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Der Tod Abels

Salomon Geßner: Der Tod Abels - Kapitel 2
Quellenangabe
typeepos
booktitleSchriften I. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1758
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleDer Tod Abels
created20060220
sendergerd.bouillon
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Vorrede.

Ich habe mich an einen hœhern Gegenstand gewaget, um zu wissen, ob meine Fæhigkeiten weiter hinaus reichten, als ich sie bisher versucht hatte. Eine Neugierde, die jedermann haben sollte. Man macht oft einen Dichter furchtsam, der in einer gewissen Dicht-Art glyklich gewesen ist, und will ihn in diese Sphære einzæunen, als wenn er izt da die ganze Bestimmung und die ganze Stærke seines Genie gefunden hætte, wenn er oft mehr durch æussere Umstænde, und vielleicht mehr von ungefehr, als durch besondern Trieb desselben auf diese Bahn ist gefyhrt worden. Wenn auch die Welt dem Dichter nicht mehr Achtung schuldig wære, der sich an die hœhere Poësie wagt, so hat es doch fyr sich schon Belohnungs genug, wenn man ein Styk von weiterm Umfang ausarbeitet. Es ist von tausend Vergnygungen begleitet, wenn man ein grosses Mannigfaltiges zu yberdenken hat, Triebfedern der Handlungen bis zu ihrem ersten Ursprung verfolget, und Charakteren ausmahlet, und durch verwikelte Begebenheiten immer kennbar fortgehen læßt. Die ganze Natur ist dann ein unerschœpfliches Magazin, mit allem was ist oder seyn kœnnte, woraus das Genie alles das herholet, was seinen geliebten Gegenstand schmyken kann; da ist die ganze Seele in Bewegung, und Fæhigkeiten myssen erwachen, die vielleicht sonst unbekannt geschlummert hætten.

Aber (kœnnen einige sagen) so hætten wir zulezt nichts als Helden-Gedichte und Tragœdien zu lesen. Die ein solches Unglyk befyrchten, myssen wissen, daß ich nur sagen will daß diese Art Arbeit dem Dichter ungemein viel mehr und manigfaltigeres Vergnygen giebt, als jede Dicht-Art von kleinerm Umfang; und so sollt es, meyn' ich, auch beym Leser seyn. Indeß haben nur Wenige Zeit und Musse genug, grosse Styke auszuarbeiten; die meisten werden durch ganz andere Beschæftigungen davon abgehalten, und mancher wird von dem gewagten Versuch abstehen, und eine andre Muse um ihre Gunst flehen, die etwas weniger sprœd ist; und so kœnnen wir immer in jeder Dicht-Art Meister-Styke bekommen. Denn ich will derselben keiner zu nahe treten; wynsch ich gleich mehrere Homere, so glaub ich doch, daß Esop oder Anakreon die Bewunderung der ganzen Welt verdienen.

Einige werden sich wundern, und andre ærgern, daß ich eine biblische Geschichte gewehlet habe. Die leztern sind meist Leuthe von ziemlichem Alter, denen ganz andre Beschæftigungen nicht zulassen, die neuere Poësie zu pryfen, die einen redlichen Eifer fyr die Wyrde ihrer Religion haben, und die von der Jugend her Vorurtheile gegen die Poësie behalten haben, welche sie nur aus den Sæchelgen kennen, die damals die Deutschen aufzuweisen hatten, wenige ausgenommen, die weder bekannt noch geschæzt waren. Damals war ein Poët nichts als ein schnakischer Kerl, ein Possenreisser fyr die edle deutsche Nation. Diese bitt ich zu bemerken, und ich rede auch mir mit diesen – – (mit denen red ich nicht, die in unsern biblischen Gedichten gelesen; und das Schœne und Nyzliche so wenig darin empfunden haben, daß sie dieß Unternehmen doch noch zur Synde machen; diesen muß ein gewisser Sinn fehlen, und mit ihnen sich abzugeben, wære eben so læcherlich, als wenn man einem Blinden mit einem Licht vorgehen wollte; die erstern bitt ich also zu bemerken, daß dieß nicht die Wyrde, sondern der elende Verfall der Poësie ist; daß sie immer im Gefolge der Religion gegangen, und ihr nicht geringe Dienste leistet, weil sie die wyrdigste Art ist, Empfindungen der Tugend und der Andacht zu sagen. Sie soll den Verstand auf eine edle Art ergœzen, und das Herz verbessern; sie soll die Menschen fyr jedes Schœne empfindlich und gesittet machen, auch wann sie scherzet, soll sie den Wiz reinigen, und Verachtung fyr Zotten und Grobheit einpflanzen. Poësie von andrer Art veracht ich selbst von ganzer Seele.

Wenn die Poësie das ist, was ich izt gesagt habe, dann ist sie nicht unwyrdig, ihren Stoff aus unsrer Religion zu nehmen. Sie wehlt die biblischen Geschichten, weil ein jeder, der unsre Religion annihmt, dieselben fyr ungezweifelt hælt; und weil sie ihn mehr als alle andern Begebenheiten interessiren; und weil sie da Gelegenheit hat, am klærsten zu zeigen, was wahre Religion fyr Einflysse auf den Menschen in jeder Situation hat. Sie zieht die verschiedenen Charaktere aus ihrer Geschichte ab, und sucht durch die wahrscheinlichsten Umstænde sie zu entwikeln, und in ihrem ganzen Licht lehrreich zumachen. Wenn sich schlechte Kœpfe an das wagen, dann kœnnen freylich ihre Styke mehr schædlich als nyzlich seyn; aber sind das nicht alle schlechte Auslegungen eben so sehr?

Zudem ist dieß eine Freyheit, die sich bisher alle Nationen erlaubt haben, und die, selbst zur Zeit der Reformation, bey uns kein Bedenken erregt hat; man hat damals Dramatische Styke aus der Bibel œffentlich aufzufyhren erlaubt, die der Werth der Poësie nicht, nur die gute Absicht retten konnte.

Aber so wird zulezt die Bibel zur Fabel. Da muß ich nur fragen, welche Geschichte dieß Schiksal gehabt habe? Homer und Virgil haben Styke aus der alten Geschichte gesungen; und doch ist mir kein Volk bekannt, das dumm genug gewesen wære, aus ihnen die Geschichte zu ergænzen, und zu vergessen, daß sie Dichter und nicht Geschicht-Schreiber sind.

Noch giebts eine gewisse Gattung Leuthe, die zu gut zu leben wissen, als daß ihnen Helden gefallen sollten, die von nichts als Religion reden, so ernsthaft sind, und so wenig feinen Wiz haben. Wenn sie glyklich nach ihren Sitten und ihrer Denk-Art geschildert werden, wie sehr sind sie da von der Welt, die zu leben weiß, unterschieden! Was fyr eine einfæltige Sprache! Was fyr Sitten! Sie myssen ihnen eben so læcherlich seyn, als Homers Helden vielen Franzosen, weil sie nicht Franzosen sind. Diesen muß ich im Vertrauen sagen, daß mir, als einem jungen Herrn, der auch zu leben wissen will, an ihrem Beyfall zu viel gelegen ist, und daß ich, um sie gut zu behalten, das gleiche Sujet auch fyr sie zurichten will. Ich will dann trachten, eine Liebes-Intrigue, (und was ist ein Episches Gedicht ohne das? Alles, was feinen Geschmak hat, muß es verlachen!) das werd ich darin anbringen. Abel wird dann ein zærtlicher junger Herr seyn und Kain wie ein Russischer Hauptmann; und Adam soll nichts reden, das nicht ein betagter Franzose, der die Welt kennt, sagen kœnnte.

 

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