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Der Tod der Barmekiden

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Tod der Barmekiden
authorPaul Scheerbart
year1992
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-435-9
titleDer Tod der Barmekiden
pages3-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Die Gemahlin!

Es duftet nach Lilienöl und Rosenwasser; Haruns Harem hat sich vor den Europäern aufgethan.

Die Mädchen schlafen auf weichen Teppichen und träumen stillen Unsinn zusammen; die braunen Mädchen schlafen in seidenen Kleidern von dunkelblauer Farbe, die weissen Armenierinnen stecken in dunkelrother Seide, und das schwarze Mohrenvolk prunkt in dunkelgrüner Seide.

Die viereckigen Säulen aus dunklem Aloë- und Sandelholz sind mit hellblauen Türkisen verziert; die Schnüre gehen in Zickzacklinien und wirken wie unbeholfene Blitze.

Hoch oben an der Decke leuchten überall viele viele viereckige Papierampeln; die sind zartgelb, und auf den lang runtergehenden Rechtecken kleben kleine bunte Bilder – Götter und Kinder!

In der Mitte des grossen Saales geht ein Gang tief nach hinten, zu dessen beiden Seiten sich zwei riesengrosse Badebecken befinden, die ein bischen rauchen und nach Palmenblütenwasser duften.

Durch den Mittelgang nahen jetzt an die fünfzig weissgekleidete Eunuchen sehr behäbig und würdevoll – die wecken die Mädchen auf.

Die Eunuchen blasen wie gewöhnlich auf grossen Ochsenhörnern, die nicht grade schön klingende Töne hervorbringen – am wenigsten gefallen den holden Schläferinnen diese Hörnerklänge.

Und der Harem erwacht in schlechter Laune.

Und die schlechte Laune erzeugt sofort Zank und Streit, sodass es sehr bald wie gewöhnlich zu Thätlichkeiten kommt. Es entsteht die schönste Keilerei.

Die zarten Frauen nehmen ihre grossen Stahlspiegel, mit denen sie immer schlafen gehen, und hauen auf die Eunuchen so derb und heftig ein, dass die in helle Wuth gerathen und manches arme Kind boxend zu Boden stossen.

Das giebt natürlich ein herzzerreissendes Gekreisch: Haare werden ausgerissen, Backen zerkratzt, Hörner verballert, Kleider zerfetzt und Teppiche mit Blutstropfen bespritzt.

Der Kampf sieht lebensgefährlich aus; eine Rebellenschlacht Haruns kann kaum mit grösserem Zorne geschlagen werden.

Zum Glück erscheint sehr bald die Herrin des Harems – die grosse Zobaïda – Haruns berühmte Gemahlin!

Und Alles ist im Nu still.

Die Zobaïda nähert sich auch durch den Mittelgang, aber sie geht nicht so schnell wie die Eunuchen – lange nicht so schnell: zwei Sklaven müssen sie rechts und links stützen, denn die hohe Frau ist mächtig schwer; das hat sie nicht blos ihrer beträchtlichen Leibesfülle zu verdanken, sondern viel mehr noch ihren vielen Juwelen, von denen sie sich nie trennen mag.

An jedem Fussgelenk der Gemahlin glänzt ein dicker goldener Fussring, an jedem Zeh sitzen mehrere Ringe mit funkelnden Steinen. Die Handgelenke werden von dicken Armbändern umklammert, an jedem Oberarm prangen nicht weniger als vier starke Goldspangen. Und um Hals und Brust lagern unzählige Ketten. An den Ohrläppchen hängen die dicksten Perlen. Auf dem Kopfe throhnt ein riesiges Diadem. Und die Finger der Hände sind nicht zu sehen, denn sie sind ganz und gar mit Gold und Steinen umwickelt.

Das ist Haruns schwere Gemahlin.

Doch ihre Zunge ist nicht schwer, sie wettert vorn angekommen gleich stürmisch los:

»Ihr rungenfaulen Dirnen, Ihr wollt noch weiter schlafen? Ist das eine Art, ist das gute Sitte? Ihr stinkt ja vor Faulheit. Bereitet Ihr Euch so auf die Ankunft meines hohen Herrn Gemahls vor? Wisst Ihr nicht, dass Er heute Morgen ankommt? Und da schlaft Ihr noch? Mit der Peitsche hätt' ich Euch wecken müssen! Wie ich so jung war wie Ihr, konnt' ich vierzehn Tage lang nicht ein Auge zuthun, wenn ich wusste, dass Er im Anzuge ist. Schämt Euch was! Ihr habt keinen Tropfen gesunden Bluts in den Adern. Man sollt' Euch im Tigris ersäufen – Ihr Luders!«

Sie muss sich verpusten und setzt sich hin – das dröhnt.

