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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 6
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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V. Völlige Ausbildung des mittelalterlichen Teufels

(7.–13. Jahrhundert)

Mit dem Einströmen der germanischen und slawischen Völkerwelt beginnt der Teufelsglauben ins Riesenhafte zu wachsen und unter Aufnahme mannigfacher Elemente aus dem germanischen und slawischen Volksglauben das ganze Leben zu überschatten. Die Kirche aber leistete diesem Entwicklungsprozeß durch ihre Anpassungs- und Herabwertungstheorie den kräftigsten Vorschub.

 

Die Anpassungsmethode der Kirche.

Bei dem Übertritt ganzer Völker zum Christentum, der diesem Zeitabschnitt noch mehr wie dem vorigen das Gepräge gibt, machte die Kirche Schnellarbeit. Wenn die Völker das Christentum nur erst äußerlich angenommen hatten, mochte der Sauerteig des Christentums hernach langsam seine wesensumbildende Arbeit verrichten. Papst Gregor der Große schon hatte dem angelsächsischen Missionar Augustin die Weisung gegeben, die heidnischen Tempel nicht zu zerstören, sondern einfach in christliche umzuwandeln, und ebenso die heidnischen Opfermahle zu christlichen Kirchweihen, Märtyrerfesten und dgl. umzustempeln. Ebenso trank man bald hernach in den germanischen Ländern nicht mehr Minne (auf das Gedenken) des Wuotan und der Freya, sondern Christi und der Jungfrau Maria Minne. Donar und Wuotan wurden zum heiligen Florian und Ruprecht. Ebenso aber wie einzelne Gottheiten der christianisierten Völker in den christlichen Heiligenhimmel einkehren durften, bevölkerten nun aber auch andere, und zumal die untergöttlichen heidnischen Dämonenwesen, das christliche Inferno. Das teuflische Heer vergrößerte sich ins Ungemessene und bekam immer mehr Farbe und Gestalt.

 

Die Herabwertungsmethode der Kirche.

Nach der Herabwertungsmethode der Kirche, die sie, wie wir das bereits gesehen, von den Juden überkommen hatte, wurden die heidnischen Gottheiten jedoch zum überwiegenden Teile, gleich der einst so lichten hellenischen Götterwelt, zu teuflischen Dämonen herabgedrückt, deren Macht noch immer zu fürchten war. Wuotan, der ja auch als Hackelberend der Anführer der Totengeister mit breitkrämpigem Hut und flatterndem Wolkenmantel gewesen war und als solcher an der Spitze des wilden Heeres die Lüfte durchsauste, übergab nunmehr seine göttlichen Abzeichen dem Teufel. Ebenso wurden seine Tiere, die Raben und der Wolf, des Teufels Tiere. Wie Wuotan erscheint er nunmehr häufiger als Reiter auf rabenschwarzem Roß oder gar in Rabengestalt. Die lichte Holda wird zur zahnlosen, struppigen alten Kinderscheuche, die dienstfertigen Elben zu tückischen, dämonischen Wesen. Der Eber aber, das heilige Tier des Gottes Fro (altnordisch Freyr), wird zum Reittier der Hexen, die nunmehr auch im Pandämonium des Teufels erscheinen.

 

Erlöschen der Wissenschaften.

Schon in der römischen Kaiserzeit hatte sich der Verfall der Wissenschaften in erschreckender Weise geltend gemacht. Die Philosophie war zur Theologie und die Theologie zur Theurgie und Magie, d. h. zur Zauberkunde, herabgesunken. Dazu kam noch das siegreiche Vordringen der Astrologie aus dem Orient. Alle Wirkungen und Vorgänge in der Natur wurden wieder, wie einst in den ältesten Zeiten, auf dämonische Mächte zurückgeführt. Insonders waren Krankheiten das Werk der Dämonen. Selbst Ärzte waren fast durchweg dieser Ansicht. Die spätere neuplatonische Philosophie unterschied in der Magie, die nunmehr die vorherrschende Wissenschaft wurde, die gemeine Magie oder Goetie, die mit Hilfe böser Dämonen operierte, die höhere Magie, die vermittels höherer Geister ausgeübt wurde, und die Pharmazie, die durch Arzneimittel über die Dämonen Macht erlangt. Porphyrius (gest. 304) nennt die höchste Magie, in der Gott selbst wirkt: Theosophie, die vermittels guter Geister ausgeübte: Theurgie, die vermittels böser Geister bewirkte: Goetie. Die Neupythagoräer bannten gleichzeitig mit den Christen böse Geister. Der Neuplatoniker Ammonius Sakkas (um 200) lehrte, daß der wahre Weise durch asketische Enthaltsamkeit Macht über die Dämonen erlange. Der größte Neuplatoniker, Plotin (204–270), in dem sich noch einmal die gesamte philosophische Kraft der antiken Welt konzentrierte, gelangte durch mystische Verzückung zum Anschauen der Gottheit selbst und dadurch zur Herrschaft über die Dämonen. Alle diese Anschauungen, insbesondere die neuplatonische Mystik, gingen in das Christentum über und wirkten sich hier in verchristlichten Formen aus. Wissenschaft ward Wunderglauben, zu Heilmitteln wurden in der mönchischen Medizin Weihwasser, Reliquien, Rosenkränze, Taufwasser, Abendmahl, Paternoster u. dgl. Der einzige Agobard von Lyon (gest. 840), der »hellste Kopf des 9. Jahrhunderts«, verwarf die dämonischen Einflüsse auf die Kranken.

