Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Salomon Geßner >

Der Tod Abels

Salomon Geßner: Der Tod Abels - Kapitel 4
Quellenangabe
typeepos
booktitleSchriften I. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1758
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleDer Tod Abels
created20060220
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Der
Tod Abels.

Zweyter Gesang.

ALs sie freudig in der Laube sassen, da sprach der Vater der Menschen: Izt, ihr Kinder! izt fyhlen wirs, was fyr Freude die Seele nach einer guten Handlung durchstrœmt; wir fyhlens, daß wir nur dann wahrhaftig glyklich sind, wenn wir tugendhaft sind. Durch Tugend steigen wir empor, zu der Seligkeit reiner Geister, zu paradiesischem Glyke, da hingegen jede unbesiegte, unreine Leidenschaft uns hinunterreißt, und in Labyrinthe schleppet, wo Unruh, Angst, Elend und Nachreu auf uns lauren. Eva! ô hætten wir damals geglaubt, daß so viel Seligkeit uns in der verfluchten Welt zuryke gelassen wære, damals, als wir Hand in Hand das Paradies verliessen! (diese Scene ruf ich oft fyr mein Haupt zuryk,) da wir allein, ganz allein die grosse Erde bewohnten.

Adam schwieg, als Abel ihn so anredete: Vater! izt, da der Abend so lieblich daherkœmt, und du noch længer in dieser Laube dich verweilen magst; wenn nicht ernste Betrachtungen in die einsame Dæmmrung dich hinfodern, dann hœre meine Bitte, und erzehl uns noch einmal die Tage, da du mit Eva ganz allein die einsame grosse Erde bewohntest.

Nun sahen sie alle mit stiller Aufmerksamkeit auf Adam, ungedultig, ob er der Bitte willfahren wolle. Wie kœnnt' ich, so sprach er, an diesem Tage der Freude dir eine Bitte versagen? Ich will euch die Tag' erzehlen, in denen dem Synder so grosse Verheissungen geschahen, so viel unverdiente Gnade und Heil wiederfuhr. Eva! wo fang ich die Geschicht' an? Da wo wir Hand in Hand vom Paradies uns entfernen? Aber, Geliebte! schon zittert eine Thræne dir im Aug. Fange sie an, Geliebter, sprach Eva, da wo ich das lezte mal zum Paradiese zuryk weinte, und da an deinen Busen sank. Aber, was ich damals empfand, Adam, das laß mich sagen, du wyrdest, um meiner zu schonen, den Auftritt nur mangelhaft sagen. Weit schon hinter uns flammete das Schwert des Engels, der mit freundlichem Mitleid uns aus dem Paradiese fyhrte; noch hatt' er uns der Verheissungen und der grossen Gnade des beleidigten GOttes erinnert. Schon waren wir unten auf der Erde, und giengen durch einsame Wildnisse hin; da war kein Eden, wir wandelten, nicht durch duftende Blumen und fruchtbare Heken und Haine, sie waren einsam zerstreut, auf unfruchtbarem Boden, wie Inseln auf den Seen zerstreut sind. Da giengen wir, die ganze Erde lag, eine traurige Wildniß vor uns. Hand in Hand giengen wir; oft weint' ich zuryk, und wagt es nicht, dem in die Augen zu bliken, der von mir verfyhrt an meiner Seite gieng, und Unglyk und Jammer mit mir theilte. Mit zur Erde geneigtem Haupt gieng er neben mir, dann sah er stumm in der Gegend umher, dann auf mich, sah meine Thrænen, konnte nicht reden, und drykte weinend mich an seine Brust. Izt waren wir an der Neige eines Hygels, wo das hoch emporstehende Paradies aus unsern Augen sich verlor, da, da stand ich still, und weinte laut zuryk. Ach! vielleicht das lezte mal seh ich dich, meinen Geburts-Ort, dich Paradies, wo du, ô darf ich Geliebter dich nennen? eine Gattin vom Schœpfer dir flehtest, und dein Unglyk da aus deiner Seite sich wand. Wem dyftet ihr izt, ihr Blumen, die meine pflegende Hand auferzog? Wer wandelt in eurer geruchreichen Dæmmrung, ihr schattigten Lauben? Ihr blyhende Gelænder, und ihr, ihr Haine, wem glyhen izt eure manigfaltigen Frychte! Ich werd' euch nicht wiedersehen; mir Synde-beflekten ist jene balsamische Luft zu rein, jene Gegend zu heilig. O weh mir! wie ist der Mensch gefallen! der Freund der Engel; er, der so rein, so selig aus des Schaffenden Hænden gieng! Und du bist auch gefallen, du – – ô! Geliebter darf ich dich nicht nennen! von mir verfyhrt bist du auch gefallen. O hasse mich nicht, verlaß mich Elende nicht! um unsers Elends willen, um der grossen Verheissungen willen, die der gnædige Richter uns gab, verlaß mich Elende nicht! Zwar, ich verdiene nichts von dir als Haß und Abscheu; aber vergœnn es mir, deinem Fußtritt dienstbar zu folgen, daß ich in diesem Elend fyr deine Bequemlichkeit sorge; ein Blik von dir befehle mir deinen Wunsch und deinen Willen! Da wo du wohnest, will ich Blumen zu deinem Lager sammeln, ich will die einsame Gegend durchirren, die besten Frychte dir zur Speise zu sammeln; und, ô wie glyklich! wenn dann ein mitleidiger Blik von dir die geringen Dienste mir belohnt. So sprach ich und sank in seine Arme, und da drykt er mich inbrynstig an seine Brust, weint' auf meine Wangen hin, und sprach: Laß uns, du zærtlich Geliebte! laß uns durch bittre Vorwyrfe unser Elend nicht noch bittrer machen; wir haben gemeinschaftlich mehr Strafe verdienet, als wir leiden. Hat der Richter, da er richtete, nicht grosse Verheissungen uns gethan? Zwar umhyllet sie ein heiliges Dunkel; doch leuchtet Gnade, unendliche Gnade aus dem Dunkel hervor. Hætt' er nach Verdienen uns gestraft, ô was wæren wir dann? Nein, Geliebte! ungestyme Klagen und bittre Vorwyrfe sollen seiner Gnad uns nicht unwyrdig machen, nicht unsre Lippen entweihn, die tiefer Andacht nur, nur anbetendem Dank sich œfnen sollen. Er, vor dessen Auge das tiefeste Dunkel nichts verbirgt; er sieht das geheimeste Betragen des Synders, er wird unser schwaches Lob und unsern Dank und unser unvollkommenes Bestreben nach dem Guten gnædig ansehen. Umarme mich, Eva! Sey mir in unserm Elend gegrysst! Gemeinschaftliche Hylfe soll es erleichtern, gemeinschaftlich wollen wir gegen unsern Feind die Synde kæmpfen, und zu unserer angeschaffenen Wyrde so nahe hinaufsteigen, als unser Verderben uns zulæsst: Friede und zærtliche Liebe sey immer unter uns, so wollen wir hylfreich verbunden harmloser und leichter die aufgelegte Last tragen, so dem Tod entgegen wandeln, der, wie es scheint, nur langsam dahergeht. Izt laß uns hinuntersteigen, dahin, wo die Pappel-Bæume vor dem Felsen stehn. Der Abend kœmmt, und jener Ort wird bequem seyn, die Nacht da zu verweilen. Du schwiegest, und ich umarmte dich, und troknete mit meinen Haarloken die Thrænen aus meinen Augen, und da giengen wir den Hygel hinunter, den Pappel-Bæumen zu, die vor dem Felsen standen. Eva schwieg, und læchelte zu Adam hin, da hub er an die Geschichte zu verfolgen. Wir waren unter den Pappel-Bæumen, und fanden in ihrem Schatten eine Hœle in dem Felsen. Sieh Eva, so sprach ich, sieh wie die Natur uns Bequemlichkeiten darbietet; sieh hier die reinliche Hœle, und diese klare Quelle, die neben ihr rauschet. Hier laß uns unser Nachtlager bereiten; aber, Eva, ich werde den Eingang vor næchtlichem Ueberfall der Feinde schyzen myssen. Was fyr Feinde? fragt' Eva ængstlich. Hast du nicht bemerkt, so sprach ich, daß der Fluch alles Geschaffene betroffen hat, daß die Bande der Freundschaft unter den lebenden Geschœpfen aufgelœßt sind, und der Schwæchere des Stærkern Raub ist? Dort yber dem Felde sah ich einen jungen Lœwen ein schychternes Reh-Kalb mit feindlichem Gebrylle verfolgen; auch sah ich Feindschaft unter den Vœgeln in der Luft. Wir sind nicht mehr die gebietenden Herren dieser Geschœpfe, es wære denn derer, deren Kræfte nicht an unsre reichen; Die zuvor mit freundlichem Schmeicheln um uns her spielten, der flekigte Tiger und der zottigte Lœwe jagten, mit drohendem Feuer im Auge, bryllend neben uns vorbey. Zwar wir werden durch freundliches Betragen die einen uns gewogen machen, und gegen der andern yberlegene Stærke wird unsere Vernunft uns schyzen; Ich will Gestræuche vor den Eingang der Hœle flechten. Und ich will hingehn, sprach Eva, und Blumen und Kræuter pflyken, auf unser Lager sie zu streuen, und Frychte von den Gestræuchen und den Bæumen sammeln. Da flocht ich Gestræuche vor den Eingang der Hœle, und Eva pflykte schychtern, sorgsam, daß sie nicht aus ihrem Auge mich verliere, Frychte von den Bæumen und den Gestræuchen; und izt kam sie zuryk, und legte sie vor uns hin, ins reinliche Gras.

