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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Das wilde Thier

Die Finsternis theilt sich, und zwischen den bunten Tulpenbeeten der Chalifenburg wandelt Zobaïda, Haruns schwere Gemahlin, an den Armen ihrer beiden Leib-Eunuchen. Der Henker Masrar schreitet ihr voran.

Die Beiden sprechen über die schrecklichen Ereignisse der letzten Zeit mit grosser Trauer in den Mienen. Die Zobaïda weint in Einem fort.

Masrar spricht freundlich im tiefsten Bass:

»Ich habe die Abbasah nie leiden mögen. Es ist das alte Lied von den gebildeten Frauen, die immer mal raus wollen und nicht einmal mit dem reichsten Fürsten der Welt zufrieden sind.«

»Und nun hat er noch,« ruft die Zobaïda, »alle andern Barmekiden einsperren lassen?«

»Nicht alle,« antwortet höflich der Henker, »vorläufig blos sechzig Stück. Sie stehen im Verdachte des Hochverraths und sollen auch die gottlosen Zindyks unterstützt haben. Das freigeistige Auftreten der Barmekiden ist mir oft genug unangenehm aufgefallen.«

»Und kann,« fängt die hohe Frau wieder an, »mein hoher Gemahl garnicht dazu gebracht werden, zu verzeihen und zu vergessen?«

»Anfangs,« versetzt der Henker, »verzieh und vergass er Alles – jetzt Nichts.«

Bei den blauen Tulpen, die gleich hinter den rothen wachsen, bleibt Masrar sinnend stehen; Zobaïda verpustet sich.

Ein ganz feiner glitzernder grauseidener Vorhang fällt in tausend zoddeligen Falten herab und verdeckt Alles, reisst aber bald wieder in der Mitte entzwei und fliegt nach beiden Seiten fort.

Und die Europäer sehen noch einmal die breite Brücke mit dem hohen Thor, hinten über der Brücke die grünen schrägen Festungswälle – rechts die Landstrasse, die in den tiefsten Hintergrund führt.

Und auf dem hohen Thor steckt auf hohem Speer Djafars toter Kopf. Auf den schlanken Mastbäumen der Brückengeländer stecken Djafars Arme und Beine und Stücke vom Rumpf. Die Mastbäume sind blutig, die braune Haut des Fleisches sieht zusammengeschrumpft aus. Frauen und Kinder gehen eilig über die Brücke ins Thor hinein und schütteln sich vor Entsetzen. Die Landstrasse ist ganz still. Und die Sonne des Orients lacht über der grausigen Welt.

Und ein zweites zerzaustes feines faltenreiches Schleiergewebe fällt herab und verhüllt Alles.

Wie der Schleier wieder zerreisst und wegweht, erscheint im Lichte des Vollmondes der alte viereckige Thurm, in dem einst Djafar und Abbasah ihre freie Brautnacht feierten.

Jetzt sitzen die sechzig Barmekiden drinn und – verhungern.

Die Hungernden fluchen und winseln, brüllen und wimmern, brechen in wahnsinniges Gelächter aus und verfallen in lärmende Tobsucht. Es ist entsetzlich anzuhören. Der viereckige Thurm ist zum Tollhause geworden.

Und Harun, dieser Unmensch, lässt seine Todfeinde nicht auf ein Mal verhungern, sondern ganz langsam – immer wieder schickt er ihnen ein Stückchen Brot und ein Stückchen allerbeste Lammbrust. Es giebt aber immer nur so wenig, dass blos der Hunger noch erhöht wird. Und es giebt immer nur das Beste, damit die armen Barmekiden nur ja von keiner Krankheit befallen werden, die schneller tötet als dieses Hungern.

»Du Scheusal! Du gemeine Kröte! Du Pestbeule der Menschheit! Du Vieh!«

So und noch viel schlimmer schimpfen die verhungernden Barmekiden auf den allmächtigen Chalifen, der allnächtlich vor dem Thurm Stunden lang auf und ab geht und mit grausiger Wollust hört, wie die wahnsinnig gewordenen Barmekiden den grossen Harun verfluchen. Es ist schauderhaft! Harun geht wieder auf und ab!

Eine schneeweisse Riesenfaust legt sich vor diesen Abgrund bestialischer Grausamkeit; das Angstgeschrei ist erstickt.

Wie die Faust fortgezogen wird, sehen die Europäer den Masrar bei der Holagga.

Der Henker, der jetzt die Chalifenburg ganz und gar unter sich hat, den selbst die allmählich immer mehr aufkommenden Freunde der Zobaïda und Holagga umschmeicheln, redet wie ein ächter Staatsmann, bekämpft in erster Linie den Anhang der Prinzen Emin und Mamun. Und dann verlangt der rothe Mann, Holagga solle mit ihren Sängerinnen ein paar wehmüthige Lieder singen, um den Chalifen weicher zu stimmen. Die Holagga erklärt sich bereit, wenn Masrar so freundlich sein wolle, mit ihr eine Parthie Schach zu spielen. Und sie gehen in die stille Fischerhütte, die oben auf dem Veilchenhügel steht; die Holagga ist ein wildes Weibsbild, das vortrefflich Schach spielen kann.

Weisse Rosen sickern in so grossen Massen nieder, und der Veilchenhügel mit der Fischerhütte ist den Blicken der Europäer entzogen.

Wie die weissen Rosen alle unten sind, steht wieder der viereckige Thurm mit dem Vollmonde an der Seite auf der Bühne; das Geschrei der Hungernden wird von den milden Klageliedern, die Holaggas Sängerinnen anstimmen, ein wenig übertönt und allmählich ganz stumm gemacht.

