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Der Tod Abels

Salomon Geßner: Der Tod Abels - Kapitel 6
Quellenangabe
typeepos
booktitleSchriften I. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1758
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleDer Tod Abels
created20060220
sendergerd.bouillon
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Der
Tod Abels.

Vierter Gesang.

NOch sank der næchtliche Thau, noch schwiegen die schlummernden Vœgel, noch ruhete Nacht im Thal, und blasse Dæmmerung auf den Stirnen der Berge; da gieng Kain schon aus seiner Hytte melancholisch daher. Mehala hatte in den næchtlichen Stunden, unbewußt, daß er sie behorcht, yber ihn geweint, und mit gerungenen Hænden fyr ihn gebetet. Da gieng er aus der Hytte und murmelte so vor sich her. (Seine Stimme tœnte in der einsamen stummen Morgen-Dæmmrung, wie ein ferner Donner.)»Hæßliche Nacht! was fyr schwarze Bilder schwebten um mich her! Schreken auf Schreken. Doch hætte da meine Einbildungs-Kraft geruhet, die Træume waren verschwunden, ruhig hætt' ich geschlummert, da hat ihr Schluchzen, ihr Jammern mich gewekt. Ha! muß ich denn nur zum Jammer erwachen? Muß er mir denn auch nicht eine Stunde der Ruhe ybrig lassen? Was weinte sie? Ueber mich; und doch weiß sie das verworfne Opfer nicht. O dieß Weinen, dieß Seufzen yber mich, dieß Winseln! ich konnt' es nicht ertragen; es hat mir izt schon die Ruhe des ganzen kommenden Tages geraubt! Beyfallendes Læcheln begleitet immer jede, auch die niedrigste That meines Bruders, wenn melancholische Trauer mich aller Orten verfolget. Mehala! ich liebe dich, wie mich selbst lieb ich dich; ô warum must du die wenigen Stunden meiner Ruhe mir verbittern?

Izt stand er unter dem von einem Felsen yberhangenden Busch. O hier, hier versage mir deine Hylfe, deine Erquikung nicht, sysser Schlaf! So sprach er; wie bin ich unglyklich! Entkræftet sucht ich dich in meiner Hytte, und kaum hast du deine sanften Flygel yber mich gedekt, so mußte die Stimme des Wehklagens mich weken. Hier, hier doch wird niemand mich stœren, es sey denn, daß selbst die leblose Natur mich bis in die Stunden der Ruhe verfolgt. Vergœnn es mir, Erde, die du in deinem zu strengen Fluch zu ermydende Arbeit foderst, um længer zu leben, oder længer elend zu seyn, – – von dieser Arbeit wenige die glyklichsten Augenblike zu ruhen, wirst du doch vergœnnen! so sprach er, und legte sich aufs duftende Gras. Nicht lange, so breitete der Schlaf seine dunkeln Flygel yber ihn aus.

Anamelech hatte seinen einsamen Fußtritt verfolgt, und stand izt neben ihm. Tiefer Schlaf hat yber seine Augen sich ausgebreitet, so sprach er, und izt will ich an seine Seite mich legen, und mein Vorhaben befœdernde Træume in seiner Einbildungs-Kraft schildern. Wiz und du, Einbildungs-Kraft, stehet izt in eurer ganzen Stærke mir bey; sucht jedes Bild auf, das hilft, den nagenden Neid, wytenden Zorn, und jede quælende Leidenschaft zum schreklich tobenden Tumult in seiner Seele aufzudonnern!« so sprach derVerworfne, und schmiegte sich an seiner Seite hin. Als er sich hinlegte, da gieng ein wildes Geræusche durch die Wipfel, und ein bryllender Wind durchwyhlte die Gebysche, und schlug die Haarloken um Kains Stirn und Wangen. Aber umsonst heulten die Gebysche, umsonst schlugen seine Loken Stirn und Wangen, der Schlaf hatte zu schwer auf seine Augen sich geleget.

