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Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 10
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authorMax Henning
titleDer Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum
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IX. Der Teufel im 19. Jahrhundert.

 

Allgemeiner Charakter des 19. Jahrhunderts.

Das Werk der Aufklärung blieb für die Folgezeit nicht verloren, wenn schließlich ihr Rationalismus auch an seiner reinen Verstandesmäßigkeit zugrunde ging. Der philosophische Kritizismus Kants leitete die idealistische Epoche der deutschen Philosophie ein. Der Idealismus der fast allmächtigen Hegeischen Philosophie schlug in seiner Schule dann wiederum in den Materialismus um, dem der Positivismus und Neuidealismus folgten. Vor allem aber wurde das 19. Jahrhundert das Zeitalter der Naturwissenschaften. Wenn noch im 18. Jahrhundert der Arzt und Dichter Albrecht Haller hatte erklären können: »Ins Inn're der Natur dringt kein erschaffener Geist«, wogegen sich Goethe bereits mit beißender Schärfe gewandt hatte, obwohl auch nach ihm dem Menschen nicht vergönnt ward, hinter die Erscheinungsseite der Natur zu blicken, so haben die Naturwissenschaften doch inzwischen »mit Hebeln und mit Schrauben« der Natur ein gut Teil ihrer Geheimnisse abgerungen, und vor allem die ewigen, ehernen, großen Gesetze, nach denen alles in der Welt seines Daseins Kreise vollendet. Für die Naturwissenschaften gibt es weder Gott noch Teufel als substantielle Wesen, weder Gut noch Böse als in der Natur sich auswirkende Prinzipien, noch auch den dualistischen Gegensatz von Geist und Materie. Sie kennen nur die eine, einheitliche, in ewigem Wandel nach ewigen Gesetzen sich darstellende Natur, die im Menschen sich selbst zum Bewußtsein kommt und über dem Reich kausalmechanischer Kräfte und blinder, unbewußter Triebe das Reich der Vernunft, der sittlichen Aufgaben und damit der idealen Menschheit durch die fortschreitende Kulturentwicklung in bewußter Zielsetzung zu errichten bestrebt ist. Die Durchschnittsweltanschauung der überwiegenden Mehrheit unseres Volkes aber und der fortgeschrittenen Länder des christlich-abendländlichen Kulturkreises geht den gleichen Weg. Die christliche Laienwelt hat im großen ganzen dem lebendigen Teufel abgesagt; sie läßt den Teufel höchstens noch als Symbol des Bösen im Menschenherzen gelten, wenn sie ihn auch nach wie vor in kernigen Flüchen oder Redewendungen im Munde führt, wie etwa: Das soll der Teufel holen! Da schlag doch gleich der Teufel drein! Und wenn der Teufel auf Stelzen kommt! u. dgl. mehr.

 

Der Teufel in der evangelischen Kirche.

