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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 9
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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VIII. Der Sieger

Wer war der Sieger in diesem Kampf gewesen? Der Erzengel Michael, der den Höllendrachen mit seinen Scharen in den Abgrund stürzte? Nicht Christus, nicht die von ihm gestiftete Kirche mit dem »heiligen« Vater auf Petri Stuhl. Auch nicht der evangelische Geist der Kirche der Reformation oder das warmherzige christliche Empfinden. In Männern wie Spee hatte letzteres gesprochen, aber in der dogmatisch verfinsterten Welt, unter dem Druck der Autorität der Kirche und des noch alle Wissensgebiete beherrschenden theologistischen Denkens, kein weitergehendes Echo gefunden. Erst mußte es in den Köpfen der Menschen licht werden, erst mußte die menschliche Vernunft zur Selbstherrlichkeit erwachen und die Nebel des Wahns verscheuchen. Der freie Geist des Menschen, das ungebundene, wägende, alle Erscheinungen beobachtende Denken allein war es, das die Vorbedingungen für den geistigen Befreiungskampf der Menschheit schuf, die Waffen schärfte und den Stoß ins Herz führte. Mathematik, Astronomie, Physik mußten zunächst einmal das alte geozentrische Weltbild zerstören, in dem sich alles um die Erde und noch mehr um den Menschen drehte. Aus den Phantastereien der Astrologie war allmählich die Astronomie, aus den Retortendämpfen der Alchemie die Chemie hervorgegangen. Erscheinung auf Erscheinung ward begriffen als die Wirkung von natürlichen Kräften. Der Kosmos ward zum kausalen Mechanismus, in dem für dämonische, von außen her in ihn eingreifende Mächte – und auch der persönlich gedachte, überweltliche Gott ist solch eine dämonische Macht, im Gegensatz zum schwarzen bösen Teufel der weiße gütige Dämon – kein Raum mehr übrig war, weder im Himmel, noch auf Erden, noch unter der Erde. Der Mensch hatte die Natur wiedergefunden, die der alten Welt schon zur Zeit der Entstehung des Christentums verlorengegangen war.

Mit dem Wiedererwachen der Wissenschaften feierte aber auch die Philosophie ihre Auferstehung, ihre Befreiung von der Theologie. Cartesius (1596–1650) stellte gegenüber der Offenbarung als Prinzip aller Erkenntnis den Zweifel auf. Aber ihm sind Geist und Materie von gleicher Realität. Gott steht ihm außer und über der Welt. Der Fortschritt bei ihm besteht besonders darin, daß der Mensch im Denken sich selbst wiederfindet und im freien Streben nach Erkenntnis sein höchstes Glück. Ohne Schulung durch die kartesianische Philosophie hätte Bekker kaum seine »Bezauberte Welt« schreiben können. Am Schluß seiner »Prinzipien der Philosophie« unterwirft sich noch Cartesius, vielleicht im Hinblick auf das Schicksal Galileis, »sowohl der Autorität der katholischen Kirche als der klügerer Männer«. Das Bemühen der Philosophie nach Cartesius war es, dessen schroffen Dualismus zu überwinden. Spinoza (1632–1677) kennt nur noch die eine göttliche Substanz. Seine Welt ist in Gott, ist Gott selbst. Er lehrt einen pantheistischen Monismus des All-Einen und ist einer der mutigsten Vorkämpfer der Denkfreiheit.

In England entstand im siebzehnten Jahrhundert der Deismus, eine natürliche Theologie gegenüber der Offenbarungstheologie. In der Vernunft vollzieht sich nach dem Deismus die natürliche Offenbarung. Im Christentum ist nichts über und wider die Vernunft, wenn man seine Hülle und die Wunder abstreift. Der englische Deismus griff alsbald auch nach Frankreich hinüber. Die natürliche Religion ließ als Grundpfeiler schließlich nur noch die Ideen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit bestehen, während die Enzyklopädisten in Frankreich darüber hinaus bis zum ausgesprochenen Materialismus gingen.

Der englische Deismus und die französische Aufklärung (Rousseau, Voltaire) beförderten auch die deutsche Aufklärung und bewirkten, daß die evangelische Theologie auf die natürliche Religion hinsteuerte. Der alte Buchstabenglauben, die buchstäbliche Auffassung der Bibel, strich vor der historischen die Segel. Das Zeitalter des Rationalismus brach auch für die Theologie an.

Mit dem Erwachen der Wissenschaften ging aber auch das politische Erwachen Hand in Hand. Die Staaten begannen sich vom Konfessionalismus und schließlich von der Kirche überhaupt zu befreien. Der Toleranzgedanke erhob machtvoll sein Haupt. Lessing predigte ihn ergreifend in seinem »Nathan« von der Bühne allem Volk, und Herder, Schiller, Goethe wandelten denselben Weg. Der Sieg des Humanitätsgedankens war die positive, die Vernichtung allen Aberglaubens die negative Frucht der Aufklärung und bleibt ihr unvergänglicher Ruhm.

