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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 3
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
publisherPaul Hartung Verlag
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II. Der Teufel im Neuen Testament.

Ein ganz anderes Bild gewährt uns dagegen das neutestamentliche Schrifttum. Hier hat der Teufel plötzlich sein Haupt furchtbar gen Himmel gereckt und ist zum »Fürsten« und »Gott dieser Welt« geworden, zu dessen Bekämpfung und Vernichtung der Messias vom Himmel her als wunderbar erzeugter Jungfrauensohn, als »Sohn Gottes«, auf Erden erschienen ist. Wir ersehen daraus, daß die Vorstellung vom Teufel jahrhundertelang im Volksglauben gewuchert haben mußte, um mit einem Schlage so allbeherrschend in Erscheinung treten zu können, und daß uns im Alten Testament nur kümmerliche Spuren von ihr erhalten sind. Ebenso aber wie der Teufelsglaube hatte der Messiasglaube eine Jahrhunderte währende Entwicklung durchmachen müssen, um schließlich in seiner Gegensätzlichkeit zum Teufelsglauben die Weltherrschaft antreten zu können. Ursprünglich nur der von der Prophetie verheißene theokratische Idealkönig Israels, war der Messias, namentlich in der apokryphen, außerkanonischen, Literatur zu einem uranfänglichen Engelwesen bei Gott geworden, als das er uns auch in der paulinischen und johanneischen Literatur des Neuen Testaments entgegentritt. Im übrigen schillert er, sowohl in der jüdisch-apokryphen wie auch der neutestamentlichen Literatur zwischen beiden Extremen, dem »Sohne Davids« und dem »Sohne Gottes«. Ebenso aber hatte sich auch die Vorstellung vom leidenden Messias auf Grund des jesajanischen freiwillig leidenden Gottesknechtes (Kap. 52, 13 – Kap. 54) ausgebildet. Und nicht nur der Volksglaube, besonders seit der Zeit der Drangsale unter dem römischen Joch, sondern auch die apokalyptische jüdische Schriftstellerei jener Zeit als Fortsetzung der alten Prophetie lebte und webte in der messianischen Hoffnung, die sich auch bei ihr in den mannigfachsten, von einem zum andern Extrem schillernden Formen kundgab. Die Offenbarung Johannis, wahrscheinlich in den letzten Jahren des Kaisers Domitian, am Ausgang des ersten christlichen Jahrhunderts, geschrieben, hat uns im 12. Kapitel ein außerordentlich wertvolles Stück dieser jüdischen Apokalyptik (geheimen göttlichen Offenbarung) aus der Zeit der Zerstörung Jerusalems, nur oberflächlich verchristlicht, erhalten. Wir führen es im folgenden an nach der von Joh. Weiß herausgegebenen Übersetzung der Schriften des Neuen Testaments mit Einklammerung der christlichen Einschaltungen:

»Und ein gewaltiges Zeichen erschien am Himmel: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupte ein Kranz von zwölf Sternen, schwanger war sie und schrie in ihren Wehen des Gebärens. Und ein anderes Zeichen erschien am Himmel und siehe, ein gewaltiger feuerroter Drache mit sieben Häuptern und zehn Hörnern und auf seinen Häuptern sieben Diademe, der fegte mit seinem Schweif ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde. Und der Drache stand vor dem Weibe, das gebären sollte, um, wenn es geboren, ihr Kind zu verschlingen. Und es gebar einen Knaben, der soll ›die Heiden weiden mit ehernem Stabe‹; und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und zu seinem Thron. Und das Weib floh in die Wüste, wo es eine von Gott bereitete Stätte hat; dort wird man sie am Leben erhalten 1260 Tage lang.

