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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Die Raserei

Die grelle Helligkeit verfliegt, und die Europäer sehen den wilden Harun auf der schmucklosen Terrasse seines Landhauses in der Nähe von Anbar.

Im Hintergrunde breitet sich der grosse Rosenpark aus, der von der Landstrasse durch eine lange Reihe hoher Pappeln getrennt ist, die aber in der Ferne nur mässig gross erscheinen.

Es wird Abend. Es leuchtet der Himmel über den Pappeln in gelben und rothen Streifen wie einst in Bagdad überm Sonnenschloss.

Der Chalif hört unruhig umherwandelnd den Vortrag seines ersten Hausmeisters an; Djafar, Fahdl, Jahjah und viele andere Barmekiden sind zu einem grossen Feuerwerk mit Fackeltänzen eingeladen und harren bereits in den Vorzimmern. Der Chalif will die Barmekiden mit Ehrenkleidern beschenken und wählt die kostbarsten Gewänder aus, bevorzugt die mit Perlen besetzten.

Und dann lässt er die Barmekiden auf die Terrasse kommen und beschenkt Alle mit den Ehrenkleidern, die zumeist aus hellgrüner und hellblauer Seide bestehen, reich mit Wappen und Schriftzeichen bestickt und mit vielen Perlen – besonders am Halse und an den Handgelenken – geschmückt sind; die Perlen sind schwarz oder weiss.

Die Barmekiden ziehen ihre Ehrenkleider gleich an, trinken in bester Laune den köstlichsten Wein und essen die süssesten Früchte, lachen und freuen sich; Harun ist sehr gut zu Allen – so milde. Er streichelt dem Djafar öfters den braunen Nacken. Djafar sieht in seinem hellgrünen Seidengewande, das mit schwarzen Perlschnüren verbrämt wurde, so frisch und festlich aus – wie sonst. Die Gerüchte, die die Gemüther in den Vorzimmern beunruhigten, sind wie weggeblasen.

Die Rosen im Park duften berauschend, und der Wein thut auch das Seine. Alles ist fröhlich und guter Dinge, als wenn Hochzeit wär'. Wie's dunkel wird, tanzen braune Mädchen mit Fackeln zwischen den Rosenbüschen herum. Und die Flötenspieler flöten, die Trommeln rasseln, die Pauken machen »Puff! Puff!« Und vor den Pappeln brennt Onabbas Bruder mit seinen indischen Zaubrern das grosse Feuerwerk ab. Die Raketen rauschen nur so in den dunklen Nachthimmel hinein. Die rothen Feuer machen Alles roth. Ein ächtes Chalifenfest!

Wie das Feuerwerk verrauscht und die Musik verstummt, schickt Harun seine Gäste in die weiter ab gelegenen Speisesäle und bleibt allein auf der Terrasse. Im Rosenpark knistern in eisernen Schalen die grossen Freudenflammen. Über den Pappeln brennt düster ein dunstiger Mond.

Harun – ganz in schneeweisser Seide – steht da und spricht leise zu sich selbst:

»Ich will sie Alle quälen, so wie sie mich gequält haben – in immer wieder andrer Art. Ihr Schufte, Ihr sollt es Alle büssen. Kein Barmekide und Keiner von ihren Freunden bleibt am Leben. Die Leute, die ich verderben will, thun mir leid! Ich mach' ihnen das Sterben nicht leicht. Wie aber soll ich mich an Djafar rächen?«

Erst nach einer langen Pause fährt er fort:

»Ich will ihn begnadigen. Ich werde hochherzig sein. Ich möchte nicht, dass er leben bleibt. Ich bin zu ihm stets so gutmüthig und freundlich gewesen. Ich werde ihn sofort enthaupten lassen – sonst komm' ich noch auf andre Gedanken. Die Nacht ist kurz. Masrar! Masrar!«

Der grosse Henker naht den krummen Säbel in der Faust mit hoch erhobenem Haupt – roth gekleidet wie stets.

»Masrar,« sagt der Chalif, »lass hier an dieser Stelle, wo ich stehe, dem Djafar das Haupt abschlagen. Die andern Barmekiden können zusehen. Wen willst Du für die Arbeit auswählen?«

»Jasir ist da,« sagt der Rothe.

»Gut,« versetzt Harun, »zerstückelt den Rumpf und sendet ihn nach Bagdad – den Kopf steckt unversehrt in eine besondre Kiste. Melde mir's, wenn's so weit ist. Ich bin hinten in der Laube am Brunnen.«

Der Chalif geht langsam in den Garten hinunter und verschwindet.

Masrar pfeift leise, und aus allen Ecken des Gartens schleichen rothe Henkersknechte zur Terrasse; alle sind bis an die Zähne bewaffnet – mit Dolchen, Säbeln und Lanzen – auch Bogenschützen sind da.

Masrar flüstert seine Befehle, und die unheimlichen Gesellen verschwinden wieder. Dafür erscheinen bald die Barmekiden auf der Terrasse – weinselig und lärmend. Sie zucken erschreckt zusammen, wie sie den rothen Henker erblicken.

»Also ist es doch so weit!« schreit Djafar.

Die hellgrünen und hellblauen Ehrenkleider mit den gleissenden Perlen leuchten durch die Mondnacht. Die Flammen im Garten schlagen höher empor.

Masrar pfeift wieder, und blitzschnell springen die rothen Knechte auch auf die Terrasse. Einige der Barmekiden sinken ohnmächtig nieder.

Und Jasir, der Schlanke, fordert den Djafar auf, niederzuknieen.

»Was?« kreischt der Barmekide, »er will mich nicht mal anhören? Dieser heimtückische Hund will mich meuchlings morden lassen?«

Er reisst sein Kleid entzwei und geht auf seinen Vater zu, den die Andern stützen müssen.

