergällen. Ihr sollt endlich mal Euren Weibern die Freiheitsgelüste auspumpen! Führt endlich mal den Harem in Europa ein!«

»Nun hör doch endlich mal auf!« brüllt da der vornehme Frimm los, »wir dürfen doch jetzt noch nicht sagen, worauf's ankommt!«

»Warum nicht?« brüllen die Andern.

»Raifu will doch nur Propaganda für den Harem machen!« brüllt der Knaff.

Und die Löwen werden ungemüthlich. Sie greifen den vornehmen Frimm thätlich an, schlagen mit den Tatzen nach seinem Gesicht und knallen fürchterlich mit den Schwänzen.

Doch da erscheint über dem Vorhang wieder Raifu's bärtiges Antlitz.

»Ruhe!« spricht er scharf, »macht nicht solchen Lärm! reisst den Vorhang entzwei!«

Die Löwen springen knurrend in die Mitte des Vorhangs hinein, packen ihn mit Tatz und Zahn und reissen ihn mit solcher Wuth auseinander, dass sie rücklings hinstürzen und von den beiden Hälften des Vorhangs ein Stück im Sande auf dem Rücken geschleift werden, was einen etwas hilflosen Eindruck macht.

Die Europäer beissen sich in die Lippen.

*

Die fünfte Nummer beginnt:

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