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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 5
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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IV. Fortschreitende Ausbildung und Dogmatisierung des Teufels im 4. bis 6. Jahrhundert

 

Machtstreben und Veräußerlichung der Kirche.

Konstantin hatte durch Verlegung seiner Residenz von Rom nach Konstantinopel dem römischen Bischof bei Anerkennung und Erhebung der Kirche zur römischen Reichskirche die wahre konstantinische Schenkung gemacht, indem dieser dadurch freien Spielraum für seine Weltherrschaftsgelüste neben dem Nimbus erhielt, der den Namen Rom umwob. Indem nun aber die Kirche dem äußeren Machtstreben verfiel, veräußerlichte sie auch in zunehmendem Maße ihren religiösen Gehalt. Wie ein Staatswesen gibt sie sich in ihren Dogmen unverbrüchliche Gesetze, knüppelt alle nieder, die anderer Meinung sind, setzt den Kanon der heiligen Schrift Neuen Testaments fest und erhebt neben der Schrift die Tradition als die allein geltende Glaubensrichtschnur. Dazu kommt noch der Einbruch der Barbaren ins Römerreich während der Völkerwanderung, der die alte Zivilisation vernichtet und die letzten Reste der Bildung in die Klöster treibt, wo sie von dem mönchischen Geist erdrosselt werden. Papst Gregor der Große (590–604) verbietet seinen Bischöfen das Studium der klassischen Literatur. Wiederum konnte die Aufnahme ganzer Barbarenvölker ins Christentum nur rein äußerlich vor sich gehen. Das alte Heidentum blieb und erhielt nur einen äußerlichen Aufputz. So fand der Teufelsglauben für seine weitere Entwicklung einen außerordentlich fruchtbaren Boden vor.

 

Kampf der Kirche gegen den manichäischen Dualismus.

Kaum hatte die Kirche den gnostischen Dualismus überwunden, als ihr der schärfste Dualismus, und zwar diesmal von außen her, im Manichäismus gegenübertrat, um ihr tausend Jahre lang keine Ruhe zu lassen. Der Manichäismus nämlich, begründet von dem in Babylonien geborenen, vornehmen Perser Mani (geb. 215, gekreuzigt und geschunden um 276) ist ursprünglich keine christliche Sekte gewesen, sondern eine selbständige, im Gegensatz zur alten persischen Mazdaynasareligion gegründete Religion. Ein großartig phantastisches System persischer Gnosis, verschmolzen mit indischer Askese und einigen christlichen Elementen, verkündete es Mani, sich selbst als den letzten und größten Propheten, den von Jesus verheißenen Paraklet bezeichnend, als eine den ganzen Kosmos umspannende Heilslehre mit einem uranfänglichen Gegensatz zwischen dem Urgott des Lichts und dem Urteufel der Finsternis, einem riesenhaften Ungeheuer mit Löwenkopf und Drachenleib, vier Füßen, zwei gewaltigen Flügeln und einem Fischschwanz. Materie und Böses decken sich im Manichäismus vollständig. Der Weltkampf zwischen Licht und Finsternis endet mit der Befreiung aller Lichtelemente aus der Materie, in die sie bei der Entstehung der nicht erschaffenen, sondern durch Vermischung beider Elemente hervorgegangenen Erde eingedrungen sind. Der tiefste Grund für die Ausbreitung der manichäischen »Ketzerei« innerhalb der Kirche lag darin, »daß das Menschlich -allzumenschliche – die Zulassung des Bösen – in dem einen Gott nicht frommte«. Der Manichäismus verbreitete sich schnell ostwärts bis nach Indien und westwärts bis nach Nordafrika. Auch der große Kirchenvater Augustinus gehörte ihm acht Jahre lang an, ehe er sich dem Christentum zuwandte. Da der Manichäismus das Böse naturhaft, als eine selbständige Substanz, im Menschen begründet, die Kirche es aber in der Willensfreiheit gegeben sah, mußte sie ihn aufs schärfste bekämpfen. Augustinus, der Bannerträger der Kirche in diesem Streit, berührt sich jedoch mit dem Manichäismus in seiner Lehre von der Erbsünde, indem er die böse Begier für angeboren und daher als ein naturhaftes Erbübel des Menschen erklärte, und ging darin noch über ihn hinaus, daß er eine die ganze Natur des Menschen durchdringende Verderbtheit als Fluch der Erbsünde lehrte, die ihn aller eigenen Kraft zum Guten und der Freiheit beraubte, ihn allein auf die göttliche Gnade in Christo verweisend, während nach der manichäischen Lehre immerhin noch so viele Lichtelemente im Menschen verblieben waren, daß er sich wieder zur ursprünglichen Reinheit erheben konnte. Den Manichäern verwandt war die Sekte der Priszillianer, die mit ihrem Gründer 385 ihre Ketzerei mit dem Tode büßen mußte. Noch mehr als aus dogmatischen Gründen war der Kirche der Manichäismus wegen seiner überaus strengen sittlichen Forderung verhaßt. Praktisch aber hielt sie selbst den Gegensatz zwischen Geist und Materie offen. In der Polemik gegen den Manichäismus hält sie an der Anschauung vom Teufel als einem von Gott abgefallenen Wesen fest, aber das Böse in der Welt wird nun genauer gefaßt, indem die Scheidung des physischen Übels vom moralischen schärfer durchgeführt wird. Das physische Übel sei ein Strafübel von Gott, nur ein scheinbares, kein wirkliches, wie schon die stoische Philosophie gelehrt hatte. Gott habe den Teufel bei seinem Abfall nur deswegen nicht vernichtet, damit wir mit ihm kämpfen und ihn überwinden zu eigenem Nutz und Frommen. Die Betrugslehre wird von Athanasius (298–373) dahin überwunden, daß durch den Tod Jesu die Schuld des Menschen vor Gott abgetragen und noch mehr als die Schuld gebüßt sei.