Der Træumende sah izt ein weit ausgebreitetes Feld mit einsamen Hytten bedekt, wo einfæltige Armuth wohnte; und seine Sœhne und ihre Kinder, auf dem Felde zerstreut, achteten die mittægliche Sonne nicht, die ihre brennenden Stralen auf ihre braunen Naken hinstreute; mit ermydender Arbeit sammelten sie theils ihre Armuth, oder umgruben die rauhe Erde zur neuen Saat, oder gebykt, mit wunden Hænden rissen sie das dornigte Unkraut aus, das um ihre Feld-Frychte sich schlang, und heißhungrig ihnen die næhrenden Sæfte stahl; indeß daß ihre Weiber in den Hytten die Armuth der Wirthschaft, und die ybel bestellte Tafel besorgten. Eliel, der erste von seinen Sœhnen, (der Træumende kannte sein Gesicht und seine Geberde) hub æchzend eine schwere Last von dem Feld auf die Schulter; Schweiß floß vom braunen Gesicht, und Unmuth saß auf der Stirne. Wie elend ist dieß Leben! so klagt' er unter der Last hervor, wie voll Myhe und Beschwerden! Wie schwer ligt der Fluch auf Kains Sœhnen! Hat der, der diese Erde schuf, nach dem Fluch sie ganz aus seinem Auge verbannt? Oder sollte vielleicht der Fluch nur des Erstgebornen Kinder treffen? Dort in jenen Gefilden, die Abels Sœhne bewohnen; (sie haben aus jenen Gegenden uns verdrængt, und uns in Wildnissen zu wohnen erlaubt;) dort, wo sie im wollystigen Schatten wohnen, scheint die ganze Natur jede ihrer Schœnheiten nur ihrer weichlichen Trægheit zu weihn; jeder Trost des elenden Lebens, jede sanfte Erquikung ist zu jenen Wollystigen hinybergegangen; nur Armuth und Arbeit ist bey uns Elenden geblieben. Izt wankt' Eliel mit der Last auf der Schulter seiner Hytte zu. Der Træumende sah izt jenseit des Feldes eine blumigte Flur, klare Quellen schlængelten sich in muthwillig windendem Lauf durch dunkle Schatten gewœlbter Gebysche; oft rieselten sie bey grynen Lauben vorbey, oft zwischen langen Reihen von Bæumen; in ihren glatten Fluten spiegelten sich Blyten und Frychte in manigfaltigem Glanz; oft sammelten in blumigten Ufern sie sich zum stillen beschatteten Teich; dort im zitternden Citronen-Hain spielten kyhlende Winde, und dort spreitet' ein Feigen-Hain den breiten Schatten auf Blumen aus. So schœn war Tempe nicht, auch Gnidus nicht, wo auf glænzenden Sæulen der Venus-Tempel stand, denn da hat die gefabelte Gœttin mit ihrem ganzen Gefolge geherrscht. Schneeweisse Herden irrten im hohen Gras, und mæhten die duftenden Blumen weg, indeß daß der zarte Hirt mit Blumen bekrænzt dem liebæugelnden Mædchen, das halb im Schatten ligt, ein sanftes Lied singt. Dort sammelten sie sich in einer hochwœlbenden Laube, Jynglinge und Mædchen, wie Liebes-Gœtter schœn, schœn wie die Gratien. Da styrzten die syssen Getrænke tief in die Trink-Schale hinunter, und goldne Frychte glyheten auf Blumenbestreuter Tafel; indeß tœnten liebliche Gesænge und sanftklingende Saiten und Flœten weit umher. Aus ihrer Mitte stund izt ein Jyngling auf. Seyd mir gesegnet, Geliebte! So sprach er, seyd mir gesegnet, und wendet euer Ohr izt mir zu. Zwar lachet uns die Natur, und hat jede ihrer Schœnheiten um unsre Wohnung gesammelt; doch fodert sie Pflege und Arbeit; zu ermydende Arbeit fyr uns, die sanftern Geschæften uns wiedmen. Der Hand ist es schmerzlich das Feld zu bauen, die gewœhnt ist, die sanften Saiten der Harfe zu ryhren; schwer dem zartlokigten Haupt, der Sonne Hize zu fyhlen, das sonst, mit Rosen bekrænzt, im kyhlen Schatten ruht. Geliebte! ich will euch Gedanken vertrauen; ich glaube, mir hat sie ein Schuz-Engel geflystert. Laßt uns, wenn das Dunkel der Nacht da ist, auf jenes Feld hinausgehn, wo die Aker-Leute wohnen, und wenn sie, von des Tages Arbeit myd, in hartem Schlaf ligen, in ihren Hytten sie yberfallen, und binden, und dann gefangen in unsre Wohnungen fyhren, daß die Mænner fyr uns dienstbar die Arbeit des Feldes verrichten, und ihre Weiber und ihre Tœchter euch, holde Mædchen, in euern Kammern dienen. Aber des Nachts! zwar sind wir an Anzahl ihnen yberlegen, aber besser doch, wenn wir gefæhrliche Gefechte vermeiden. So sprach der Jyngling, und die beyfallende Schaar klatscht' ihm freudig zu. Izt sah der Træumende das Dunkel der Nacht, und hœrte das Geschrey des Schrekens und des Jammers und des Triumphs, gemischt von den Hytten her, die entzyndet hoch empor flammeten; weit umher glyhete da die Nacht, und ferne Wellen blizeten ums errœthende Ufer. Bey der Flamme sah er seine gebundenen Sœhne, und ihre Weiber und ihre Kinder, wie eine bryllende Herde, vor Abels Sœhnen dahergehn.

So træumte Kain und bebte im Schlaf, als Abel, der in dem vom Felsen hangenden Busch ihn gefunden hatte, vor ihm stand; er sah mit Augen voll Lieb' auf ihn hin, und sprach mit sanft flysternder Stimme: O daß du bald erwachtest, Bruder, daß mein liebevolles Herz seine Empfindungen dir sagen, daß meine Arme dich umschlingen kœnnten! Aber still mein Verlangen, still ihr Winde im Gebysche, singet nicht zu nahe ihr Vœgel, daß die erquikende Ruh ihn nicht verlasse, wenn seine myden Glieder vielleicht noch ihres Einflusses bedœrfen! Aber – – wie er blaß da ligt – – unruhig – – Zorn sizt auf seiner Stirne. Warum beunruhigt ihr ihn? ô schrekende Træume! Laßt seine Seele in Ruhe; Kommt ihr angenehme Bilder, von sanften hæuslichen Geschæften und zærtlicher Umarmung, und allem was schœn ist in der Seele, und lachend in der ganzen Natur; erfyllet seine Einbildungs-Kraft mit Heiterkeit und Wonne, wie einen Fryhlings-Tag; daß Freude auf seiner Stirne lache, und wenn er erwachet, Lob-Gesænge von seinen Lippen fliegen. Als er so sprach, sah er mit Augen voll zærtlicher Liebe und mit bangem Erwarten auf seinen Bruder.

Wie ein zottigter Lœwe, der an einem Felsen im Schatten schlæft, (der bange Wandrer geht leise weit neben ihm voryber, denn Gefahr drohet aus der Mæhne hervor, die des Schlafenden Stirne dekt,) wie der, wenn er plœzlich die tiefe Wunde des schnell fliegenden Pfeiles in seiner Hyft empfindet, mit tobendem Gebryll schnell aufspringt, und wytend seinen Feind sucht, und ein unschuldiges Kind zerreißt, das nicht weit mit Blumen im Grase spielt; eben so sprang Kain plœzlich vom Schlaf auf; schæumend; vor seiner Stirne saß tobende Wuth, wie ein schwarzes Gewitter, er stampfte wider die Erde; »Oefne dich, Erde! so rief er, und verschlinge mich, verschlinge mich tief in den Abgrund! ich bin elend, und, ô! schrekliches Gesicht! meine Kinder sind elend! Doch, du wirst dich nicht œfnen, vergebens fleh ich; Er, der allmæchtige Ræcher wird dirs verbieten; Ich muß elend seyn, das will er, und mit allen Schreknissen mich zu verfolgen, zieht er den Vorhang weg, und læßt mich in die Hœlle der Zukunft hinaussehn. Verflucht, verflucht sey jene Stunde, da meine Mutter das erste mal mit Schmerzen gebahr! Verflucht die Stætte, wo sie in Geburts-Schmerzen dahinsank! Was yber ihr steht verderbe; und der da pflanzen will, der habe die Myhe und den zerstreuten Saamen verloren! und wer voryber geht, dem soll ein Schreken durch die Gebeine beben.

So fluchte der Elende, als Abel, blaß wie in der Todesstunde, mit wankendem Schritt næher tratt; Geliebter! so stammelt' er, aber nein – – ô! – – ich bebe – – einer der verworfnen Empœrer, die GOttes Donner vom Himmel styrzte, trægt triegend seine Gestalt und læstert! – – wo ist mein Bruder? Ach! ich entfliehe! wo bist du, mein Bruder, daß ich dich segne?

Hier ist er! so donnerte Kain, hier! du læchelnder, Freuden-thrænender Liebling des Ræchers und der ganzen Natur, du, dessen Nater-Gezycht einst allein in der Welt glyklich seyn wird! allein – – und warum nicht? Billich mußte die Mutter einen gebæhren, der der gesegneten Schaar dienstbare Aufwærter erzeugte; Last-Thiere, damit die gesegnete Schaar die der Wollust gewiedmeten Kræfte nicht durch harte Arbeit verzehrte! Ha! eine Hœlle lodert in meinem Busen, mit allen ihren Qualen!