 

Völliger Verfall der Sittlichkeit.

Den geistigen Verfall dieser Epoche bis zur Wende des 1. Jahrtausends, nach welchem sich wieder der Aufstieg ankündigt, angeregt durch die Blüte der Wissenschaften unter der Maurenherrschaft in Spanien, begleitet ein ebenso starker sittlicher Verfall, der sich besonders in Rom, und zwar unter den Päpsten selbst, geltend macht. Das zehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der päpstlichen Pornokratie (Hurenherrschaft). Johannes XII. (955–963) wurde der Prozeß gemacht, weil er des Teufels Minne getrunken habe, und es wurde zu dieser Zeit Gepflogenheit, den römischen Bischof vor seinem Amtsantritt schwören zu lassen, daß er sich von vier Lastern enthalten habe: der Sodomie, der Päderastie, des geschlechtlichen Verkehrs mit Nonnen und des gewöhnlichen Ehebruchs. Auf einem solchen Sumpfboden geschlechtlicher Ausschweifungen, der Völlerei, blutiger Gewalttaten ohne Ende und ägyptischer geistiger Finsternis mußte der Teufelsglaube herrlich gedeihen.

 

Die Katharer.

Auch in dieser Periode, in der das christliche Abendland um die Wende des 1. Jahrtausends aus dem Gefühl seines tiefen Verfalls mit solcher Bestimmtheit das Weltende erwartete, daß viele Urkunden jener Zeit mit den Worten eingeleitet werden: »Da nun die Welt untergeht«, erhoben zahlreiche Sekten mit der alten dualistischen manichäischen Ketzerei wieder ihr Haupt. Sie zogen besonders aus der Verderbtheit der Kirche ihre Nahrung und richteten sich mehr noch als gegen das kirchliche Dogma gegen ihre Sittenlosigkeit und Veräußerlichung in reinem, weltlichem Machtstreben. Im Abendland faßte man die Mehrzahl dieser Sekten, die sich reißend vom Orient her über die südslawischen Länder, besonders Bulgarien (daher noch heute das französische Schimpfwort bougre-Bulgare, Ketzer), Dalmatien und Oberitalien, wo Mailand um 1166 mehr Ketzer als Katholiken gezählt haben soll, nach Südfrankreich, Nordspanien und dem übrigen Europa verbreiteten, unter dem gemeinsamen Namen der Katharer (die »Keinen«, woraus unser Wort »Ketzer«) zusammen. Die Kirche verfuhr gegen sie nach der bewährten Herabwertungsmethode, indem sie sie als moralisch verderbt und mit dem Teufel im Bunde erklärte. Heterodoxie, Ketzerei und Zauberei wurden nunmehr von der Kirche als Teufelsdienst völlig gleichgesetzt, da sie sich selbst als die alleinige Vertreterin des Reiches Gottes ansah. Diese Methode war jedoch äußerst zweischneidig. Sie vergrößerte nur noch die Macht des Teufels und bestärkte den Glauben der Massen an ihn, die ihn schließlich für mächtiger oder ebenso mächtig als Gott selbst halten mußten.

 

Völlige Ausbildung des mittelalterlichen Teufels.

