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Der Tod Abels

Salomon Geßner: Der Tod Abels - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepos
booktitleSchriften I. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1758
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleDer Tod Abels
created20060220
sendergerd.bouillon
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Der
Tod Abels.

Erster Gesang.

EIn erhabnes Lied mœcht' ich izt singen, die Haushaltung der Erstgeschaffenen nach dem traurigen Fall, und den ersten, der seinen Staub der Erde wieder gab, der durch die Wuth seines Bruders fiel. Ruhe du izt, sanfte lændliche Flöt', auf der ich sonst die gefællige Einfalt und die Sitten des Landmanns sang. Stehe du mir bey, Muse, oder edle Begeistrung, die du des Dichters Seel' erfyllest, wenn er in stiller Einsamkeit staunt, bey nächtlichen Stunden, wenn der Mond über ihm leuchtet, oder im Dunkel des Hains, oder bey der einsam beschatteten Quelle. Wenn dann die heilige Entzükung seiner Seele sich bemæchtigt, dann schwingt sich die Einbildungs-Kraft erhizt empor, und fliegt mit kyhnern Schwingen durch die geistige und die sichtbare Natur hin, bis ins fernere Reiche des Mœglichen, sie spyret das yberraschende Wunderbare auf, und das verborgenste Schœne. Mit reichen Schäzen kehret sie dann zuryk, und bauet und flicht ihr manigfaltiges Ganzes, indeß daß die haushältrische Vernunft sanft gebietrisch Aufsicht hælt, und wæhlt und verwirft und harmonische Verhæltnisse sucht. O wie entfliegen da der erhizten Arbeit die goldenen, die edel genossenen Stunden! Wie bist du der Bemühung und der Achtung der Edeln werth! Es ist es werth, bey dem næchtlichen Gesange der Grille zu wachen, bis der Morgenstern herausgeht, der edelste Gewinn, Achtung und Liebe bey denen zu haben, deren gelæuterter Geschmak jedes Schöne zu schæzen weiß, und Empfindungen der Tugend im fyhlenden Herzen aufzuweken. Billich verehret die Nachwelt des Dichters Aschen-Krug, von altem Epheu umschlungen, den die Musen sich geweihet haben, die Welt Unschuld und Tugend zu lehren. Sein Ruhm lebt noch, gleich jugendlich, wenn die Trophee des Eroberers im Staube modert, und das præchtige Grabmahl des unryhmlichen Fyrsten izt in einer Wyste vielleicht, im wilden Dorn-Gebysche zerstreut ligt, mit grauem Mooss bedekt, auf dem nur selten der verirrte Wandrer ruht. Zwar diese Grœsse zu erreichen hat die Natur nur wenigen vergœnt, ihr nachzueifern ist ryhmliches Bestreben. Der einsame Spaziergang und jede meiner einsamen Stunden sey ihm geweiht!

Die stillen Stunden fyhrten den rosenfarbnen Morgen herauf, und gossen den Thau auf die schattichte Erde; indeß schosse die Sonne ihre fryhen Strahlen hinter den schwarzen Cedern des Berges herauf, und schmykte mit glyhendem Morgenroth die durch den dæmmernden Himmel schwimmenden Wolken; Da giengen Abel und seine geliebte Thirza aus ihrer Hytte hervor, in die nahe geruchreiche Laube von Jasminen und Rosen. Zærtliche Lieb und reine Tugend gossen sanftes Læcheln in die blauen Augen der Thirza, und reizende Anmuth auf ihre rosenfarbnen Wangen, und weisse Loken flossen am jugendlichen Busen und ihre Schultern herunter, und umschwebten ihre schlanken Hyften; so gieng sie dem Abel zur Seite. Braune Loken kræussten schattigt sich um die hohe Stirne des Jynglings, und zerflossen auf seinen Schultern; denkender Ernst mischete sanft sich in das Læcheln der Augen; in schlanker Schœnheit gieng er daher, wie ein Engel daher geht, wenn er in einen dichtern Cœrper sich hüllet, den Sterblichen sichtbar zu werden; er soll irgend einem Frommen, der im Einsamen betet, mit guter Botschaft von dem Herren erscheinen; zwar umhyllet ihn ein Cœrper, menschlich gebildet, aber aus seiner reizenden Schœnheit hervor schimmert der Engel. Thirza sah mit zærtlichem Læcheln ihn an, und sprach: Geliebter! izt da die Vœgel zum Morgen-Lied erwachen, sey mir gefællig, und singe mir den neuen Lob-Gesang, den du gestern auf der Flur gedichtet hast. Was ist lieblicher, als mit Gesængen den HErren loben? Wenn du singest, ô dann wallet mein Herz voll heiligen Entzükens, wenn du die Empfindungen sagst, die ich nur empfand und nicht sagen konnte! Ihr antwortet' Abel und umarmte sie; was deine syssen Lippen von mir begehren, das alles sey dir gewæhret, meine Thirza! les' ich einen Wunsch in deinen Augen, dann sey er erfyllt; wir wollen hier auf das weiche Mooss uns sezen, dann will ich den Lob-Gesang singen. Sie sezten sich neben einander in der düftenden Laube, deren Eingang die Morgensonne vergoldete; und Abel hub so seinen Lob-Gesang an.