»He, Vater!« ruft er lachend »werd nicht schwach! Mal müssen wir Alle sterben! Wir müssen dem Tod ins Antlitz lachen! Es geht ja bald vorüber! Und gelebt haben wir doch genug! Sorglos, frech und toll wie immer! Jetzt erst recht! Selig ist nur der Leichtsinn! Brüder, lebt wohl! Ich war ein schlecht erzogenes Kind! Ich wollte immer machen, was ich wollte! Und das darf man nicht. Jetzt krieg' ich die Prügel. Fahdl, diesen Kuss gieb meinem kleinen Jussuf!«

»Der ist tot!« sagt Masrar.

»Auch das noch?« schreit der Barmekide, »bin ich denn wirklich ein so grosser Sünder? Hei! Vater, Freunde! Dort drüben aufm Monde sehen wir uns wieder! Meinen Leichtsinn nehm' ich dahin mit. Seht nicht so entsetzt aus! Masrar, gieb dem Harun diese Perlen und küss ihm die Hand!«

Er giebt ihm die Perlen, geht auf Fahdl zu und sagt:

»Grüss die Abbasah und meinen Harem, grüss auch die Onabba, die mich verrieth: Ich verlache den Tod! Aufm Monde leben wir noch toller!«

Er bricht in ein herzliches Gelächter aus. Dabei reissen ihm auf Jasirs Wink zwei Knechte die Füsse fort, dass er fürchterlich mit dem Gesicht auf den Boden schlägt.

Und im selben Augenblick saust der Säbel des schlanken Jasir durch die Luft und trennt dem herrlichsten Barmekidenspross den lachenden Kopf vom Rumpfe ab. Mit vier weiteren schnellen Hieben sind die Beine und Arme vom Rumpfe getrennt. Das Blut spritzt hoch auf. Die Barmekiden kreischen und wenden sich schwankend ab. Der zerstückelte Körper wird schnell fortgetragen. Masrar ist schon beim Harun.

Doch wie er wiederkommt, sieht seine Miene noch finstrer aus als sonst. Die meisten Barmekiden liegen ohnmächtig neben dem alten Jahjah, dessen Kopf in Fahdls Armen ruht.

»Jasir!« brüllt Masrar wüthend, »knie nieder!«

Jasir stösst einen grässlichen Wuthschrei aus und schwingt seinen blutigen Säbel überm Kopf. Doch der Säbel sinkt gleich zusammen mit der Faust, die ihn hielt, zur Erde; Masrar trifft gut.

Ein zweiter Hieb des grossen Henkers spaltet dem Jasir den Schädel.

Da plötzlich – weichen hinten die Barmekiden und Henkersknechte zu beiden Seiten entsetzt aus – der Chalif Harun al Raschyd erscheint – ganz in weisser Seide – wie ein weisses Gespenst.

Er starrt unverwandt gradaus, und Alle zittern – selbst Masrar zittert; er wischt verlegen seinen Säbel ab.

Ein grässlicher Knall – und Alles ist finster.

Und durch die Finsternis jagen nun wilde Gespenster durch die Luft vorbei – lautlos.

Es kommen so viele Gespenster, weisse und schwarze – blutige und kopflose – männliche und weibliche Gespenster, dass die Europäer glauben, ein ganzes Geisterheer sause vorüber.

*

Die Löwen haben wieder ihre Wasserpfeife bekommen – aber sie ergreifen dieses Mal die Schläuche erst nach und nach; das Spiel hat auch die Löwen angegriffen.

Wie die edlen Thiere ihre Pfeife ordentlich im Zuge haben, dass es knattert im Wasser, fangen sie wieder an zu reden – doch ihre Stimme klingt weich, als hätten gefühllose Geister ihre ersten menschlichen Thränen geweint.

Pix sagt: »Wenn wir roh zu einander sind, so ist das ganz was Andres. Wir fühlen nicht so, wie Menschen fühlen. Wir sind ja Geister. Aber Menschen dürfen nicht roh zu einander sein – das ist abscheulich.«

Frimm sagt: »Ein anständiger Mensch wird den masslosen Gemeinheiten des Lebens stets aus dem Wege zu gehen trachten. Er wird daher ein Feind der Freiheit sein, die nur zu masslosen Rohheiten und Gemeinheiten führt.«

Olli sagt: »Der Anblick der masslosen Wuth ist stets ein ekelhafter Anblick. Die Rohheit zeugt nur von absoluter Kulturlosigkeit. Reine Geister wie wir schlagen sich anders. Wir leiden nicht so sehr darunter, denn wir sind aus andrem Holze geschnitten. Wenn Alles so erträglich wäre wie unsre Rohheit, so wäre Alles ganz gut. Die Menschen leiden leider anders als die blauen Löwen, und es ist so unanständig, arme Menschen wirklich leiden zu lassen – mögen sie auch gethan haben, was sie wollen.«

Knaff sagt: »Was hilft da unser Reden? Die Hälfte der Europäer liegt ebenfalls schon in Ohnmacht.«

Der schlechte Plusa sagt aber: »Es muss bemerkt werden, dass wir Löwen hauptsächlich dazu da sind, zum grausigen Stoff ein lustiges Gegenstück zu bilden. Doch jetzt, wo's grade drauf ankommt, versagt Eure gute Laune den Dienst. Ich allein kann Euch nicht rausreissen – der Tabak schmeckt mir zu schön.«

Die Geisterjagd verliert sich in den Hintergrund der Bühne.

Zarte orientalische Knaben theilen zwischen den langen Reihen der Europäer Riechfläschchen aus.

*

Die neunzehnte Nummer beginnt:

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