Der phantastische, in den äußersten Gegensätzen sich auswirkende Zug des Mittelalters tritt auch bei der weiteren Ausbildung des Teufels in Erscheinung. Schon Gregor der Große (gest. 604) treibt den Teufel unter Zuhilfenahme von Reliquien aus einer sektirerischen (arianischen) Kirche in Gestalt eines Schweines aus. Im 8. Jahrhundert steigt der Teufel bereits als Drache in die Wohnungen durch Fenster und Schornsteine, bringt seinen Anhängern Gaben und vergnügt sich geschlechtlich mit ihnen. In den Akten der heiligen Afra wird uns der Teufel als rabenschwarz geschildert, nackt und mit runzliger Haut als wie bedeckt mit Elephantiasis. Bald erscheint er in riesiger Größe, bald als Zwerg. Zu der Abschwörung des Teufels bei der Taufe kommt nun wohl auch noch die dreimalige Aushauchung desselben hinzu oder gar noch drastischer seine Ausspeiung. Im 10. Jahrhundert wittert man bereits hinter allem Ungewöhnlichen den Teufel. Papst Sylvester II. (999–1003), der unter den Mauren in Cordoba und Sevilla Mathematik und Philosophie studiert hatte und einer der größten Gelehrten seiner Zeit war, galt allgemein als Schwarzkünstler, der seine Gelehrsamkeit dem Bündnis mit dem Teufel verdanke.

Auch Hexen fliegen jetzt durch die Luft, dringen ungehemmt durch Schloß und Riegel in die Häuser, töten Kinder bei der Geburt und im Mutterleib, fressen ihnen die Leber weg u. dgl. m. Sie regen auch die Luft auf, verursachen Hagel und Unwetter, verderben die Feldfrüchte, nehmen die Milch dem einen Vieh und geben sie dem andern. Der Hexenglaube ist uralt und fast bei allen Völkern anzutreffen. Im Alten Testament begegnet er uns in der Geschichte Sauls, der durch die Hexe von Endor den toten Geist Samuels beschwören läßt. Bei den Griechen finden wir in den homerischen Gesängen die Zauberin Circe, die Odysseus Gefährten in Tiere verzaubert. Der Koran kennt Zauberinnen, die Knoten schürzen und anblasen. Die antiken Vorstellungen von den Strigen, Lamien und Empusen bilden wahrscheinlich die eine Wurzel des mittelalterlichen Hexenglaubens. Alle drei Arten besitzen Verwandlungsfälligkeit, sehnen sich nach Liebesabenteuern und gieren nach dem Blut und den Eingeweiden der Menschen. Insonders saugen die Strigen nach Vampyrart den kleinen Kindern das Blut aus. Mit diesem antiken Hexenglauben, der unter dem Schutz des Teufelsglaubens bereits Einzug in das Christentum gehalten hatte, ging nun nach der Christianisierung der Germanen und Slawen auch deren verwandter Hexenglaube eine innige Verbindung ein. Das Wort Hexe (althochdeutsch hagzissa) bezeichnet ursprünglich einen den Hag (die Bodung, Flur oder Feld) schädigenden weiblichen Dämon. Nach dem heiligen Bonifatius (680–755) bestand das Teufelswerk neben Götzendienst, Giftmischerei, Beschwören und Loswerferbefragen auch im Glauben an Hexen und Werwölfe. In den ersten Jahrhunderten dieser Periode wird man also wohl noch nicht an leibhaftige, menschliche Hexen gedacht haben. Doch schon 829 verlangt eine Pariser Synode gesetzliches Einschreiten gegen Hexerei, die mit Zauberei gleichgestellt wird. Schließlich verschmolz beides in eins. Und so wurden die ehemals so hochgeehrten weisen Frauen der Germanen, die Priesterinnen und Ärztinnen, die aus allerlei Kräutern und zauberkräftigen Dingen unter Hersagen von Spruch und Lied Getränke bereiteten, die Haß und Liebe einflößten, Krankheit und Genesung herbeiführten, aber auch wunderbare Luftfahrten verursachten, unter Einfluß des Christentums und der Kirche allmählich die armen, todeswürdigen Hexen der Inquisition.

Im 11. Jahrhundert tritt zu dem Glauben an Tierverwandlungen mit Hilfe des Teufels der alte heidnische Werwolfglaube (Werwolf = Mannwolf) stärker in den Vordergrund. Das weibliche Geschlecht verwandelt sich mit Hilfe des Teufels vornehmlich in Katzen, Ratten, Kröten, Mäuse, Heuschrecken; Hexer belieben die Gestalt eines Katers. Eine wichtige theologische Streitfrage war es nun, ob sich auch die Seele in eine Tierseele verwandle. Schließlich wurde die Ansicht herrschend, daß die Tiere wohl die menschliche Seele behielten, sich jedoch ihrer nicht bedienten. Allerdings blieb die Wirklichkeit der Tierverwandlung noch lange umstritten. Viele sahen in ihr, wie auch in dem Hexenritt, nur ein Blendwerk des Teufels. Ein ganz weißer Rabe in jener Zeit war König Koloman von Ungarn (1095–1115), der kurz und bündig erklärte: »Von den Hexen soll niemand reden, da es keine gibt.«