Weiche du Schlaf von jedem Aug, entweichet ihr flatternden Træume! die Vernunft geht wieder hervor, und erhellet die Seele, wie die Morgensonne die Gegend erhellet. Sey uns gegrysst, du liebliche Sonne hinter den Cedern herauf! du giessest Farb' und Anmuth durch die Natur hin, und jede Schœnheit lachet verjyngt uns wieder entgegen. Entweiche du Schlaf von jedem Aug, entfliehet, ihr flatternden Træume, zu den Schatten der Nacht. Wo sind sie, die Schatten der Nacht? Ins Dunkel der Haine und in die Felsen-Klyfte sind sie gewichen, und erwarten uns da, oder in dicht verwachsenen Lauben mit erquikender Kyhlung am heissen Mittag. Dort wo der Morgen den Adler fryher wekte, was dæmpft dort von den schimmernden Hæuptern der Felsen empor, von den glænzenden Stirnen der Berge in die helle Morgen-Luft empor, wie Opfer-Rauch dem Altar entsteigt? Die Natur feyert den Morgen, und opfert dem HErren der Schœpfung Dank. Ihn soll jedes Geschœpfe loben, ihn der alles schaffet und erhælt; ja ihm zum Lobe zerstreuen die jungen Blumen ihre fryhen Geryche; ihm singet der Vœgel manigfaltiger Chor, hoch in der Luft, oder von den Wipfeln der Bæume, der Morgensonn entgegen; ihm zum Lobe geht der Lœw aus seiner Hœle hervor, und brüllet sein Entzyken fyrchterlich durch die Wildniss aus. Lob ihn, du meine Seele, den HErrn, den Schœpfer und Erhalter; des Menschen Lob-Gesang steige vor allen zu dir empor; er soll dich loben, wenn jedes Geschœpfe noch in seinem Lager schlummert, wenn kein Gesang noch von den Wipfeln tönt und aus den wiegenden Büschen. Ertœne mein einsames Lied laut durch die stille Dæmmerung, daß du weit umher jedes Geschœpfe zum Lob erwekest. Herrlich, herrlich ist die Schœpfung, in der er uns Unwyrdigen seine Weisheit und Gyte enthyllet! Jeder meiner Sinne schœpfet Entzykung aus diesem unendlichen Meere von Schœnheit, und strœmt sie der entzykten Seele zu. Wie kann sie ihr Lob dir stammeln? Was vermochte dich, Allmæchtiger! wars nicht unendliche Gyte? daß du aus der heiligen Stille, die um deinen ewigen Trohn ruhete, hervortratest, und Wesen aus dem Nichts riefest, und diesen unermesslichen Welt-Bau aus der Nacht? Wenn auf seinen Wink die Sonne heraufgeht, und die Nacht verjagt, wenn dann die Natur in verjyngter Schœnheit glænzet, und jedes schlummernde Geschœpfe zu seinem Lob erwachet, bist du, thauender Morgen, bist du da nicht ein nachahmendes Bildniss der Schœpfung, ein Bildniss jenes Morgens, da der HErr schaffend yber der neuen Erde schwebte? Oede Stille ruhete da auf der unbewohneten Erde, da sprach die schaffende Stimme; schnell rauscht' ein Heer, unendlich manigfaltig an Bildung und Schœnheit, auf bunten Flygeln, stieg hoch empor in die Luft, spielt, in blumigten Fluren, in Byschen und schattigten Wipfeln, ihr wirbelndes Lied tœnte durch den erstaunten Hain und die rauschende Luft laut des schaffenden Lob. Oder da, als er wieder yber der Erde schwebte und die Thiere hervorrief, die auf der Erde dahergehn. Er sprach noch, schnell wanden Klœsse sich loos, und formten sich zu unzæhligen Gestalten; da hypfte der belebte Kloss als Pferd auf der Flur und schyttelte wiehernd die Mæhne; der starke Lœw entwikelte sich, halb Kloss noch und halb Lœwe versucht ers die ersten Tœne zu bryllen; dort bebt' ein Hygel, und izt gieng er belebt als Elephante daher; so stiegen mit einmal unzæhliche Stimmen zum Schœpfer empor. Eben so wekest du jeden Morgen deine Geschœpf' aus dem ohnmæchtigen Schlummer; sie erwachen, und sehen um sich her den Reichthum deiner Gyte, und unzæhliche Stimmen loben dich. Einst, ich sehe die heilige Zukunft! einst wird der Mensch yber die ganze Erde fortgepflanzet; dann, ô dann werden auf jedem Hygel deine heiligen Altære stehn, aus jedem Schatten, von jeder Flur wird dann Lob und Dank zu dir empor tœnen, von der Erd' empor, wenn die Morgen-Sonne die Nationen wekt, von da wo sie aufgeht bis da wo sie niedergeht, zerstreut.