Kant (1724–1804), der Vollender und zugleich Überwinder der Aufklärung, sieht in der Verwirklichung der Vernunftgesetze das höchste Ziel für die Menschheit. Die Verwirklichung der Vernunftgesetze aber führt zur höchsten Freiheit, d. h. autonomen sittlichen Gesetzgebung, für die Einzelpersönlichkeit und zur Humanität als der Unterordnung des Willens unter die Gesetzgebung, die die Vernunft für alle Menschen aus sich erzeugt. Freiheit ist ihm fortschreitende Selbstbefreiung. Das All wird ihm in seiner Gesetzmäßigkeit, dadurch, daß Raum und Zeit reine Formen der Anschauung sind, ein Wesensbestandteil des Menschen selbst, Gott zu einer von der Vernunft erzeugten Idee, die erst durch das sittliche Handeln Realität erlangt. Um das Radikalböse in der Menschennatur zu überwinden, den selbstsüchtigen Naturtrieb, der personifiziert in der Vorstellung zum Teufel, zum »Fürsten dieser Welt« werde, wie das vollendet Gute zu Christus, müsse eine auf die Erhaltung der Moralität der Menschen angelegte Gesellschaft über die ganze Menschheit ausgebreitet werden als das Reich Gottes auf Erden. Alles, was man außerhalb des guten Lebenswandels tue, um Gott zu gefallen, sei bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes. Ein siegessicherer moralischer Optimismus gibt ihm den Glauben an die unendliche Vervollkommnungsfähigkeit des menschlichen Geschlechts. Und so sieht er als das ideale Ziel aller religiösen Entwicklung die eine unsichtbare Kirche, in der es weder Statuten noch Observanzen gibt, weder Laien noch Kleriker, eine Kirche, in der alle Priester sind und sein können, sofern sie das Gute wollen und erstreben.

Der tiefe sittliche Ideengehalt der Kantischen Philosophie fand in Schiller seinen begeisterten Apostel und künstlerischen Gestalter. Was Kant in schwerfälliger, scholastischer Gelehrtensprache dargelegt hatte, reichte er seinem Volk als goldene Früchte in der silbernen Schale der Poesie:

Nehmt die Gottheit auf in euern Willen
Und sie steigt von ihrem Weltenthron!

und fügte zum Wahren und Guten noch das Schöne, als den harmonischen Dreiklang vollendeten Menschentums.

Während aber Kant den Menschen in ein zwiespältiges, einerseits der Natur und ihrer kausalen Gesetzmäßigkeit unterworfenes, anderseits der ganz entgegengesetzten intelligiblen Welt der Freiheit angehöriges Wesen, und damit die Einheit von Natur und Geist zerriß und obendrein durch die Statuierung des Radikalbösen in der menschlichen Natur der Theologie einen vortrefflichen Teufelsersatz schuf, erhob Goethe, der vollendetste Mensch seiner Zeit, in den Spuren Giordano Brunos und Spinozas weiterwandelnd, Natur und Geist in seinem Leben in innigster Durchdringung zur reinsten Harmonie. Was war ihm, dem »großen Heiden«, noch Christentum, Gott und Teufel, Himmel und Hölle, ihm, der Gott-Natur nur kannte, sich aus ihr geboren fühlte und in seiner Persönlichkeit gestaltete? »Hast du nicht alles selbst vollendet, heilig glühend Herz!?« Den Menschen als höchstes Geschöpf der Gottnatur bewertend, will er weder etwas vom »radikalen Bösen« Kants in der Menschennatur wissen, noch von der alten kirchlichen Anschauung von der Erbsünde. Das Sittliche erwächst ihm mit Notwendigkeit aus der auf das Gute angelegten, recht geleiteten menschlichen Natur. »Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.« In der Herausbildung der Persönlichkeit beruht ihm der Sinn des Lebens. »Werde, was du bist!« Nicht aber der sich selbst genügenden, sondern der für das ganze Menschengeschlecht in rastloser Tätigkeit sich auswirkenden Persönlichkeit, die dadurch unvergänglich wird. Das Dämonische, den Streit der zwei Seelen, in der Menschenbrust, gestaltet er im Faust zum tiefsten Meisterwerk der deutschen Poesie, in welchem der Teufel noch einmal eine Gastrolle gibt, aber wiederum als der betrogene Teufel sich trollen muß. Denn, Faustens Unsterbliches mit sich entführend, verkündet der Engel das frei- und seligsprechende Evangelium für jeden, der die Schuld seines Lebens abzutragen bemüht ist durch die sittlich geadelte Tat in hingebendem Wirken für das Wohl des Menschengeschlechts: »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!« Das Leben, vom All empfangen, ins All mit Dank zurückerstatten, das ist, mit einem Wort des Dichters selbst, die Goethesche Lebensweisheit, die über sein Jahrhundert hinaustönt, befreiend und versöhnend auch noch in unsere Zeit.

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