Harun sitzt vorn auf seinem Diwan und ist anfangs ganz ruhig. Als aber die Barmekiden nicht mehr heulen und fluchen – nicht mehr kreischen und wimmern – da ruft der Tyrann:

»Masrar! Masrar! Scheuch mit Deinen Gesellen die Weiber fort. Deine Knechte können mit den Weibern machen, was sie wollen. Und dann bring schnell die Abbasah und eine Karre mit Kuhdünger hierher.«

Alles geschieht. Die Weiber kreischen und quieken plötzlich noch toller als die armen Barmekiden, und die Abbasah wird vorgeführt.

Das Weibergekreisch im Hintergrunde hört plötzlich auf.

Harun speit der Abbasah ins Antlitz und befiehlt, sie mit Kuhdünger zu begiessen.

»Die Abbasah bleibt leben,« schreit er lachend.

Das Bild reisst plötzlich knirschend entzwei.

Und eine grosse Felsenschlucht mit Terrassen auf beiden Seiten thut sich auf.

Riesen stehen auf den Terrassen und reissen breite hohe Säulen aus den Felsen heraus und wollen die Säulen über die Schlucht hinüber nach den anderen Terrassen werfen, auf denen andre Riesen dasselbe wollen.

Sobald sie aber eine Säule wüthend emporgehoben haben und nun schmissen wollen, bricht sie lautlos entzwei und stürzt lautlos ins Thal. Das Spiel wiederholt sich immerfort. Die Riesen werden immer wüthender.

Immer schneller reissen die Wüthenden die Säulen aus dem Felsboden heraus, und ebenso schnell zerfallen die Säulen, die schneeweiss sind und herrlich anzuschauen; die Felsen sind schwarz wie Kohle und die Riesen nackt und braun.

Die Säulen brechen und fallen, die Riesen zittern vor Wuth und schwitzen mächtig.

Aber lautlos bleibt das bewegte Bild.

*

»Ein Stück aus Dollhaus!« ruft Pix aus.

»Ein starkes Stück!« bemerkt der Frimm.

»So stark, dass es nur für Männer ist,« flüstert Plusa.

Olli sagt bedächtig: »Ja! Ja! Nichts kann Einem schliesslich so unheimlich werden wie eine heimliche Ehe!«

»Oh!« brüllt Knaff, »ihr armen Europäer, was müsst Ihr unter Euren Verhältnissen leiden! Raifu führt uns nur das Resultat einer europäisch ›angehauchten‹ Liebesgeschichte vor! Wie muss es in Europa zugehen, wenn so was schon bei uns passiren kann!«

Pix spricht ärgerlich: »Ich weiss nur nicht, wie lange wir dieser verrückten Abmurxerei noch zusehen sollen. Ich werde froh sein, wenn die Geschichte zu Ende ist.«

»Es ist nöthig,« sagt der Frimm, »dass der Mann Herr über Leben und Tod seiner Frau ist – doch so grausam wie Harun darf er nicht sein – das geht nicht.«

Olli meint: »Haruns Bosheit ist eigentlich aus seinem überzarten taktvollen Empfinden, das nie gewürdigt wurde, entstanden. Das hat ein stetes Sichbeleidigtfühlen zur Folge gehabt und schliesslich rasend gemacht. Das Ueberzarte passt nicht in die Welt.«

Knaff schreit: »Wir aber wollen weder überzart noch rasend werden. Ich halte die unverblümte Darstellung solcher Harunsgreuel für puren Uebermuth.«

Der älteste Zaubrer steht jetzt plötzlich zwischen den Löwen, er erhebt seinen Stab und redet so:

»Löwen, seid Ihr dieselben Löwen, die einem harmlosen Gelehrten ruhig den Kopf aufknacken konnten? Ja? Nun – gut! Was entrüstet Ihr Euch da über ein paar verhungernde Barmekiden, die doch jedenfalls in Gesellschaft verhungern und nicht wie europäische Genies allein – was?«

Sagt es und steigt in den Himmel empor wie ein mit warmer Luft gefüllter Papiermann.

Die Löwen sehen sich an und lachen, beschliessen dabei, wieder lustig zu sein. Und sie sind es.

Alle stellen sich auf die Hinterbeine, und Frimm springt dem Pix auf die Schultern – und Olli dem Frimm – und Knaff dem Olli – und Plusa dem Knaff – – – die Letzteren stehen so hoch im Himmel mang den Sternen, dass die Europäer kaum Plusas Kopf noch unterscheiden können.

Olli – in der Mitte der Löwensäule – setzt scharfsinnig und breitspurig auseinander, dass die blauen Löwen durch die Masslosigkeit ihrer wilden Scherze ihr Ansehen einbüssen; »die Europäer sind,« stösst er pustend vor Anstrengung hervor, »im Allgemeinen sehr ernste Persönlichkeiten, denen Nichts so peinlich ist als ein kindisches und albernes Benehmen erwachsener Leute. Es wäre gut, den Ton allmählich abzudämpfen.«

»Sicher, Süsser!« antwortet Plusa, »der gedämpfte Unsinn ist der kräftigste, aber er moussirt nicht so hübsch. Das merkt man ja schon bei der zurückhaltenden komprimirten kondensirten Art der Raifu-Witze.«

Raifu schmeisst die Löwensäule um.

Auf der Bühne wird's im selben Augenblick Nacht.

*

Die zwanzigste Nummer beginnt:

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