Kain! mein Bruder! sprach Abel, banges Erstaunen und zærtliche Liebe sassen in seinem Gesichte, was fyr ein hæßlicher Traum hat dich getæuscht? Geliebter! ich kam mit dem Morgen-Roth dich zu suchen, dich zu umarmen, mit dem kommenden Tage dich zu segnen; Aber, ô was fyr ein Gewitter tobet um dich her! wie unfreundlich empfængst du meine zærtliche Liebe! Wenn – – ach! wenn werden einst die seligen Tage, die Tage voll Wonne heraufgehn, da Friede unter uns ist, und harmlose ungestœhrte Liebe die sanfte Ruh in der Seele und jede læchelnde Freude wieder aufblyhen læßt; jene Tage, denen der bekymmerte Vater so sehnlich entgegenseufzet, und die zærtliche Mutter? O Kain, Kain! wie tritst du wytend die Freuden zu Boden, mit denen du da uns betrogest, da als ich entzykt in deiner Umarmung weinte! Hab ich dich beleidigt, mein Bruder! unwissend dich beleidigt, – dann – bey allem was heilig ist, beschwœr ich dich, tritt aus dem tobenden Gewitter hervor, verzeihe mir, und laß mich dich umarmen!»so sprach Abel, trat næher, und wollte flehend des Bruders Knie umfassen; aber Kain sprang zuryk, – – Ha Schlange. – – du willst mich umwinden!« so rief er, hub wytend den Arm, und schwang die Keule durch die heulende Luft auf Abels Haupt; der Unschuldige sank vor ihm hin, mit zerschmettertem Schedel, blikt mit Verzeihung im starrenden Auge noch einmal ihn an, und starb; sein Blut floß durch die goldnen Loken an des Mœrders Fysse.

Kain stand in betæubendem Schreken todblaß, kalter Schweiß umfloß die bebenden Glieder; er sah des Erschlagenen lezte krampfigte Bewegung, und das rinnende, zu ihm aufrauchende Blut. Verfluchter Schlag! rief er, Bruder! – erwache – – erwache Bruder! Wie blaß ist sein Gesicht! wie starr sein Auge! wie das Blut um sein Haupt hinfließt! – – Ich Elender! – – ô was ahnt mir! – – Hœllische Schreken! so bryllt er, und warf wytend die Blut-besprizte Keule weit weg, und schlug die starke Faust wider seine Stirne. Izt wankt' er zum Erschlagnen hin, und wollt' ihn von der Erd' aufheben; Abel! – – Bruder! – – erwache! Ha! – – Hœllen-Angst faßt mich! wie sein Blut-triefelndes Haupt hængt! wie ohnmæchtig! – – Tod – – ô Hœllen-Angst, er ist todt! Ich will fliehen! Eilet wankende Knie!« so bryllt er, und floh ins nahe Gebysche.

Triumphierend stand der Verfyhrer izt yber dem Erschlagenen, in frolokendem Stolz bæumt er sich hoch auf; hoch und fyrchterlich, so fyrchterlich hebt sich die schwarze Sæule von Rauch hoch yber den Aschen-Haufe der einsamen Hytte, deren Bewohner auf dem Felde ruhig arbeiteten; indeß daß die Flamme jede hæußliche Bequemlichkeit, ihren ganzen Reichthum verzehrte. So stand Anamelech, und sah mit hœllischem Læcheln dem Fliehenden nach und dann auf die Leiche hin, und izt rief er: »Ha! sysser Anblik, sey mir gegryßt! sey mir gegryßt, du erstes Blut des Synders, das die Erde verschlingt! so vergnygt hab ich, eh es dem Donnerer gelang, uns aus dem Himmel zu styrzen, die heiligen Quellen nie rieseln gesehn; so lieblich haben mir die Tœne der Harfen Lob-singender Erzengel nie getœnt, wie dieß Rœcheln, dieß lezte Seufzen des Sterbenden mir getœnt hat. Du erhabener Bewohner der neuen Schœpfung, du herrliches leztes Meisterstyk aus des schaffenden Hand; wie læcherlich du da ligst! Steh auf, schœner Jyngling, Freund der Engel! steh auf, sey nicht so træg im sclavischen Dienste des Anbetens und des Hinkniens! Aber, er regt sich nicht, sein eigener Bruder hat so unsanft ihn hingelegt. So will ich durch Thaten aus der Dunkelheit mich empor schwingen, durch Thaten, die Satan selbst beneiden soll. – – Ich geh izt hin, vor die Thronen der Hœlle; wie syß wird das zurufende Lob mir tœnen! wenn es in den Gewœlben der Hœlle wiederhallt, dann geh ich triumphierend unter den Schaaren der Elenden einher, die noch kein Unternehmen geadelt hat.« Noch einmal wollt' er in stolzem Triumph auf den Erschlagenen niedersehn; aber der Verzweiflung hæßliche Zyge zerrissen schnell das werdende hœnische Læcheln, und den Stolz auf der Stirne. Der HErr befahl den Schreken der Hœlle, yber ihn zu kommen; und ein Meer von Qualen styrzte sich auf ihn. Da flucht er der Stunde, in der er ward, fluchte der qualvollen Ewigkeit, und floh.

Das Rœcheln des Sterbenden und sein leztes Seufzen waren izt empor gestiegen vor den Thron des Allgegenwærtigen, und foderten von der ewigen Gerechtigkeit Rache; es donnerte aus dem Allerheiligsten, und da schwiegen die goldnen Harfen, und das ewige Halleluja; und der Donner wiederhallete drey mal durch des Himmels hohe Gewœlbe; izt schwieg der Donner, und die Stimme des Hœchsten gieng aus dem silbernen Gewœlke, das den Thron umfließt, und nannte einen der Erzengel. Er trat hervor, sein Gesicht mit dem Glanze der Flygel umhyllet. so sprach GOtt: »Der Tod hat seine erste Beute bey den Sterblichen genommen, und izt weih ich dich zum heiligen Geschæfte, daß du sie alle sammelst, die Seelen der Gerechten. Ich selbst, ich habe zu Abels Seele geredet, da er hinsank; fyrhin sollst du dem Gerechten, den kalter Todes-Schweiß umfließt, zur Seite stehen, daß du, wenn des Sterbenden Stimm' izt bricht, wenn die lezte Todes-Angst ihn fasset, die Versicherung ewiger Seligkeit zu der ringenden Seele dann redest, daß er noch ein mal mit Augen voll Seligkeit umhersieht, und stirbt. Geh izt in die Wohnung der Sterblichen, der Seele des vom Bruder Erschlagenen entgegen; und du, Michaël, begleite seinen Flug, und rede dem Bruder-Mœrder den Fluch. »Der HErr redete nicht mehr, und der Donner wiederhallete drey male durch des Himmels hohe Gewœlbe. Izt rauschten die Erzengel durch die still feyernden Heere, und eilten mit fallendem Fluge von den schnell geœfneten Pforten des Himmels, unzæhlbare Sonnen und Welten vorbey, tief hinunter zur Erde.