[Und es erhob sich ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen, und der Drache kämpfte und seine Engel, aber sie hielten nicht stand und mußten weichen aus dem Himmel. Da ward gestürzt der große Drache, die uralte Schlange, der da heißt ›Teufel‹ und ›Satan‹, der den ganzen Erdkreis verführt; gestürzt ward er zur Erde, und seine Engel wurden mit ihm gestürzt. Und ich hörte einen lauten Ruf im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und die Herrschaft unserm Gott zugefallen und die Gewalt seinem Gesalbten. Denn gestürzt ist der Ankläger unserer Brüder, der sie vor Gott verklagte Tag und Nacht. (Und sie haben ihn überwunden durch das Blut des Lammes und das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tode.) Deshalb freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Wehe der Erde und dem Meer, denn der Teufel ist zu euch herabgestiegen; er tobt in gewaltigem Grimm, weil er weiß, wie kurz seine Frist ist!

Und als der Drache sah, daß er zur Erde gestürzt war, verfolgte er das Weib, das den Knaben geboren hatte.] Und es wurden dem Weibe die zwei Schwingen des großen Adlers gegeben, um in die Wüste zu fliehen an ihre Stätte, dort wird sie am Leben erhalten, eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit‹. 3 ½ Jahre = 1260 Tage, das Jahr zu 360 Tagen gerechnet. Und die Schlange schleuderte aus ihrem Maule Wasser hinter dem Weibe her wie ein Strom, um das Weib in dem Strom zu ersäufen. Aber die Erde kam dem Weibe zu Hilfe, und die Erde öffnete ihren Mund und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Munde geboren hatte. Da entbrannte der Drache vor Wut gegen das Weib und ging hin, um zu kämpfen gegen die übrigen ihres Samens, die da halten die Gebote Gottes (und das Zeugnis Jesu haben.)«

Auf der silbernen Mondsichel schwebend, von Sonnenglanz umstrahlt, das Sternendiadem auf dem Haupte, so hat Murillo seine berühmte Madonna nach dieser Schilderung gemalt. Aber hier ist keine irdische Jungfrau Maria die Mutter des Messias. Eine Himmelsgöttin steht vor uns, und der Mythos, der von ihr erzählt wird, ist der messianisierte ägyptische Seth- und griechische Pythonmythos. Auch Leto, die Mutter des Apollo, wurde, als sie ihr von Zeus empfangenes Kind gebären sollte, vom Pythondrachen verfolgt, weil er durch ihren Sohn sterben sollte. Auf ihrer Zufluchtsstätte, der Insel Delos, wohin sie vom Nordwind getragen wurde, gebar sie Apollo, der vier Tage nach seiner Geburt den Drachen erlegte. Der jüdische Apokalyptiker verwendet den alten Mythos, der bei den verschiedensten Völkern in mannigfachen Formen umlief und hinter dem der Naturvorgang des verschwindenden und im Neumond wiedergeborenen Mondes steht, zu einer gewaltigen Vision, in der er die Himmelsgöttin zur symbolischen Gestalt des idealen Israel, des »himmlischen Zion«, umbildet, das – ein seliger Trost in dem Verzweiflungskampf des jüdischen Volks gegen die römische Weltmacht – den himmlischen Messias bereits geboren hat. Der christliche Apokalyptiker deutet die Gestalt des idealen Israel wiederum zur idealen Christusgemeinde um. Der Teufel aber, der große Drache, die uralte Schlange, ist in einer Person die alte Paradiesesschlange und der Urdrache des babylonischen Schöpfungsmythos, der bei der Schöpfung gebändigt ist, aber am Ende der Tage wieder hervorbricht. Obwohl er noch als Ankläger der Brüder vor Gott erscheinen darf, ist er doch ganz ausgesprochen auch der widergöttliche Ahriman, nach dessen Sturz Gott erst die volle Herrschaft im Himmel hat. Zu dieser Stellung konnte der Satan nur in einer Zeit aufsteigen, in der sich unter dem Joch der römischen Zwingherrschaft alle messianischen Verheißungen und Hoffnungen als eine große Täuschung erwiesen hatten.