So sang Abel an der Seite seiner Geliebten; in heiliger Andacht sasse sie noch wie horchend; izt schlang sie ihren Lilien-weissen Arm um seinen Hals, sah zærtlich ihn an, und sprach: Geliebter! wie schwang sich meine Andacht mit deinem Gesang empor! Ja Geliebter! nicht nur meinen schwæchern Leib schyzet deine zærtliche Sorgfalt; auch meine Seele schwinget sich unter deiner Fyhrung empor. Wenn sie auf ihrem Pfad sich verliert, und Dunkel um sich her sieht, und in heiligem Erstaunen hinsinket, dann hebest du sie empor, und erhellest das Dunkel, und entwikelst das stille Erstaunen zu lauten erhabnern Gedanken. Ach! wie oft dank ich! – – jede einsame Stunde dank ich mit Freuden-Thrænen der ewigen Gyte, daß sie dich mir, mich dir geschaffen hat, gleich gestimmet in allem, was die Seele denken und das Herz wynschen kann.

So sprach sie, und die zærtlichste reineste Liebe goss unaussprechliche Anmuth in jeden Ton der Stimme und in jede Geberde. Abel antwortete nicht; aber wie er zærtlich sie anblikte, und an seinen Busen sie drykte, das redete von seinen Empfindungen mehr, als Worte hætten reden kœnnen. Ach! so glyklich war der Mensch, da er noch zufrieden nichts von der Erde begehrte als Frychte, die sie willig gab, nichts vom Himmel flehte, als Tugend und Gesundheit, eh seine Unzufriedenheit nimmer gesættigte Wynsche aussendete, die unzæhlige Bedyrfniß' erfanden, und Sein Glyk unter schimmerndes Elend vergruben. Was brauchten sie da mehr, um mit den seligsten Banden sich zu verbinden, als Liebe, Tugend und Anmuth? (wenn izt, wie oft geschieht das!) ein tugendhaftes Paar, (der Himmel hatte sie fyr einander geschaffen,) in wehmythigen Thrænen Hofnung-los zerfließt, weil Armuth ihren kommenden Tagen mit Mangel und Elend droht, oder der Stolz und falscher Ehrgeiz der Eltern tyrannisch zwischen ihre Liebe sich stellt.

