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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 2
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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I. Vorgeschichte des Teufels.

 

Entstehung des Dämonen- und Götterglaubens.

Vor dem Menschen war das Tier und aus dem Getier erhob sich der Tiermensch und ward zum Menschen. Mensch aber ward der Tiermensch dadurch, daß der Funke Vernunft in seinem Hirne aufzuglimmen begann – matt und flackernd zunächst wie ein Irrlicht – und Fragen an seine Umwelt stellte, soweit seine einfachsten Lebensbedürfnisse, die Stillung seines Hungers, die Sicherung seines Lebens, die Fortpflanzung seines Geschlechts es erforderten. In diesen engen Bezirken begann der Mensch zunächst die Welt sich zu erklären, die Natur sich dienstbar zu machen. Als einzigen Erkenntnisschlüssel für die Welt aber besaß er nur sein eigenes Wesen. Und so bemaß und erklärte er sich die Dinge und Vorgänge in seiner Umwelt nach seinem eigenen Wesen und trug es in alles hinein. Hinter allem sah er geheimnisvolle Kräfte lauern, ähnlich ihm selbst, und alle auf sich selbst gerichtet. Er fühlte sich selbst als den Mittelpunkt, um den sich alles Geschehen drehte. Es waren durchaus keine holden, freundlichen Kräfte, die er in der Natur am Werk sah, wie er selbst im Anfang dem Menschen gegenüber nicht hold war. Homo homini lupus! Der Mensch dem Menschen ein Wolf! Tückische, feindliche Kräfte, dämonenhafte, spuk- und geisterartige Wesen, ähnlich seinen schreckhaften Traumgebilden, umlauerten ihn auf Schritt und Tritt, stets bereit, ihm Schaden zuzufügen. Nur ganz wenige waren ihm freundlicher gesinnt, wie der in der Flamme seines Herdfeuers sich offenbarende Dämon oder die Geister seiner Väter und Vorväter, denen er seine Kenntnisse des Feueranmachens, der Jagd, des Fischfangs und dgl. verdankte, die ihm sein Obdach schützten und denen er zum Dank dafür und zur Erhaltung ihres Wohlwollens Opfergaben in Gestalt von Speise und Trank darbrachte.

Und der Mensch wuchs und wuchs und ward zu einem seßhaften, ackerbauenden Wesen. Brauch und Sitte festigten sich ihm, und Hand in Hand mit seinem Kulturaufstieg gestalteten sich seine Vorstellungen von der ihn umgebenden Dämonenwelt freundlicher. Die Schar der hilfreichen wohlgesinnten Geister erweiterte sich, er lernte die segenbringenden Wirkungen der Naturerscheinungen in ihrem Wechsel mit den zerstörenden, Winterskälte und Sommersglut, Sturm, Regen, Gewitter und Sonnenschein, kennen. Ganz von der Natur und ihren Erscheinungen in seinem Dasein sich abhängig fühlend, sah er in ihnen gute und böse, d. h. nützliche und schädliche, Dämonen in ewigem Kampf, deren Gunst zu erlangen und Zorn abzuwehren er in der Darbringung reicher Opferspenden – und seien es selbst Menschenopfer – als seine Lebensaufgabe ansah!

Aber mit der beginnenden Kultur ward er auch ein soziales Wesen. Über das primitive, kulturlose Hordenleben hinauswachsend, organisierte er sich im Stammesleben und organisierte Stämme schlossen sich wieder zu Stammesverbänden, zu Völkern, zusammen. Die sozialethische Stammes- und Volksordnung erzeugte in ihm auch die Vorstellung von gut und böse im ethischen Sinne. Er trug sie in seine Dämonenvorstellung hinein und erschuf sich dadurch die Götterwelt. Seine Götter galten ihm nunmehr als die Schöpfer der sittlichen Weltordnung, während er selbst sich als ihr Geschöpf fühlte. So wuchs in den naturhaften Gegensatz holder und unholder überirdischer Mächte auch der sittliche Gegensatz hinein. Die Winterriesen, die Dämonen der Finsternis, der Wüste und unfruchtbaren Steppe, der Krankheiten und des Todes wurden ihm nunmehr auch die Träger des Bösen gegenüber den freundlichen, Licht, Fruchtbarkeit und Leben spendenden Göttern, die in seligen Götterburgen oder im Himmel selbst thronten und das Regiment der Welt sowie das Schicksal der Menschen in Händen hielten. Noch tobte zwar der Kampf zwischen beiden Lagern weiter, doch rüttelten die bösen Dämonen vergebens an den festgegründeten Pfeilern der natürlichen und sittlichen Ordnung der Welt.