Anders verhält es sich mit den Kirchen. Während in der evangelischen Kirche Schleiermacher mit dem Seziermesser seines scharfen Verstandes die Unsinnigkeit der Teufelsvorstellung für jeden denkenden Kopf dargelegt hatte, während Strauß die Bekämpfung der Teufelsvorstellung überhaupt unterließ, da sie ihm zugleich mit der Engelvorstellung in unserer heutigen Weltanschauung völlig entwurzelt schien, während Ritschl und mit ihm die moderne Theologie die Annahme eines bösen Prinzips noch außerhalb des Menschen für überflüssig ansah und ansieht, hält die moderne Orthodoxie oder positive Theologie so weit als irgend möglich am lebendigen Teufel fest. Und von ihrem Standpunkt aus gewiß mit Recht. Denn für das alte Christentum und Urchristentum war der Teufel niemals nur eine bloße Personifikation oder ein Symbol des menschlichen Egoismus gewesen, sondern eine mit der Fähigkeit zur äußeren Erscheinung begabte furchtbare Macht, ein Widergott, gegen den der Gottessohn Christus seine Gläubigen zum Kampf organisiert hatte, und ohne den die Entstehung des Christentums überhaupt nicht denkbar ist. Was die liberale oder moderne Theologie uns als Christentum verkündet, ist kein echtes Christentum mehr, sondern ein zum Jesuanertum verwässertes Christentum. Nicht Fisch, nicht Fleisch, errichtet auf den Sprüchen und Gleichnissen einer Persönlichkeit, die, wenn man sie greifen will, stets zwischen den Händen wie ein Schemen zerfließt, von jedem Theologen anders aus der evangelischen Wundersphäre herauskonstruiert wird und bestenfalls ein edler, warmherziger Moralprediger war mit dem lebendigen Gefühl der Gotteskindschaft. Ein religiöses Vorbild in zeitlicher Beschränkung, aber kein religiöses Prinzip wie der welterlösende Gottessohn Christus. Ein Kompromiß voll des Gefühlsüberschwangs zwischen Christentum und moderner Weltanschauung. Die führenden positiven Dogmatiker des 19. Jahrhunderts, die Martensen, J. P. Lange, Thomasius, Philippi, v. Ho mann, Twesten, Luthard, Kahnis, Eothe, Dorner u. a., sehen daher im Teufel ganz folgerichtig ein lebendiges, persönliches Prinzip, und ein Vilmar, der nebenbei eine noch heute in höheren Töchterschulen beliebte Literaturgeschichte geschrieben hat, will es sogar einem richtigen Theologen zur Bedingung machen (Theologie der Tatsachen, 1856), »des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe gesehen (mit leiblichen Augen gesehen, ich meine das ganz unfigürlich) und seine Kraft an einer armen Seele empfunden, sein Lästern, insbesondere sein Hohnlachen aus dem Abgrund gehört zu haben.«

 

Der Teufel in der katholischen Kirche.

Mit äußerster Konsequenz hält natürlich die katholische Kirche, durch Schrift und Tradition gebunden, an dem lebendigen, persönlichen Teufel fest. Wer das nicht glauben wollte, der wurde noch 1906 durch einen Prozeß in Salzburg eines Besseren belehrt, wo sich ein Bauer vor dem Landgericht wegen »Beleidigung von Lehren und Einrichtungen der katholischen Kirche« zu verantworten hatte, weil er erklärt hatte: »Ich fürchte mich vor keinem Teufel. Wenn es einen gäbe, so hätte er mich schon längst geholt. Wenn auch 99 Wagen voll Teufel dahergefahren kämen, mir ist's gleich. Der Teufel, das ist mein Weib daheim.« Der Teufel eine Einrichtung der katholischen Kirche, und zwar eine ganz vortreffliche! Die Furcht vor ihm hat sie groß und fett gemacht. Aus Furcht vor dem Teufel, seiner Hölle und dem Fegefeuer läßt man Messen über Messen lesen, macht man Seelenheilstiftungen ohne Zahl. Als um die Wende des ersten christlichen Jahrtausends die Welt ganz in die Hände des Teufels geraten zu sein schien und der Glaube an den Untergang der Welt alle Gemüter mit Furcht und Schrecken erfüllte, da stiftete ein jeder der Kirche, was er nur zu stiften vermochte, um seine Seele zu retten, so daß die Kirche kaum mehr wußte, was sie mit all den Schenkungen anfangen sollte. Eine nie versiegende Geldquelle für die Kirche ist auch das Ablaßwesen geblieben. Der Glaube an den Teufel muß daher dem Volke erhalten bleiben. Das sagten sich ganz besonders die Jesuiten, die bald nach der Begründung ihres Ordens, mit wenigen rühmlichen Ausnahmen, unter den Vorkämpfern des Teufels- und Hexenwahns gestanden hatten. Um dieses Ziel zu erreichen, setzten sie im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einen erbitterten Kampf gegen die Freimaurer, die ihnen wegen ihrer Geheimorganisation und ihrer überkonfessionellen, in den romanischen Ländern ganz ausgesprochen antikirchlichen Tendenz ein Dorn im Auge waren, in Szene und erfanden den Satanskult der Logen. Bei ihrer herrschenden Stellung in der römischen Kirche benutzten sie Leo XIII. als Vorspann und ließen ihn am 20. April 1884 die Welt mit seinem Hirtenbrief »Humanum genus« beglücken, in dem er die Freimaurer als Menschen hinstellt, »die dem Reiche Satans und der höllischen Mächte angehören«, als »beseelt von den trotzigen Teufelsgeistern«, als »Parteigänger des Bösen«, als besessen von satanischem Haß und satanischer Rachgier. Damit war die Parole zum Jesuitenkreuzzug gegen die Freimaurer ausgegeben, der zwölf Jahre lang tobte, aber als Satyrspiel mit einem welterschütternden Lachen über die unbegrenzte Dummheit der Urheber dieses Feldzugs endete.

