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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Der Verrath

Der Wasserspiegel des Tigris kommt wieder in heller Morgensonne herunter und bedeckt die ganze dunkle Wüste, sodass von ihr Nichts mehr zu sehen ist.

In seinem Barkenschloss steht Harun unter einem mächtigen Segel von bluthrother Seide mit seinem dicken Henker Masrar im eifrigsten Gespräch; die Beiden sind auch ganz in bluthrothe Seide gekleidet.

Harun will erfahren, wer ihm den verhängnissvollen Brief geschrieben hat. In Anwesenheit des gefürchteten Masrar sind schon viele Sklaven und Sklavinnen ausgefragt worden – jetzt kommt die Onabba an die Reihe.

»Onabba!« fragt Harun, »wer schrieb diesen Brief?«

Die Gefragte antwortet nicht, sie holt nur mehrmals tief Athem und bittet dann, den Masrar fortzuschicken, was sofort geschieht.

Wie der Masrar fort ist, stürzt die Sklavin vor dem Chalifen auf ein Knie und küsst den Saum seines Gewandes; dabei schreit sie plötzlich gellend auf.

Und dann sagt die Onabba hastig:

»Abbasahs Kind lebt in Mekka vor dem Morgenthor bei der alten Kiepenfrau im Palmenhain. Und Djafar, der Barmekide, ist der Vater des Kindes, das jetzt grade drei Jahre alt sein muss. Geh hin und sieh nach – ich lüge nicht!«

»Geh!« stösst Harun hervor.

Und dann ist er allein.

Er setzt sich vorsichtig auf einen gestreiften Diwan und starrt auf den Teppich, der vor ihm liegt.

Der Wind bläst das bluthrothe Segel auf, die Maststangen des Barkenschlosses knarren, und unten an der Treppe schaukeln die Kähne und stossen sich. Über die dunkelblauen Wasser huschen kleine weisse Schaumwellen. Der Himmel ist wolkenlos.

Harun sitzt da und starrt immerfort den Teppich an, murmelt dabei leise: »Was war das? Was war das? Ein Kind? Ein Kind? Und Djafar ist sein Vater? Ich versteh's noch nicht. Djafar ist doch mein Freund. Was ist das? Was ist das? Djafar, bist Du da? Nein, ich bin allein – bin ich wahnsinnig? Ich hab' ihn doch geliebt wie Keinen – er hatte doch Alles – Alles. Was ist das denn?«

Er starrt wieder auf den Teppich. Plötzlich brüllt der allmächtige Chalif wie ein Wahnsinniger, springt hoch auf wie ein wildes Thier, dem die Lanze durch die Brust fuhr, und fällt dann schwer zu Boden auf den Teppich.

Gleich hebt er aber wieder erschrocken den Kopf auf und murmelt wieder: »Was war das? Was war das? Wer war hier? Hab' ich ein Kind von der Abbasah? Nein! Nein! Nein!«

Er weint – weint immerzu und schreit dann wieder: »Was war das?«

Haruns Körper zuckt, wie ein sterbendes Thier zuckt. Plötzlich krampfen sich seine Glieder, und er schlägt mit der Faust auf den Teppich, dass das ganze Schloss zittert.

Er reisst sein Schwert raus, es blitzt hoch in der Luft und saust dann auf den Diwan nieder, in dem's stecken bleibt.

»Du Hund!« kreischt er.

Er reisst das Schwert wieder raus, biegt es überm rechten Knie und zerbricht es.

Weit in den Tigris schleudert er die beiden Schwertstücke und bricht dann zusammen, als wär' er vom Schlage getroffen.