Nach diesem Schema etwa vollzog sich bei fast allen aufsteigenden Kulturvölkern die Entwicklung der religiösen Vorstellungswelt, bis sich das Prinzip des Guten sowie des Bösen in je einer überragenden Götter- und Dämonengestalt in der von Zarathustra auf Grund älterer, mehr naturhafter Vorstellungen gestifteten persischen Mazdayasnareligion verdichtete.

 

Die Mazdayasnareligion.

Der Feuerpriester Zarathustra, der von der heiligen Sage umsponnene Stifter der Mazdayasnareligion, nach der Legende um 600 v. Chr. geboren, als Religionsstifter im Alter von vierzig Jahren auftretend und 522 gestorben, verkündete in Ormuzd (Ahuramazda) den von Licht umflossenen, selbst lichten, reinen, allwissenden, allgütigen, wahren und einigen Gott, unter dem der heilige Geist (Spenta Mainyu) alles Gute, Ahriman (Angro mainyu) als Prinzip des Bösen alles Böse erschaffen hat. Beide bekämpfen einander mit ihren dienenden Geistern. In den späteren heiligen Schriften tritt uns jedoch ein ausgesprochener Dualismus scharf entgegen. Hier stehen sich Ormuzd selbst mit seinen zahllosen Engelscharen und Ahriman mit seinen ebenso zahlreichen Scharen böser Dews von Anfang an in ewigem Kampfe gegenüber. Das gesamte Welt- und Geschichtsdrama ist die Entfaltung dieses Gegensatzes, der sich auf Erden nicht nur im Gegensatz von Kulturland und Wüste, Ackerbau und Nomadentum, nützlichen und schädlichen Pflanzen und Tieren, sondern auch in der Brust des Menschen im Kampf zwischen gut und böse, Wahrheit und Lüge abspielt, bis Ahriman von Ormuzd endgültig besiegt ist und die ganze Schöpfung, selbst Ahriman, im Feuer des Weltbrands geläutert und alles zu Licht wird.

Ganz durchsichtig erscheint jedoch auch in der spätern Entwicklung der Religion das Verhältnis zwischen beiden noch nicht. Jedenfalls darf von einem ethischen Dualismus zwischen Geist und Materie – der Geist als Prinzip des Guten, die Materie als Prinzip des Bösen – nicht gesprochen werden, da die Welt, von Ormuzd erschaffen, uranfänglich gut ist und Ahriman nur als ihr Verderber, als Herr der Lüge, des Trugs und Frevels, der Unreinheit und des Todes, sowie als Schöpfer der verderblichen Tiere, alles Ungeziefers und der schädlichen Pflanzen erscheint. Zarathustras Religion, die »Religion der Reinheit« mit dem Moralprinzip »gut denken, gut reden, gut handeln«, ursprünglich eine religiös-philosophische Lehre, eine »Religion der Wissenden«, konnte erst nach Mythologisierung durch die volkstümlichen Göttergestalten, insonders Mithra, Volksreligion werden, als die sie sich mit Unterbrechung bis zur Vernichtung des Sassanidenreiches durch den Islam erhalten hat. Als »Hochburg der Ethik«, insonders aber in ihrem kampf- und lebensfreudigen Optimismus, erscheint sie als eine der erhabensten religiösen Schöpfungen des Altertums, die durch den Umstand, daß ganz Vorderasien vom Indus bis zum Nil jahrhundertelang unter persischer Oberhoheit stand, auf die Religionen Vorderasiens von tiefgreifender Wirkung gewesen ist. Dieser Einfluß zeigt sich besonders im späteren nachexilischen Judentum und dem aus ihm hervorgegangenen Christentum, wie selbst noch im Islam. Allerdings wurde Ahriman auch neben einem beträchtlichen babylonischen Einschlag der Stammvater Satans, des jüdischen und christlichen Teufels.