Da legten wir uns in der Hœl' auf Blumen, und huben unser bescheidenes Mahl mit freundlichen Gespræchen an. Aber ein schwarzes Gewœlk zog sich herauf, und verfinsterte die untergehende Sonne; Fyrchterlich verbreitet' es sich yber uns, und ein trauriges Dunkel ruhete auf der Erde; die Natur schien in ængstlich stillem Feyern, ihren Untergang zu erwarten. Da flog ein Sturmwind daher, und heulte durch die Gebyrge, und durchwyhlte die Haine; izt blizten Flammen aus dem schwarzen Gewœlk, und der Donner rollte laut umher. Eva schmiegte bebend sich an meine tiefathmende Brust. Er kommt, er kommt der Richter! wie fyrchterlich! er kommt, uns den Tod zu bringen, uns und der ganzen Natur, um meiner Uebertrettung willen! O Adam! Adam! – Izt blieb sie sprachlos bebend an mich geschmiegt. Da sprach ich: Geliebte! laß vor der Hœle uns hinknien, und ihn anbeten, der yber dem schrœklichen Dunkel dahergeht, und vor dessen Fußtritt Flammen und diese schrœkliche Stimme dahergehen. Du, der du mit unaussprechlicher gœttlicher Freundlichkeit vor mir standest, als ich unter deinen schaffenden Hænden vollendet aufwachete, wie bist du fyrchterlich, wenn du als Richter dahergehst! Da giengen wir, und knieten vor der Hœle, und schmiegten das blasse Gesicht in die gefalteten bebenden Hænde, beteten an, und warteten, bis der Richter yber uns stehe, und aus dem Donner spreche: Du sollst sterben, und du Erde sollst vor meinem Zorn vergehn! Izt styrzten die Wasser vom Himmel, und die Flammen blizten nicht mehr aus den Wolken, und der Donner bryllte nur fernher. Da richtete ich mein Haupt auf, und sprach: Der HErr ist bey uns vorybergegangen, Eva! er wird die Erde nicht verwysten, und wir werden heut nicht sterben; was wære sonst seine Verheissung, wenn er uns und unsern kynftigen Saamen zerstœrte? und die ewige Weisheit gereuen Verheissungen nicht. Izt bebeten wir nicht mehr, und die Wolken zertrenneten sich, und die untergehende Sonne streute unaussprechlichen Glanz yber sie hin, eine himmlische Scene, wie wenn Schaaren von Engeln auf thauenden Wolken yber Eden schwebten, und ihr himmlischer Glanz weit durch den Luft-Kreis sieh verbreitete, und jede der Wolken wie Flammen schimmerte. So glanzvoll war izt der westliche Himmel; Die ganze Gegend feyerte in zerflossener Glut, jede Farbe war jugendlicher, jede zu blendendem Schimmer erhoben, und wir knieten da, beleuchtet gegen der untergehenden Sonne, und feyerten mit heiligem Erstaunen die Scene. So gieng das erste Gewitter yber unserm Haupt hin. Das Abendroth erblasste zur Dæmmrung, und der Mond goß sanfteres Licht auf die zerstreuten Wolken; und izt fyhlten wir zum ersten male den næchtlichen Frost auf unsern Gliedern, so wie am Mittag die Sonne mit ungewohnter Hiz uns gesenget hatte. Wir hylleten uns in unsre Felle, die, ehe wir aus dem Paradiese giengen, der gnædige Richter um unsre Lenden warf; zum Zeichen, daß er in unserm Elend mitleidig seine Hylf uns nicht versagen wolle, und da legten wir uns auf weiche Kræuter und Blumen in der Hœle hin, und erwarteten in sanfter Umarmung den Schlaf. Er kam, aber nicht leicht und sanft wie vorher, da wir noch unschuldig waren; da fylleten unsre Einbildungs-Kraft nur heitre læchelnde Bilder; diese hatten izt von ihrem Læcheln verlohren, und Unruhe, und Furcht und nagendes Gewissen mischeten ængstliche, wunderbare, dunkle Gestalten unter sie. Es war eine ruhige Nacht, ein angenehmer Schlummer; aber wie ungleich jener Nacht, da ich, Eva, zum ersten mal in die Braut-Laube dich fyhrte, da als die Blumen lieblicher als sonst dufteten; nie hatten die Lieder des næchtlichen Vogels so harmonisch getœnt; nie hatte der Mond so hellen Glanz ausgegossen, als da das Paradies die erste Braut-Nacht feyerte. Doch, was verweil ich bey Bildern, die den schlummernden Schmerz aufweken? Schon trank die Morgensonne den schimmernden Thau der Gegend, als unsere Auglieder sich œfneten, und seltene einsame Vœgel sangen auf den Bæumen; denn die Erde hatte noch keine Thiere, als die nach dem Fluch aus dem Paradiese flohen; der Garten des HErrn sollte keine Verwesung sehen. Da giengen wir vor die Hœle, und beteten an; und izt sprach ich zu Eva: Laß uns weiter gehn; wenn mein Blik diese offene Gegend durchirret, dann seh ich, daß wir unter Wohnungen wæhlen kœnnen, die mehrern Reichthum und mehrere Mannigfaltigkeit an Nahrung und Schœnheit haben. Siehst du jenen Fluß, durchs gryne Thal sich winden? dort scheinet ein Hygel einen Garten voll Bæum' auf grasreichem Ryken zu tragen. Ich folge, Geliebter, wo du mich hinleitest, sprach Eva, und drykt' ihre Hand in die meine, und wir verfolgten unsern Weg dem Hygel zu. Da sah Eva zur Seite einen Vogel, wie er ængstlich und mit traurigem Geschrey in kleinen Zirkeln umherflatterte, dann ohnmæchtig mit bebendem Gefieder auf einem niedern Gestræuche sich sezte. Sie trat næher, und ein andrer Vogel lag leblos vor dem Trauernden im Grase. Lang betrachtet ihn Eva yber ihm gebykt; da hub sie von der Erd ihn auf, und wollt ihn weken. Er erwachet nicht, sprach sie, und legte mit zitternder Hand ihn ins Gras hin. Er wird nimmer erwachen. Izt fieng sie an zu weinen. Der du da trauerst, so redete sie ihn an, vielleicht, ach! vielleicht wars dein Gatte! Ich bins, die Fluch und Elend yber die Erde, yber jedes Geschœpfe gebracht hat, du unschuldig Leidender, ich bins, ich Elende! Sie weinte laut und wandte sich zu mir, und sprach. Was ist dieß fyr ein Uebel? Ein entsezliches Uebel! jeder Empfindung unfæhig, jedes Glied ohnmæchtig versagt seine Dienste; wie nenn ichs? Tod – – Verwesung! O mir schauerts durch alle Gebeine! wenn dieß der Tod ist, und wenn der uns angedrohete Tod auch so ist, ô wie fyrchterlich! und wenn er dann so von mir dich trennte, und du – ô – Adam! ich bebe – ich kann nicht mehr! sie weinte laut, voll schmerzlicher Trauer zur Erde gebykt. Ich umarmte die weinende Geliebte und sprach: Hæuffe nicht Kummer und Schmerz: laß uns in vestem Vertrauen auf den wandeln, der die ganze Schœpfung unendlich weise regiert, und wenn er mit Dunkel sich umhyllet, und hoch auf seinen Richterstuhl sich sezt, Gnad' und Lieb' an seine Seite sich ruft. Sollte unsre Einbildungs-Kraft schrekliche Scenen der Zukunft sich schaffen, und unsre Vernunft unser Elend nur sehen? So wyrden wir die Spuren seiner Weisheit und Gyte blind vorybergehn, und uns selbst tiefer ins Elend hineingraben. Was er yber uns verhængt, ist unendlich weise und gytig; drum laß uns mit vester Zuversicht unter seiner Leitung wandeln, und mit heiligem Ehrfurchtsvollem Erstaunen ihn loben.