Doch plötzlich tönt seine Stimme ganz kalt und rauh:

»Es war nur der grosse Irrthum meines ganzen Lebens. Ich habe stets gehofft, einen Freund zu finden, dem ich vertrauen durfte. Und ich habe mir schliesslich eingebildet, Djafar wär's. Und es war ein Irrthum. Ich bin wieder allein. Nein, ich war stets allein. Aber Djafar hat mich betrogen.«

Der Chalif springt wieder auf wie ein verwundeter Tiger, er will mit dem Kopf durchs rothe Segel, hält aber plötzlich an und schüttelt sich und sagt dann ganz traurig – gebrochen:

»Er hielt mich wohl für zu dumm! Ja! Ja! Ich bin auch sehr dumm. Er trat mich mit Füssen! Er hat mich verhöhnt, er hat mir mein Weib verführt, er hat mich zum Hahnrei gemacht. Nein, er hat mich noch tiefer erniedrigt. Wie weh das thut!«

Er weint wieder, und sein Körper zuckt.

Plötzlich streicht er sich mit den Händen die Arme und die Wangen, sagt: »sei ruhig, Harun!«

Und dann reckt er die Fäuste zum Himmel auf und betet – seine Lippen bewegen sich.

Ruhiger wird er, wischt sich die Thränen ab, wirft sich auf den entzweigeschlagenen Diwan und spricht auf ein Mal ganz weich:

»Was fehlt mir blos? Ist denn was bewiesen? Nein – noch nicht. Ich muss nach Mekka.«

Er starrt wieder auf den Teppich und murmelt unverständliche Worte, aber bald immer hastiger, immer schneller, die Zähne knirschen, die Finger zerkrallen den gestreiften Diwan, die Augen starren blöde, er kreischt auf, und unheimlich gellt es über die Wasser des Tigris – dann fällt er zurück und brüllt: »Du Biest, Du verfluchtes Biest!«

Eine Weile ist es danach still.

Doch bald erhebt er sich abermals, stösst die Fäuste zuckend zum Himmel... das Gesicht verzerrt sich, die weissen Zähne glänzen heraus, Schaum tritt zwischen den Zähnen hervor und fällt in den Bart – und dann brüllt er furchtbar laut wie ein Wahnsinniger – zuletzt schreit er kreischend:

»Masrar! Masrar! Masrar!«

Der Henker stürmt herbei und fällt seinem Herrscher zu Füssen.

»Befiehl, Herr! Mein Schwert ist scharf.«

Also der Henker. Doch Harun brüllt wieder wie vorhin: »Masrar! Masrar! Masrar!«

»Komm an meine Brust, Du Hund!« setzt er nach einer Weile hinzu, »wir werden nach Mekka reisen, nimm all Deine Knechte mit – all Deine Knechte – vergiss Keinen, sonst schlag' ich Dich tot! Komm!«

Der Henker steht auf und fasst den Harun um die Hüfte. Der Chalif taumelt wie ein Betrunkener, noch ein Mal hebt er hinten neben dem blutrothen Segel die Hände empor und schreit weinend und schluchzend immer wieder:

»Du Biest, Du verfluchtes Biest!"

Die beiden roth gekleideten Männer gehen schwankend hinten die Treppe runter.

Der Vorhang fällt.

*

Der Vorhang ist pechschwarz und in seiner Mitte steht ein Mann ohne Kopf; der Körper des Mannes ist ganz mit Blut besudelt.

Die Europäer und die Löwen sehen sich stumm den Vorhang an; es wird schwül in der Wüste – die Käfer zirpen unheimlich – und der Sternhimmel erhält allmählich einen fahlen Glanz – wie ungesunde dunkle Augen.

Die Löwen kriegen Nichts zu essen – auch Nichts zu trinken – auch Nichts zu rauchen. Und sie murren darüber.