 

Der Satan im Alten Testament.

Die alten Hebräer kannten in ihrer vorexilischen Zeit noch keinen Teufel, wiewohl sich Rudimente eines alten volkstümlichen Dämonenglaubens bei ihnen finden. So hören wir u.a. von dem Wüstendämon Azazel, dem am großen Sühnetage, dem Versöhnungsfest, ein Bock, mit der Sündenschuld des Volks beladen, in die Wüste hinaus entsandt wurde. Erst in dem nachexilischen Buche Hiob tritt uns der »Satan« als »Ankläger« oder »Widersacher« der Menschen entgegen. Nach althebräischer, auch von der Prophetie vertretener Anschauung gilt Jahve als der heilige und gerechte Gott, dem ein heiliges und gerechtes Leben in der Befolgung seiner Gebote zu weihen ist, um dafür als Lohn von ihm ein glückliches Leben auf Erden zu erlangen. Leiden und Übel werden als Strafe für die Übertretung der Gebote Jahves angesehen. Aber nur zu oft zeigte es sich, daß der Schuldige im Glück lebte, während der Gottesfürchtige vom Unglück betroffen ward. Wie stand dies mit der göttlichen Gerechtigkeit im Einklang? Aus dem schweren Konflikt des guten Gewissens mit der bisher herrschenden religiösen Auffassung wurde die Dichtung des Buches Hiob geboren, eine der bedeutsamsten Schöpfungen nicht nur der religiösen, sondern auch poetischen Weltliteratur. Die folgenschwere Lösung findet der Dichter auf dem Wege, daß er das Übel nicht mehr als Strafe für begangene Sünden, sondern als göttliche Prüfung, als Läuterungs- und Erziehungsmittel bewertet. Gott läßt im Sinne der Versuchung das Übel zu. Aber er ist nicht mehr wie bisher, wie z. B. in der Geschichte der Opferung Isaaks oder der Volkszählung Davids, selbst der Versucher. Dem vorgeschrittenen religiösen Bewußtsein erschien dies nicht mehr mit der Gottesvorstellung vereinbar. Vielmehr ist dies nunmehr das Amt des Satans, eines der Gottessöhne (d. i. Engel), der sich mit den andern Gottessöhnen zur Audienz bei Jahve einfinden darf, also durchaus noch nicht ein widergöttliches, sondern Gott dienendes Engelwesen ist, etwa mit der Funktion eines moralischen Aufsichtsrats der Menschen und Oberstaatsanwalts Jahves in einer Person. Seine Aufgabe ist es, auf der Erde umherzustreifen und nach dem Rechten zu sehen, Vergehen aber vor Gottes Thron zu bringen. Solch ein Beruf färbt natürlich ab, läßt überall Unrat wittern und verdirbt schließlich den Charakter. Als Jahve ihm Hiobs Frömmigkeit rühmt, zieht er sie zynisch als keine selbstlose in Zweifel und wird dadurch mit Jahves Zulassung der Veranlasser von Hiobs Heimsuchung, indem er zunächst sein Gut und Vaterglück vernichtet, und als dieses bei Hiobs unerschütterlicher Frömmigkeit fehlgeht, Hiob selbst mit Aussatz schlägt.

Zum andern Male tritt uns der Satan bei dem nachexilischen Propheten Zacharia entgegen, der in der Zeit des Königs Darius wirkte. Der Prophet sieht in einer Vision den Hohenpriester Josua mit beschmutztem Gewand als Vertreter seines Volkes vor Jahve stehen und ihm zur Rechten als Ankläger den Satan. Jahve aber gebietet ihm, bevor er noch den Mund aufgetan, Schweigen und nimmt den Hohenpriester und sein Volk wieder in Gnaden an. Der Gegensatz zwischen ihm und Jahve hat dadurch, daß dieser ihn gar nicht zu Wort kommen läßt, eine größere Spannung als im Buche Hiob erhalten.