Aber mit seinem Sturz ist Satans Macht noch nicht gebrochen. Auf der Erde tobt er in gewaltigem Grimme weiter, und zwar in den Verfolgungen der römischen Weltmacht, wie das in den folgenden Kapiteln geschildert wird, und überdies in dem zweiten furchtbaren Tier, dem Antichristen als Lügenprophet, bis das Gericht über Babylon-Rom, »die Mutter der Buhler und aller Greuel der Welt«, stattgefunden hat, die Messiasschlacht geschlagen, der Drachen, die alte Schlange, auf tausend Jahre gebunden und in der Unterwelt versiegelt ist, um dann im Endgericht in den See voll Feuer und Schwefel geworfen und dort gepeinigt zu werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit, und mit ihm der Tod und der Hades (das Totenreich), die Feigen und die, die vom Glauben abfallen, die mit Greuel Befleckten und die Mörder und Buhler, Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, während sich dagegen der neue Himmel und die neue Erde und das neue Jerusalem mit allen Gläubigen in bräutlich-lichter Schönheit für alle Ewigkeit erhebt.

Auch diese letzten, von der jüdischen Apokalyptik übernommenen Schilderungen, in denen wir den Messias gänzlich vermissen, weisen handgreiflich in die parsistische Vorstellungswelt zurück, die allerdings wiederum durchtränkt ist von der uralten babylonischen Weltzeitalterslehre. Auch Zarathustras Reich der Vollendung geht der große Entscheidungskampf zwischen den Gläubigen und Ungläubigen voraus, das große Gericht und die große Läuterung, nach der die »Lüge« untergeht. Ebenso verkündet die spätere Ausbildung seiner Lehre das Kommen des Heilands, des Saoshyant, durch dessen Kraft die Toten zum Leben erweckt werden.

Parsistische und daneben babylonische Einwirkungen auf die religiöse Vorstellungswelt der Juden haben also ihren Satan erschaffen, dessen Ausbildung im Christentum zu dem uns geläufigen Teufel dann seine eigenen Wege geht.

Bisher hatten wir nur den reinen Mythos kennengelernt. Seine Vergeschichtlichung und bereits beginnende Theologisierung tritt uns nunmehr in den Evangelien und der Epistelliteratur des Neuen Testaments entgegen. Das himmlische, den Messias gebärende Weib ist hier zur Jungfrau Maria geworden; der Drache, der das neugeborene Knäblein verschlingen will, zum Menschenungeheuer des bethlehemitischen Kindermordes Herodes; die Flucht in die Wüste auf dreiundeinhalb Zeiten zur Flucht nach Ägypten, bis Herodes gestorben; Jesu Wirken aber auf Erden und sein Sterben und Auferstehen zum großen Drama der Erlösung der Menschheit aus der Gewalt des Teufels und den Folgen seiner ersten Verführung, dem Tod. Die Frage nach der Geschichtlichkeit der Person Jesu von Nazareth bedarf hier keiner Erörterung, wiewohl uns der geschichtliche Jesus durchaus problematisch erscheint. Nach den ersten drei Evangelien herrscht der Teufel in der Welt als der Urheber alles Bösen und aller Übel. Durch seine Dämonenscharen nimmt er von den Menschen Besitz und plagt sie mit allerlei Krankheit. Überall sucht er durch Ausstreuen bösen Samens und durch Verführung das Wort Gottes aus den Herzen zu reißen. Nach Jesu Taufe und nachdem der heilige Geist über ihn gekommen ist, beginnt der Kampf auf Leben und Tod zwischen dem Messias und dem Teufel. Seiner Natur entsprechend, versucht der Satan zunächst als listiger Verführer ihn von seinem Erlösungswerk abzubringen, indem er sich ihm als Versucher naht und ihm die Herrschaft der Welt anbietet, wenn er vor ihm niederfallen und ihn anbeten würde. Jesus weist ihn jedoch zurück, und der Satan muß von ihm weichen, bis seine Stunde gekommen ist. Nun nimmt Jesus sein Wirken vornehmlich mit der Austreibung der Dämonen auf, die ihn schon von ferne wittern und vor ihm erzittern. Seine Jünger aber vermögen schon mit seinem Namen allein die unsauberen Geister auszutreiben. Jesus frohlockt über ihre Erfolge und sieht in einer Vision den Satan bereits wie einen Blitz vom Himmel stürzen. Und doch, die Stunde kommt, da er über Jesus für einen Augenblick triumphieren kann. Beim letzten Abendmahl vermag er selbst in Judas (Vertreter des jüdischen Volkes) hineinzufahren, und dieser, nunmehr in Satans Hand, verrät den Messias und führt dadurch seinen Kreuzestod herbei, mit dem sich aber Satan selbst betrügt, da in ihm gerade des Messias endgültiger Triumph über den Satan besteht. Des Messias Auferstehung und Himmelfahrt zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten, schließt das mythische Welterlösungsdrama ab.