Da sie so beysammen sassen, da kam Adam und Eva; sie hatten vor der Laube den Morgen-Gesang und ihre Reden gehœrt, und traten izt in die Laube, und umarmten ihre Kinder; ihr Glyk und ihre Tugend durchstrœmeten sie mit der edelsten Freude, die je auf den Wangen liebender Eltern gelæchelt hat. Auch Mehala, Kains Vermæhlte, war in die Laube getreten; der Kummer yber Kains ungestymes und rohes Gemythe hatte Ernst auf ihre Stirne und sanfte Wehmuth in ihre schwarzen Augen gegossen, und Blæsse auf die Wangen, von dunkeln Loken umschwebt. Da Thirza ihren Geliebten umarmte, und ihr Entzyken ihm sagte, für ihn geschaffen zu seyn, da hatte sie aussen am Gelænder der Laube geweint, aber sie hatte die Thrænen von den Wangen getroknet, trat freundlich læchelnd in die Laube, und grysste mit zærtlicher Freundlichkeit den Bruder und die Schwester. Da gieng Kain an der Laube voryber, auch er hatt' Abels Gesang vernommen, und gesehen wie zærtlich der Vater ihn umarmte. Mit zornigen Bliken sah er nach der Laub, und sprach: Wie entzykt sie sind! wie sie ihn umarmen, weil er ein Lied gesungen hat! Er kann wol singen und Lieder dichten, sonst myßt er schlafen, wenn er myssig bey der Herde im Schatten sizt. Mich senget die Sonne bey der rohen Arbeit; mir bleibt weder Zeit noch Muth zum singen. Wenn ich des Tages Last ausgestanden habe, dann fodern meine myden Glieder Ruhe, und am Morgen wartet die Arbeit schon wieder auf meinem Felde. Den sanften myssigen Jyngling, (er styrbe, tryg er einmal meine Tages-Last,) sie verfolgen ihn immer mit Freuden-Thrænen und zærtlichen Umarmungen; ich hasse die weibische Zærtlichkeit, aber – – mir sind sie nicht beschwerlich, arbeit' ich gleich die unwillige Erde den ganzen heissen Tag durch. Wie sie fliessen, die Freuden-Thrænen!

So gieng er voryber, auf sein Feld. Sie hatten in der Laube seine Rede vernommen, Mehala sank blasser an der Thirza Seite und weinte, und Eva trauerte auch yber ihren Erstgebohrnen, wehmythig an ihren Mann gelehnt; da sprach Abel: Geliebte! ich will aufs Feld gehen zu meinem Bruder; ich will ihn umarmen, ich will ihm alles sagen, was bryderliche Liebe sagen kann, ich will ihn umarmen, und nicht eher aus meinen Armen ihn lassen, bis er mir verspricht, jeden Gram aus seinem Busen zu bannen, bis er mich zu lieben verspricht. Ach! ich habe meine ganze Seele, mein ganzes Herz hab ich ausgespæht, zu finden, wie ich die Liebe meines Bruders gewinnen kann; oft schon hab ich mein ganzes Betragen yberdacht, ob ich was fænde, das mir den Weg zu seinem Herzen œfnete, oft schon hab ich durchgedrungen, und die erloschene Lieb' entzyndet; aber ach! Gram und Missvergnygen kehrten immer dunkel zuryk, und erstikten die Flamme.

Der traurige Vater antwortet' ihm: Geliebter! ich selbst, ich will zu ihm auf sein Feld gehen. Ach! ich will ihm alles sagen, was meine Vater-Liebe, was meine Vernunft ihm sagen kœnnen. Kain! Kain! ach wie erfyllest du mit dunkeln Besorgnissen mein Herz! Kœnnen die Leidenschaften in der Seele des Synders so zum schreklichen Tumult aufschwellen, so Tugend und Gyte zu Boden treten! Ach ich Elender! was fyr dunkle Besorgnisse schreken meinen Blik zuryk, den ich in die Zukunft zu spætern Enkeln hinaus wage? O Synde! Synde! was fyr schrekliche Verwystungen in der Seele des Sterblichen! So sprach Adam, und gieng aus der Laube mit traurigem Tiefsinn hinaus aufs Feld, zu seinem Erstgebohrnen. Kain sah ihn dahergehn, richtete von seiner Arbeit sich auf, und sprach: Wie so ernst, Vater! mit dieser Stirne giengest du nicht, meinen Bruder zu umarmen; schon drohen mir deine Vorwyrf' aus deinen Augen.

Ihm erwiedert' Adam mit freundlicher Wehmuth: Sey mir gegrysst, mein Erstgebohrner! du weist, daß du Vorwyrfe verdienest, weil sie dir izt schon aus meinen Augen drohn. Ja, Kain! du verdienest Vorwyrfe! Kummer, den du in deines Vaters Busen nehrest; quælender Kummer fyhret mich zu dir.

Nicht Liebe, so unterbrach ihn Kain, diese gehœrt dem Abel allein.