Der Todes-Engel rief izt Abels Seele aus ihrer blutenden Hylle; himmlisch læchelnd trat sie hervor, die geistigsten Theile des Cœrpers flossen ihr nach, und mit balsamischen Dyften vermischet, die sanfte Winde den Blumen raubten, die rings umher im hinstralenden Glanze des Engels aufblyheten, umflossen sie die Seele, und bildeten sich zum ætherischen Cœrper. Izt sah sie voll nie empfundenen Entzykens den wartenden Engel.

Mit himmlischer Freundlichkeit trat er næher, und sprach: sey mir willkommen aus deiner Hylle von Staub! umarme mich; Heil mir! Ich bin der erste, der dich in die Seligkeit bewillkommet, Myriaden erwarten Dich. Heil dir, du Gerechter! ewige Wonne, unaussprechliche Seligkeit, Anschauen GOttes, dir, zum Lohn der Tugend. O sey mir willkommen! umarme mich, du erster, der aus der Hylle des Staubes selig hervorgeht.

Ich umarme dich, himmlischer Freund! ich umarme dich! sprach die Seele, und izt schwieg sie, vom verstummenden Gefyhl ihrer Seligkeit durchstrœmt. »O wie bin ich selig! – – so rief sie izt, wenn meine Seele im Staub, wenn sie bey næchtlichem einsamen Mond-Schein in sich gehyllt, GOttes Allgegenwart fyhlte, die Schœnheit der Tugend ganz fyhlte, und voll Seligkeit weinte, wars die dystre Dæmmerung der Seligkeit, die ich izt empfinde. O schon empfind ich sie hœher die Freuden der Tugend, schon fyhl' ichs næher, das Unaussprechliche der Allgegenwart GOttes! Was fyr Gedanken steigen in mir empor? – – Lieblich wie Fryhlinge, hell und glænzend wie Sonnen! Freund! Freund! ich umarme dich! unendliche Ewigkeit ist mein, ihn mit unermydeten Lippen zu preisen, der den ewig mit unaussprechlichem Glyke lohnt, der das liebte, was schœn und gut ist.

So sprachen die Seligen, und zerflossen in zærtlicher Umarmung. »Folge, mein Freund! so sprach der Engel, folge meinem leitenden Flug; verlaß die Erde; was dir das liebste zurykbleibt, die Sterblichen, die tugendhaft sind, die folgen dir nach, wenige Jahre fliegen yber ihr Haupt hin, dann folgen sie dir nach. Schwinge dich empor zur Umarmung der seligen Freunde, empor zum ewigen Lob-Gesang.

Ich folge deinem Flug, ewiger Freund! antwortete die Seele; ô was fyr Wonne, was fyr Heil! Seyd mir gesegnet, Geliebte, die ich im Staub euch zuryklasse! Wenn einst die Jahre euers Lebens yber euer Haupt dahin sind, wenn die Stunde des Todes izt da ist, wenn du, Freund! dann den Sterbenden entgegen gehest, dann, ô dann geh ich hervor, zum Thron hin, und flehe daß mir vergœnnt sey, deinem Flug zu folgen; daß ich voll unaussprechlichen Entzykens sehe, wie ihre Seelen in die Seligkeit aus dem Staube hervorgehn. Dich, Thirza! Geliebteste! dich seh ich dann auch, wenn du lange yber meinen Gebeinen wirst geweint haben; wenn das noch stammelnde Kind durch deine Fyhrung so tugendhaft seyn wird wie du, dann werd ich auch dich sterben sehn; wie selig, wenn du dann aus dem erstarrenden Leib in meine Umarmungen fliegest!

So sprach Abel, indeß daß sie von der Erde empor schwebten; er segnete noch einmal zu den Hytten hin, sein irrender Blik fand seinen Bruder, Verzweiflung des hæßlichen Lasters saß in seiner Mine. Er schlug die Hænde yber seinem Haupt zusammen, und sah mit wildem Blik empor; izt schlug er die starke Faust an seine tiefathmende Brust, warf in ængstlicher Verzweiflung im Gebysche sich hin, und welzte sich im Staub. Mitleidige Thrænen flossen von des Seligen Aug; izt wich sein wehmythiger Blik von der schrekenden Scene, und ruhete in der Schaar begleitender Engel. Die Schuz-Engel der Gegend begleiteten bis yber den Dunst-Kreis der Erde frolokend ihren steigenden Flug. Hier umarmten sie noch die reisenden Himmlischen voll seliger Liebe; dann blieben sie auf einer rosenfarben Wolke, und begleiteten ihren Flug mit Lob-Gesængen durch den Aether. Der liebliche Gesang der Flœte und die silbernen Saiten der Harfen mischeten in Chœren sich in ihr Lied. So sangen mit antwortendem Gesang die Beschyzer der Gegend.

Dort schwebt er empor, der neue Himmlische schwebt dort empor! schœn – – so schœn ist der Fryhling, wenn er zur Erde kœmmt, und heitre Wonn und jede læchelnde Entzykung ihn umschweben. Jauchzet ihm zu, ins Ungemeßne hingesæete Sterne, jauchzet ihr zu, eurer Gespielin der Erde. Hat sie nicht festlich sich geschmykt? sie die zwar im Fluche ligt, aber doch Himmlische in ihrem Staube næhrt. Wie sie unter uns empor glænzt! Ein frischeres Gryn læchelt von den Fluren, heller glyhen die Hygel.

Dort schwebt er empor, der neue Himmlische schwebt dort empor. Lobsingende Schaaren stehn an den Pforten des Himmels, und sehen ihm entgegen, dem ersten, der der Erd' entsteigt, umarmen ihn und krænzen ihn mit ewig blyhenden Rosen. O wie selig wird er seyn, wenn er in den Fluren des Himmels einhergeht, wenn er in der aromatischen Dæmmrung ewig grynender Lauben in Chœre sich mischet, den zu loben, dessen Ausfluß diese unaussprechliche Seligkeit ist!

