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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Die Drei!

Das Steingebirge birst laut knackend mitten entzwei. Die Felsen fallen nach rechts und links um – in die Ecken – – und der Tigris ist da.

Der breite Strom rauscht gurgelnd und plätschernd, langsam, behäbig von der linken nach der rechten Seite vorüber.

Dunkel ist der Fluss. In der Mitte wird er durch einen breiten Glanzstreifen, der senkrecht von hinten nach vorn kommt, in zwei Hälften getheilt.

Hinten oben mitten im Himmel steht der Vollmond; der Glanzstreifen strahlt glitzerndes Mondlicht aus.

Das Ufer, das im Hintergrunde Himmel und Wasser trennt, bildet nur eine schmale Linie – einen langen schwarzen Querstrich.

Und von links naht Haruns grosse Staatsbarke – langsam schaukelnd wie ein stolzes Dromedar.

Mitten im Glanzstreifen fällt das Segel aufs Verdeck und der Anker in die Tiefe.

Und der schwarze Mast theilt den Glanz und den Mond.

Links vom Maste sitzen die Sklaven, rechts vom Maste sitzt der Chalif mit Abbasah, seinem Weibe, und mit Djafar, seinem Freunde. Die Drei sind zusammen und preisen den Mondenschein. Djafar nennt seine neue Ehe seine Mondscheinehe.

Abbasah lächelt, und Harun lacht.

Man trinkt uralten Wein aus goldenen Pokalen.

Und Djafar sagt, den Becher in der Hand, mit müder Stimme: »Es ist doch eigentlich das ganze Leben Nichts als überflüssige Mühe. Auch das Trinken hat keinen Zweck. Es ist auch blos überflüssige Mühe. Ich sehe überall nur zweckloses Gethu. Schliesslich ist doch auch das üppigste Leben sehr einförmig. Man trinkt und liebt drauf los mit gutem Muth und guter Laune – aber man könnt's auch lassen. Wisst Ihr, es ist am Ende kein Vergnügen mehr, vergnügt zu sein. Harun, lach nicht so viel! Das Lachen hat ebenfalls keinen Zweck.«

Weisse Möven flattern vorüber, sie sehen im Glanze des Mondes auch schwarz aus – so schwarz wie der wackelnde Mast der Staatsbarke.

Harun lacht nicht mehr, er hebt schwärmerisch seinen Becher empor und ruft laut:

»Djafar! Welchen Unsinn sprachst Du! Dieses unmässige Leben soll keinen Zweck haben? Wir geniessen's doch mit allen Adern und allen Muskeln. Wir sind doch so furchtbar glücklich! Djafar, wir feiern heute das grosse Fest unsrer Freundschaft und unsrer Liebe! Da sollst Du nicht schwermüthig sein! Wir sollen trinken und selig sein! Ich liebe Dich ja so masslos! Meine Liebe zu Dir ist mächtiger als alle Reiche der Welt – oh, mächtiger als Allahs Arm – so stiermässig wild wie meine Liebe zu Abbasah, meinem Weibe – genau so! genau so!«

Und der Chalif küsst seinem Weibe die Stirn und trinkt dann lange – lange – und weint.

Links vom Maste sehen die Europäer die Köpfe der Sklaven in seltsamer Bewegung, als wenn sie die Hälse reckten.

»Musst Du stark sein!« erwidert Djafar leise. Er füllt Abbasahs Becher und trinkt ihn selber aus. Harun macht ihm das ernst, ohne ein Wort zu sagen, nach.

Die Abbasah kriegt einen Lachkrampf.

»Ich soll wohl,« bemerkt sie, wie sie sich erholt hat, »Garnichts mehr zu trinken bekommen. Harun, gieb mir meinen Becher! Du bist der mächtigste Säufer der Welt. Trinken kannst Du; aber was Du redest, ist nicht sehr bedeutend.«

Der Chalif schaut sein Weib lächelnd und selig an, reicht ihm den vollen Becher und sieht zu, wie's langsam schlürfend trinkt.

Währenddem ertönt auf dem Fluss von links her ein vielstimmiger Frauengesang – eine wehmüthige, schwermüthige Weise – ein altes Volkslied, das von Treubruch und Tod handelt.

Dem Harun stürzen von Neuem die Thränen ins Auge – er weint bitterlich.

Djafar sagt ernst: »Es ist das ganze Leben Nichts als ein grosser Jammer. Was wir wollen, erreichen wir nicht. Wir wissen nicht einmal, was wir eigentlich wollen – obschon wir wissen, dass wir Etwas wollen.«

»Du willst sagen,« fällt da die Abbasah lebhaft ein, »dass wir uns immer unbefriedigt fühlen. Jawohl, Nichts befriedigt uns. Sieh, mir liegt der mächtigste Herrscher der Erde zu Füssen, Hunderte von Sklaven und Sklavinnen rennen sich tot, wenn ich's wünsche. Alles geschieht, so wie ich's haben will. Aber glaubst Du, das macht mich glücklich? Nicht im Geringsten! Ich fühle nur immer empfindlicher, dass ich Etwas will, was ich noch nicht kenne – ein Neues – etwas Unerhörtes – etwas märchenhaft Schönes, das mich ganz still machen kann. Du, Djafar, hast Recht! Das ganze Leben ist Nichts werth. Harun ist immer halb betrunken, daher fühlt er die Qualen dieses Lebens, das uns doch nie genug und nie das Richtige geben kann, so schrecklich selten. Hab' ich Dich nicht verstanden, Djafar? Jawohl! Ich verstehe Dich! glaub's mir – ich verstehe Dich ganz!«

Harun trocknet seine Thränen mit seinem rechten Rockärmel – der Gesang verhallt in der Ferne.