Ja, Liebe, Kain! antwortet ihm Adam, Liebe; der ganze Himmel sey Zeuge! Diese Thrænen, dieser Kummer, diese ængstlichen Besorgnisse, die mich quælen, und sie, die dich mit Schmerzen gebahr, was sind sie anders als sorgsame Liebe, diese trauerumhylleten Stunden, diese rastlos verseufzeten Næchte? O Kain! Kain! liebtest du uns, dann wyrde' es deine zærtliche Sorge seyn, diesen Kummer von unsern Wangen zu troknen, und unsre Stunden aus diesem traurigen Dunkel zu hyllen. O! wenn noch – – wenn noch Ehrfurcht fyr den Allwissenden, fyr ihn, der dein Innerstes sieht, wenn ein Funke noch von deiner kindlichen Liebe in deinem Busen glimmet, Liebe fyr deine Eltern, ô dann, bey dieser Liebe beschwör' ich dich! dann gieb uns unsere Ruhe, unsre erloschenen Freuden wieder! Næhre nicht længer diess Ungestyhm in deiner Seele, und diesen schwarzen Groll gegen ihn, dessen ganze Seele, dessen ganzes liebendes Herze sich bemyhet, diesen Groll, dieß giftige Unkraut aus deinem Herzen zu reissen. Kain! das verdrießt dich, dann hebt sich das tobende Ungestym in deiner Seele; die Thrænen der Freude, dieß sanfte Entzyken, das wir bey seiner reinen Andacht, bey seiner unbeflekten Tugend empfinden. Auch die umschwebenden Engel begleiten jede gute Handlung mit frohem Beyfall; selbst der Allmæchtige sieht dann mit gnædigem Wohlgefallen von seinem Thron. Aendre du die allgemeine Natur dessen, das schœn und gut ist; es steht nicht in unsrer Macht; oder steht es, ô dann Kain! dann ists eine traurige Macht! den sanften Eindryken, diesen edeln Freuden zu wiederstehen, mit denen sie unsre Seele in Entzyken dahinreissen. Der tobende Donner und eine fyrchterlich styrmende Mitternacht geben den Wangen kein Læcheln, und aus dem Ungestym der Seele und dem Tumulte unbeschrænkter Leidenschaften quillt keine Freude hervor.

Kain antwortete: Myßt ihr denn immer mit diesen dunkeln Vorwyrfen mich verfolgen? Wenn nicht immer dieß angenehme Læcheln auf meinen Lippen sizt, oder die Thrænen der Zærtlichkeit von meinen Wangen fliessen; myßt ihr dann in meinem mænnlichern Ernst nichts als hæßliche Laster suchen? Mænnlicher hab ich immer die kyhnern Unternehmungen und die hærtern Arbeiten gewæhlt; und diesem Ernst auf meiner Stirne kann ich nicht befehlen, daß er in Thrænen und sanftes Læcheln zerfliesse. Soll der Adler girren wie die sanfte Taube?

Izt antwortet ihm Adam mit majestætischem Ernst auf der Stirne: Willst du dich selbst betriegen? willst du dein Elend, das du bekæmpfen solltest, sorgsam vor dir selbst verbergen? O Kain! das ist nicht mænnlicher Ernst, was von deiner Stirne redet; Gram und Unzufriedenheit sinds, die von deiner Stirne reden und aus deinem ganzen Betragen; diese haben alles um dich her in trauriges Dunkel gehyllet. Woher sonst dieß Murren bey deiner Arbeit, dieß freudenlose Betragen gegen uns alle? Woryber bist du unzufrieden? Kœnnten wir, ô kœnnten wir deine Unzufriedenheit stillen, und dein Glyk heiter machen, heiter wie einen Fryhlings-Morgen, dann wær' unser sehnlichster Wunsch erfyllt. Aber Kain! was begehrt dein Ungestym? Stehn nicht alle Quellen des Glykes dir offen? bietet nicht die ganze Natur alle ihre Schœnheiten dir an? Ist nicht jedes Glyk, jedes Vergnygen, das Natur, Verstand und Tugend, alles was schœn und gut ist, uns darbietet, auch dir dargeboten? Aber du gehest dieß alles voryber, lassest es ungenossen, und murrest yber Elend! Oder bist du mit dem Antheil von Glyk unzufrieden, das die ewige Gnade dem Gefallenen zutheilt? Wynschest du das Glyk der Engel? wisse, auch Engel konnten unzufrieden seyn; sie wollten Gœtter seyn, und machten sich des Himmels verlustig. Murrest du gegen die Leitung des Schœpfers, die unendlich weise das Schiksal des Synders leitet? Ein Geschœpfe, ein Sterblicher, aus der unendlichen Schœpfung, die ihn lobet; ein Wurm, darf sein Haupt aus dem Staube heben, und empor murren gegen ihn, dessen Wink die Himmel leitet, dessen allmæchtige Gyte jedes Geschœpfe verkyndigt, vor dessen Auge das ganze Labyrint unsers Schiksals offen ligt, was ist und was seyn wird, und wie aus dem zugetheilten Uebel das Gute empor blyhen soll. O heitre dein Gemyth auf, Sohn! mein Erstgebohrner! laß Unzufriedenheit und Gram nicht jede heitre Aussicht vor dir verdunkeln, nicht jede Quelle von Glyk im Nebel vor dir verbergen!

