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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 8
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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VII. Der Kampf gegen den Hexen- und Teufelswahn.

 

Der Kampf gegen den Hexenwahn.

Gegen den Teufel anzukämpfen, war bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts ein lebensgefährliches Unternehmen, fast noch lebensgefährlicher als der Kampf gegen den Glauben an Gott. Daher richten sich die ersten Vorstöße gegen den Hexenwahn auch weniger gegen den Hexen- und Teufelsglauben an sich als gegen die Unmenschlichkeit der Hexenverfolgung und des Prozeßverfahrens. Den ersten konzentrischen Vorstoß unternahm der holländische Leibarzt des Herzogs von Cleve, Joh. Weyer (Wierus), der vielleicht Gelegenheit gehabt hatte, in Afrika die Zauberer der Eingeborenen zu beobachten. In seinen sechs Büchern »Über die Zauberei« (1563; deutsch 1567) wendet er sich besonders scharf gegen den Hexenhammer, verweist die entmenschten Richter auf das Jüngste Gericht – »die zertretene Wahrheit wird auferstehen, euch ins Antlitz springen und Rache schreien für eure Mordtaten« – und erklärt, daß er ans Werk gehen müsse, weil niemand sonst sich der bedrängten Menschheit annehme. Der Teufel ist für ihn nur noch als Gegengott, aber als abstraktes Wesen, vorhanden. Er bestreitet die Hexerei vermittels eines Teufelsbündnisses und unterscheidet den betrügerischen Zauberer von der Hexe, die aus Geistesschwäche oder krankhafter Phantasie vom Teufel getäuscht werde, und vom professionellen Giftmischer. Unter Berufung auf den alten Canon episcopi, auf Augustin und die Bibel empfiehlt er, die schwachen, alten und törichten Weibspersonen in der Religion zu unterweisen und auf diese Weise zu bessern. Trotzdem seine Schrift eine Anzahl Auflagen erlebte, hatte sie doch noch keinen Erfolg. Gelehrte aller Fakultäten griffen ihn an und Katholiken wie Protestanten gingen über sie zur Tagesordnung über. Der Jesuit Adam Tanner, einer der wenigen weißen Raben seines Ordens, der den Richtern nur größere Vorsicht anempfohlen und sich gegen die Wirklichkeit der Hexenfahrten erklärt hatte, erhielt bei seinem Tode (1632) kein christliches Begräbnis, weil man bei ihm einen Glasteufel mit Haaren und Krallen – ein Insekt unter einem Mikroskop, wahrscheinlich einen Floh – gefunden hatte. 1631 schrieb der Jesuit Friedrich v. Spee, der als Seelsorger in Franken in wenigen Jahren über 200 Hexen zum Scheiterhaufen hatte begleiten müssen, anonym seine Cautio criminalis gegen den Hexenprozeß, nicht etwa gegen den Hexenwahn. Ohne am Bestehen der Hexerei zu zweifeln, wendet er sich ebensowohl gegen die Gehässigkeit des Volks, die Unwissenheit und Geldgier der Richter, das leichtfertige Verhalten der Fürsten, den beschränkten Fanatismus der Geistlichkeit, die Unsicherheit der Indizien, die Trüglichkeit der abgefolterten Geständnisse und der Zeugenaussagen, die Unmenschlichkeit der Tortur, sowie überhaupt gegen das ganze Verfahren: »Behandelt die Kirchenobern, behandelt die Richter, behandelt mich ebenso wie jene Unglücklichen, werft uns auf dieselben Foltern und ihr werdet uns alle als Zauberer erfinden«. Vom späteren Kurfürsten von Mainz, dem Grafen Phil von Schönborn, einmal befragt, woher er bei seinen jungen Jahren, kaum 30 Jahre alt, schon graue Haare habe, erwiderte er, es sei aus Gram über die vielen Hexen, die er zum Tode vorbereitet und unschuldig befunden habe. Die Schrift, dessen Verfasser später dem Kurfürsten bekannt geworden, hatte wenigstens die Wirkung, daß in dessen Sprengel die Hexenbrände fast völlig erloschen.

Die Bestrebungen dieser Männer in Deutschland wurden etwas später in Frankreich durch Gabriel Naudé (Apologie pour tous les grands hommes, qui ont été accusé« de magie, Paris 1669), in England durch den Arzt Webster (display of supposed witchcraft 1673), und in Holland durch den Arzt van Dale (de oraculis Ethnicorum 1685) aufgenommen. Alle diese Vorläufer aber überbot der reformierte Prediger Balthasar Bekker durch sein gründliches Werk »Die bezauberte Welt« (zuerst holländisch 1691–1693). Er geht zum ersten Male bei der Bekämpfung des Hexenglaubens gegen den Teufel vor, in dem er richtig den »Kopf des Wurms« erkannte. Da er sich jedoch als gläubiger Theologe an die Autorität der Bibel gebunden fühlte und als Waffe der Bibelauslegung sich bediente, bei der er seine aufgeklärten Anschauungen in die Bibel hineintrug, wurde seine Beweisführung theologisch anfechtbar. Neben die Bibel tritt bei ihm allerdings auch schon als gleichwertig die Vernunft. Die Macht des Teufels hat sich bei ihm fast völlig verflüchtigt. Er schließt seine von eindringlichem Ernst getragene Schrift mit den bezeichnenden Schriftworten: »Der ungeistlichen und altvettelischen Fabeln entschlage dich, übe dich selbst aber in der Gottseligkeit.« Wegen Ketzerei seines Amtes entsetzt, starb er 1698, nachdem seine Schrift in tausenden von Exemplaren verbreitet war und eine Flut der wüstesten Gegenschriften verursacht hatte.