 

Der Taxilschwindel

(1885–1897). Einer der geriebensten und gewissenlosesten Piraten der menschlichen Dummheit und Sensationslust, der Südfranzose Gabriel Jogand-Pagès, kam nämlich auf den schlauen Gedanken, genau wie die Kirche und die Jesuiten aus dem Teufelsglauben der katholischen Schäflein Kapital zu schlagen. Bisher »Fümist« (Aufschneider, Zeitungsentenfabrikant), ausgesprochener Pornograph und Tingeltangelsänger, beschloß er nach kurzer verunglückter Karriere in der Freimaurerei, die ihn nach wenigen Monaten wieder an die Luft gesetzt hatte, inspiriert durch Leos Hirtenbrief, sich zu bekehren (23. April 1885) und den Satanismus zu seinem Geschäftszweig zu machen. Zu diesem Zwecke unterzog er sich in einem Jesuitenkolleg den anstrengendsten Exerzitien, legte eine dreitägige Generalbeichte ab, in der er u. a. einen Mord aus Vorbedacht beichtete, und begann nun als »Konvertit« mit seinen grotesken Enthüllungsschriften über die Freimaurerei, unter denen gleich die »Dreipunktebrüder« einen überwältigenden Erfolg (in wenig Jahren über 100 000 Exemplare) erzielten. Dieses Buch wurde 1886 vom Jesuitenpater Gruber auch in deutscher Übersetzung herausgegeben und von der gesamten führenden ultramontanen Presse Deutschlands aufs wärmste befürwortet. Léon Taxil, wie sich Gabriel Jogand-Pagès als Autor jetzt nannte, die Jesuiten und die gesamte teufelsgläubige Klerisei arbeiteten nunmehr elf Jahre lang einträchtig Hand in Hand. Je tolleren Blödsinn Taxil verzapfte, desto helleren Jubel löste er im klerikalen Lager aus. Bald fand er einen Genossen im Schwindel in Dr. Hacks (Dr. Bataille), dem Schwager Bachems, des Verlegers der Kölnischen Volkszeitung, und schließlich noch in dem Italiener Margiotta. Nach dem Leitsatz »Die menschliche Dummheit ist unbegrenzt«, überbot sich das Schwindlertrio in Schauergeschichten. Dr. Hacks insonders glänzte als der Jules Verne des Satanismus. Dem rasierten Schaf Léon Taxils, das der in den Geheimareopag der Ritter Kadosch Aufzunehmende mit verbundenen Augen, im Glauben, es sei ein Mensch, abzustechen hat, dem »Ritus der Möpse« in der »palladistischen Frauenloge«, in dem der mittelalterliche Huldigungskuß unter den Schwanz des Teufelsmopses wiederkehrt, und der zotigen sexuellen Geometrie des fünfzackigen Sternsymbols, des wahren Schlüssels zu den Geheimsymbolen der Freimaurerei, folgten nun in dem Buche »Der Teufel im neunzehnten Jahrhundert« die Geschichten vom Teufel des Fürsten Pomeranzeff, von der Hochzeit eines Herrn Wladimir mit einem Tisch, der von einem Sukkubusteufel besessen war, von der sakrilegischen Trauung eines Affenpaares in einer Wüste in der Nähe Kalkuttas, vom chinesischen Skelettteufel Wham-tschin-fu, der den Dr. Bataille gehörig verprügelte, vom pfeifenden drahtlosen Satanstelephon des Satanspapstes Pike in Charleston, von der palladistischen Großmeisterin der Möpse des Stillschweigens, Anna Schultz in Berlin, vom schwebenden Tisch, der sich in ein verliebtes, mit dem Schwanz Klavier spielendes Teufelskrokodil verwandelte, vom Teufel Sybacco des zweiten Teufelspapstes Lemmi, des Großmeisters der italienischen Logen, einer Art Bastardierung aus Orang-Utang, Gans und Schaf, nebenbei einer Erfindung Margiottas und dergl. mehr. Dem Schwindel setzte Taxil jedoch erst die Krone mit der Erfindung der Miß Diana Vaughan, im Jahre 1895, auf. Diana Vaughan, die nur in der Phantasie ihres Erfinders lebte, konnte sich rühmen, die Tochter des Oberteufels Bitru zu sein. Im Alter von zehn Jahren war sie bei ihrer Aufnahme als Meisterin in die Palladistenloge zu Louisville dem altbekannten geilen Buhlteufel Asmodaeus angetraut, der ihr als Brautgeschenk den Schwanz des Löwenengels des heiligen Markus zur Benutzung als Boa verehrt hatte. Ihre Hochzeitsreise hatte sie mit ihrem Gatten Asmodaeus auf den Mars gemacht. Ihre 1895 veröffentlichten »Erinnerungen« (Mémoires) erschienen bereits 1896 in deutscher Übersetzung von Dr. Germanus, hinter dem sich wohl ein Dr. Romanus verbarg. Miß Vaughan wußte aber noch interessantere Dinge zu berichten. So verkündete sie den aufhorchenden klerikalen Ohren, daß eine andere Tochter des Teufels Bitru, Sophia Walder, die Großpalladistin von Frankreich und Belgien, die von ihrem Vater als Amme gesäugt war, von eben demselben Vater Bitru am achten Tage des Monats Phaophi, im Jahre 000896 des wahren Lichts, nach christlicher Zeitrechnung am 29. September 1896, in Jerusalem die Urgroßmutter des Antichrists gebären werde. Bitru habe der Sophia Walder diese Ankündigung eigenhändig am 8. Oktober 1883 bestätigt.