Im vierten, dem sogenannten Logosevangelium oder dem »geistlichen« Evangelium, hat der Teufel die Züge des Volksglaubens eingebüßt und einen metaphysischen Zug angenommen. Gott und Welt, Licht und Finsternis in übertragener Bedeutung, stehen sich hier dualistisch gegenüber. Der Teufel wirkt als böses Prinzip in der Welt, insbesondere aber im gesamten gottfeindlichen Judentum, das zu einer »Synagoge des Satans« geworden ist.

Zahlreich sind die Namen und Bezeichnungen des Teufels im Neuen Testament außer den schon erwähnten. Er heißt auch schlechthin »der Böse«, »der Feind«. Er ist der Urmörder, neben dem Verführer Evas auch der Anreizer Kains zum Brudermord, der Urlügner, der Sünder von Anbeginn und ohne Ende. Als Verführer ist er verwandlungsfähig und vermag selbst die Gestalt eines Lichtengels anzunehmen. Als Fürst dieser Welt ist er nunmehr auch der Herrscher einer in Rangklassen abgestuften Dämonenschar, eines teuflischen Gegenreiches gegenüber dem Reiche Gottes mit seinen Engelscharen. Während aber Gott mit seinen Engeln im reinen Himmel über der Welt thront, haust der Teufel mit seinen Scharen in der dicken atmosphärischen Luft. Er heißt auch Belial oder Beliar und Beelzebub oder Beelzebul. Beelzebub war der Name des großen Philistergottes zu Ekron, an den sich Israel in seiner Not zum Kummer des Propheten Elias wandte. Er führt seinen Namen als »Fliegengott« nach seinem Symbol der Fliege als Krankheiten und Tod bringendem Tier. Der andere Name Beelzebul aber, »Mistgott«, erscheint als Herabwürdigung der Gottheit des einst für Israel so gefährlichen Philistervolkes zu einem Götzen, da im Talmud Götzendienst als »Sebul«, als »Mist«, bezeichnet wird. Nach anderer Auffassung würde Beelzebul bedeuten: Herr der (himmlischen) Wohnung, Himmelsgott (? ?).. Noch weiter geht die jüdische Herabwürdigung des Philistergottes darin, daß sie ihn schließlich mit dem Teufel gleichsetzt. Ein Verfahren übrigens, das die Kirche später als gelehrige Schülerin von den Juden übernahm, indem sie alle heidnischen Götter nicht etwa zu wesenlosen Phantasiegebilden, sondern zu Dämonen im Dienste des Teufels herabdrückte.

In stiller, listiger Arbeit, auf Schleichwegen, nach dem 1. Petrusbrief aber auch als »brüllender Löwe«, sucht der Teufel nach des Messias Himmelfahrt das von ihm in seinen Jüngern und Gläubigen errichtete Reich Gottes zu verderben. Er streut Unkraut in den Weizen, den Samen des Unglaubens in die Herzen der Gläubigen, die dadurch, daß sie mit Christus gestorben, von den »Elementargeistern« befreit sind, verfinstert den Verstand und verkehrt den Willen. Besonders durch Fleischeslust sucht er die Menschen zu verführen, da der Grundzug dieser Welt die Sinnlichkeit ist. Er wirkt ebensowohl im christusfeindlichen Judentum als im heidnischen Götzendienst und den Irrlehrern. Wer aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgestoßen wird, verfällt dem Teufel.