Die Früchte der Vorarbeiten dieser Männer, vornehmlich Bekkers, sollte dann endlich der berühmte hallische Rechtsgelehrte und Philosoph Chr. Thomasius ernten. Noch 1694 ein Anhänger des Hexenprozesses, hatte er, durch das Studium der Schriften der obengenannten Männer aufgeklärt, bereits 1701 in seiner Dissertation »de crimine magiae« (Über das Verbrechen der Zauberei) den Kampf gegen den Hexenglauben aufgenommen, um dann in seinen »Kurzen Lehrsätzen von dem Laster der Zauberei mit dem Hexenprozeß« 1704 den Hauptstoß zu führen. Auch er ging, mehr aus Taktik als wie aus innerer Überzeugung, noch nicht gegen den Teufelsglauben vor, sondern beschränkte sich auf die Vernichtung des Hexenprozesses und erreichte dadurch vor allem die Abschaffung der Folter, deren man sich nunmehr als »unchristlich« zu schämen begann. Er läßt ausdrücklich den Teufel gelten, aber einen ohne Hörner, Klauen und Krallen, nur noch als das personifizierte Prinzip des Bösen. Durch natürliche Mittel könne man auch erreichen, was man der Hilfe des Teufels zuschreibe. »Mit einem Wort, ich halte dafür, daß die Hexenprozesse gar nichts taugen und daß der nb. gehörnte leibliche Teufel mit seiner Pechkelle und seiner Mutter dazu ein purum inventum (eine Erfindung) der päpstlichen Pfaffen sei, deren ihr größtes Arcanum (Zaubermittel) ist, die Leute mit nb. solchen Teufeln fürchten zu machen und Geld zu Seelenmessen, reiche Erbschaften und Stiftungen zu Klöstern und anderen piis causis (frommen Zwecken) herauszulocken.« Indem Thomasius sowohl die Theologen als auch die Juristen mit seinem Spott geißelte, machte er sich beide zu erbitterten Feinden. Er blieb jedoch unbehelligt in seinem Amt und wirkte, nach Schlözers Urteil, mehr auf Mit- und Nachwelt als alle Philosophen Griechenlands zusammengenommen. Seinem Wirken vornehmlich ist es zuzuschreiben, daß die Hohenzollern in ihren Landen zuerst in Deutschland dem Hexenprozeß ein Ende bereiteten. Schon 1701 hatte Friedrich I. einen märkischen Gerichtsherrn wegen einer Hexenhinrichtung zur Verantwortung gezogen. 1706 schränkte er die Hinrichtungen in Pommern ein. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm I. befahl alle auf Tortur oder Tod lautenden Urteile ihm zur Bestätigung zu unterbreiten und verbot 1721 gänzlich den Hexenprozeß. Friedrich der Große endlich erklärte, in seinen Staaten sollten die alten Mütterchen ruhig sterben können. Preußens Beispiel folgten im Laufe des Jahrhunderts die andern deutschen Staaten, zuletzt Bayern. In Österreich begann der Abbau des Hexenprozesses mit der Landesordnung Maria Theresias durch das Verbot der Hexenprobe und Beschränkung der Anwendung der Tortur. Das Strafgesetzbuch Josef II kennt den Hexenprozeß nicht mehr.

 

Der Kampf gegen den Teufelsglauben.

Wenn schon Bekker im Teufelsglauben die Wurzel des Hexenglaubens erkennt, aber gegen ihn die völlig unzulängliche Bibelexegese angewendet hatte, so wandte sich Thomasius, wie wir das bereits sahen, gegen die sinnlich-konkrete Teufelsvorstellung des Volksglaubens und der Kirche, beließ dem Teufel aber ein supranaturalistisches Dasein, um nicht als »Atheist« sein Werk zu gefährden. Denn, wie er sich ausdrückt: »Heute heißt es: Wer den gehörneten und gemalten Teufel leugnet, der leugnet Gott.« Er nahm Bekker gegen den Vorwurf des Atheismus in Schutz. Viel eher könne man ihn einen Adämonisten als einen Atheisten nennen. Die Ansicht von der Unpersönlichkeit des Teufels griff nun in der protestantischen Welt immer weiter um sich. Sie teilte sich geradezu in zwei Lager, deren theologische Wortführer einander von der Kanzel als »Dämoniaker« und »Adämonisten« bekämpften. Seit 1759 richtete auch der berühmte Aufklärungstheologe Semler seine scharfgeschliffene Feder gegen den alten persönlichen Teufel. Der Teufel ist ihm zwar auch noch »eine individuelle Substanz oder ein für sich bestehendes Ding, das Vernunft hat und mit großer Macht begabt ist«, aber er ist körperlos (also das bekannte gasförmige Wirbeltier). Die heilige Schrift behaupte nur den moralischen Einfluß des Teufels auf den Menschen. Sein Einfluß bestehe nur darin, daß er uns hindere, die Wahrheit zu erkennen und uns mit Gott als dem einzigen und vollkommensten Guten in Gedanken, Worten und Werken in Übereinstimmung zu setzen.