Dicht vorm Mittelgang sitzt sie, den sie ganz versperrt.

Sie befiehlt den Mädchen noch einmal den neuen Tanz auf einem Beine zu tanzen; sie will sehen, ob Alles ordentlich eingeübt ist.

Die Eunuchen pauken und trommeln, und die Mädchen tanzen auf einem Beine mit wildem Eifer; Zobaïda lächelt und nickt – es geht Alles gut.

Wer mit dem andern Fuss den Teppich berührt, muss die Oberkleider abziehen – und auf dem andern Beine weitertanzen.

Jedes Mädchen bemüht sich, möglichst lange auf einem Beine zu hopsen, um möglichst lange die schönen Kleider anbehalten zu können.

Wer auch auf dem zweiten Beine nicht weiter kann, muss auch die Unterkleider, die aus Linnen und südarabischer Baumwolle bestehen, eiligst abziehen – und unbekleidet vor des Chalifen hoher Gemahlin niederknieen.

Und bald knieen alle die vielen braunen und schwarzen und weissen Mädchen splitternackt im Halbkreise vor der dicken Zobaïda, die die Leiber aufmerksam mustert; sie spricht dabei zu jedem Mädchen einzeln mit grösster Sachverständigkeit.

Leider können die aufhorchenden Europäer Nichts von ihren weisen Rathschlägen vernehmen, da der Lärm der Pauken und Trommeln Alles übertönt.

Die nackten Mädchen küssen vor der Gemahlin des grossen Chalifen in Ehrfurcht den Teppich und steigen dann eiligst ins Bad.

Die Pauken und Trommeln verstummen, und die Europäer hören nur noch das Geplätscher der Badenden, sehen aber wenig von diesen.

Duftendes Kräuterwerk aus Siraf wird ins Bad geschüttet.

Die Eunuchen streuen Blumen auf die Teppiche und sprengen Lilienöl und Rosenwasser auf die vielen Kleiderhaufen, die von blauer, rother und grüner Seide strotzen.

Dann nähern sich die Eunuchen der hohen Gemahlin, fallen auch auf die Kniee und berühren mit der Stirn den Teppich – bleiben so liegen.

Und auf ein Zeichen der Zobaïda hört das Geplätscher hinten auf – es wird wieder ganz still.

Und dann tönt leise ein altes einförmiges Lied – Alle singen's ganz leise – es ist das Schlummerlied des Propheten.

Die Köpfe der Mädchen sind dabei zu sehn, sie heben auch die Arme hoch empor und bewegen sie schaukelnd von links nach rechts und von rechts nach links und wieder von links nach rechts und wieder so und wieder so, als wollten sie unsichtbare Kinder einwiegen in der duftenden Luft.

Und bei diesem wiegenden Gesange fallen vorn einzelne Diamanten von der Decke herunter; die funkeln, blitzen und brennen in tausend Farben. Es fallen immer mehr Diamanten – immer schneller flimmern sie runter. Bald sind es so viele, dass die Europäer nicht durchsehen können.

Ein Diamantenregen!

Eine so tolle Farbenglut und Farbenwuth – so brennend und gleissend und glimmend und zuckend, dass die Europäer unwillkürlich in helle Freudenrufe ausbrechen; die Schlangenköpfe sind gänzlich vergessen.

Und der Diamantenregen hört garnicht auf.

Aber die Steine fallen bald langsamer – sie schweben bald so langsam herunter wie Schneeflocken.

Es ist unbeschreiblich!

*

Die hellblauen Löwen legen sich malerisch in flachem Kreisbogen dicht vor den Diamantenschneefall und denken ein paar Augenblicke schweigend nach.

Pix liegt in der Mitte mit der Stirn nach vorn, Frimm und Olli liegen zu seiner Linken, Knaff und Plusa zu seiner Rechten; die Vier liegen quer und haben den Kopf der Mitte zugewandt.