Izt wandelten wir wieder dem Hygel zu, wir giengen durch das fruchtbare Gestræuche, das seinen Fuß umkrænzte, auf seiner Stirne stand eine Ceder aus den kleinern Frucht-Bæumen empor, und streute hoch herunter weit verbreitete Kyhlung, und in ihrem Schatten floß eine Quelle durch Blumen. Da lag eine unabsehbare Gegend in offener Aussicht vor uns, und verlohr sich dem zu schwachen Auge in neblichter Luft. Dieß ist ein Schatten des Paradieses, eine bequeme Wohnung, ein Paradies werden wir hier nicht finden; nimm uns in deinen schyzenden Schatten auf, hohe Ceder! Und ihr, ihr manigfaltigen Bæume! ich will nicht undankbar eure Frychte pflyken, sie seyen der Lohn meiner sorgsamen Pflege. Allmæchtiger! sieh du von deinem Himmel gnædig auf unsre Wohnung herab, und hœre das flehende Gebett, die aufflammende Andacht und den Dank, der tæglich und styndlich durch die Wipfel dieses Schattens fyrhin zu dir empor steigen wird. Denn, hier wollen wir im Schweisse des Angesichts unsre Speise geniessen, in diesen Schatten wirst du Eva mit Schmerzen deine Kinder gebæhren; von hier sollen unsre Enkel yber die Erde sich ausbreiten, und unter diesen Bæumen soll einst der nahende Tod uns finden. O sieh herab, HErr! HErr! gnædig in die Wohnung des Synders herab! So sprach ich, und Eva betete auch an meiner Seite, mit andæchtig empor sehendem bethræntem Auge.