Festlicher Tag! dich haben wir gefeyert, mit Lob-Gesængen dich gefeyert, da sie vom Himmel kam, die jugendliche Seele, in ihrem Leibe zu herrschen. Wir sahn es, wie jede Tugend in reinem Glanz empor wuchs, wie Lilien im Fryhling empor wachsen. In unsichtbarer Gesellschaft haben wir immer dich umschwebt; wir, ô was fyr Lust! wir haben jede deiner Thaten, jeden deiner Wynsche bemerkt, jede Thræne gesehn, die deine Tugend dir entlokte; und izt, ô! fliegt ihrer Umarmung entgegen, und krænzt sie mit himmlischen Rosen; izt ist sie dem Staub entstiegen!

Dort ligt sie die Hylle, wie eine welkende Blume ligt sie dort; nihm ihn zuryk den Staub, mytterliche Erde, daß jeden Fryhling sanft dyftende Blumen aus ihm empor blyhn. Festlicher Tag! dich wollen wir feyern, mit Lob-Gesængen dich feyern, so oft ein Fryhling dich wieder herfyhrt, dich Tag, an dem der erste Gerechte der Erde entstieg.

So sangen sie, und liessen auf der glænzenden Wolke sich zur Erde.

Kain irrte im nahen Gebysche, Verzweiflung trieb ihn umher. Er wollte fliehen. Wie konnt er seinem Elend entfliehen? Wie wenn ein Wanderer vor einer zischenden Schlange flieht, er flieht umsonst, umsonst ringt er mit dem Gift-hauchenden Thier; es hat in vesten Ringen um Lenden und Hals sich gewunden; wo soll er entfliehen der Elende? schon nagt sie auf der krampfigt gewundenen Brust, und flœßt das unheilbare Gift in sein Herz. »O daß ich den Anblik des Blutenden nicht mehr sæhe! so rief er, ich fliehe, sein Blut rieselt mir nach, auf der Ferse nach! Wohin flieh ich, wohin? ich Elender! sein lezter Blik! – – ô! was hab ich gethan? du marterst mich, That, mit Foltern der Hœlle! – – Ich habe die Mœrder meiner Kinder vor ihrer Geburt zernichtet! – – Was rauschet durchs Gebysche wie Seufzer des Sterbenden? Weg, bebender Fuß, weit weg, vom rieselnden Blut, weit weg von der schauernden Gegend des Todes! Schleppet mich weg, wankende Knie, mit dem Blut des Bruders besprizt, hin, – – zur Hœlle! so rief er, und wollte fliehen.

Eine schwarze Wolke ließ fyrchterlich sich vor ihm nieder. »Kain! wo ist dein Bruder? rief eine schrekende Stimme aus der Wolke. »Ich weiß es nicht, ich Elender! – – ich hyt' ihn nicht, – – so stammelt' er in schreklicher Verwirrung, und schauerte todtblaß zuryk. Izt donnerte die Wolke, und Feuer versengte das Gras und die Gebysch' umher, und der Engel trat aus der Wolke hervor; von seiner Stirne droheten die Gerichte des HErren, in seiner Rechten flammete ein Donner-Keil, und seine Linke hielt er hoch yber den gebykten Bebenden hin; er sprach und es donnerte: Steh, bebe, und hœre deinen Fluch! so spricht der HErr. Was hast du gethan? Das Blut deines Bruders schreyt zu mir herauf von der Erde, und nun seyst du verflucht vor der Erde, die ihren Mund aufgethan, und das Blut deines Bruders von deinen Hænden empfangen hat. Wirst du die Erde bauen, so sey sie dir unfruchtbar, und du wirst auf der Erde immer flychtig seyn.« Schauer und Hœllen-Angst faßten den bebenden Synder; er sah gebykt zur Erde nieder; er stand, wie der GOttes-Læugner steht, wenn GOtt im ernsten Gericht die Erde beben heißt; wenn die Gewœlber entweihter Tempel einstyrzen, und die Pallæste der Synder tief in den Abgrund sinken, wenn aus dem Tumult der Natur das Geschrey der Sterbenden um ihn her tœnt, und aus den Wunden der Erde schwarze Wolken und Flammen um ihn her hoch aufwallen; so wankt' und bebte der Bruder-Mœrder, so empfand er, sprachlos und blaß wie ein Sterbender; er versucht' es zu reden, und die bebenden Lippen vermochten nicht zu reden; izt stammelt' er, und wagt es nicht, aufzubliken. »Zu groß – ô! zu groß ist meine Missethat, als daß sie ewig mir kœnnte vergeben werden! Heut hast du vor dieser Erde mich verflucht, und ich – – ô wo kann ich vor deinem Antliz mich verbergen? Unstæt und flychtig muß ich seyn. O! wyrde der erste, der mich findt, mich Missethæter tœden!

Siebenfache Rache falle auf den, der dich tœdet, sprach des Donnernden Stimm'; immerwæhrende Angst und nagendes Gewissen werden dein Gesicht und deine Geberde bezeichnen, daß jeder, der vorybergeht, sagt: Das ist Kain, der Bruder-Mœrder; und dann mit Entsezen den Fußsteig flieht, den dich deine irrenden Fysse leiten« so sprach der Engel den Fluch, und verschwand. Schrekliche Donner giengen aus der schwindenden Wolke, und ein Wirbel-Wind zerriß die nahen Gebysche und heulte, wie ein Verbrecher heult, der in den hæßlichsten Martern verzweifelt.

Mit Verzweiflung im Auge stand izt Kain, sein empor gestræubtes Haar schlugen unfreundliche Winde umher; in stummer Betæubung stand er lang da, und izt blikt' er furchtsam wild unter den tief gedrykten Augbramen hervor, und hub mit bebenden Lippen an: »Hætt' er mich vernichtet, ganz mich vernichtet, daß keine Spur mehr von mir in der Schœpfung wære? Oder – – hætt' einer der Donner mich gefasset – tief in die Erde mich geschmettert! Aber er will mich endlosen Qualen aufbehalten. Ich – – vor der ganzen Schœpfung verflucht, ein Abscheu der Natur, – – mir selbst ein Abscheu! – – – O! Schon fyhl' ich sie! Schon fyhl' ich sie ganz, die scheußlichen Gefehrten, die mich, von GOtt, von allem Verlaßnen, mit hœllischen Qualen mich ewig verfolgen werden, dich Hœllen-Angst, Verzweiflung, nagendes Gewissen! O was fyhl ich! – Verflucht seyst du, hingestrekter Arm, der du zum Mord die Keule aufschwangest, du myssest am Leibe verdorren, wie ein Ast am Baum verdorret! Verflucht sey die Stunde, da der Traum aus der Hœlle mich tæuschte! Die Erde heule, so oft du zurykkœmmst! – – Natur! warum giebst du nicht hæßliche Zeichen deines Abscheuens um mich her? Wo mein Fuß auf dir wandelt, da bist du verflucht! Wo bist du? daß ich dir fluche! bist du zur Hœlle zuryk, der du den Traum mir gabst? O daß du endlos fyhlest, was ich izt fyhle; mehr kann ich dir nicht fluchen, ich Elender! – – Ha! dort seh ich ihn, – – sie flammet hoch auf, die Hœlle! wie sie triumphierend zu mir auflæcheln, die Verdammten! Ha! læchelt, Verdammte, zu mir Elenden auf! Oder – – kœnnt ihr noch Mitleid fyhlen, so fyhlt es; so hat noch kein Satan empfunden, wie ich!« so sprach Kain, izt taumelt' er zu einem umgerissenen Stamm; da sezt' er sich hin, ohnmæchtig und sprachlos. Tief staunend, dann erbebt' er und rief: Wer rauscht bey mir vorbey? – der Erschlagne! ô ich hœrt' ihn rœcheln, ich hœrte sein Blut triefeln! O Bruder! – – Bruder! Um meiner unaussprechlichen Qualen willen, verfolge mich Elenden nicht!« Izt saß er wieder tiefseufzend, ohnmæchtig und sprachlos.