Woher aber die reiche Dämonenwelt und die nunmehr ausgesprochen widergöttliche Natur des Teufels? Die Bibelauslegung, besser Bibeleinlegung, mußte die theologische Begründung des Volksglaubens liefern. Im sechsten Kapitel des ersten Buches Mosis findet sich ein Trümmerstück altisraelitischer Mythologie, das von Gottessöhnen berichtet, die da sahen, daß die Menschentöchter lieblich anzuschauen waren, so daß sie sich zu Weibern nahmen, die ihnen irgend gefielen. Aus dieser göttlich-menschlichen Verbindung entsproßten dann, genau wie in den Mythologien anderer Völker, die großen Helden der Vorzeit. Diese Gottessöhne erschienen den jüdischen Rabbinen durch ihren Trieb zur Materie, durch ihre Sinnlichkeit, als von Gott abgefallene Engel und zur Strafe dafür von Gott in die Unterwelt verstoßen. Die urchristliche Dämonenlehre, wie sie uns im Jakobus-, Judas- und zweiten Petrusbrief entgegentritt, übernimmt die jüdischen Vorstellungen jener Zeit, wie sie uns im Henochbuch, dem vierten Esrabuch und dem Talmud (Hagada) überliefert sind. Vom Sündenfall des Teufels weist das Neue Testament allerdings noch keine Spur auf. Dagegen wird er, im Gegensatz zur Auffassung der Offenbarung Johannis, bei der Wiederkunft Christi durch den Hauch seines Mundes und die Strahlen seiner Erscheinung für immer hinweggerafft werden.

Auf der einen Seite das vom Messias gegründete Gottesreich der Gläubigen, auf der andern Satans fast unumschränkte Macht: das ist der ungeheuerliche Gegensatz, mit dem das Christentum in die Welt tritt. Alle Hemmnisse, die der Ausbreitung des Messiasreiches entgegentreten, äußerliche Drangsale seitens der politischen Machthaber, insonders seitens Roms, Irrlehre, Fleischeslust, diese drei machen den Inbegriff des satanischen Reiches aus. »Denn«, so heißt es Epheser 6,12, »wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu ringen, sondern mit den Mächten, den Gewalten, den Weltherrschern dieser Finsternis, mit den überirdischen bösen Geistern.« Der zur Zeit Hadrians (117–138) geschriebene Barnabasbrief aber spricht es klipp und klar aus: Das Saeculum steht unter der Herrschaft des Schwarzen und seiner Scharen. In diesem feindlichen Gegensatz der beiden Reiche sucht sich der neue Weltmythos, getragen von der begeisterten Kampfesstimmung der Urchristengemeinde mit ihrem weltabgewandten ethisch-asketischen Ideal, in der Welt durchzusetzen, nachdem die Hoffnungen auf die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft des Messias sich nicht erfüllt hatten. »Wer nicht für mich ist, der ist wider mich.« Ausschließlichkeit, Intoleranz war stets die mächtigste Triebkraft aller neuen Bewegungen von welterobernder Kraft. Heute die »eine reaktionäre Masse«, im Urchristentum »das Reich des Teufels«. Dies gilt es im Auge zu behalten, um die Ursprünge des Christentums richtig zu begreifen. Kein sanftmütiger, in schönen Gleichnissen oder scharfgeschliffenen Sittensprüchen Humanität predigender Jesus hob es aus der Bluttaufe, sondern der wider den Teufel zu Felde ziehende himmlische Christus, dessen mythisch-mystisches Blutopfer seiner zu gleichem Märtyrertod entschlossenen Jüngerschar die Krone des Lebens bei ihm im Himmel verhieß. Ave, Christe, morituri te salutant!

Wir sehen also im Neuen Testament den Teufel in parsistischem Sinne riesenhaft emporgewachsen. Hie Ormuzd, hie Ahriman! Hie Christus, hie Satan! Zwar ist des Teufels Reich nur auf Lug und Trug gegründet, denn schon ist er gerichtet und ausgestoßen, wennschon der Kampf bis Christi Wiederkunft dauern soll. Aber die Entwicklungstendenz ging sichtlich dahin, den parsistischen Dualismus auch in das monotheistische Christentum hineinzutragen. Ehe das junge Christentum jedoch zur Bekämpfung dieses Gegensatzes kam, hatte es den gnostischen Dualismus zu überwinden, aus dem es als festgefügte, bischöflich organisierte Kirche hervorging.

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