Pix sagt: »Die Treue des Weibes ist nicht viel mehr als Hundetreue – nimmt man ihr den Futtersack weg, so verhungert sie.«

»Passt allerdings,« meint Plusa leise, »nicht auf die Hetäre Abbasah – stimmt überhaupt nicht. Auch der Vergleich mit den Hunden ist schief; die sind viel treuer als die Weiber. Pix, Du bist der vorsichtigste Löwe – und drum der Weiseste.«

Olli mit seinem bekannten Scharfsinn bemerkt lächelnd: »Der tiefste Schmerz des Weibes kommt dann zum Ausdruck, wenn die liebende Dame einsieht, dass ihre sexuale Bedeutung dem Manne nicht genügt. Das ist tötlich für alle Weiber und macht sie ganz und gar zu rachsüchtigen Hetären.«

»Das passt,« brummt Plusa wieder, »ebenfalls nicht hierher. Es wäre doch wohl besser, wenn die Europäer ein paar Weisheiten loslassen wollten. Europäer, redet! Möglichst furchtlos, wenn ich bitten darf!«

Und die Europäer senden muthig einen muthigen Gelehrten vor, der einen kahlen Kopp hat, einen Kneifer auf der Nase trägt, etwas dickbäuchig ist und folgendermassen zu reden beginnt – mit einem kleinen Manuskript in der Hand:

»Hochverehrte Löwen der Weisheit! Allmächtige Meister der Tragik und Komik! Wir haben eifrig zugehört und zugesehen und unsre Sinne nicht wenig ergötzet. Das Kunstwerk als solches gefällt uns; wären wir in Europa, wir würden aus dem Klatschen garnicht heraus kommen. Aber Eines erscheint uns bedenklich: der didaktisch-symbolische Kern der Sache will uns nicht so recht munden. Wir sollen doch zum Haremismus bekehret werden. Es wird uns aber der Harem durchaus nicht in verlockenden Farben und Formen vorgeführt. Ist das nicht ein Fehler?«

Der kahlköpfige Herr kraut sich mit der Linken hinterm rechten Ohr und studirt sein Manuskript. Plusa nähert sich dem muthigen Manne und beugt sein Haupt nach unten – reisst seinen ungeheuren Rachen auf und beisst mit einem Haps dem Mann aus Europa den kahlen Kopf ab – knackt ihn auf und schluckt ihn sammt dem Kneifer runter.

»Nee, so was!« schreien die Europäer und machen die Augen zu.

Plusa sagt aber schmunzelnd, während der kopflose Rumpf vor ihm umfällt:

»Siehst Du, mein Jungchen, so geht es Jedem, der an Meister Raifu was zu tadeln findet. Tadelnde Kritiker sind, wenn Du das noch nicht wissen solltest, zumeist vom Stamm der Parasiten. Hat sonst noch Jemand was zu sagen oder zu fragen? Sehr gut! Die europäischen Menschenköpfe schmecken auch nicht besonders. Dem nächsten Naseweisen werd' ich daher den Kopf blos aufknacken und dann ausspucken. Aber merkt es Euch: haarige Köpfe mag ich nicht!«

Kaum hat Plusa das gesagt, so sausen auf ihn die schweren Zauberstäbe von sechs Zaubrern auf seinen Rücken, dass der gestreift wird – wie das Fell eines Tigers – hell- und dunkelblau.

Der Löwe muss den Kopf wieder von sich geben, die Zaubrer leimen das arg misshandelte Haupt aus Europa wieder zusammen und kleben es seinem Besitzer wieder auf, nur der Kneifer ist nicht wiederzufinden, worüber sich der kahlköpfige junge Mann nicht wenig entrüstet.

Die Löwen gehen fluchend auf und ab.

Knaff bemerkt grimmig:

»Diese ollen Zaubrer! Kaum macht Einer einen saftigen Witz – gleich hat er die Prügel fort. Das lässt uns aber kalt. Starke Löwen können Prügel vertragen.«

Die Zaubrer steigen lachend nach oben, wo ›Raifu's‹ Kopf schon erschienen ist.

Raifu pfeift – und die Löwen reissen wieder den Vorhang entzwei – trutzig wie immer.

*

Die siebzehnte Nummer beginnt:

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