Ferner führte man Ungezieferplagen auf den Teufel und die Teufelskünste der Hexer und Hexen zurück. Als einmal im 10. Jahrhundert Würmer und Engerlinge die Gegend von Lausanne verheerten, wurden sie auf Befehl des Bischofs dreimal von der Kanzel zitiert, bei Kraft und Gehorsamlichkeit der heiligen Kirche den sechsten Tag darauf nachmittags, so es zur Glocke eins schlägt, gen Wiflisburg zu erscheinen, selbst oder durch Fürsprache. Hierauf kniete die Gemeinde nieder und betete drei Paternoster und ebensoviele Avemaria zu Ehren der Dreifaltigkeit, um Gnade und Hilfe wider die abscheulichen Inger zu erflehen. Da die Würmer zur festgesetzten Frist nicht erschienen, wurde ihnen ein Verteidiger ihrer Sache bewilligt. Kläger und Beklagte wurden wie in einem ordentlichen Rechtsverfahren verhört und, da die Engerlinge den Prozeß verloren, wurden sie feierlich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes verflucht, daß sie sofort von allen Feldern weichen und zugrunde gehen sollten. Trotz der Verfluchung jedoch fühlten sich die Engerlinge in dem fruchtbaren Boden so wohl, daß sie auch noch im folgenden Jahr großen Schaden anrichteten.

 

Wunderglaube, Heiligendienst, Reliquien, Marienkultus und der Teufel.

Wunder und Zauberei umgaben das ganze menschliche Leben jener Zeit. Alles Gute war göttliche Wundertat, alles Üble teuflische Zauberei, das Gott als Strafe oder als Prüfung zuließ. Gottes Schutz und gnädige Hilfe aber erlangte man durch die Fürbitte der Heiligen. So trieb der Teufelsglauben den Heiligenglauben und dieser wieder den Teufelsglauben in die Halme. Die Heiligen aber traten immer mehr an die Stelle der Engel.

Schon Cyprian hatte der Fürbitte der Heiligen, d. h. der Märtyrer, eine außerordentliche Wirkung bei Gott zuerkannt. Nach Augustin verrichteten auch ihre Reliquien Wunder. Nach Aufkommen des römisch-asketischen Lebensideals zogen auch die frommen Büßer, Einsiedler, Mönche und Nonnen in den Heiligenhimmel ein, die nun mit der Himmelskönigin Maria an der Spitze neben den Engeln den Hofstaat Gottes bildeten. Bald schien der Himmel zu eng für sie geworden zu sein, denn eine Synode zu Frankfurt a. M. vom Jahre 794 beschloß wegen der Massenhaftigkeit der Heiligen keine neuen mehr zu ernennen. Ihrem Überhandnehmen ungeachtet dieses Synodalbeschlusses steuerte endlich Papst Alexander III. (1159 bis 1181) dadurch, daß er das Geschäft der Kanonisation (Heiligsprechung) den Bischöfen aus der Hand nahm und den Päpsten selbst als ergiebige Geldquelle zusprach. Die Ursache des Überwucherns des Heiligenkultus lag darin, daß auch die Christenheit sich nach einem Himmel mit lebendigen Göttern sehnte. Die Engel in ihrer unterschiedslosen Abstraktheit kamen diesem Bedürfnis zu wenig entgegen. Die Heiligen dagegen waren Menschen von Fleisch und Blut gewesen, denen Menschliches durchaus nicht fremd geblieben war. Sie hatten alles Menschliche erlebt, erlitten und überwunden und hatten daher ein Ohr, des reuigen Sünders Klage zu hören, und ein Herz, sich des Bedrängten zu erbarmen. Während die Engel nur auf göttlichen Befehl eingriffen, halfen die Heiligen den Menschen aus menschlicher Anteilnahme. Wie nun aber der Teufel sich durch Aufnahme heidnischer Vorstellungen immer mehr materialisiert hatte, so wurden dementsprechend auch die Heiligen in ihren Erscheinungen immer konkreter und vermenschlichter. Jetzt spielt sich der Kampf um die menschliche Seele vornehmlich zwischen ihnen und dem Teufel ab. Wie letzterer schädliche Naturerscheinungen, Gewitter, Sturm, Hagel, Feuer oder gar Ungeziefer hervorbringt, so schützen umgekehrt die Heiligen den Menschen gegen diese Teufelsplagen. Infolgedessen erhalten nun jedes Land, jede Landschaft, jeder Ort, jeder einzelne Mensch, jeder Beruf, jede Tätigkeit ihren Schutzpatron, und bestimmte Heilige üben ganz bestimmte Funktionen aus. So wird der berühmte Säulenheilige Symon Stylites zum Raupen-, der heilige Theodor zum Heuschrecken-, der heilige Ursmarinus zum Feldmäuse-Abwehrheiligen. Selbst der niederen Kreatur erbarmen sich die Heiligen gegen die Tücken des Teufels. Der heilige Kilian wird zum großen »Viecherpatron«.