Was sollen mir diese Vermahnungen? So sprach Kain ængstlich: Kœnnt ichs aufheitern, ô dann myßt alles um mich her lachen; heiter seyn, wie der Morgen! Kann ich dem Sturme befehlen, daß er nicht wyte, und dem hinreissenden Strom, daß er still stehe? Ich bin vom Weibe zum Elend gebohren; die grœsseste Schale des Fluches hat der HErr auf die Geburtsstunde des Erstgebohrnen gegossen. Diese Quellen von Vergnygungen und Glyk, aus denen ihr schœpfet, fliessen nicht fyr mich.

Izt entflossen Thrænen den Augen des Vaters. Ach, Sohn! so sprach er; ja – ach ja! der Fluch hat alle vom Weibe Gebohrnen betroffen Aber, Geliebter! sollte der HErr mehr Fluch yber die Geburtsstunde des Erstgebohrnen gegossen haben, als er yber uns goß, da als wir syndigten? Das hat er nicht gethan, er der unendlich gytig ist. Nein Kain! du bist nicht zum Elend gebohren; der HErr ruft kein Geschœpfe aus dem Nichts zum Elend hervor. Zwar kann der Mensch elend seyn, bey seinem Glyke vorybergehn, und elend seyn. Wenn die Vernunft unter dem Tumulte tobender Leidenschaften, und unreiner, unbeschrænkter Begierden erligt, dann wird der Mensch elend, und jedes anscheinende Glyk ist triegendes Elend. Dem Sturme kannst du nicht befehlen, daß er nicht tobe, und dem hinreissenden Strom nicht, daß er still stehe; aber deine Vernunft kannst du aus dem Dunkel hervor rufen, daß sie deine Seele erhelle, sie kann mæchtig dem Tumulte befehlen, daß er schweige, sie kann jeden Wunsch, jede Begierde, jede aufschæumende Leidenschaft pryfen; dann schweigen die beschæmten Leidenschaften, und die eiteln Wynsche und Begierden verschwinden, wie Morgen-Nebel vor der Sonne verschwinden. Ich hab es gesehen, Kain; auch Freuden-Thrænen hab ich auf deinen Wangen gesehen! wenn deine Vernunft deine tugendhaften Handlungen billigte, dann durchstrœmte Freude deine ganze Seele. Ists nicht so, Kain? Warst du dann nicht glyklich? Wars dann nicht helle in deiner Seele, hell wie die unbewœlkte Sonne? Ruffe sie hervor, diesen Stral der Gottheit, die pryfende Vernunft; dann wird ihre Gefehrtin, die Tugend, jede Freude in dein Herze zurykfyhren, und jede Quelle von Glyk wird dir entgegen fliessen. Geliebter! Ach hœre meine Ermahnungen! Das erste, das deine widerherrschende Vernunft dir befiehlt, sey, daß du hingehest und deinen Bruder umarmest; wie wird seine Freude in Thrænen yberfliessen! wie wird er an seine Brust dich dryken!

Ich will ihn umarmen, sprach Kain, wenn ich vom Felde zuryk komme; izt ruft mich die Arbeit. Ich will ihn umarmen! Aber – – zu dieser weibischen Weichlichkeit wird meine mænnlichere Seele sich nie gewœhnen, zu dieser Weichlichkeit, die ihn so beliebt macht, so viel Freuden-Thrænen euch entlokt; die den Fluch yber uns alle brachte, da du im Paradiese durch ein paar Thrænen zu leicht erweicht – – Doch, ich Elender! bald hætt' ich dir Vorwyrfe gemacht. Ich ehre dich, Vater, und schweige. So sprach Kain, und gieng zu seiner Arbeit zuryk.

