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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Die Angst

Aus dem Hintergrunde der Schlucht schiebt sich eine Riesentreppe nach vorn und wird da so breit und hoch, dass sie fast das ganze Bühnenbild ausfüllt. Nur an den Seiten wachsen rosa blühende Oleanderbäume, und oben ist ein breiter Streifen bewölkten Himmels zu sehen. Die Stufen der Treppe sind von schwarzem Marmor, die Geländer von blauem Lapis lazuli.

Und Djafar steigt müde die Stufen, die zu den hängenden Gärten hinaufführen, hinan.

Oben erscheint hoch zu Ross die Sklavin Onabba; sie sitzt nach persischer Sitte wie ein Mann auf ihrem hellbraunen Pferde – hellblaue Kleider umgürten den Körper des hellbraunen Mädchens.

»Na komm nur rauf! Deine Freundin hat zwar augenblicklich noch keine Zeit – aber lange lässt sie Dich nicht mehr warten. Komm nur!«

Also die Onabba! Als Antwort hört sie:

»Du bist so das richtige Dromedar! Warum kannst Du mich nicht in Ruhe lassen? Glaubst Du, es macht mir Spass, wenn mich eine dumme Jöhre alle Tage angröhlt? Du solltest bescheidener werden!«

»Geliebter meiner Seele,« ruft unbeirrt die schöne Sklavin, »glaubst Du, es macht mir Spass, ewig und immer das Kuppelweib zu spielen? Dazu bin ich zu jung! Das geht jetzt schon länger als zwei Jahre so. Es passt mir aber nicht mehr!«

»Werde blos nicht ganz und gar verrückt!« schreit heftig der Barmekide.

Die Onabba weint und hebt dann zornig ihre Peitsche in die Höhe. Doch wie der Djafar oben neben ihrem Pferde steht, lässt die verliebte Magd die Peitsche sinken und flüstert demüthig: »Vergieb mir!«

Indessen – der Barmekide stösst dem Pferde furchtbar mit der Faust gegen die Brust und brüllt:

»Wirst Du nun bald vernünftig sein! Es ist ja kaum mehr zum Aushalten!«

Die Beiden verschwinden, die Treppe sinkt und dreht sich um, geht links ab – die hängenden Gärten ziehen langsam vorüber wie ein herrliches Ufer an einem schnell segelnden Schiffe vorüberzieht.

Wie die grossen Schwanenteiche kommen, stehen die Gärten still. Harun und Abbasah sitzen rechts in einer Laube, und Onabbas Bruder giebt auf dem grössten Teiche mit seinen indischen Gauklern und Zaubrern ein paar Kunststücke zum Besten. Die weissen Schwäne recken erstaunt die Hälse hoch. Flötenspieler spielen hinter den Lorbeerhecken. Die Rosen duften, und die Gaukler und Zaubrer machen Kunststücke. Harun sieht aber nicht mehr hin. Er wird von wilder Eifersucht geplagt.

Er sagt mit Thränen im Auge:

»Sieh, Abbasah, ich vertraue Dir und lass' Dir allen Willen. Du wirst doch meine Liebe nicht missbrauchen, nicht wahr? Ich werde rasend, wenn ich daran denke, dass Du mich betrügen möchtest. Sieh, ich liebe Dich ja so masslos. Ich lebe ja nur für Dich – mach mich nicht für ewig unglücklich! Sei ehrlich, Abbasah! Aber sei's auch nicht! Wenn Du mich nicht mehr liebst – dann betrüge mich! Nein – sei ehrlich! Liebe mich nur und thu, was Du willst! Abbasah, erbarme Dich! Oh, verlass mich nicht!«

Er weint und drückt sie heftig an sich, dass sie »Au!« schreit, redet dann lauter massloses Zeug, das natürlich ganz dumm ist, und geht plötzlich fort – Regierungsgeschäfte sind noch zu erledigen.

Die Gaukler und Zaubrer folgen dem Chalifen, die Flötenspieler verstummen, und Alles wird sehr ruhig; die Schwäne schwimmen schaukelnd in die Mitte des grossen Teiches.