Da hub ich an, unter dem Schatten der Ceder eine Hytte zu bauen, und pflanzt einen Zirkel von Pfælen in die Erde, und flocht von einem zum andern Wænde von schlanken Gestræuchen, und Eva gieng hin, die Quelle durch Blumen zu leiten, oder verwilderte Gestræuche an Gelænder zu heften, oder hylflos hangende Blumen an Stæbe zu binden, und die reifen Frychte zu sammeln; und so assen wir zum ersten mal unsre Speise im Schweisse des Angesichtes. Als ich hingieng an den Fluß, Schilfrohr zum Dach yber die Hytte zu sammeln, da sah ich fynf Schaafe, weiß wie kleine Mittags-Wolken, und einen jungen Bok in ihrer Mitt' am Ufer weiden. Leise trat ich da næher, zu sehen, ob sie mich auch flœhen, wie der Tieger und der Lœwe, die sonst vor meinen Fyssen gespielt hatten; aber sie flohen mich nicht, und ich trieb sie mit einem Rohrstab vor mir her auf den Hygel, dahin ins hohe Gras, wo Eva, beschæftigt aus yberhangendem Gestræuch eine Laube zu wœlben, die kleine Schaar nicht sah, bis ihr Geblœke sie rief Da sah sie sich um, ließ freudig die Gestræuche aus ihren Hænden zurykflattern, sie stand erst schychtern still, dann rief sie: O sie sind sanft und freundlich wie im Paradiese! Seyd mir gegrysst! ihr sollt bey uns wohnen, angenehme Gesellschaft! ihr sollt bey uns wohnen; hier ist hohes Gras und wol riechende Kræuter, und eine klare Quelle. Wie wird es lieblich seyn, wenn ihr um uns her im Grase hypfet, indeß daß wir der Bæume und des Gestræuches warten! So sprach sie, und streichelt ihre wollichten Ryken.

Die Hytte war izt gebaut, und Eva und ich sassen vor ihrem Eingang im Schatten; staunend sassen wir, als Eva so die Stille unterbrach: Schœn und mannigfaltig ist diese Gegend, und dieser Hygel ist mit vielerley Gewæchsen gezieret; auch kœnnen wir unter den Gewæchsen der ganzen Gegend wæhlen, und sie auf diesem Hygel verpflanzen, dann wird es dem Paradiese so æhnlich werden, als das Paradies, wie die uns besuchenden Engel sagten, dem Himmel æhnlich ist, ein nachahmender Schatten. Ach wie schœn war jene gesegnete Gegend! die ganze Natur goss da ihre mildesten Einflysse reichlich aus, dort wuchs alles in gedrængtem Ueberfluß viel schœner empor; Heere von Blumen in buntem Gedrænge, Blyhten und Frychte mischeten sich auf Stauden und Gebyschen, unzæhlbare Geschlechte von Bæumen breiteten da ihren Schatten aus, ein unendliches Gemische, alles herrlicher, alles læchelnder. Von allem sehen wir das wenigste um uns her; vielleicht vermag die verfluchte Erde nicht mehr sie zu geben, oder sie vertheilt sie, haushæltrisch arm, in verschiedenen Himmels-Strichen verschieden aus; und, Adam, schon hab ichs gesehen, wie der Tod und die Verwesung, (denn dieß wird wol der Tod seyn, ) wie sie durch die ganze Natur herrschen; verwesende, hingefallene Frychte, hinwelkende Blumen; auch hab ich erstorbene Gestræuche gesehn, traurig des Schmukes der Blætter und Frychte beraubet. Zwar keimen junge Gestræuche neben den Verwesenden auf, frische Frycht' ersezen die hingefallenen Frychte, und aus dem hingestreueten Saamen der welkenden Blumen blyhn ihre Kinder empor. So, Adam, So werden auch wir einst hinwelken, von den um uns her aufgeblyheten Kindern.

Sie schwieg; und ich hub mit Wehmuth so an: Ach, Geliebte! mich quælen ganz andre Sorgen; wie leicht, wie willig wollt' ich den verlornen Reichthum allen missen! Aber das, das quælet mich, das ist mein schmerzlichster Verlust, daß ich aus der Gegend verbannet bin, wo GOtt sichtbar zu wandeln beliebte, wo er in gemildertem Glanz. im Hain wandelte, wenn eine heilige Stille seine Gegenwart feyerte. Ach! da unterwand ich mich oft, tief gebykt mit ihm zu reden; und der Allmæchtige hœrte freundlich die Rede seines Geschœpfes, und antwortete mir. Aber ach! dieß Vorrecht der reinen Geister haben wir verloren. Sollte das reineste Wesen unter den Syndern wandeln? auf einer Erde wandeln, die seinen Fluch verdienet hat? Zwar er sieht hoch von Seinem Thron mitleidig zu uns herab, und Seine Gnad' ybertrift in unserm Elend unsre kyhneste Hofnung. Auch scheint es, daß Engel hieher kommen, seine Befehle hier zu verrichten; aber mit zurykegelassenem Glanz und unsichtbar kehren sie schnell von diesem Ort der Verwesung zuryke; denn wir sind unwyrdig des Umgangs mit jedem Geist, der GOtt nicht beleidigt hat.

So unterredeten wir uns, und izt sassen wir tief staunend, und sahen traurig vor uns hin zur Erde. Da wand ein hell glænzendes Gewœlk hoch sich herunter; sein Fuß floß izt am Hygel hin, und eine himmlische Gestalt trat mit majestætischem Læcheln aus der lichthellen Wolke glænzender hervor. Schnell standen wir auf, und giengen ihm tief gebykt entgegen; und der Engel redete zu uns: Der im Himmel Seinen Thron hat, vernahm eure Reden; Geh, sprach er zu mir, und sage den Trauernden: Mich schliesset kein Himmel ein; jeder Punct meiner Schœpfung ist meiner Gegenwart voll. Oder wer macht, daß die Sonnen fortleuchten? Wer, daß die Sternen in ihrem Laufe nicht still stehn? Wer machts, daß die Erde ihre Frychte bringt, und daß Tag und Nacht auf einander folgen? Wer erhælt die Wesen, daß sie leben und athmen; und wer erhælt dich, daß du nicht hinsinkest und verwesest? Ich bin bey dir, spricht der HErr, und dein geheimster Gedanke ist mir offenbar.