Endlich finden wir den Satan noch im späten nachexilischen Buch der Chronik, wo das Wort ohne Artikel, also als Eigenname, gebraucht wird, und zwar in der bereits erwähnten Geschichte der Volkszählung Davids, im Gegensatz zum 2. Buch Samuelis Kap. 24, wo Jahve selbst David aus Zorn zur Volkszählung anstiftete.

Das ist alles, was uns die kanonischen Schriften des Alten Testaments vom Satan zu berichten wissen. Bisher ist der parsistische Einfluß noch kaum wahrnehmbar. Viel eher ließe sich an ein Übergreifen der babylonischen Vorstellung vom Bel dabâbi denken, dem Anklägergeist, der jedem Menschen zur Seite steht. Einen außerordentlichen Fortschritt in der Ausbildung der Vorstellung vom Satan als einem widergöttlichen bösen Prinzip finden wir jedoch in dem apokryphen, außerkanonischen, griechisch geschriebenen, von der jüdisch-alexandrinischen Geisteswelt beeinflußten Buch der Weisheit Salomos aus der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Dort heißt es (2, 23–24), Gott habe den Menschen zur Unvergänglichkeit und zum Bilde seines eigenen Wesens erschaffen. Durch den Neid des Teufels (diabolos, das griechische Wort für Satan) sei jedoch der Tod in die Welt gekommen, den alle die erführen, die ihm, dem Teufel, angehörten. Hier also wird zum ersten Male in der jüdischen Literatur die Paradiesesschlange mit dem Teufel in eins gesetzt und als Beweggrund seiner Verführung wird der Neid angegeben. Der Einfluß des Parsismus ist in dem fortschreitenden Spannungsverhältnis zwischen Gott und dem Satan unverkennbar. Auch die Deutung der Schlange des Paradiesesmythos als Teufel scheint von dem parsistischen Paradiesesmythos angeregt zu sein, demzufolge die Ureltern der Menschen, das erste Menschenpaar Meschia und Meschiane, ebenfalls von Ormuzd zur Glückseligkeit erschaffen, von Ahriman verführt werden. Hier wie dort essen sie von einer Frucht. Diese alexandrinisch-parsistische Deutung des Paradiesesmythos wird nunmehr die herrschende, auch später in der christlichen Theologie. Daß man aber in Alexandria eine genaue Kenntnis der parsistischen Religion haben konnte, ergibt sich daraus, daß die herrschende Ptolemäerdynastie Alexandria zur weltbeherrschenden wissenschaftlichen Metropole erhoben hatte. Wir wissen z. B., daß die Ptolemäer sogar ein Institut für indische Forschung errichtet hatten, und hören, daß von der ungeheuern heiligen Schriftenliteratur der Mazdayasnareligion allein die in der Bibliothek zu Alexandria katalogisierten Werke zwei Millionen Zeilen umfaßt haben sollen.

Immerhin aber bleibt noch ein wesentlicher Unterschied zwischen Ahriman und dem Teufel auch hier bestehen. Der jüdische Monotheismus konnte den Teufel als Träger des Bösen nicht zu einem mit Gott um die Weltherrschaft ringenden widergöttlichen Wesen erheben. Daher hören wir auch noch nichts von einem widergöttlichen Reiche Satans, das mit Gott und seinen Engelscharen im Kampfe liegt. Endlich erscheint der Teufel nur als Verführer und Bewirker des physischen Übels, des Todes als höchsten. Das Alte Testament und seine Apokryphen wissen noch nichts vom Kampf des moralisch Guten und Bösen in der Menschenbrust, in der sich nach der hochstehenden Anschauung des Parsismus ebenfalls der Kampf zwischen Ormuzd und Ahriman abspielt.

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