Die Rosen und die vielen anderen bunten Blumen auf den sauber gepflegten Beeten duften stärker. Es wird Abend, der Vollmond geht roth hinten über dem Silberschloss auf, dass das auch ganz roth erglänzt.

Die Abbasah sitzt ruhig da, und Djafar erscheint.

Sie begrüssen sich, ohne ein Wort zu sagen, mit heissem Händedruck. Ein paar Frösche quaken dabei.

Sie sagt hastig: »Du, ich habe Angst. Der Harun ist so schrecklich aufgeregt und so eifersüchtig. Es ist garnicht mehr mit ihm auszuhalten. Er muss wieder eine kleine Zerstreuung haben. Ich hab' solche Angst. Djafar, wir müssen vorsichtiger sein. Du musst – ja ich weiss nicht mehr, was Du musst.«

»Gespenster!« antwortet Djafar, »Du könntest doch wohl ein bischen liebenswürdiger sein. Lass doch blos die ewigen Sorgen. Sei sorglos, frech und toll – wie ich! Abbasah, Du wirst alt!«

Sie wird wieder mal wüthend, und er lacht dazu. Das empört sie so, dass sie plötzlich ihr Häkelzeug nimmt und abgehen will.

Djafar fragt im harmlosesten Tone: »Warum gehst Du schon, mein Täubchen? Ist Dir die Nacht zu kühl oder stört Dich das Unkengequak?«

Und die Abbasah sagt fröstelnd: »Leb wohl! Ich muss den Harun aufsuchen. Ich habe solche schreckliche Angst. Sei mir nicht bös! Djafar, gute Nacht!«

Haruns Schwesterlein wirft ihrem Geliebten Kusshände zu und geht nach hinten, Djafar ruft noch wüthend. »Das nennt man Weibertreue!«

Er streckt sich auf der Bank lang aus und schaut durch die Zweige einer Trauerbirke in den Vollmond, der allmählich hellgelb geworden ist und die hängenden Gärten ganz hell erleuchtet.

Nicht lange liegt er so ruhig da, bald erscheint wieder auf ihrem Fuchs die Sklavin Onabba, die Alles weiss und den Djafar liebt.

Sie reitet vorsichtig am grossen Teich entlang und zügelt erst dicht vor der Laube ihr hübsches Pferdchen. Und nach einer kurzen Pause hält sie dem Djafar, der regungslos auf der Bank liegt und den Mond anstarrt, eine kleine wohlbedachte Rede:

»Mein Freund!« beginnt sie vertraulich, »mich treibt die Angst! Nach dem, was vorgefallen ist, solltest Du mit der Abbasah nicht mehr zusammenkommen. Ich halte das nicht für klug, die Abbasah ist auch viel zu kalt. Ich weiss nicht, was Du an ihr findest. Ich bin nicht eitel, aber schöner und feuriger als Deine bisherige Geliebte bin ich doch noch alle Tage – von der Nacht ganz zu schweigen. Ich bin ein Weib, das in die Welt passt, und Du bist blind. So seid Ihr Männer doch stets. Du darfst den Harun nicht eifersüchtiger machen, als er schon ist – sonst geht's Dir an den Kragen! Sei doch vorsichtig! Die Geschichte mit dem totgeborenen Kinde wird er eines Tages anzweifeln, und Du weisst, dass Mekka, wo das Kind Deiner Abbasah, dessen Vater Du bist, nicht so weit von Bagdad entfernt ist. Harun kann immer mal hinkommen, und dann ist die Geschichte richtig.«

Es donnert in der Ferne und blitzt ein bischen, der Mond scheint aber ruhig weiter, und Djafar bewegt sich nicht, thut, als wär' er stumm.

Das kränkt die wilde Reiterin, und sie ruft leise mit durchdringender heisrer Stimme:

»Wenn Du mich jetzt noch mal zurückstossen willst, so reit' ich Dich nieder. Antworte oder ich schlag' Dir mit der Peitsch' ins Gesicht.«

Es bleibt Alles ruhig wie zuvor, donnert nur hinten ein bischen stärker –

Da haut sie wüthend ihrem Fuchs die Sporen in den Bauch, dass das Thier sich bäumt und auf den ruhenden Barmekiden losspringt.