Voll heiligen Schauers stand ich im umfliessenden Glanze, hub mein geblendetes Aug empor und sprach: Unbegreiflich ist die Gnade des HErrn; er siehet in unser Elend herab, und sendet Engel zum Synder. Ach! ich stehe beschæmt vor dir, und wag es kaum aufzubliken; aber vergœnne mir, meine dunkeln Besorgnisse dir zu sagen. Ach! ich empfinde, ich sehe mit heiligem Erstaunen die Allgegenwart GOttes durch die ganze Schœpfung. Wie kann der Syndebeflekte von dem reinesten Wesen fodern, daß er sein Angesicht næher ihm zeige? Aber, wird so der fortgepflanzte Mensch vielleicht verschlimmert nicht noch elender werden, und die Begriffe vom vollkommensten Wesen nur verworren und dunkel noch kennen? Denn wie ich gefallen bin, kœnnten sie nicht tiefer noch fallen? Wenn ich einst nicht mehr von seiner Gyte zeugen kann, dann wird zwar jeder Wurm sie verkynden; aber wird die Stimme der Natur ihnen nicht zu leise seyn, wenn GOtt sein Antliz so vor den Menschen verbirgt? O dieser Gedanke ligt wie ein Gebyrg yber mir!

Der Himmlische wyrdigte mich, meine Rede freundlich so zu erwiedern: Vater der Menschen! er, in dem alles ist und athmet, was in der ganzen Schœpfung lebt, er will deinen Saamen nicht verlassen; oft zwar werden ihre Synden Rache fodernd zu ihm aufsteigen, daß er seinen Donner ergreift, und in seinen Gerichten sich offenbaret, daß die Synder bebend im Staube sich wælzen, und sagen: Das ist GOtt! Noch œfter wird er durch seine Gnade sich offenbaren. Wenn sie von seinen Wegen abgewichen sind, wird er gnædig sie zurykerufen; denn er wird Weise unter den Menschen erweken, die ihren Verstand aufheitern, daß sie aus den Wildnissen des Unsinns und des Verderbens, zurykkehren und auf den wiedergefundenen Wegen des HErren wandeln. Oft wird er Propheten unter sie senden, daß sie die Gerichte oder die Gnaden des Hœchsten ihnen verkynden, welche die ferne Zukunft noch in ihrem Schoosse zurykhælt; daß sie sehen, daß die ewige Weisheit es ist, die das Labyrinth des Schiksals lenkt. Oft wird er durch Engel mit ihnen reden, oft durch Wunder; und es werden Fromme seyn, zu denen er selbst von seinem Thron heruntersteigen wird, bis endlich das grosse Geheimniß zum Heile des Menschen sich enthyllet, und der Saame des Weibes der Schlange den Kopf zertritt.

Er schwieg; sein freundliches Læcheln machte mich kyhn noch einmal zu reden: Himmlischer Freund! wenn der Synder so dich nennen darf? doch sollten Engel ihn hassen; ihn, den der Ewige nicht hasset, an dem die unendliche Gnade des HErrn so wunderbar sich offenbaret, daß die Himmel ihr Erstaunen nicht sagen, und die Seele im Staub' ihren Dank nicht stammeln kann. O vergœnne mir dich zu fragen! Ist es dir nicht erlaubt, die Geheimnisse aus ihrem heiligen Dunkel vor mir zu enthyllen? Was ist die grosse Verheissung? Des Weibes Saame wird der Schlange den Kopf zertreten; und was ist der Fluch? Du sollst des Todes sterben. Izt antwortete der Engel: Was mir zu enthyllen vergœnnt ist, das will ich vor dir enthyllen. Wisse denn, Adam, da als du gesyndigt hast; – – Der Mensch ist gefallen, sprach da die Stimme GOttes vom Thron herab, und er soll sterben. Da umhyllete plœzlich ein schrœkliches Dunkel den ewigen Thron, und eine feyernde Schauer-volle Stille herrschete durch den Himmel. Nicht lange herrschete die Schauer-volle Stille, das Dunkel œfnete sich vor dem Thron, noch nie hat GOtt so seine Herrlichkeit den Engeln enthyllet; nur damals, da er hervortrat und zu diesen wandelnden Sonnen und Sternen sprach: Werdet; und die schaffende Stimme da durch das Unermeßliche gieng: Da tœnte seine Stimme laut durch den ganzen Himmel: Ich wende mein Angesicht nicht vom Synder; die Erde soll von meiner unendlichen Gnade zeugen. Er wird der Schlange den Kopf zertretten, der Saame des Weibes; die Hœlle wird sich ihres Sieges nicht freuen, und der Tod wird seine Beute verlieren. Feyert ihr Himmel! So sprach der Ewige; der Erzengel wære im blendenden Glanz hingesunken, hætte der Thron sich nicht bald in gemilderten Glanz gehyllet. Da feyerten die Himmel das grosse Geheimniß der unendlichen Gnade den ganzen himmlischen Tag durch. Selbst dem Erzengel umhyllet sich das grosse Geheimniß im Dunkel, durch was fyr ein Wunder sich GOtt mit dem Synder versœhnt. Das wissen wir, und es ist dir zu wissen vergœnnt, daß dem Tod seine Macht geraubt ist; er entfesselt die Seele, die GOtt im Staub nicht verkannte, der Bande des Fluches; nihmt den Leib in den Staub zuryk, daß die Seele empor steige, unendlich selig wie wir. Und izt hœre, was der HErr zu dir spricht: Ich will dir gnædig seyn, dir und deinem Saamen, und es sey ein Zeichen zwischen mir und dir, daß ich der grossen Verheissung eingedenk seyn wolle. Bau einen Altar auf diesem Hygel; so oft ein Jahr den Tag zurykbringt, da ich die Verheissung dir that, wird eine Flamme vom Himmel steigen und auf deinem Altar lodern; dann sollst du ein junges Lamm opfern, daß die Flamme dasselbe verzehre. Und nun hab ich die Geheimnisse vor dir enthyllet, so weit den Geschaffenen sie zu sehen vergœnnt ist. Noch hat der Hœchste mir erlaubt, eh' ich zurykgeh' euch zu zeigen, daß ihr nicht einsam hier wohnet, und das diese Erde, ob sie gleich verflucht ist, reine Geister mit euch bewohnen, die auf des Ewigen Befehl fyr euern Schuz und eure Erhaltung wachen. Da trat der Engel næher und beryhrt' unsre Augen. Worte sind zu schwach, die Schœnheit des herrlichen Gesichtes zu sagen; wir sahen himmlische Jynglinge, unzæhlbar durch die Gegend zerstreut, schœner als Eva war, da sie neu geschaffen aus des Ewigen Hænden hervorgieng, und mit lieblicher Stimme zu ihrer Umarmung mich wekte. Einige hiessen die sanften Nebel aus der Erde hervorgehn, und trugen sie auf schwebenden Flygeln empor, daß sanfter Thau zur Erde falle und erquikender Regen; dort ruheten andre bey sprudelnden Bæchen, besorgt, daß ihre Quelle nicht versiege, damit den Gewæchsen ihre feuchte Nahrung nicht entstehe. Viele waren auf den Triften zerstreut, und warteten des Wachsthumes der Frychte, oder bemahlten aufkeimende Blumen mit der Farbe des Feurs oder des Abendroths, oder mit der Farbe des Himmels, und hauchten sie an, daß sie liebliche Geryche zerstreuten; viele schwebten verschieden beschæftigt im Schatten der Haine. Von ihren glænzenden Flygeln zerstreuten sich sanfte Winde, die durch die Schatten sæuselten, oder yber Blumen sanft dahin fuhren, und dann auf schlængelnden Bæchen oder kræuselnden Teichen sich kyhlten. Einige ruheten von ihrer Arbeit und sassen in Chœre vertheilet im Schatten, und sangen in die goldne Harfe zum Lobe des Hœchsten, dem Ohre der Sterblichen unhœrbare Lieder. Viele wandelten auf unserm Hygel, oder sassen im wirthschaftlichen Schatten unsrer Lauben, und sahn mit himmlischer Freundlichkeit oft zu uns hin; aber unsre Augen verdunkelten sich wieder, und die entzykende Scene verschwand.