Die Europäer bemerken zum ersten Male, dass die Löwen durchsichtig sind, denn ihre riesigen Leiber lassen den Farbenbrand der Diamanten durchflimmern; Alles brennt nur in etwas grösseren Flecken und dunkler. Die gewaltigen Löwenkörper schillern im unablässig immer wieder anders aufblitzenden Farbenwechsel wie zitternde dunkle Riesenopale; nur an den Rändern der Körper ist Alles hellblau wie sonst.

Und Pix sagt mit gedämpfter Stimme:

»Es war wieder mal vom Bruder Plusa so recht unpassend und taktlos, den unsauberen Hetärismus in Schutz nehmen zu wollen. Da jedoch alles Daseiende auch eine gewisse Daseinsberechtigung hat, so wollen wir jetzt dem heiklen Thema näher treten. Ich bitte meine Brüder, hinter einander in kurzen klaren Bemerkungen sich auszusprechen. Ueberflüssige Scherze, die nicht zur Sache gehören, wollen wir, wenn wir können, unterdrücken.«

Die Löwen brüllen dumpf. »Es sei!« und die Aussprache beginnt ohne weitre Zwischenfälle – wie folgt:

Plusa: Ich erlaube mir, das ethische Quintett zu eröffnen, denn dazu hab' ich der Schlangenköpfe wegen ein Recht, und ich behaupte zunächst, dass die Hetären jedenfalls, wenn sie auch an die Bedeutung der Mütter nicht ganz ranragen sollten, doch viel wichtiger sind – als die Ammen.

Frimm: Ich halte es für einen überflüssigen Scherz, das Hetärenrecht dem Ammenrecht gegenüberzustellen. Wir wissen wohl genug, wenn wir wissen, dass die Hetären und ihre Freunde nicht sauber sind. Das ist doch eine bekannte Thatsache – so gut wie die, dass nur die für die Rasse werthlosen Vertreter des männlichen Geschlechts an der Hetäre hängen bleiben. Der Freund der Hetäre hat auch nur Hetärenrecht.

Knaff: Ich halte nicht blos die meisten Bemerkungen des lieben Plusa, sondern die ganze freie Liebe für überflüssig, da die aus der freien Liebe hervorgehenden Kinder eine Verbesserung der Rasse nicht bedeuten, denn die Frauen sind garnicht im Stande, in Zuchtwahlangelegenheiten eine ›entscheidende‹ Rolle zu spielen. Nur verkappte Cinäden, die ein Interesse daran haben, die Zahl der Hetären zu vermehren, geben der Frau – überflüssige Rechte. Schliesslich behaupten einige Freiheitsapostel noch, dass zur Erzeugung von Genies Mütter mit höchster Bildung nöthig seien – dass der Genieerzeugung wegen die Existenz der freien Weiber gerechtfertigt sei – während wir doch ganz genau wissen, dass genialen Eltern die Erzeugung genialer Kinder zu allen Zeiten nicht gelang. Den Genies liegt die Verfeinerung der Rasse nicht ob; sie haben nur ihre genialen Werke zu erzeugen und dürfen das Menschenerzeugungsgewerbe ruhig Andern überlassen.

Pix: Lieber Knaff, Du redest in Deinem Eifer zu lange. Du darfst nicht vergessen, dass wir auch was zu sagen haben. Ich halte es für wichtig, das Verhältniss des Hetärismus zur weiblichen Bildung und Emancipation klarzulegen. Knaff fing schon damit an.

Olli: Es giebt Weisheiten, die die Spatzen von den Dächern pfeifen – dazu gehört die, dass sich auch die gebildetste Frau nur dann glücklich fühlt, wenn sie Mutter ist – dass sie auch alle Bildung mit Freuden hingeben würde, wenn sie's dadurch werden könnte. Daher glaube ich, dass die Bildung der Frauen keinen Werth hat; sie ist ja nur dazu da, den Mangel an Mutterinstinkten zu verbergen. Wo aber diese fehlen, da bilden sich die Hetäreninstinkte aus. Das Verhältnis des Hetärismus zur weiblichen Bildung ist somit ein sehr intimes Verhältnis.

Frimm: Durch diese Erkenntnis ist die gesammte Frauenemancipation für alle Zeiten gerichtet. Die verdankt den Hetäreninstinkten ihr Dasein – das sagt genug.