Leo X. hatte schon 1887 Léon Taxil als seinen geliebten Sohn in Privataudienz empfangen, auf dessen Schriften in seiner Privatbibliothek mit den Worten hingewiesen, er habe durch das Studium derselben den Satanismus der Freimaurersekte richtig begriffen, und ihn ermuntert, im Dienste der Kirche weiter fortzufahren (»dein Leben ist für die Kämpfe des Glaubens noch sehr nützlich«).

Im Jahre 1892 verordnete Leo, daß hinfort am Feste des heiligen Michael, am 29. September, jeder Priester nach jeder Messe an den Stufen des Altars zu beten habe: »Heiliger Erzengel Michael, stürze den Satan und alle andern höllischen Geister, die zum Verderben der Menschen in der Welt umherschweifen, in die Hölle zurück.«

Nachdem dann Miß Vaughan als bekehrte Expalladistin und »Heilige« mit ihren »Denkwürdigkeiten« auf der Bildfläche erschienen war, kam es zu einem Briefwechsel zwischen ihr und dem Kardinal Parocchi, in dem ihr dieser am 16. Dezember 1895 den ganz besonderen apostolischen Segen des Papstes übermittelte und in ihrer Bekehrung einen der herrlichsten Triumphe der Gnade, die er kenne, sah. Und noch ein andermal, am 27. Mai 1896, läßt ihr der Privatsekretär des Papstes, Sardi, durch den Geheimsekretär des Antifreimaurerbundes, Rod. Verzichi, mitteilen, daß der Papst ihre »Eucharistische Novene« mit großem Vergnügen gelesen habe. Am 11. Juli 1896 dankt ihr Sardi selbst für Zusendung ihrer Schrift »Der Dreiunddreißig-Punktebruder Crispi«, in der sie die Ankündigung der Geburt der Urgroßmutter des Antichrists mit der eigenhändigen Unterschrift Bitrus veröffentlicht hatte, bestehend aus den Worten: Sanctus Daemon Primarius Praeses, und darunter Pfeile, Blitz, Stricke, Kriegstrompete und Gockelhahn als den Namen Bitru darstellende Teufelshieroglyphen, und schreibt: »Fahren Sie fort, Fräulein, fahren Sie fort zu schreiben und die gottlose Sekte zu entlarven.«