Dieß sind die Schuz-Geister der Erde, so sprach izt der Engel. Viele Schœnheiten und Wunder der Natur sind zu fein, um von den Sinnen der Sterblichen genossen zu werden; aber der Schœpfer will, daß jede Schœnheit seiner Schœpfung von denkenden Wesen genossen werde; und diese euch verborgenen Wunder sind das Entzyken und die Bewundrung unzæhlicher Geister-Geschlechter. Auch sind sie geordnet, der Natur in ihrer geheimen Werkstatt zu helfen, die mannigfaltigen Wirkungen nach den ewig vorgeschriebenen Gesezen hervorzubringen. Auch sind sie zum Schuze der Menschen und zu Bemerkern ihrer Thaten geordnet, unbemerkt vom Menschen oft drohendes Unglyk zu wenden; sie begleiten ihn durch die ihm Labyrinthe scheinenden Pfade seines Lebens, daß Gutes aus anscheinendem Bœsem entspringt; sie sind die stillen Zeugen deiner wirthschaftlichen Freuden, und begleiten deine verborgensten Handlungen mit beyfallendem Læcheln oder trauriger Verachtung. Durch sie wird der HErr die Lænder mit Ueberfluß segnen, durch sie oft Hunger und Elend zu Vœlkern bringen, die von ihm abgewichen sind, daß er durch die Stimme des Elends sie zurykrufe.

So redete der Engel freundlich mit uns, und izt trat er in die glænzende Wolke zuryk, und wir knieten hin, und weinten voll unaussprechlichen Entzykens yber die unendliche Gnade, und stammelten vor dem Ewigen unsern Dank.

Da baut ich den Altar auf der Stirne des Hygels; und seitdem war Eva bemyhet, ein nachahmendes Paradies rings um die heilige Stætte zu schaffen. Was sie auf Fluren und Hygeln von blumigten Gewæchsen fand, verpflanzte sie rings um den Altar her, und begosse sie alle Morgen und alle Abend mit klarem Wasser aus der rieselnden Quelle, die sie durch ihre Labyrinthe leitete. Ihr Schuz-Geister, die ihr mich umschwebet, sprach sie dann, vollfyhret ihr dieses Werk meiner Hænde, denn ohn' eure Hylfe ist meine Pfleg umsonst. O! lasset sie schœner empor blyhen, als sie auf ihrem Geburts-Ort blyheten, denn dieser Ort ist dem HErrn geheiligt. Indeß pflanzt ich den weiten Kreis von Bæumen, die mit stiller festlicher Beschattung rings um den Altar stehn.