Olli: Die drolligen Emancipationsbestrebungen der europäischen Frauenwelt geben jedenfalls Veranlassung, eine Beschränkung der gesammten Bewegungsfreiheit aller Frauen anzubahnen. Die Europäer sollten sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Plusa: Es ist nur ein Glück, dass die Europäer ihre Frauen zu Hause gelassen haben. Die Frauen Europas würden uns, wenn sie hier wären, die schönen blauen Augen auskratzen.

Pix: Lieber Bruder, vergiss nicht die Schlangenköppe.

Plusa: Die Europäer werden aber unsre Moral für eine Bestienmoral erklären, und wir könnten am Ende das Gegentheil von dem erreichen, was wir anstreben. Die armen Weiber!

Frimm: Dein Mitleid ist hier nicht am Platze. Den Frauen ist nie zu trauen, da sie bekanntlich stets nur sexuale Geschichten im Kopfe haben. Die platonischen Anwandlungen der ›gebildeten‹ Frau dürfen uns nicht irre führen; die gehören eben auch zur hinterlistigen Verführungskunst der Hetäre. Alle anständigen Weiber werden in dieser Beziehung ganz unsrer Meinung sein.

Knaff: Die Weiber sind und bleiben so dumm wie die Sünde. Wohl dem, der mit ihnen nie was zu thun bekommt. Die Bildung der Frau hat noch niemals Gutes gestiftet; wohl aber hat sie dazu beigetragen, den vernünftigsten Menschen den Kopf zu verdrehen. Die Frau braucht ja ihre Bildung nur als hetärisches Reizmittel.

Plusa: Es lässt sich also nicht leugnen, dass die Emancipation mit ihrer Bildung die männliche Sinnlichkeit kräftigt und aufstachelt – was doch für die Verfeinerung der Rasse nicht so unwichtig ist.

Pix: Lieber Bruder, Deine Hetärenweisheit haben wir nun allmählich kapirt. Dass aber durch gebildete Hetären, zu denen wir die sämmtlichen Vertreterinnen der Emancipation rechnen müssen, eine ›Verfeinerung‹ der Rasse nicht erzielt werden kann, dürfte denn doch klar sein, da ja die meisten Hetären unfruchtbar sind. Wie denkst Du Dir das?

Plusa: Jedenfalls könnte irgend ein geistreicher Europäer mal behaupten, dass grade die Prostitution das Ehrenvollste sei – und dass die Verfeinerung der Rasse vollkommen überflüssig sei.

Frimm: Das ist den intimen Freunden der europäischen Hetäre wohl zuzutrauen – uns aber nicht. Wer auf die Verfeinerung der Rasse verzichten zu können glaubt, hat mit der Erhaltung der Rasse Nichts weiter zu thun und kommt nicht weiter in Frage. Bruder, lass die unanständigen Witze, sonst verpauken wir Dich so unheimlich, dass Du nicht mehr japsen kannst. Benimm Dich vornehmer!

Pix: Ich muss da den Plusa etwas in Schutz nehmen. Es lässt sich nicht leugnen, dass bedeutende Männer grade zu den gebildeten hetärisch veranlagten Frauen eine grosse Zuneigung haben, die dadurch entschuldigt werden kann, dass diese Frauen ja gänzlich unfruchtbar und der Rassenverfeinerung wenigstens nicht hinderlich sind. Die Emancipationsbestrebungen gehen wohl auch grade von diesen ›bedeutenden‹ Männern aus, die so degenerirt sind, dass sie Fortpflanzungsbestrebungen nicht mehr haben und demnach nicht bemerken, wie gefährlich ihre freien Ansichten für die Entwicklung der Rasse sind.

Knaff: Lieber Pix, ich finde, dass Du so unvorsichtig wie der freche Plusa redest. Nimm Dich zusammen, sonst nehmen wir Dir den Vorsitz ab.

Pix: Ich strebe nach Gerechtigkeit. Plusa hat Recht, wenn er behauptet, dass wir das Gegentheil unsrer Absichten erreichen, wenn wir so grob drauf los schimpfen wie Du.

Plusa: Demnach ist der Stand der gebildeten Hetären doch nicht so verächtlich, wie Ihr anfänglich glaubtet. Wie ich mich freue!

