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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 11
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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X. Ausblick.

Wir stehen am Ende unserer Betrachtung. Wir sahen den Entwicklungsgang des Mythos vom Teufel, als dem Gegengott, von seinen vorchristlichen Anfängen an über seine Dogmatisierung seitens der Kirche und seine Ausartung zu einem furchtbaren, Millionen von Menschen unter den entsetzlichsten Martern verschlingenden Wahn bis zu seiner allmählichen Zurückdrängung durch das von aller kirchlichen Gebundenheit befreite, wissenschaftliche Denken und seinem endgültigen Zusammenbruch außerhalb der kirchlich-dogmatischen Kreise. Noch einmal müssen wir es scharf herausheben, was im Bewußtsein der christlichen Kulturwelt allzusehr verdunkelt ist: Das Christentum hat sich auf einem universalen Mythos aufgebaut, auf dem Glauben an den die Menschheit durch seinen Tod aus der Gewalt des Teufels befreienden Christus oder Messias. Durch die Gleichsetzung Jesu mit dem mythischen Himmelswesen Christus beginnt die Konstituierung der christlichen Gemeinden, die sich in der Kirche zusammenschließen. Ob dieser Jesus, dessen Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen eine einzige Kette von Wundern ist, gelebt hat oder nicht, verschlägt daran nichts. Denn der Mensch Jesus, sofern er gelebt hat, wird von dem Mythos alsbald verschlungen; er wird zum Gottmenschen, und allein der Gottmensch ist der Fels, die tragende Idee, das konstitutive Prinzip der Kirche des Glaubens, nicht aber das liberale Jesusbild. Der Historiker der Leben-Jesu-Forschung, A. Schweitzer, faßt sein Urteil über die Leben-Jesu-Forschung von Reimarus bis Wrede dahin zusammen: »Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werk die Weihe zu geben, hat nie existiert. Er ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von der modernen Theologie mit geschichtlicher Wissenschaft überkleidet wurde.« Der Realgrund des Christentums ist eben nicht der »historische Jesus«, sondern der unhistorische, mythische Christus gewesen und die »Fülle der Idee«, die in Christo Jesu in Erscheinung trat. In wessen Herz dieser Christus Jesus noch lebendig ist, der ist ein Christ, in wessen Herz er aber nicht mehr lebt, der steht außerhalb des Christentums, auch wenn er der Kirche noch angehört; und auch diejenigen, die von der Kanzel herab den idealen, aber zeitlich bedingten Menschen Jesus predigen, sind keine Christen mehr, sondern Jesuaner.

 

Ebenso aber, wie der Gegensatz von Gott und Teufel in nichts verflogen ist, nachdem das Denken die mythische, personifizierende und Allgemeinbegriffe substanzierende Stufe überwunden hat, liegt auch der Gegensatz von Gott und Welt in den letzten Zügen. Das Denken ist in immer weiterem Ausmaß monistisch geworden. Gott und Welt, Geist und Materie erscheinen nicht mehr als Gegensätze. Die Weltidee hat die Gottesidee in sich aufgenommen. Dadurch ist die Welt aus einer bloßen »Schöpfung« emporgestiegen zum schöpferischen, in ewiger Evolution sich darstellenden All. Im All aber gibt es nicht mehr den ethischen Gegensatz von Gut und Böse, aus dem die ganze christliche Mythologie, wenn auch beschränkt durch den Monotheismus, herausgewachsen war. Das All lebt sein ewiges Leben jenseits von Gut und Böse. Gut und Böse sind zu relativen Begriffen, zu Ordnungsbegriffen des menschlichen Denkens, zu konstitutiven Prinzipien der menschlichen Gesellschaft geworden.

 

Als einst der große Ethnologe Bastian in Südafrika bei den Buschmännern seine völkerkundlichen Forschungen anstellte und einen Buschmann nach seiner Vorstellung von Gut und Böse ausfragte, erwiderte ihm dieser treuherzig: »Böse ist, wenn mir jemand meine Weiber stiehlt; gut ist, wenn ich jemandem seine Weiber stehle.« Hier haben wir den ursprünglichsten Ausgangspunkt der Persönlichkeit emporführen können. Hier gilt in Wahrheit das Wort: »Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, und wer es verliert, der wird es tausendfältig weder gewinnen.« Wer seiner Selbstsucht, seinen Trieben unterliegt, der merzt sich selbst aus der menschlichen Gesellschaft aus, wer aber die Forderung der Gesellschaft anerkennt, sich ihr beugt, sie ganz in seinen Willen aufnimmt und zum sittlichen Prinzip seines Lebens macht, der gewinnt seine Persönlichkeit vertieft, geadelt und vergeistigt zurück und strömt Licht und Leben von sich aus. So wird die Natur in ihrem Wirken vorbildlich für den Menschen auf seinem ureigensten, dem sittlichen Gebiete. Er selbst wird dadurch, daß er nicht anders handeln kann als er soll, vergeistigte Natur und schließt den Ring, der von der Natur als Trieb durch die Kultur zur bewußten Natur, und damit auch zur vollendeten Persönlichkeit, zurückführt. Ein solches Leben führen heißt religiös leben im monistischen Sinne; heißt das aus dem All erblühte Leben mit Dank ins All zurückerstatten.

Die menschliche Gesellschaft hat aber als Zwischenglieder zwischen sich und der Einzelpersönlichkeit die Völkerindividuen. Und für diese gilt das gleiche wie für den einzelnen. Auch der Individualegoismus der Völker findet seine Schranke an dem weltumspannenden Gemeinschaftsgedanken, muß in ihn untertauchen und aus ihm neugeboren werden, indem nunmehr jedes Volk sich als Träger des Menschheitsgedankens fühlt, ihm dient und für ihn sich selbst einsetzt, nicht mit der rohen Kraft der Gewalt, sondern mit der Kraft des Geistes und Gedankens. Denn das Ziel aller Menschheitsentwicklung auf Erden ist das Reich einer idealen Menschheit. Nicht über den Wolken, nicht hinter dem Tode liegt das Reich der Vollendung; als Stern der Verheißung leuchtet es uns in unserm Herzen voran, ewig unerreichbar und doch ewig nahe; ewig unsern Pfad auf Erden erleuchtend und uns selber verklärend.

Mühsam ist der Weg und nur

Schrittweis dem Blicke,
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts.

Wir dürfen hoffen!

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