Adam stand izt traurig weinend, rang die Hænde yber dem Haupt. Ach, Kain! Kain! So rief er ihm nach, und du machest mir Vorwyrfe! ach! ich verdiene sie! doch solltest du deines Vaters schonen, nicht Vorwyrfe mir machen, die wie ein Donner meine Seel' erschyttern. Ach ich Armer! so werden, schrekliche, hæßliche Ahnung! so werden die spætern Enkel, wenn sie in Synden sich wælzen, und die begleitende Strafe sie fasset, dann werden sie yber meinen Staub stehen, und dem ersten Synder fluchen! So sprach Adam, und gieng vom Felde zuryk, traurig, sein Gesicht zur Erde geneigt; oft hub ers laut seufzend zum Himmel empor, und rang die Hænd' yber seinem Haupt. Kain sah ihm nach; und izt sprach er: Wie er klæglich die Hænde ringt! wie er trauret und seufzt! – – Ich hab ihm Vorwyrfe gemacht, quælende nagende Vorwyrfe, dem frommen Vater. Wohin reisst mich mein Rasen? Eine Hœlle wytet in meinem Innern! Ich, ja ich sammle ein Dunkel voll quælender Besorgnisse um ihre Hæupter; ich verbittre, ich tœde jede ihrer Freuden, ich Elender! Ich bin nicht werth, unter den Menschen zu wohnen, unter den wilden Ungeheuern sollt ich wohnen, die vernunftlos in der Wildniss toben. Schon ist er fern, und noch hœr' ich ihn seufzen; wie er Schmerzen-voll dahinwankt! – – Soll ich ihm nacheilen, seine Knie umfassen, und bey allem was heilig ist um Verzeihung ihn flehen? Ja – – ich seh es; nicht von aussen her kœmmt mein Elend; in meinem eigenen unverwahreten Herzen steigen diese schwarzen Wetter-Wolken empor, und donnern jede Freude von mir, von ihnen weg. O kehret zuryk, du Vernunft und du Tugend! hebt euch aus dem rasenden Tumult empor, und lœschet diese Hœlle, die in meiner Seele wytet! Sieh' fern dort, steht der Vater wie ohnmæchtig still, er scheint zu beten mit empor gerungenen Hænden! Ich will eilen, und vor ihm hin in den Staub mich werffen. O ich Elender!

Izt eilte Kain zu seinem Vater, der kraftlos an einen Stamm gelehnt, traurig, tief gebykt staunte und zur Erde weinte; mit heftiger Gewalt erschytterte der Anblik die ganze Seele des Sohnes; er fiel vor ihm hin in den Staub, faßte seine Knie, Thrænen entstyrzten seinen Augen, er sah zu dem Vater auf und sprach: Verzeihe Vater! – – Doch, ich bin nicht werth, daß ich Vater dich nenne; werth, daß du mit Abscheu dich von mir wendest. Aber sieh, ô sieh diese Thrænen meiner Reue, sieh mich Elenden an und verzeihe! – – Ich Elender! ich war taub bey deinen Ermahnungen; aber da, Vater, da als du weynend hingiengest, die Hænde yber deinem Haupt rangest, da hat ein Schauer meine Seele gefasset, hat aus diesem hæßlichen Schlamm sie empor gerissen, und izt – – izt wein' ich vor dir, sehe meine Hæßlichkeit ganz, mit Abscheu ganz die Verwystung in meinem Innern, und flehe, Vater, – – flehe Vergebung von GOtt, von dir, Vater, von meinem Bruder, von allen, die ich beleidigt habe.

Steh auf, Kain! mein Sohn! steh auf, daß ich dich umarme; so stammelte der erstaunte Vater, und drykt' ihn inbrynstig an seine Brust. Der im Himmel wohnet, sieht mit segnendem Wolgefallen diese deine Thrænen! mein Sohn! mein Geliebter! umarme mich! – – O wie hat mein Gram sich in Freude verwandelt! Festliche, gesegnete Stunde, in der mein Sohn, mein Erstgebohrner, den Frieden, Ruhe und jede sanfte Freud' uns wieder schenkt, in der er mit diesen Thrænen mich umarmt. Umarme mich, halte mich, Sohn, meine Freude machet mich wanken; aber laß uns nicht zœgern, Geliebter! Laß uns hingehn, daß dein Bruder dich umarme.