Inzwischen aber hatten sich nun doch in den deutschen ultramontanen Kreisen einige Bedenken gegen die Handschrift Bitrus geregt. Auch schien es merkwürdig, daß Miß Vaughan stets unsichtbar und unauffindbar blieb, wenn man auch die Gefährdung ihres Lebens durch die Freimaurer als Grund dafür gelten lassen konnte. Besonders stutzig hatte eine gegen den Schwindel gerichtete Schrift des angesehenen deutschen Freimaurers Findel gemacht. Infolgedessen machten »Germania« (22. August) und »Kölnische Volkszeitung« (25. August) plötzlich eine Schwenkung. In letzterer war es besonders Gruber, der nunmehr, nachdem er durch Übersetzung der »Dreipunktebrüder« den deutschen Katholizismus selbst auf die Leimrute Taxils gelockt hatte, gegen diesen Front machte.

Da gelang es Taxil mit seinem Anhang, ein großes Antifreimaurerkonzil zu Trient zu veranstalten, das Licht über die Ziele und das Treiben der gefährlichen Freimaurersekte bringen und auch die Enthüllungen über die Freimaurer, wie sie von Taxil, Dr. Hacks-Bataille, Margiotta und Miß Vaughan gemacht waren, auf ihre Wahrheit hin untersuchen sollte. Dieses »Konzil« tagte vom 26. bis 30. September, offensichtlich als Demonstration gegen die Urgroßmutter des Antichrists, die eben in diesen Tagen das Licht der Welt erblicken sollte. 36 Bischöfe, 50 bischöfliche Delegierte, 61 Pressevertreter, im ganzen etwa 800 Teilnehmer, zumeist aus den romanischen Ländern, waren erschienen. Taxil, von der Volksmenge wie ein Heiliger gefeiert, verteidigte sich gegen die von deutschen Klerikern und Jesuiten (Baumgarten) erhobenen Einwände mit größter Gewandtheit. Auf Dr. Baumgartens drei Fragen, bei welchem Priester Miß Vaughan konventiert habe, an welchem Tage, und wer ihre Eltern seien, begann er, unter jubelnder Begrüßung der erdrückenden Mehrzahl der Konzilteilnehmer mit gekünstelter Erregung seine Verteidigung mit den Worten: »Ich existiere nicht, Sie existieren nicht, Miß Vaughan existiert nicht ... Das Material habe ich in der Tasche, aber Sie dürfen es nicht wissen. Sie sind zu neugierig, mein Herr ... Der Dolch der Freimaurer bedroht Miß Vaughan stündlich. Also schweigen wir über solche Dinge, um die Heilige nicht zu gefährden. Einer Kommission von Vertrauensmännern werde ich die Beweise vorlegen, aber Ihnen nicht.« Alles was er dem Konzil an Dokumenten vorlegte, war eine Photographie der Miß Vaughan. Am Schluß des Konzils, am 30. September, wurde der große »Heilige« Taxil vom Fürstbischof von Trient, Valussi, zur großen Tafel im fürstbischöflichen Palast eingeladen, an der u. a. auch der Vertreter des Papstes, Bischof Lazzareschi, und Fürst Karl Löwenstein, die bekannte Größe deutscher Katholikentage, teilnahmen, trotzdem er von Gruber bereits offen als Schwindler bezeichnet war. Am 22. Januar 1897 erklärte die Untersuchungskommission, daß sie bis jetzt auf keinen durchschlagenden Beweisgrund, sei es für, sei es gegen die Existenz, die Bekehrung und Authentizität der Schriften der angeblichen Diana Vaughan gestoßen sei. So hatte sich Rom wieder einmal alle Pforten aufgehalten, trotzdem inzwischen der Stein ins Rollen gekommen war, der das ganze Schwindelgebäude zum Zusammensturz bringen sollte.

