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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Rache! Rache!

Noch einmal erstrahlt Bagdads Chalifenburg in all ihrem Glanz; die Europäer können lachen: sie erschauen Haruns herrlichen Thronsaal, in dem die wichtigsten Staatsgeschäfte erledigt und die grossen Gesandtschaften empfangen werden...

Hier leuchtet der Reichthum des gewaltigen arabischen Weltreichs noch einmal mit all seinem Farbenzauber voll blendender Kraft ins weite Land der Erde hinein.

Eine plumpe Pracht! Freilich! Aber sie erfüllt doch mit ehrfürchtigem Staunen, wenn man nicht vergisst, dass die rohen ungebildeten Söhne der Wüste diese Pracht erzeugten.

Allerdings war's ein ›Räubervolk‹, das sich ein Sinnbild seiner Macht in Haruns herrlichem Thronsaal schuf; doch gab's jemals in der Welt eine Macht, die nicht durch Raub entstand? Wahrlich nicht!

Mehr hinten in der Mitte des Saales erhebt sich eine breite Wandstirn, die von oben bis unten mit lauter blitzenden Diamanten bedeckt ist. Zehn rothe Säulen stehen vor der Wand; unzählige Rubine machen die Säulen roth. Rechts und links von der Diamantenstirn führen blaue Säulenreihen ganz tief in den immer dunkler werdenden Hintergrund; unzählige Saphire machen diese Säulenreihen blau. Der Fussboden ist überall aus purem Golde.

Der Vordergrund ist hell, denn da überspannt den Saal keine silberne Decke wie über den Saphirsäulen – vorn hängt oben nur ein schwerer grosser weissseidener Teppich, dessen Muster mit schwarzen Perlenschnüren angesteckt sind.

An der linken Seite ganz vorn vor einer Wand aus weissen Perlen, die ganz nach hinten geht, steht der grosse Thron mit seinen unzähligen grasgrünen Smaragden. Auf einem viereckigen Smaragdkasten, an dessen vier Ecken dünne Smaragdsäulen nach oben gehen, liegen weiche orangefarbige Kissen, auf denen regungslos mit untergeschlagenen Beinen der Chalif sitzt. Der Thronhimmel, den die vier Säulen tragen, bildet eine smaragdene Riesenkrone, deren Inneres mit rosafarbiger Seide ausgeschlagen ist.

Die Europäer sehen von Harun, der sich in hellblaue Seide gekleidet hat, nur die rechte Körperhälfte. Seine Haltung ist gebückt. Seine Barthaare sind ergraut. Sein Blick ist unstät und scheu. Aber seine dunkelblauen Saphire funkeln auf der hellblauen Seide heftiger denn je.

Der rothe Masrar naht wieder dem Throne; er sollte in Erfahrung bringen, wo noch Barmekiden leben. Masrar hat leider Nichts erfahren.

»Ich habe,« sagt er, »fünfzig ihrer früheren Freunde sehr sehr grausam foltern lassen – Alles war vergeblich. Es lebt kein Barmekide mehr.«

»So sollen,« brüllt der Chalif, »ihre Freunde bluten – alle ihre Freunde. Rache will ich, Du Hund! Das Biest regt sich wieder in mir.«

»Das schlief nie!« versetzt der Henker lachend, »doch nur in Rakkah wird es sich austoben können. Harun muss noch heute Bagdad verlassen und nach Rakkah übersiedeln.«

»Warum?« fragt knirschend der Chalif.

»Weil das Volk,« erwidert der Henker, »der vielen Hinrichtungen wegen aufrührerisch geworden ist. Es hasst den Masrar und wird gefährlich. Wilde Horden unter der Führung gewandter Hauptleute können jeden Augenblick in die Chalifenburg eindringen. Die Gesandten des Chalifen von Peking werden schon ängstlich und wollen heute noch nach Hause fahren. Sie werden schon gemeldet.«

Zwei Hausmeister melden die Chinesen an.