Indeß gieng der Vater der Menschen an seines Weibes Seite aus der Hytte. »Wie schœn glænzt uns die Morgen-Sonn' entgegen! so sprach Eva; sanfte vergoldete Nebel umhyllen die durchschimmernde Ferne; wir wollen in die schœne Gegend hinausgehn, und in dem Thau wandeln, bis die wartende Arbeit mich in die Hytte zurykfodert, und dich aufs Feld hin. O Geliebter! wie schœn ist die Erde; ist sie gleich verflucht! zwar schœn gegen dem, ach! durch meine Uebertrettung verlornen Paradiese, wie du schœn warest, in deinen ersten Tagen der Unschuld, gegen den uns besuchenden Engel. Sieh, Geliebter, wie jedes Geschœpfe sich freut, wie von jedem Busch, von jedem Wipfel Gesænge hertœnen, wie jedes hæusliche Thier um die Hytten her munter ist, und mit froher Stimme oder mit scherzenden Spryngen den Morgenstral gryßt.

Ihr antwortet' Adam. Ja, Eva, sie ist schœn, die Erde; ist sie gleich verflucht, so trægt sie dennoch die Spuren, unerschœpfliche Spuren der Gegenwart der unendlichen Gyte fyr uns, die durch den grausamen Fall, durch den schnœdesten Undank uns jeden Anspruches auf Gyte und Erbarmen unwyrdig machten; ja er ist gytiger und gnædiger der Allmæchtige, als unsere Zunge zu stammeln und unsere Seele zu denken vermag. Geliebte! laß uns hinausgehn auf die blumigte Flur, wo Abels Herde im Thau geht; vielleicht finden wir den frommen Sohn, wie er einen neuen Lob-Gesang dem Schœpfer singt.

Vergœnn es mir, sprach Eva, dir zu sagen, Geliebter, was ich schon beym schœnen Aufgang der Sonne dachte. Da legt ich die fettesten Feigen, die mein Vorrath hatte, und gedœrrete Trauben in dieses Kœrbgen; ich will aufs Feld hinausgehn, so dacht' ich, zu Kain meinem Erstgebornen, und diese Frycht' ihm bringen, daß sie, wenn er von der Arbeit ruhet, im nahen Schatten ihn erquiken. Denn, Geliebter! jeder Gedanke, jeder Schritt sey mir gesegnet, der den schwarzen Wahn bey ihm zerstœren hilft, er sey von uns nicht geliebt.

Wie aufmerksam ist deine zærtliche Sorge, geliebte Eva! sprach Adam; habe Dank fyr deinen weisern Rath! laß uns zum Kain hinausgehn, daß er nicht sage, Abel allein sey geliebet; vielleicht daß wir bey der Schœne des Morgens sein Herz den Eindryken der Zærtlichkeit offener finden.« Sie sprachens, und eilten, Eva mit dem Kœrbgen am Arm, hinaus aufs Feld, Hand in Hand; »O wie glyklich! so sprachen sie, und eilten, fænden wir bey der Schœne des Morgens, izt da die lachende Natur jedes edle Gefyhl wekt, sein Herz der Zærtlichkeit offen.

Sie waren hinter einem Gebysche hervorgegangen; Eva zuerst. Wer ligt da? sprach sie, und trat erschroken zuryk, – Adam! – wer ligt da? – nicht wie ein Ruhender bequem, wie an den Boden hingeworfen, das Gesicht gegen der Erde. – Diese goldnen Loken sind Abels, – – Adam! ô warum beb' ich? – Abel! Abel! Geliebter erwache! wende dein holdes Angesicht voll kindlicher Zærtlichkeit zu mir! Erwache, ach! erwache, Geliebter, aus dem unbequemen Schlaf! Izt traten sie næher. »Ha entsezen! schrie Adam, und bebte zuryk; Blut – – Blut fließt von der Stirne – – ums Haupt hin! »O Abel! Geliebter! rief Eva, und hub seinen erstarreten Arm auf, und sank, blaß wie todt, zuryk an Adams bebendes Herz. Beyde vor Entsezen sprachlos, als Kain, der voll Verzweiflung im Gebysche umherlief, unbewußt dem Erschlagenen næher kam; er sah ihn, und den vor Entsezen stummen Vater, und die todtblasse Mutter in seinem bebenden Arm. »Ich hab ihn erschlagen! rief er, bebet vor diesem Donner, ich hab ihn erschlagen! Verflucht sey die Stunde, da du dein Weib umarmtest, mich zu erzeugen! Verflucht die Stunde, da du mich gebahrst, Weib! Ich hab ihn erschlagen! so rief Kain, und floh.

So sizt ein Paar, (sie hatten um jeder Vollkommenheit willen sich geliebt,) da das schwarze Gewitter heraufgieng, falteten sie die Hænde zum Beten; aber der Stral fuhr vor ihnen hin mit erstikendem Dunst; leblos an einander gelehnt sizen sie da und scheinen zu leben; so blaß, sprachlos und unbeweglich, nur daß sie bebten, sassen sie lange noch, Adam erwachte zuerst. »Wo bin ich? so stammelt er, wie bebet mein Innerstes? – – Ach GOtt! GOtt! – – ja, dort ligt er, ô ich elender, elender Vater! ô wie hæuft sich mein Entsezen? sein Bruder hat ihn erschlagen, das rief er, und flucht' uns, und floh. O Entsezen, kaltes eiskaltes Entsezen erschyttert mich! der mir fluchte, ist mein Sohn; der hier erschlagen im Blut ligt, mein Sohn! Ich Elender! was fyr Unglyk, was fyr Qual hab ich yber mich und meine Kinder gebracht! O Abel! Abel! – – – Eva, und du erwachest nicht wieder zum Jammer? Bist du in meinem Arm todt? und ich – ô ich Elender! ich allein bleib' im Elend zuryk! – – doch – – Lob sey dir – – ein kalter Schauer des Todes schleicht durch mein Blut ums bebende Herz her – mein Aug erlischt – – – ô! du zœgerst! Tod! Tod! mit allen deinen Schreknissen willkommen! du zœgerst! O GOtt! – – Abel – mein Sohn! mein bester Sohn!« so rief er wieder, weinte zu der Leiche hin, und Todes-Schweiß floß in seine Thrænen. »Und du erwachest wieder, Eva! so fuhr er fort, ô zum unaussprechlichen Jammer! und dein Aug œfnet sich wieder! Welch ein Blik aus den Thrænen hervor, ô du theure Gefehrtin des Elends!