Im selben Augenblick hat der aber seinen langen Dolch blitzschnell dem Pferde in die Brust gestossen, dass es röchelnd zu Boden stürzt.

Die Onabba fällt ins Gebüsch und schreit gellend auf. Das Pferd verreckt.

Ein paar grosse Eisberge kommen von links und drücken die hängenden Gärten an die Seite – Frösche, Schwäne – Pferd, Mann und Weib – Alles ist im Nu fort.

Und das Eismeer schäumt über die Bühne mit unzähligen grünen Eisbergen, auf denen dumme Robben sitzen.

Eine Mitternachtssonne brennt düster über dem Schnee, dem grünen kalten Wasser und den noch kälteren Eisbergen, auf denen die dummen Robben sitzen.

*

Die Löwen haben eine riesige Wasserpfeife vor sich, von der fünf Schläuche in die fünf Löwenrachen hineinführen, aus denen natürlich unablässig mächtige Rauchwolken herausdampfen; die ganze Wüste riecht bald nach parfümirtem türkischem Tabak.

Das Rauchen hindert die edlen Löwen selbstverständlich nicht am Reden.

Pix: Da ich so viel Gemüth habe, muss ich bemerken, dass mir die Abbasah recht leid thut. Da sieht man wieder mal, dass die Freiheit eine recht bedenkliche Hinterparthie besitzt. Man soll sich eben nie durch die Vorderseite täuschen lassen. Ob's eigentlich nicht besser wäre, wenn wir Löwen mal persönlich in Europa erscheinen würden? Ich fürchte, die Stellung der europäischen Frau kann nur von uns allein regulirt werden. Die europäischen Männer sind ein bischen zu gutmüthig – fast Waschlappen!

Frimm: Die Monogamie zwingt auch zu einem fortdauernden Zusammenleben mit einer Frau – und das schickt sich doch nicht für einen anständigen Mann. Die Männer, die die Athmosphäre eines Weibes nicht entbehren können, sind ja so ekelhaft wie verfaulte Krokodile.

Olli: Die Europäer werden sich wohl schon gewundert haben, dass wir hier so ungenirt und gratis unsre Löwenweisheit zum Besten geben. Wozu wären wir aber auf der Welt da, wenn es uns verboten wäre, weise Bemerkungen überall einzustreuen. Die Europäer sollten auch so scharfsinnig sein und einsehen, dass wir hier nicht gut zu entbehren sind, da ja in einem dummen Liebesroman zu weisen Bemerkungen zu wenig Platz ist.

Knaff: Räumt blos mit der weiblichen Bildung auf! Die hat der Kultur noch niemals was genutzt, da sie ja für die Weiber nur Mittel zum sexualen Zweck ist. Wo die Frau die Impertinenz besitzt, den Mann übertrumpfen zu wollen, da werden bald alle Weiber zu Hetären.

Plusa: Schimpft blos nicht so viel! Wer viel schimpft, wird nicht ernst genommen. Wir müssen uns ausserdem viel concentrirter ausdrücken, da wir bei dem energischen Fortschreiten der Handlung sehr bald nicht mehr zum ruhigen Reden kommen könnten.

Pix (sehr laut!): Ich frage den Herrn Raifu ganz ergebenste ob durch diese Pause wiederum anderthalb Jahre markirt werden sollen?

Raifu: Jawohl!

Frimm: Ich komme mir an diesem Orte zuweilen wie ein alter Tanzmeister vor, der den ältesten Schweinen der Welt anständige Bewegungen beibringen soll. Das Geschäft ist anstrengend. Ich habe vor Kurzem gehört, dass jüngere Leute in Europa mit einem hübschen Weibe sich öffentlich sehr viel zeigen, um mit diesem Weibe zu renommiren. Diese jüngeren Leute bemerken wohl garnicht, in welche Beleuchtung sie dadurch rücken. Hundsgemein ist diese Prostitution des Mannes. Das ist schon Cinädenthum in voller Form. Es ekelt mich an, weiter darüber zu reden. Die jüngeren Leute Europas sind von mir hierdurch zur Vorsicht gemahnt. Ich appellire an das männliche Anstandsgefühl.