Unter solchen Beschæftigungen floh der Sommer mit seiner sengenden Hize bey uns voryber, schon gieng der bunte Herbst zu Ende; unfreundliche Winde kamen daher, und die Gebyrg' umhylleten sich mit einem Kleide von Nebel. Aengstlich sahen wir da die Natur so trauern, und wussten nicht, daß die krænkliche Erde, von ihren Gutthaten ermydet, durch die Ruhe des Winters sich erholen muß; denn vor dem Fluche waren der blumichte Fryhling, der Sommer und der Herbst, die Hænde verschlungen, immer gleich læchelnd und immer gleich gegenwærtig. Noch mehrete sich die Trauer der Natur; die Blumen waren hingesunken, nur wenige blyheten noch einsam auf den Fluren und um den Altar her, und trauerten ihrer Verwesung entgegen; vielen Bæumen entfiel das entfærbte Laub, und die Frychte den Aesten; da kamen unfreundlichere Winde, und Sturm, und Regen-Gysse; und Schnee bedekte die hohen Berge. Mit bangem Erwarten sahen wir diese Verwystung, besorgt, der Fluch fang' erst izt an, auf die Erde zu wirken. Wird denn die Natur jede zurykegelassene Schœnheit verlieren? Die Erde war arm gegen dem Paradiese, doch hatte sie noch Reichthum genug, Bequemlichkeit und Anmuth unsern Tagen zu geben; aber wenn der Fluch so die Erde dryken soll, wie traurig, wie arm werden dann unsre Tage seyn! So dachten wir; und dann ermahneten wir uns, jeden unzufriednen Gedanken aus unserm Herzen wegzupflyken, und mit anbetender Ehrfurcht auf den HErrn zu hoffen. Izt sammelten wir einen Vorrath von Frychten, und trokneten beym Feuerherd, was Verwesung und Fæulniß uns geraubet hætten., und ich verwahrete die Hytte, daß sie vor Sturm und Regen uns schyzte. Indeß irrte die kleine Heerde traurig am Hygel, und suchte die Kræuter, die zwischen der Verwystung gryneten. Oft gieng ich selbst hin, auf Fluren und Hygeln einen Vorrath von Speise fyr sie in ihre Wohnung zu sammeln. Traurig und langsam, jeder von Sturm und Regen begleitet, schlichen die Tage bey uns voryber; bald aber kam die belebende Sonne zuryk, und zerstreute die traurigen Gewœlke; sanftere Winde jagten die schleichenden Nebel von den Bergen, da fieng die Natur wieder an jugendlich zu læcheln, ein sanftes Gryn kleidete die Erde; ein buntes Gemische von Blumen schoß auf den Fluren empor, und lachte der Sonn' entgegen; Gestræuch und Bæume glyheten in mannigfaltigem Schmuk, und Freud und Munterkeit herrscheten durch die ganze Natur. So kam der frohe Morgen des Jahres, der blumigte Fryhling zur Erde zuryk; herrlicher als andere blyhete der junge Kranz von Bæumen um den Altar her, und Eva sah mit frohem Erstaunen jede Blume wieder blyhen, oder sanft emporkeimen, die sie auf der heiligen Stætte verpflanzt hatte. Umsonst wyrd ich es versuchen, ihr Kinder, euch unser Entzyken zu schildern; voll unaussprechlicher Freude traten wir vor den Altar hin; die Sonne beleuchtete mit dem reinesten Glanz den heiligen Ort; jedes Geschœpfe schien da sein Lob dem HErrn zu opfern; die Blumen umher erfylleten die Luft mit den lieblichsten Gerychen, und die Bæume streuten von dem mannigfaltigen Schmuk ihrer Blythen auf den Altar hin. Die kleinen beflygelten Bewohner des Grases lispelten ihre Freud', und die Vœgel sangen unermydet von den Bæumen. Da knieten wir hin, Freuden-Thrænen entsanken dem Auge zum Morgen-Thau auf Blumen, und unser inbrynstiges Gebett stieg zu dem HErrn der Natur empor; zu GOtt, der lauter Gnad ist, und der aus jedem anscheinendem Bœsen nichts als Gutes empor blyhen læßt.

Nun hub ich an, ein kleines Feld am Hygel zu bauen, und gesammelte Saamen in die befruchtende Erde zu streuen, oder fruchtreiche Gewæchse an den Hygel zu verpflanzen, die ich weit umher in der Gegend zerstreut fand, und oft gab da die Natur, oder ein Zufall oder mein Nachsinnen mir Mittel und Erfindungen, die Arbeit mir zu erleichtern. Oft zwar hat die Arbeit mich betrogen, daß ich die bequeme Zeit oder den Ort des Bauens und des Pflanzens verfehlte, oft auch hat meine Erfindungs-Kraft umsonst gebrytet, eine kleine Kunst zur Erleichterung meiner Arbeit zu erfinden, und ich hætte noch œfter mich betrogen, noch œfter hætte die Erfindungs-Kraft umsonst gebrytet, hætten nicht Schuz-Engel zu meiner Seele geflystert.

Als ich einmal bey fryhem Morgen aus meiner Hytte hervorsah, gegen den Altar hin, siehe! da loderte die Flamme des HErrn auf dem Altar, hell in der Dæmmrung, und die kommende Morgensonne vergoldete die von ihr empor wallende Sæule von Rauch. Eva! so rief ich, heut ist der festliche Tag der grossen Verheissung; siehe! die Flamme des HErrn ist auf unsern Altar heruntergestiegen; schnell laß uns hinausgehn, der Tag ist dem HErrn heilig; jede andre Arbeit soll izt ruhen; geh du, und sammle die schœnsten Blumen, auf das Opfer sie zu streuen, und ich will hingehn, und das jyngste aus unsern Læmmern schlachten. Und da gieng ich hinaus, Kinder, und schlachtete das schœnste der Læmmer, das erste lebende Geschœpfe, das ich wyrgte. Erbærmlicher Anblik fyr mich! Ein Schauer erschytterte mich, die Hand wære mir ohnmæchtig hingesunken, hætte die Heiligkeit des Geschæftes, der Befehl des HErrn, meinen Muth nicht erhœhet, da als es unter meinen bebenden Hænden winselte und æchzte, und fyr sein hinstrœmendes Leben mit fyrchterlichen Bewegungen immer kraftloser rang, bis es leblos vor mir lag. Aengstliche Ahnungen schauerten da durch meine Seele; aber, izt' legt' ichs auf den Altar, und Eva kam, und streute wolriechende Blumen auf das Opfer, und wir knieten mit heiliger Andacht vor dem Altar hin, da flammete unser Lob und unser Dank empor zu dem HErrn, der so gnædig seiner Verheissungen uns erinnerte; eine heilige Stille ruhete um uns her, wie wenn die Erde die Erscheinungen GOttes feyert, und da schien es des Sterblichen Ohr, als ob es leise Hymnen vernæhme, die die Engel um uns her zu unserm Gebette mischeten. Izt hatte die Flamme das Opfer verzehrt, und nun erlosch sie auf dem Altar, und ein himmlischer Geruch erfyllete die Gegend.