Adam! sprach Eva mit sterbender Stimme, – – Nein, sie donnert nicht mehr, die Stimme des Fluchenden! Sie hat uns geflucht, die Stimme des Mœrders! ô fluche mir! mir allein, Bruder-Mœrder! Ich Elende! ich habe die erste gesyndigt! – – ô Abel! geliebtester Sohn! izt sank sie aus Adams Arm auf den Erschlagnen hin; »Mein Sohn! mein Sohn! rief sie, und winselte auf der erkalteten Leiche. O GOtt! sein starres Auge wendet sich nicht zu mir! Sohn! Sohn! erwache! vergebens ruf ich, ach! vergebens. Er ist todt! Das, das ist der Tod! der nach der Synde uns angefluchte Tod! Und ich – ô unaussprechliche Marter! meine Gebeine beben, ich habe zuerst gesyndigt! Du Mann! theuerster Mann! jede deiner Thrænen ist mir ein schreklicher Vorwurf, du syndigtest von mir verfyhrt! Von mir – von mir fodre des Sohnes Blut, weinender Vater! von mir, den Bruder, elende Kinder! Mir, mir fluche, Mœrder des Bruders! ich habe zuerst gesyndigt. O Sohn! Sohn! mich klagt es an, dieß Blut, mich elende Mutter! so rief sie, und ihre Thrænen quollen auf die Leiche hin.

Mit Augen voll unaussprechlichen Schmerzens sah izt Adam sein Weib an, und sprach: »Ach! Eva! wie quælest du mich! Ich beschwœre dich, Eva! bey unsern Schmerzen, ô bey unsrer Liebe, Weib! beschwœr ich dich! laß ab von solchen Vorwyrfen gegen dich, die ich so zærtlich liebe! sie martern mich, unaussprechlich martern sie mich! O der schreklichen Folgen! wir haben beyde gesyndigt; aber dennoch sieht GOtt in unsern Jammer herab; ja – – GOtt! du vergœnnest uns, von der verfluchten Welt aus unserm Jammer zu dir aufzuflehn! Du hast den Synder nicht ganz vernichtet; wir leben, Eva! stirbt die Hylle gleich weg, die Seele lebt, ist sie tugendhaft, ewiger Belohnung entgegen. Doch ja! – das wære Trost – heilender Trost! Aber ach! vom Bruder erschlagen! ach GOtt! er ist vom Bruder erschlagen!

Ja, geliebter Sohn! rief Eva, und ihre Thrænen quollen stærker, dir hat der schrekliche Tod den Weg aus dem Jammer geœfnet, sollten wir dir nicht nachweinen? Wir bleiben im Jammer zuryk. Wie sie da ligt die Hylle! O! das Læcheln kindlicher Zærtlichkeit ist von den verstellten Wangen gewichen, blaß mit eignem Blut beflekt! dieser Mund wird nicht mehr Engels-Gespræche mir reden! Und dieß starre Aug! ach! es wird nicht mehr Freuden-Thrænen weinen, wie es weinte, wenn es meine Liebe, meine unaussprechliche Liebe, meine Freude yber deine Tugend sah! In was fyr Jammer sind wir gesunken! O Synde! Synde! in was fyr hæßlichen Gestalten – – immer hæßlicher! Ich deine Mutter, deine elende Mutter – – ich bin die Mutter deines Mœrders! Abel! Abel! Geliebter! So rief sie, und lag izt erbærmlich sprachlos auf der erstarreten Leiche. Lang ohnmæchtig sprachlos. »Ich Elender! so unterbrach Adam die traurige Stille, ô wie bin ich verlassen! wie œd, wie traurig ist alles um mich her! Jammer, unaussprechlicher Jammer hat um mich her yber die Natur fyrchterlich sich hingelegt. Ach! er ist todt! der mein Leben mit Trost, mit syssen Freuden, mit seligen Hofnungen schmykte! Sie sind dahin, die Styzen auf die meine Hofnungen sich lehnten, sind dahin! Du, geliebtester Abel, du todt! ach! und du – – ô! meine Gebeine beben! Kain, ein fliehendes Ungeheuer, ein Abscheu der Natur! O GOtt! der du unser Elend siehest, GOtt! ô verzeihe, verzeihe dem untrœstlichen Jammer, wenn wir winseln und im Staub uns wælzen, wie Wyrmer uns wælzen, (und was sind wir vor dir, wir Synder im Staube!) ô wenn wir wie Wyrmer im Staube uns wælzen, denen die Hælfte auf dem Stein zertretten ist! So jammert Adam.

Izt stand er blaß und stumm; so steht die Bild-Sæule des Jammers, yber dem bemoßten Grab im œden schwarzen Zypressen Hain! Sein Haupt senkte sich zu der traurigen Scene hin, ein schrœklich banges Stillschweigen herrscht' izt umher, izt wankt' er zu Even hin, und nahm ihre sinkende Hand von der Leiche, und drykte sie inbrynstig an seine Brust. Eva! theuers Weib! so sprach er, auf sie hingelehnt, erwache! Theuerste! erwache! hebe dein Angesicht auf, von der bethrænten Leiche auf zu mir; erlige nicht unter dem Jammer! Erstikt dein Schmerz jede Zærtlichkeit, jedes Angedenken fyr mich, deinen Mann? O hebe dein Angesicht auf, zu mir auf, theuerstes Weib! Billich fyhlen wir die unaussprechlichen Schreken des Todes, billich jeden Jammer, jede schrekliche Folge unsers Falls! Aber untrœstlich im Staub uns zu wælzen, ist Beleidigung, ist Synde! Syndlicher Vorwurf, als hætte die ewige Gerechtigkeit uns zu sehr gestraft! O Eva! erwache aus dem verzweifelnden Jammer, ehe die ewige Gnad' uns Unwyrdigen jede Quelle des Trostes entzieht!« so rief Adam; und Eva hub ihr Angesicht von der Leiche empor, und weinte zu Adam auf, und dann zum Himmel: »O GOtt! verzeihe mir Elenden! verzeihe, ô Mann! ô Geliebter! Unaussprechlich ist mein Schmerz! und du liebest mich noch, mich – die Schuld jeden Elends, des Bruder-Mords, dieses hingeflossnen Bluts! Adam! ô laß mich weinen auf deine Hand hin, auf diese Leiche, in dieß Blut hinweinen! – so sprach sie, und drykt ihr bethræntes Gesicht auf seine Hand.