Olli: Wenn Ihr doch so scharfsinnig wie der Bruder Olli wäret! Wollen wir die Europäer überzeugen, so müssen wir das Thema vorurtheilslos von allen Seiten beleuchten. Wir dürfen die Europäer nicht zu einer unvorsichtigen Massregel überreden wollen. Mögen sie doch selber weiter nachdenken – sie werden schon einsehen, dass sie ihren Frauen eine unnatürliche Freiheit gegeben haben. Darin werden sie schon Wandel schaffen. Die Frauen dürfen in keinem Falle Gelegenheit haben, mit fremden Männern zusammenzukommen – denn das führt Hetärenrecht ein.

Es tritt eine Pause ein. Der Diamantenschnee sickert langsam wie bisher immer weiter runter. Herrlich glitzern die Löwenkörper – wie Riesenopale. Frimm blickt sich um und bemerkt traurig: »Dass wir auch grade vor dem schönsten Vorhange über die schmutzigste Geschichte reden müssen! Europäer, seht Euch die Diamanten an – Raifu ist doch reicher als Harun.«

Der Farbenbrand der kostbaren Steine erregt die Augen der Europäer, dass sie ganz berauscht werden. Die Löwen ergötzen sich ebenfalls an dem gleissenden Glanzgefunkel. Doch Pix mahnt zum Weiterreden.

»Raifu,« sagt er, »lässt uns ja dieses Mal sehr lange reden. Benutzen wir die Gelegenheit und beleuchten wir jetzt das Verhältnis des Hetärismus zu Monogamie und Harem. Lieber Frimm, Du hast natürlich das Wort! Du zürnst mir hoffentlich nicht.«

Frimm: Ich halte das Zürnen nicht für vornehm – das solltest Du wissen. Der Hetärismus aber wird durch die Monogamie gestärkt und durch den Harem eingedämmt. Der Harem bedeutet nicht blos eine Erlösung der alten Jungfern, er scheucht auch das Gespenst des Hetärismus auf. An dem Tage, an dem Europa den Harem einführt, wird Europa um hundert Tausend Hetären ärmer. Vornehmlich aus diesem Grunde rathen wir den Europäern, fürderhin nicht mehr mit so misstrauischen Augen den orientalischen Harem anzusehen. Der Harem macht das Heiraten auch billiger, weil er die Frauen aus dem öffentlichen Leben – hauptsächlich aus dem Gesellschaftsleben – heraushebt.

Pix: Da ich so gutmüthig bin, muss ich bemerken, dass die Monogamie zur Brutalität gegen die eine Frau verführt. Die Frauen sind ja viel zu schwach zur Monogamie und die Männer zu stark. Die Polygamie liegt durchaus auch im Interesse des Weibes.

Knaff: Es muss endlich mal betont werden, dass der ganze europäische Hetärismus eigentlich blos ein Produkt der Monogamie ist. Das muss doch jeder vernünftig denkende Mensch bald einsehn.

Plusa: Das steht fest, dass sich für die Monogamie eigentlich nur jugendliche Schwärmer begeistern können. Eines schickt sich nicht für Alle. Die Monogamie erzeugt viel schlimmere Zustände als die wilde Ehe mit der ›freien Liebe‹. Europäer, Ihr lebt im Elend!

Olli: Es ist Blendwerk der Hölle, wenn man Euch die Monogamie in rosigen Farben malt! Seht Euch vor!

Plusa: Nehmt lieber die Ehelosigkeit mit dem Hetärismus – als die Monogamie in Schutz.

Pix: Vergiss Dich doch nicht! Sollen die Europäer die Verfeinerung der Rasse unberücksichtigt lassen? Die Ehelosigkeit ist nur für die ausserordentlichen Menschen – nicht für Hinz und Kunz.

Frimm: Es ist ja nicht nöthig, dass jeder Mann mehrere Frauen hat, er soll aber, selbst wenn er blos eine besitzet, auch diese eine nicht frei herumlaufen lassen – das schickt sich nicht.

Knaff: Verwirr doch nicht das Publikum! Europa krankt an der gesetzlichen Monogamie, die nicht einmal durch die Gesetze der christlichen Religion gerechtfertigt ist – denn die verlangt die Monogamie durchaus nicht. Jeder Mann muss das Recht haben, mehrere Frauen zu ehelichen und muss auch das Recht haben, ein Schock Kebsweiber zu besitzen – wenn's seine Mittel erlauben.

Olli: Die klügsten Männer geben sich natürlich überhaupt nicht mit den Weibern ab.