Schon im Juli, also vor dem Konzil, war Margiotta von Taxil und Dr. Hacks abgesprungen, aber Miß Vaughan verbreitete in ihrem Leibblatt, der »Revue mensuelle«, alsbald zur Beruhigung der frommen Gemüter das Märlein, Margiottas plötzlicher Haß gegen sie rühre daher, daß sie ihm nicht nur einen Korb gegeben, sondern auf einen Pump von 100 000 Franken nicht eingegangen sei.

Nachdem nun aber Taxil seinen höchsten Triumph erreicht hatte, den gesamten hohen Klerus vom Papst an samt den Jesuiten vor der ganzen Welt nahezu zwölf Jahre lang in der unfaßbarsten Weise verulkt zu haben, beschloß er unter größtmöglichem Aufsehen seine Selbstentlarvung. Am 13. Oktober 1896 hatte die »Kölnische Volkszeitung« bereits Dr. Hacks als Dr. Bataille festgenagelt. Am 16. Oktober bestätigte dieser in der gleichen Zeitung zum Teil die Enthüllung, indem er zugleich seine Autorschaft an einem atheistischen Buch, betitelt le »Geste«, zugab und der katholischen Religion seine vollkommenste Verachtung bezeugte. Am 19. Oktober aber tröstete der Sekretär des Kardinals Parocchi immer noch Miß Vaughan mit den Worten: »Ich erblicke in diesem Kriege nur ein niederträchtiges Manöver dessen, von dem Sie besser als jemand anders wissen, daß er der Vater der Lüge ist« (der Teufel). Mitten in dem größten Wirrwarr, den Miß Vaughan durch ihre Geschichten immer tiefer aufrührte riß sich am 19. April 1897, an einem Ostermontag, Taxil selbst endlich, als der Kampf für und wider Miß Vaughan und den ganzen Satanismus der Freimaurerei in der gläubigen Welt bis zur Siedehitze entbrannt war, im großen Saale der Geographischen Gesellschaft zu Paris, unter ungeheurem Gelächter auf der einen und rasenden Wutausbrüchen auf der andern Seite, die Maske vom Gesicht. Er feierte sich selbst unter ausführlicher Darlegung des Schwindels als den größten Mystifikator der Neuzeit, erzählte u. a., wie ein Freiburger (Schweizer) Kanonikus ihn einmal aufgefordert habe, als besonderer Freund Gottes vor seinen Augen ein kleines Wunder zu verrichten, z. B. einen Stuhl in einen Spazierstock oder Regenschirm zu verwandeln, wie die antifreimaurerische Jeanne-d'Are-Hymne, deren Text und Musik auf Miß Vaughan zurückgeführt wurde, in Wirklichkeit aber vom Orchester-Dirigenten des Sultans Abdul Asis für die Unterhaltungen im Serail komponiert war, bei besonders festlichen Gelegenheiten in den großen Basiliken Roms gespielt wurde, wie zur Danksagung für die Bekehrung der Miß Vaughan vom Delegierten des Apostolischen Stuhls beim Zentralkomitee des Antifreimaurer-Bundes, Mgr. Lazzareschi, ein Triduum in der Kirche des heiligen Herzens in Rom abgehalten wurde, wie Rom in Miß Vaughan drang, den römischen Plänen bezüglich neuer Wunder hilfreich beizuspringen, und schloß mit den Worten: »Vor zwölf Jahren habe ich vor meinem Beichtvater mich eines Meuchelmordes angeklagt, den ich nicht begangen habe. Heute klage ich mich vor Ihnen öffentlich eines Kindesmordes an: der Palladismus ist hiermit tot, abgeschlachtet von seinem eigenen Vater.«