So weinten, so jammerten beyde, eins an das andre hingelehnt, als eine glænzende Gestalt yber die Gegend daherwandelte. Ihren sanften Fußtritt bezeichneten schnell entstandne dyftende Blumen; Friede saß auf der glænzenden Stirne, und trœstende Freundlichkeit in dem Glanze der Augen, und der himmlischen Schœnheit des Mundes und der Wangen. Ein weisses Kleid, heller als silberne Wolken, die den Mond umhyllen, umfloß die schlanke Schœnheit, in glænzend fliegenden Falten. So trat die himmlische Gestalt einher, und erhellete rings um sich das frischere Gryn der Gegend. Eva! sprach Adam, hebe dein thrænendes Aug empor, halt jeden Seufzer zuryk; sieh jene himmlische Gestalt sich næhern; sieh wie friedsam, wie mit trœstender Mine sie dahergeht! Schon leuchtet Trost in das Dunkel meines Jammers. Weine nicht, Eva! Steh auf, laß uns dem Himmlischen entgegen gehn. Izt lehnte sich Eva an ihren Mann auf, und der Engel stund vor ihnen.

Er sah staunend auf den ersten Todten hin; nicht lange, da richtet' er sich mit himmlischer Freundlichkeit zu Adam, und dem an ihm hingelehnten Weibe. Von seinem Glanze floß ein helleres sanftes Licht yber sie hin. Izt sprach er mit sanfter harmonischer Stimme: Seyd mir gesegnet, die ihr bey der Hylle euers Sohns hier weint; seyd mir gesegnet! Mir hat der Allmæchtige vergœnnt, in euerm Jammer euch zu besuchen. Unter den Engeln, die euch Menschen auf dieser Erde immer umschweben, hat euern Sohn keiner so zærtlich geliebt, wie ich. Immer hab ich an seiner Seite geschwebt, wenn nicht Befehle vom Hœchsten von ihm mich trennten. Oft, wenn seine Tugend in hohen Empfindungen emporschwebte, dann in Freuden-Thrænen oder in Lob-Gesænge sich ausgoß, (oft sangens die umschwebenden Engel ihm nach,) dann lispelt' ich Engels-Gedanken ihr zu, so wie sie die Seele, im Staube gehyllt, fassen kann. Weinet nicht untrœstlich, als wær er ganz dahin, untrœstlicher Jammer gebyhrt unsterblichen Seelen nicht. Der Tod hat seine Seele der niederdrykenden Fesseln des Leibes entladen; frey und ungestœrt ist izt seine Tugend, seine Vernunft und seine Wissens-Begierde; er ist selig, seliger als die Seel im Staube fassen kann, in der Gesellschaft der Engel, næher bey GOtt. Weinet um ihn, Geliebte! aber nicht untrœstlich; ihr myßt eine kleine Zeit nur ihn missen; bald wird der Tod euch nachholen, zwar in verschiedenen Gestalten, aber dem Frommen immer ein lang erwarteter Freund. Adam! so befiehlt der Ewige, gieb diesen verwesenden Leib der Erde; grab eine Grube, und bedek' ihn mit Erde.« So sprach der Engel, und blikte mit himmlischer Freundlichkeit sie noch einmal an; sein Blik hub ihre Seelen aus dem Jammer empor. so erquiket den myden Wandrer der kyhle Trunk aus einer klar rieselnden Quelle; lange schon hatt' er den heissen Sand auf Wildnissen durchwandelt, bald wær er vor brennendem Durst ohnmæchtig hingesunken, aber plœzlich erblikt er die Quelle, die silbern ihm entgegen rauscht; da ruhet er froh, denn ihr rieselnder Lauf fyhrt seinen Blik in eine Gegend hin, wo jede Schœnheit der Natur ihm entgegen lachet; dort wird der freundliche Hausherr in seine Schatten ihn nehmen, und mit jeder sanften Erquikung bewirthen.

Voll hoher edler Empfindung sah Adam in den zerfliessenden Glanz hin. Sey uns gesegnet, himmlischer Freund! so rief er dem schwindenden Engel nach; ô GOtt! wie bist du gnædig! du siehest in unser Elend herab, und befiehlest den Engeln, daß sie uns trœsten. Sollten wir, da deine Allgegenwart uns umgiebt, da du gnædig herabsiehest, da die umschwebenden Engel jeden unsrer Seufzer bemerken; sollten wir da wie Verworfne im Staub uns wælzen? Sollte unsre Seele untrœstlich jammern, sie, die ewig ist, sie, die unendlicher Seligkeit entgegen wandelt, untrœstlich seyn, daß ihr kurzer Weg mit Ungemach besæet ist? Zwar Thrænen sind wir dem Seligen schuldig, er ist in diesem Leben unsrer Umarmung entrissen; aber mehr Thrænen und Gebete sind wir dem Synder schuldig. O GOtt! wie wollt ich da froloken, wyrdest du ihn nicht ganz von deinem Angesicht verbannen? O GOtt! er ist der erste aus meinen Lenden, der erste, den Eva mit Schmerzen gebahr. Doch, Eva, wenn wir unermydet fyr ihn zu GOtt aufflehen, sollten wir auch da an seiner Gnade zweifeln? Wir wæren der unendlichen Gnad unwerth, mit der er uns Synder nicht verwarf, mit der er uns so unaussprechliche Verheissungen gab, da wir bebend – – ô! nicht Gnade, ewiges Gericht erwarteten wir. Laß uns nicht zœgern, Eva, des Hœchsten Befehl zu gehorchen; ich will den Leichnam zu unsern Hytten hintragen, und da des Seligen Staub der Erde geben. »Geliebter! sprach Eva, meine Seele windet sich empor aus dem Jammer; ich will an den hohen Trœstungen, an deiner stærkern Tugend will ich Schwache mich vest halten, wie schwaches Epheu am starken Stamme sich vest hælt. Izt nahm Adam die Leiche auf seine Schulter, und weinte unter der traurigen Last; und Eva schluchzte an seine Seite gelehnt. So giengen sie den Hytten zu.

 

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