Olli: Wer den Weibern den Willen lässt, ist ein Narr. Son Weib hat, wenn man ihm Freiheit lässt, immer Launen und ›Stimmungen‹. Die Weiber wollen ja eigentlich garnicht frei gelassen werden, sie wollen ja bezwungen werden – ihr sexualer Instinkt macht ihnen ja das willenlose Abhängigkeitsgefühl zum Bedürfnis. Der Harem ist ja im tiefsten Herzensgrunde der Weiber das tiefste Herzensideal der Weiber. Wenn Ihr so scharfsinnig wie ich wäret, hättet Ihr das längst eingesehen und danach gehandelt.

Knaff: In Europa weiss man nie, woran man bei den Frauen ist. Woran liegt das? Hauptsächlich daran, dass die Frauen zu viel Geld in die Finger bekommen. Es darf nicht vorkommen, dass eine Frau von ihrem Gelde lebt. Es giebt stets unangenehme schmutzige Geschichten, sobald eine Frau Geld besitzt – der Mann hat das Geld zu besitzen. Eine selbständige geldhabende Frau besitzt, wenn sie nicht verheiratet ist, nur Hetärenrecht.

Plusa: Jawohl! Es kommt im tiefsten Grunde nur darauf an, dass die Frauen genau so sind – wie's die Männer haben wollen. Aber selbst der Prophet hat diese Frauen nur im Paradiese als Huris angetroffen. Also hat auch er die Weiber auf der Erde selten nach Wunsch gefunden – vielleicht nie! – vielleicht nie!

Pix: Lieber Bruder, Du willst wieder ungemüthlich werden und höhnen, siehst aber die erzieherische Seite des Harems nicht. Der Prophet ist doch der grösste Apostel des Haremismus. Der Harem vereinfacht und erleichtert das Weiberzähmungsgeschäft.

Frimm: Manche Männer, die gern den vornehmen Lebemann herausbeissen, thun auch so, als müssten sie die Weiber studiren. Ist das nicht zu lächerlich? Ich möchte blos wissen, was diese Männer an den Weibern studiren wollen – die ähnen sich doch so wie ein Ei dem andern.

Olli: Eure Reden stehen selten im unmittelbaren Zusammenhange. Und Knaff geht in seiner Heftigkeit regelmässig zu weit, was bei uns doch nur zuweilen zu tadeln sein dürfte. Ihr solltet öfters an die Bemerkungen des Vorredners anknüpfen. Das würde den Zusammenhang durchsichtiger machen. Die aphoristische Art verlangt zu viel Scharfsinn vom Publikum.

Knaff: Dwatsches Gerede! Wollen wir ja grade! Das Publikum soll doch zum Scharfsinn erzogen werden. Wenn uns das nicht gelingt, so sind unsre Reden so wie so vergeblich. Wir wollen überzeugen – nicht überreden. Das Publikum muss daher zum Mitdenken gezwungen werden, es muss sich selbständig vorkommen und sich zuweilen überlegen vorkommen. Du altes Dusselthier, Du willst blos, dass man Deine scharfsinnigen Glossen ganz besonders herausstreicht. Eitler Fant! Wenn man schimpft, hat man nicht die Ruhe, zierliche Uebergänge herzustellen und genau Alles abzuzirkeln.

Plusa: Jetzt schimpf' ich auch! Hört, Europäer! Der Mann, der zu seinem Weibe in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, wird gewöhnlich blos deshalb nicht hochgeschätzt, weil er nicht die sexuale Kraft hat, das Weib zu bändigen. Wenigstens vermuthen die meisten Menschen bei Pantoffelhelden nur den Mangel an sexualer Kraft. Es beurtheilen also auch die Männer ihre Geschlechtsgenossen blos nach den Geschlechtsorganen – nicht wahr? Die Männer sind also nicht besser als die Weiber. Pfui Deiwel!

Die Löwen paffen solche Rauchmengen aus, dass der Pulverdampf einer europäischen Seeschlacht dagegen kaum den Qualm eines Kaminfeuers vorstellt.

In der Wasserpfeife knattert das Wasser wie Flintensalven.

*

Die fünfzehnte Nummer beginnt:

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