Die letzte große Schlacht um den Teufel wurde um die Mitte der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts geschlagen, anläßlich der Wunderkuren – man erzählt von 20 000 – des Paters Joh. Jos. Gaßner aus Klösterle im Kanton Chur (Schweiz), der alle Krankheiten auf den Teufel zurückführte, zunächst sich selber durch Austreibung des Teufels gesund machte und dann auch alle von nah und fern zu ihm strömenden Patienten durch Exorzismus heilte. Auf Grund seiner Wunderkuren wurde er Geistlicher Rat und Hofkaplan des Fürstbischofs von Regensburg, doch legte ihm der Kaiser und schließlich auch der Papst 1776 das Handwerk. Der alte Streit um den Teufel wurde durch ihn aufs neue entfacht und brachte den Stein ins Rollen, der das Untier wenigstens in breiten Schichten der Gebildeten und Massen endgültig zermalmen sollte. In der endlosen Flut der Streitschriften für und wider den Teufel, der sich nun über das deutsche Publikum ergoß, ergriff auch Semler wieder das Wort und schleuderte in den Kampf Sätze von wuchtigstem Gefüge wie den nachstehenden: »Ich will als christlicher Theologus solchen ganzen Teufelskram und allen schäbigen Plunder ausstreichen aus dem Herzen und der sogenannten christgläubigen Seele, die übrigens von Gott und Christo Jesu nicht den zehnten Teil so viel und so ernsthaft und so oft denkt als von dem theologischen Untier Teufel, Satan und Beelzebub und was es noch für heidnische Mützen und Namen geben mag, darüber immerfort die sogenannte christliche Welt mehr vom Teufel besessen sein mag, und will als die große helle Erkenntnis Gottes zum einzigen Charakter des rechten wahren Christentums gelten zu lassen.« In diesem Streit tritt bei zahlreichen Wortführern die Schrift schon gänzlich zurück, an deren Stelle die Vernunft als Erkenntnisquelle an die Spitze gestellt wird. Der Teufel wird zu einer bloßen »Idee«. Rein auf die Vernunft sich stützend, schreibt der ungenannte Verfasser der Schrift »Doch die Existenz und Würkung des Teufels auf dieser Erde gründlich und ausführlich erwiesen« (Nürnberg 1776): »Aberglauben, Stolz, Bosheit, Wollust, Geiz, Faulheit, Mord – ihr mußtet Ursache haben – Priester erschufen den Teufel. Die Vernunft besteigt den Thron – und der Teufel flieht.« – »Männer von Geist und Herz, legt Hand an – jagt den Teufel von uns!« – »Wäre ich ein Lehrer, ich sagte vom Teufel kein Wort, weil es alles – Lügen sind.« – »Unwissende, bösdenkende Menschen in Ordnung zu halten, mag der Teufel wie der Büttel zu gebrauchen sein«, aber »bessert sie mit einem stillen sanften Geist, und allen Aberglauben schafft weg«. – »Wenn Untätigkeit, Müßiggang, Wollust, Ehrgeiz und Stolz aus den Herzen unserer Menschen fliehen, so ist der Teufel geflohen.«

In kaum einem Jahrhundert seit der Bestreitung seiner Körperlichkeit hatte der Teufel auch seine supranaturalistische Existenz eingebüßt. Wie aus einem furchtbaren Abgrund emportauchend, wo »das Auge mit Schaudern hinuntersah, wie's von Salamandern und Molchen und Drachen sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen«, »atmete« die Menschheit wieder »lang und tief und begrüßte das himmlische Licht«. Und da die »alte Schlange«, der »feuerrote Drache« endlich erschlagen dalag, suchte man nun auch im Volke durch eine Fülle aufklärerischer Schriften den Glauben an den Teufel bis auf den letzten Rest zu zerstören. So verflog der furchtbare Spuk des Mittelalters und um die Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert galt der Teufelsglauben schon so sehr als Aberglauben, daß ein Gutachten der medizinischen Fakultät zu Prag einen Schuhmacher in Budweis für verrückt erklären konnte, weil er an die Existenz eines leibhaftigen Teufels glaubte. Der Glauben an den Teufel war zum »mitleidsvollen Wahn einer unerleuchteten Zeit« geworden und sein Name zum Symbol des dem Menschen innewohnenden Bösen herabgedrückt. Die Namen jener Wohltäter der Menschheit aber, die zuerst gegen den Hexen- und Teufelswahn, ihr Leben nicht achtend, auf die Schanzen sprangen und die schon durch die Schule dem Gedächtnis eines jeden mit unverlöschlichen Lettern eingeprägt werden sollten, meldet »kein Lied, kein Heldenbuch«.

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