 

Weitere Ausbildung des Teufels. Incubi und Succubi. Der Teufel ist schwarz. Das Teufelsbündnis.

Die Auffassung des Teufels als Affen Gottes sowie die Herabwürdigung der heidnischen Gottheiten zu teuflischen Dämonen hatte die unausbleibliche Folge, daß nunmehr vor allem die niedere Dämonenwelt des heidnischen Volksglaubens in den Teufels- und Dämonenglauben der Kirche Einzug hielt. Die Teufelsvorstellung wirkte wie ein Magnet, der alle verwandten Elemente an sich zog und sich dadurch verungeheuerlichte. War sie bisher parsistisch-babylonisch-jüdisch gewesen, so bekam sie nun auch eine griechisch-römische Schattierung. Wir kennen aus der römischen Mythologie den Glauben an Fruchtbarkeits-, Wald- und Feldgeister, an die Faune, die Satyre und Silvane, die sich nach dem Volksglauben in geiler Bockslüsternheit auch über das menschliche weibliche Geschlecht hermachten. Diese Dämonen gingen nun in dem christlichen Teufelsglauben als Incubi und Succubi auf, d. h. als Buhlteufel in bald männlicher, bald weiblicher Gestalt, je nach Gelegenheit, und leisteten dem bisher vereinsamten alttestamentlichen männlichen Buhlteufel Asmodi aus dem Buche Tobit Gesellschaft, dessen persische Herkunft sich schon in seinem Namen (Asmodi=aeshma deva) verrät. Ebenso geben sie später der Phantasie für die Vorstellung des Teufels in Bocksgestalt und mit Bocksgesicht Nahrung. Schon Augustin weiß von diesen Buhlteufeln zu berichten, deren Hauptaufgabe es wurde, die in asketischer Frömmigkeit und beschaulicher Zurückgezogenheit lebenden Einsiedler, Mönche und Jungfrauen zu verführen.

Nachdem das römische Weltreich und überhaupt die Staatsmacht nach ihrer Verchristlichung nicht mehr als Werkzeug des Teufels aufgefaßt werden konnten, gewann der Teufel durch Verstärkung seiner Verführungskraft das wieder, was er an äußerlicher Macht eingebüßt hatte. Er und seine Dämonen werden nunmehr wie Gott allgegenwärtig und seine Verwandlungsfähigkeit wird dahin gesteigert, daß er selbst Christi Gestalt anzunehmen vermag. Überdies beginnt seine Vermenschlichung. Schon im vierten Jahrhundert wollte ihn der Bischof Marcellus von Apamea in Syrien in schwarzer Gestalt erblickt haben. Bald wird er häufiger als schwarzer Mann, einem Mohren gleich an Farbe, gesehen. Mag hierin auch noch die alte Vorstellung vom Teufel als dem Dämon der Finsternis zum Ausdruck kommen, so spricht sich darin doch wohl die gleiche Rassenabneigung aus, die z. B. den Neger veranlaßt, sich den Teufel weiß und die Madonna und Jesus schwarz vorzustellen. Katholische Missionare wußten sich infolgedessen bei ihrem Missionswerke nicht anders zu helfen, als daß sie auf diese Vorstellung eingingen und dafür natürlich auch den erforderlichen Schriftbeweis fanden. Heißt es doch im Hohenlied Salomonis:

Schwarz bin ich doch lieblich, ihr Töchter Jerusalems!
Wie Kedars Gezelte, wie Salomos Zeltdecken!
Seht mich nicht an, daß ich so schwärzlich bin,
daß die Sonne mich verbrannt hat.

Ferner tritt im Gegensatz zur unfreiwilligen Besessenheit durch den Teufel und seine Dämonen, wie wir sie aus den Evangelien kennen, das freiwillige Bündnis mit dem Teufel auf, auf das sich im späteren Mittelalter alle die Zauberkünste der Hexer und Hexen, der Goldmacher und sonstigen Teufelskünstler gründen. Das erste Beispiel eines solchen Teufelsbündnisses wird uns in der später so vielfach bearbeiteten Legende vom heiligen Theophilos (um 538 unter Justinian I.), einem Vorläufer des Dr. Faust, berichtet, der aber reumütig auf Grund seines inständigen Gebets zur Jungfrau Maria den Vertrag wieder zurückerhielt. Auch mündlich läßt sich solch ein Teufelspakt abschließen. Nur ist der Paktschließende gewöhnlich der Betrogene, da der Teufel, seinem lügenhaften Charakter entsprechend, die ausbedungenen Gaben, Gold und dgl., gewöhnlich in Mist, eine Kröte oder ähnliche schöne Sachen verwandelt. Von dogmatischer Wichtigkeit ist aus dieser Zeit noch der Beschluß einer unter dem Kaiser Justinian (525–56) abgehaltenen Synode zu Konstantinopel, auf der die Unbekehrbarkeit des Teufels dekretiert und die entgegengesetzte Auffassung des Origenes als Ketzerei gebrandmarkt wird. Wenn nun auch der Teufel allgegenwärtig geworden ist, so ist er doch nicht allwissend. An Kenntnissen steht er selbst den Engeln nach und vermag des Menschen Gedanken nur aus äußeren Zeichen zu erschließen. Ebenso kennt er die Zukunft nicht, sondern hegt über sie nur Vermutungen. Zu den besonderen Schutzmitteln gegen ihn treten nun noch das Taufwasser, der heilige Geist und besonders die Reliquien der Heiligen. Gegenüber der beginnenden Teufelsmagie erhebt sich immer ausgebreiteter die christliche Magie im Namen des Dreieinigen Gottes.

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