Harun murmelt bebend: »Man soll das Volk nur gefesselt in Freiheit lassen – man muss es behandeln wie ein Weib.«

Und die Chinesen kommen und werfen sich dem Chalifen zu Füssen, legen noch viele Kostbarkeiten auf den Fussboden und bitten um die Erlaubnis, abreisen zu dürfen. Sie wird ihnen gnädigst gewährt. Und die Gesandten machen fünfzig tiefe Verbeugungen vor dem Herrscher des westlichen Orients und verschwinden rechts rückwärts gehend.

Nach diesem sehr formvollen Auftritt kommen von hinten zwischen den Saphirsäulen die Hofleute heran. Sie erklären dem Chalifen, dass er unter allen Umständen, wenn weiter gegen die Anhänger der Barmekiden vorgegangen werden solle, Bagdad verlassen und nach Rakkah übersiedeln müsse.

Harun erklärt sich bereit, will aber noch einmal Blut in seinem Thronsaale sehen – einer der Hofleute habe ihn mit gerunzelter Stirn angestarrt – und er fühle sich beleidigt.

Der, dem's galt, ist ein kühner Greis – er spricht lächelnd: »Wann, Harun, fühltest Du Dich nicht beleidigt? Und von wem fühltest Du Dich nicht beleidigt? Wir sind hier an einem Schlachthofe. Aber Du hast vergessen, dass der Tod nicht blos eine Strafe, sondern viel mehr noch eine Erlösung ist. Wenn Du mich tötest, werde ich von Deinem verhassten Anblick befreit und höre Nichts mehr von Deinem ekelhaften Gebahren. Das ist eine Erlösung – glaub's mir!«

»Masrar! Schneid ihm die Zunge raus!«

Also brüllt der verrückte Chalif, der Greis stösst sich aber den Dolch ins Herz, und sein Blut spritzt auf die Smaragde des Thrones.

Harun erhebt sich und befiehlt, sein Ross zu satteln – er will nach Rakkah reiten.

Langsam geht der Chalif mit seinen Hofleuten zwischen den Saphirsäulen nach hinten.

Stimmengewirr hört man in der Ferne.

Die Leiche des Greises wird fortgetragen.

»Endlich geht's,« sagt Masrar, »nach Rakkah! Auch eine Erlösung! Das hat Mühe gekostet, diesen Wütherich zu überreden. Dass gerade die besten Menschen immer die schlimmsten Thaten begehen müssen! Beim Barte des Propheten! Ich kann doch nicht sämmtliche Bewohner Bagdads köpfen.«

Einige Hofleute nähern sich jetzt dem Masrar und zeigen ihm einige Papyrusrollen, die sie ihm vorlesen. Man hat nämlich in den Regierungskreisen der Burg, ohne den Harun weiter zu fragen, beschlossen, den Thronsaal von den Führern des aufständischen Volkes plündern zu lassen. –

Und die Hauptleute kommen jetzt in den Thronsaal, und wie sie all die funkelnde Pracht sehen, funkeln auch ihre Augen – sie versprechen, das Volk zu beruhigen und reissen gierig die Diamanten und Perlen von den Wänden.

Sie sind bald emsig bei der Arbeit.

Die Stimme des Volkes im Hintergrunde verhallt.

Und wie nun die Aufrührer Alles zerstören und an sich raffen, wobei ihnen viele Hofleute helfen, geht der Palast, nachdem er von einem unsichtbaren Messer in der Mitte durchgeschnitten ist, langsam nach beiden Seiten aus einander – und Bagdad – die Stadt des Heils – liegt in all ihrer Schönheit vor den trunkenen Augen Europas.

Es ist Abend, und die Bewohner der Stadt feiern ein Freudenfest, da sie so froh sind, dass der schreckliche Harun endlich die Chalifenburg verlassen hat.

Die Strassen der Stadt sind festlich geschmückt, und überall brennen kleine bunte Papierampeln.

Onabbas Bruder lässt mit seinen indischen Zaubrern auf allen Plätzen und an allen Strassenecken kleine dunkelrothe Luftballons aus Papier in den von unzähligen Sternen übersäeten Nachthimmel emporsteigen.