Und nun wollten sie hingehn, den Bruder auf der Trift zu suchen, als Abel seiner Mutter zur Seite, von Mehala und Thirza begleitet, aus dem Gebysche hervoreilte. Heimlich waren sie dem Adam gefolgt, die Scene im verbergenden Gebysche zu behorchen. Abel flog mit offenen Armen zum Kain, umarmt ihn, drykt' ihn seine Brust sich, und weinte, und konnte sein Entzyken nicht sagen; Mein Bruder! mein Bruder! so stammelt' er, und du liebest mich! Laß es – – ô laß es von deinen Lippen mich hœren! du liebest mich – – Unaussprechliche Freude!

Ja, Bruder, ich liebe dich! So antwortete Kain und umarmt' ihn; kannst du – ô kœnnet ihr alle mir jede Beleidigung vergeben? vergeben, daß ich so lange, ich Elender! die Ruhe von euch verjagt, Kummer und Unmuth auf eure Tage gebracht habe? Meine Seele ist wie ein Bliz aus dem Dunkel empor gestiegen, und hat diesen tobenden Sturm zerstreut; dieß Unkraut ist zu Boden getretten, das jedes Gute in meinem Busen erstikte, es soll nie wieder empor keimen. Verzeihe, Bruder, und vergiß in das hæßliche Dunkel des Vergangenen zurykzusehn!

Schnell antwortet' ihm Abel, mit zærtlich wiederholter Umarmung; keinen Blik zuryk, Geliebter! auch du nicht. Sollten wir den Kummer eines leichten Morgen-Traumes nicht vergessen, wenn wir zum Fryhlings-Morgen erwachen, und Freud' und Entzyken uns umstrœmt? O Kain! Kain! kœnnt ich meine Freude, die Hælfte meines Entzykens dir sagen! Ich verstumme, ich kann nur weinen, nur an meinen Busen dich dryken, und weinen.

Da die Bryder so sich umarmten, stand Eva mit Freuden-Thrænen vor der zærtlichen Scene; und da rief sie: O Kinder! geliebte Kinder! Nein, was ich izt empfinde, das hab ich nie empfunden; seit ich den syssen Mutter-Namen zum ersten mal von deinen Lippen hœrte, du Erstgebohrner! hab ich nie solche Freud' empfunden! Dunkle, niederdrykende Gebyrge sind schnell von meinem Haupt gewichen, und Heiterkeit und Wonne umschweben mich. Izt werden sie vorybergehn, die Stunden, jede læchelnd, jede mit Freuden umkrænzt! Friede und Eintracht ist zwischen ihnen, die unter meinem Herzen lagen, die meine Bryste saugten. Ja, wie eine fruchtbare Rebe bin ich, die sysse Trauben trægt; der voryber geht, der segnet sie, die so sysse Trauben trægt. Umarmet euch, Kinder! umarmet euch! und izt, kommt, izt will ich jede Thræne von euern Wangen kyssen, jede der theuern Thrænen, die bryderliche Lieb' auf eure Wangen goß. So sprach sie, und umarmte voll unaussprechlichen Entzykens ihre Sœhne. Auch Mehalah und Thirza umarmten sie, Freuden-Thrænen flossen auf ihren Wangen; und izt sprach Kains Vermæhlte zur Schwester: Komm, Geliebte, ô was fyr Freude! Dieser Tag sey ein festlicher Tag! Laß uns hingehn, wir wollen die schœnsten Blumen in der Laube auf die Tafel streun; die besten Frychte, die unsre Bæum' und Gebysche haben, wollen wir sammeln; dieser Tag sey uns ein paradiesischer Tag, in froher Entzykung geh' er bey uns voryber. Izt eilten sie, Freude beflygelte die Fysse, unter die Bæume, und zu den fruchtreichen Gelændern.

Kain und Abel giengen Hand in Hand, und Adam und Eva, voll der zærtlichsten Freude neben ihnen, dem Hygel zu. Da sie hinkamen, da hatten die Schwestern schon in der schattigsten der Lauben die Tafel mit manigfaltigen Frychten geziert, mit wolriechenden Blumen untermischet; ein herrliches Gemische von Glanz und Farben und lieblichen Gerychen; Sie sezten sich hin zum frohen Mittagmahl, Freude und Munterkeit mit ihnen, und anmuthige Gespræche fyhrten schnell den sanften Abend herauf.

 

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