Nicht lang, ihr Kinder, nach dem festlichen Tag der hohen Versœhnung, gieng ich bey der Abend-Sonne, an der Seite meiner Geliebten von meiner Arbeit zu ruhen, den Hygel hinauf, und suchte sie in der Hytte und in dem Schatten der Lauben, und da fand ich sie entkræftet an der Quelle sizen, und du Erstgebohrner lagest in ihrer Schoos. Die Schmerzen der Geburt hatten bey der sanften Arbeit an der Quelle sie yberfallen; sie weinte Freuden-Thrænen auf dich hin, und izt sah sie læchelnd zu mir auf. Sey mir gegrysst, Vater der Menschen! so sprach sie, der HErr ist in meinen Schmerzen mir beygestanden, und ich habe diesen Sohn gebohren. Da ich auf die Welt ihn grysste, da nannt ich ihn Kain. O du Erstgebohrner! Der HErr hat gnædig auf deine Geburtsstunde herniedergesehen; seinem Lobe sey jeder deiner Tage geweyht. Wie schwach, wie unbehylflich ist der vom Weibe Gebohrne! Aber, blyhe empor, wie die junge Blum im Fryhling empor blyhet; dein Leben sey ein sysser Geruch vor dem HErrn! Auch ich weinte da Freuden-Thrænen, nahm sanft dich in meine Arme; Sey mir gegrysst, du Mutter der Menschen! so sprach ich, der HErr sey gelobet, der in deinen Schmerzen dir beystand! Sey mir gegrysst, Kain! du erster vom Weibe mit Schmerzen Gebohrner! der du izt anfængst dem Tod entgegen zu leben, sey mir auf diese Erde gegrysst! O GOtt! siehe gnædig vom Himmel herab, auf dein schwaches Geschœpfe herab, und giesse deinen Segen mild auf sein aufkeimendes Leben. Wie syss wird es mir Seyn, die junge Seele von den Wundern deiner Gnade zu unterrichten! Fryh und spæt will ich die jungen Lippen zu deinem Lobe gewœhnen. Ja, du Mutter der Menschen! so werden Geschlechter um dich her aufblyhen! Einsam stand so jene Myrrthe, da sprosseten liebliche Kinder rings um ihren mytterlichen Stamm, und so oft der Fryhling sie wieder schmykte, so oft læchelte entfernter ein neu aufkeimendes Geschlecht um ihre fryhern Kinder her, und izt ists ein kleiner geruchreicher Hain, weit umher fortgepflanzt. So, Geliebte! (lindert sie nicht deine Schmerzen, die sysse Aussicht?) so werden unsre Kinder um diesen Hygel sich verpflanzen. Weit auf der Ebene zerstreut werden wir dann vom Hygel herunter ihre friedsamen Hytten sehen. Pflykt der Tod nicht zu fryh aus ihrer Mitt' uns weg, dann werden wir sie, wie die fleissigen Bienen mit vereinter arbeitsamer Hylfe, Nahrung und Bequemlichkeit, und jede Syssigkeit dieses Lebens zu ihren Hytten sammeln sehn. Oft werden wir dann von dieser Hœhe heruntergehn, in ihren Hytten und fruchtreichen Schatten unsre Enkel besuchen, die Wunder des HErrn ihnen erzehlen, zur Tugend und Frommkeit sie ermahnen, in ihren Freuden mit ihnen uns freuen, in ihrer Trauer sie trœsten. Dann werden wir von der Hœhe des Hygels tausend hæusliche Altære umherrauchen sehn, und der Opfer-Rauch wird unsern Hygel mit heiligen Wolken umhyllen; dann wird unsre Andacht durch sie empor steigen, unser andæchtiges Gebett fyrs Menschen-Geschlecht; und, kœmmt der festliche Tag der Versœhnung, die Flamme vom Himmel auf den ersten heiligsten Altar, dann sollen sie auf dem Hygel sich sammeln, und dann wollen wir aus ihrer Mitte hervorgehn, und opfern, wenn sie im weiten Kreis um uns herknien. So sprach ich in sanftem Entzyken, Kain! und kyßte mit der zærtlichsten Freude deine Wangen. Da nahm deine Mutter dich in ihre schwachen Arme zuryk, und ich half ihr von den Blumen aufstehn, und fyhrte die Kraftlose in die nahe Hytte. Bald kam da Stærke und Munterkeit in deine kleinen Glieder, und Freude und Læcheln ins Aug und auf die Wangen. Schon vermochtest du mit zarten Fyssen durch Blumen zu hypfen; schon huben deine kleinen Lippen an, junge Gedanken zu stammeln, da empfieng Eva, Mehala, deine Geliebte. Freudig hypftest du da um die Neugebohrne her, kysstest sie und ybergossest sie mit neu gepflykten Blumen. Da gebahr Eva dich Abel, und zulezt, Thirza, dich seine Geliebte. O wie yberstrœmte uns entzykende Freude! wenn wir eure jugendlichen Scherze und unschuldigen Freuden sahen, und wie eure jungen Seelen die sich entwikelnden Kræfte versuchten, und nach und nach zur Reife heranwuchsen. Da wachete die aufmerksame Sorge, jede eurer Neigungen vor Miswachs zu schyzen, daß sie, wie ein lieblicher Fryhlings-Strauß, emporblyheten, und vereint, liebliche Geryche der Tugend zerstreuten. Denn da, als ihr noch kindisch auf meinem Schoosse spieltet, sah ich schon, daß der in Synde Gebohrne eben so der Pflege bedarf, wie die von GOtt verfluchte Erde, nur unter der wachsamen Pflege sprossen die Fæhigkeiten und die edeln Neigungen hervor; und nun seyt ihr empor gewachsen, wie junge Gestræuche zu fruchtbaren Bæumen empor wachsen. Gelobet sey der HErr, der so viele Wunder der Gnad an uns allen that! Lasset zærtliche Lieb' und reine Tugend nimmer aus euern Herzen weichen, so wird die Gnad' und der Segen vom Himmel stets bey euern Hytten wohnen.

Adam schwieg izt; wie wenn ein zærtlicher Jyngling an der Seite seiner Geliebten fryh am dæmmernden Morgen das Lied der Nachtigall horcht; alles schweigt umher; das zærtliche Lied harmonisch mit ihren Empfindungen, lokt ihnen Thrænen auf die Wangen; aber izt schweigt der Gesang, lange noch horchen sie still zu dem Wipfel hin, wo die Sængerinn sang; umsonst, sie singt nicht mehr, und die andern Vœgel stimmen zwitschernd ihr mannigfaltiges Lied an. So horchten sie lang um den Mann und den Vater her. Sie hatten jede Scene seiner Geschichte nach empfunden; oft kamen Thrænen und Blæsse auf ihre Wangen, oft Heiterkeit und Læcheln; und izt huben sie alle an, dem Vater der Menschen ihren Dank zu sagen. Kain dankt' auch; aber er hatte mænnlicher nicht geweint und nicht gelæchelt.

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.