»Thränen des Volkes« hat der Schlaue die rothen Luftballons, die unten offen sind und eine kleine Schale mit brennendem Harze tragen, genannt.

Onabbas Bruder wird vom Volke auf den Händen getragen, den Zaubrern geht's ebenfalls nicht schlecht.

Die blutigen Thränen des Volkes steigen unaufhörlich in ungeheurer Anzahl in den blauen Sternenhimmel empor.

*

Die Löwen merken erst nach einer guten Weile, dass wieder Pause ist.

Die Löwen, die sich immer noch recht angegriffen fühlen, obwohl sie ihre alte hellblaue Farbe schon wiederbekommen haben, trinken ihren Cognac und sprechen im leisen Flüstertone zu einander.

»Wir müssen bedenken,« bemerkt der gute Pix, »dass der Tod im Orient nicht so weh thut wie in den weniger bevorzugten Gegenden der Erde. Das Sterben und Geborenwerden ist im gesunden Orient schmerzloser. Die Hitze muss wohl die Empfindungsfähigkeit verringern. Demnach ist eine orientalische Mordsgeschichte immer noch erträglicher als eine europäische. Kinder, wo sind unsre Drehorgeln geblieben?«

Frimm erwidert leise: »Die Drehorgeln hat uns der Wind entführt. Lass sie sein, wo sie wollen! Ich werde schon müde. Wir wissen ja, dass jeder ›grosse‹ Mensch eine wilde Bestie in sich herumträgt. Die ›guten‹ Menschen haben blos gezähmte Bestien in ihrem Leibe. Das ist aber längst bekannt.«

Olli meint: »Das Stück ist ohne Frage ein Kraftstück.«

Raifu's Stimme tönt dumpf wie die einer Glocke in die Wüste nieder und sagt: »Löwen, es vergehen jetzt drei Jahre! Markirt die lange Zeit!«

»Lieblich!« zischelt da der Plusa: »also sollen wir langweilig werden! Das wird mulmig! Olli, verrückte Kröt! Red mal was Längeres!«

Und Olli redet ganz langsam und weich wie ein alter Knabe, der Nichts von Heldenthaten wissen will – still und sanft wie ein duldendes Weib:

»Nur Polizisten und Moralisten sind wahrhaft böse Menschen, da sie sich stets mit schlechten Handlungen befassen und bald nur noch solche sehen oder überall vermuthen, was sie dann allmählich veranlasst, in jedem Menschen einen Verbrecher zu erblicken, und im eingebildeten Kampfe gegen dieselben sich für berechtigt – ja für verpflichtet – halten, auch zum Verbrecher zu werden.«

»Solche Moralisten und Polizisten,« tuschelt Plusa dem Frimm ins Ohr, »sind wohl auch die blauen Löwen.«

Doch Olli fährt mit sanfter Stimme fort: »Wenn einem europäischen Ehemanne das Weib entführt wird, so soll er nicht gegen den Verführer wüthen, sondern gegen sich selbst – lass Deiner Frau keine Freiheit, so wird sie auch keinen schlechten Gebrauch von ihrer Freiheit machen.«

»Sehr kluger Rathschlag!« zischelt wieder der Plusa.

Knaff aber brummt ärgerlich:

»Der Harem ist allmählich in Europa zum tiefgefühlten Bedürfnis geworden.«

»Na, wenn das nicht,« höhnt leise der Plusa wieder, »den Europäern bald ganz und gar klar geworden ist, so werden sie's nie begreifen. Die Losung muss aber nicht blos heissen: Fort mit der Frauen freiheit! – sondern viel schärfer noch: Fort mit der Frauen arbeit

Frimm brummt im tiefsten Bass:

»Es lebe der sexuale Anstand!«

Die Löwen schweigen und knallen leise mit ihren Schwänzen.

Das Geknall wird melodisch.

*

Die zweiundzwanzigste Nummer beginnt:

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