Djafar küsst der Abbasah die Hand. Der Chalif macht ihm das nach.

Der dunkle Querstrich des fernen Ufers wird dunkler, der Mond noch heller; der Glanzstreifen funkelt auf dem Wasser wie Millionen Diamanten funkeln. Der Drachenkopf, in den rechts das Vordertheil des Schiffes ausläuft, nickt bedächtig wie ein dummer Pagode. Der Mast wackelt von rechts nach links. Man weiss nicht, ob dies Nicken und Wackeln den Werth des Lebens bejahen oder verneinen will. Das Wasser zu beiden Seiten der Staatsbarke ist dunkel wie bisher. Im Himmel sind die Sterne ganz klein, da der Mond so helle scheint.

Djafar murmelt leise:

»Schwere dunkle Linien durchqueren und durchkreuzen unser Leben – sie zerschneiden unser Glück!«

»Zeig mir Deine Hand!« ruft da plötzlich die Abbasah.

Der Chalif lässt sofort eine Fackel anzünden. Und die leuchtet nun über den drei Menschen; die Abbasah ist weiss gekleidet, Harun grün und Djafar gelb.

Die Linien in Djafars Hand kommen dem grossen Weibe, das Alles versteht, sehr dunkel, geheimnisvoll und gefährlich vor. Aber dem Djafar kommt, wie man ihm grosses Unglück prophezeit, der alte Übermuth wieder:

»Was nutzt es,« spricht er mit erhobenem Becher, »dass wir uns Sorgen machen um dieses armselige Leben? Das macht das Leben nicht besser. Auf! lasst uns trinken! Harun, ich geb' Dir Recht: wir sollen trinken und selig sein. Stosst an! Wir wollen uns wieder begeistern! Die Begeisterung ist thatsächlich das Einzige, was Werth dem Leben giebt. Es ist allerdings ganz gleich, wofür wir uns begeistern.«

Da tönt, während die Drei unheimlich weiter zechen, von rechts ein wildes Liebeslied über die dunklen Wasser des Tigris.

Harun umarmt sein Weib und küsst es, als wenn er mit ihm allein wäre.

»Zurückfahren!« schreit er den Sklaven zu.

Der Anker wird rasselnd raufgezogen.

Und die Staatsbarke dreht um und geht wieder nach links ab.

Die Räder strudeln durch den Fluss.

Doch bevor das Schiff verschwindet, hört man den Chalifen noch einmal laut und herrisch schreien:

»Djafar, mein Freund! Mein bester, einziger Freund! Küss  a u ch  mein Weib! Küss  a u ch  mein Weib! Ich will's! Ich befehl's!«

Die Barke verschwindet, der Gesang verhallt, und Alles wird still.

Dunkle Wolken ziehen herauf und verdunkeln den Mond ganz und gar. Der Glanz auf den Wassern verliert sich. Die Wasser werden unbeweglich. Es sieht plötzlich so aus, als wären sie erfroren. Sie nehmen eine gelbliche Färbung an.

Und dann wird der Fleck, auf dem der Mond stand, allmählich heller und immer heller – sonnenhell!

Die heisse Sonne steht unversehens am Himmel.

Und unten, wo das Wasser rauschte, glüht jetzt der gelbe Sand der Wüste.

Die Sonne des Orients scheint auf eine stille unbewegliche Wüste hernieder.

Heisse brennende Mittagsglut überall!

Und kein Laut stört das blendende Bild.

Kein irdisches Wesen lebt in dieser schwülen Luft.

*

Die blauen Löwen schütteln die Mähnen.

Und Olli bemerkt nach Überwindung eines kurzen Hustenanfalls:

»Na, das wird ja 'ne schöne Mordsgeschichte! Europäer, passt auf! Putzt Eure Operngucker und Eure Schallfänger, damit Euch Nichts entgeht! Jetzt ist Pause! Wenn wir reden, ist immer Pause. Vergesst das nicht!«

Die Europäer stehen auf und verbeugen sich; sie wollen dadurch für die Belehrung danken.

Zu reden wagt Keiner von den Zuschauern; die Löwen reden auch schon genug.

»Ganz unglaublich!« brüllt Knaff, »diese Vertrauensseligkeit des dummen Chalifen ist ja einfach lächerlich. Dass dieser Djafar ein ganz abgefeimter Verführer ist, würde jedem Lappländer sofort klar gewesen sein. Aber der dumme Chalif merkt Nichts. Ganz unglaublich!«

»Ich glaube,« versetzt Frimm, »es ist augenblicklich noch nicht nöthig, in den Gang der Handlung thatkräftig einzugreifen. Es erscheint mir das nicht vornehm genug. Wir werden später noch genug Gelegenheit haben, weise und belehrende Bemerkungen einzustreuen. Also: legen wir uns vorläufig ruhig hin!«

Die blauen Löwen legen sich vorläufig ruhig hin.

Die Europäer athmen erwartungsvoll tief auf.

*

Die vierte Nummer beginnt:

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