Ganz besonders helfen natürlich die Heiligen gegen die moralischen Anfechtungen des Teufels. Infolgedessen ist dieser auch bei Lebzeiten ihr größter Feind, indem er sie mit seinen Dämonen tagaus, tagein belauert, um ihren heiligen Lebenswandel zu vernichten. Besonders versucht er dies durch Verführung zur Sinnlichkeit und Weltlust in Gestalt schöner Mädchen. Aber ein echter Heiliger »forcht sich nit«, sondern besitzt selbst die Kraft, dem Teufel Zeit und Stunde zum Ausfahren aus den von ihnen Besessenen vorzuschreiben. Ebenso wie der Teufel die Nähe der Heiligen, wittern diese des Teufels Nähe. Und wenn sie nach ihrem Erscheinen aus dem Himmel einen himmlischen Duft hinterlassen, den selbst ihre Reliquien ausströmen, so fährt der Teufel mit pestilenzartigem Schwefel- und Höllengestank auf und davon. Sind die Heiligen Idealbilder der Schönheit, so ist der Teufel ein Ausbund von Häßlichkeit.

Infolge des überhandnehmenden Heiligenkults nahm nun auch, namentlich seit Beginn der Kreuzzüge, der Reliquiendienst einen geradezu grotesken Aufschwung. Ganze Schiffsladungen von Reliquien, oft der unglaublichsten Art, wie ein gutes Dutzend Vorhäute Christi, das Loch, in dem das Kreuz des Heilands stand, der Schwanz vom heiligen Palmesel, etwas Milch von unserer lieben Frau, das Fenster, durch das der Erzengel Gabriel bei der Verkündigung Maria seinen Weg nahm, der Kopf des Hahns, der krähte, als Petrus den Herrn verriet, eine Flasche voll ägyptischer Finsternis, der Hauch Christi in einer Schachtel u. dgl. m., wurden ins Abendland eingeführt und bildeten ein gewinnbringendes Handelsobjekt für die Kirche. So war der Daumen des heiligen Markus nicht für 100 000 Dukaten feil. Alles wurde gutgläubig hingenommen, mit Gold aufgewogen und andächtig verehrt. Dazu kamen noch andere schutzverleihende Sachen, wächserne Gotteslämmer, Schweißtüchlein, geweihte Bilder und Konzeptionszettel, die, verschluckt, schwangeren Frauen die Geburt erleichterten, Menschen und Vieh vor Verzauberung beschützten und, eingespundet ins Faß, die Butter beim Buttern und das Bier beim Brauen.

Vor allem aber wurde nun die milde, gütige Himmelskönigin in ihrer holden Fraulichkeit als Antitypus des Teufels die liebreiche Beschützerin der Sünder, und wären es auch die größten Galgenstricke, wenn sie nur in dem Augenblick, wo sie der Teufel bereits am Kragen faßte, ihr Avemaria ausstießen. In vielen Legenden hilft sie noch, wo es wirklich schade um den Satansbraten war, und bisweilen tritt sie sehr resolut in Erscheinung, zieht sich ihren Edeldamenhandschuh aus und ohrfeigt den Teufel damit ab, daß ihm Hören und Sehen vergeht und er mit dem üblichen Geheul und Gestank das Weite sucht. Deshalb ist er auch ganz besonders erbost gegen sie und spricht von ihr höchst despektierlich nur als von der »dicken Frau«.

Seit Ausgang des 11. Jahrhunderts bildet sich aber noch ein harmloserer Zug des Teufels aus. Nachdem er schon in den Heiligen- und besonders den Marienlegenden zumeist als der zuschanden gewordene Teufel hatte abstinken müssen, wird er nun auch noch der geriebene, dummschlaue, letzten Endes stets um seine Beute geprellte »arme« Teufel. In den zu dieser Zeit aufkommenden geistlichen Passionsspielen tritt er daher wohl auch in der Rolle einer lustigen Person auf, die sich im Verlauf der weiteren Entwicklung zum Hanswurst der Fastnachtsspiele des 16. und 17. Jahrhunderts auswächst.

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