Plusa: Mach keine faulen Witze! Zu den klügsten Männern reden wir doch nicht. Wir wenden uns doch an das grosse Publikum, das wir vor uns haben – dem die Verfeinerung der Rasse obliegt.

Frimm: Ich muss hier ganz deutlich bemerken, dass ich's für einen Skandal halte, wenn eine Frau mit ihrem Mann öffentlich unverschleiert spazierengeht. Der Mann, der seine Frau den Blicken aller Menschen preiszugeben wagt, hat keine Ehre im Leibe – ist ein schamloses Subjekt. Wer sich mit seiner Frau auf offener Straße zeigt, prostituirt seine Frau.

Knaff: Bravo, Frimm! Das war ordentlich gegeben. Wir wollen den Europäern die Leviten lesen. Wer seine Frau einem Freunde zeigt – ist ein Schandbub! Schlagt ihn tot!

Plusa: Dann müssten wir ja fast alle Europäer totschlagen. Kinder, seid blos nicht so ausfallend. Immer hübsch ruhig! Mancher Schandbub ist eine europäische Berühmtheit geworden – Schandbub sein schändet nicht.

Knaff: Verfluchter Plusa, willst du wohl Dein Schandmaul halten!

Pix: Ich gebiete Ruhe! Wir werden uns doch nicht vor dem schönen Diamantenschnee wieder herumprügeln. Wir werden dem Plusa später den Kopf zurechtsetzen. Europäer, hört nicht auf den Plusa! Hört auf uns!

Frimm: Ich habe mich zu heftig ausgedrückt – das war nicht vornehm. Jedenfalls erzeugt die Monogamie höchst unsittliche Zustände, die endlich mal geregelt werden müssen.

Olli: Aber ich begreife nicht, wozu wir in diesen schrecklich aufgeregten Ton verfallen sollen. Wir haben uns doch so lange so gut vertragen.

Pix: Nu – denn rede mal ein versöhnliches Schlusswort. Wir sehen uns dabei die Diamanten an.

Olli: Es wäre sehr dumm, wenn Jemand glauben wollte, wir sähen auf das Weib mit tiefer Verachtung herab. Nein, das thun wir durchaus nicht. Wir schätzen das Weib als Rasseerhalterin so hoch, dass auch die anspruchsvollste Dame mit unsrer Hochschätzung zufrieden sein könnte. Der Harem darf die Frau nicht beleidigen – ist er doch schöner als das, was draussen liegt. Der Harem ist stets ein kleines Paradies, in dem's sich prächtig leben lässt, wenn die Frauen vernünftig sind. Da giebt's keine Sorge und keine Arbeit – da giebt's so viel Glück, dass die Frauen ganz zufrieden sein können. Seht mal, es wird ja nur um der Förderung der Rasse willen die Treue des Weibes verlangt. Der Mann kann sich doch nicht auf die Treue des Weibes verlassen, wenn das frei herum laufen darf – wie bei Euch in Europa. Die Frau darf auch nicht viel mitreden bei der Zuchtwahl. Deswegen hat die Frau nicht viel zu wählen, sie hat dem Mann, der sie will, zu folgen. Ist es thatsächlich nicht der Rechte – dann lässt sie der Mann schon wieder laufen – das ist nicht so gefährlich. Im Uebrigen kann sich jedes Mädchen auf seine Eltern verlassen. Kinder, das ist Alles so einfach. Wir hier im Orient haben den ganzen Liebesrummel so fein geordnet, dass es eine Freude ist. Studirt die orientalischen Sitten ohne Vorurtheil und führt dann bei Euch die nöthigen Reformen ein! Ihr dürft ja nicht gleich Alles auf ein Mal umkrempeln – aber so allmählich werdet Ihr schon das Rechte treffen. Ihr seid gut und willig – Ich vertrau' Euch.

Die Europäer nicken bedächtig. Die Diamantenfunken sprühen ihr brennendes Farbenlicht durch die ganze syrische Wüste. Die Löwen leuchten mit.

Der blitzende Glanzzauber erscheint den Europäern ganz unfassbar.

Plusa erräth ihre Gedanken und sagt: »Die ganze Welt ist ja unfassbar.« Er will weiter reden, doch Pix bemerkt heftig: »Jetzt müssen wir mit unsern Reden aufhören, Harun muss ja schon da sein.«

Und das stimmt auch.

*

Die zehnte Nummer beginnt:

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