Man hätte meinen sollen, daß hiermit auch der wüste Teufelsglauben der katholischen Kirche totgeschlagen war. Aber mit Unrecht. Der Glaube an den leibhaftigen Teufel steckt der katholischen Kirche noch tiefer im Leibe als der evangelischen. Der Abfall des Teufels und seiner Engel von Gott ist katholischer Glaubenssatz, ebenso die Rangordnung der Satansengel oder Teufel mit Luzifer an der Spitze, dem nach Hebr. 2,14 die Herrschaft über den Tod übertragen ist. Dämonische Besessenheit und Zauberei mit Hilfe des Teufels ist katholische Lehre, weshalb auch immer noch gelegentlich Teufelsaustreibungen stattfinden, wie die berühmte zu Wemding 1891 unter Gutheißung der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt, allwo der 50-Hutzel-Teufel aus einem zehnjährigen Knaben, dem Kind einer Mischehe, in das die Nachbarsfrau, eine Protestantin, besagten Teufel hineingehext hatte, erst nach zweitägiger Anstrengung zweier Exorzisten ausgetrieben wurde.

Wer daher, wie weiland Professor Schell in Würzburg, aus dem Katholizismus ein Prinzip des Fortschritts machen will und den ganzen satanistischen Kram verwirft, der muß sich auch, wie Schell vom Jesuiten Gruber, sagen lassen, und wiederum nicht mit Unrecht: »Eine hochfahrende ›apriorische‹ Abweisung alles Teufelsglaubens, auch insofern derselbe einen Bestandteil des christlichen Dogmas bildet, wie sie in letzter Zeit in manchen Blättern zu Tage getreten ist, die, um das Übel zu heilen, zugleich für die Beseitigung der betreffenden Glaubenslehre plädierten, ist nicht nur völlig unberechtigt, sondern auch unwissenschaftlich. Daß Teufel nicht existieren oder nicht mit Menschen in Verbindung treten können, hat noch keine Wissenschaft bewiesen ...«

Unwissenschaftlich ist es tatsächlich, seiner Wissenschaft als Grundprinzip das Dogma zugrunde zu legen und dann dieses Dogma nicht anzuerkennen. Eine andere Frage ist es allerdings, ob Dogma und Wissenschaft sich nicht prinzipiell wie Wasser und Feuer ausschließen. Im übrigen verlangt die Wissenschaft, daß die Theologie ihr einen Teufel auf den Tisch legt, um seine Existenz anerkennen zu können. Sie würde ihn mit Dank akzeptieren, ausstopfen und in einem Museum der Nachwelt als köstlichstes Vermächtnis überliefern.

Der Teufel ist und bleibt also eine Einrichtung der katholischen Kirche. Überdies haben noch Pius IX. und insbesondere Leo XIII. in seiner Thomasenzyklika »Aeterni patris« vom 4. August 1879 und noch in späteren Enzykliken die Philosophie und Theologie des heiligen Thomas von Aquino (1225-1274) als Grundlage aller gelehrten Studien der katholischen Christenheit erklärt. Thomas' Theologie enthält aber bereits die wohlsystematisierte Teufelslehre des Mittelalters mit Succubus und Incubus. Die katholische Kirche kann und darf also nicht ohne den leibhaftigen Teufel leben. Er kann wohl, temporum ratione habita, mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse, ein wenig aus der blendenden Tageshelle in ein Dämmerlicht zurückgestellt werden, darf aber nicht verschwinden. Gott und der Teufel, Himmel und Hölle, zwischen beiden steht die katholische Seele. Darum schließt auch der Professor der katholischen Theologie in Münster, Dr. Joseph Bautz, sein Vorwort zur zweiten Auflage seines Buches über die Hölle (1905), in welchem er sie, im Anschluß an die Scholastik, in das Innere der Erde verlegt mit den feuerspeienden Bergen als ihren Schloten, mit den Versen:

O du süßer Jesu Christ, der du Mensch geboren bist,
Behüt' uns vor der Hölle!

Die katholische Kirche behält sowohl die Pforten zur Seligkeit als zur Verdammnis fest in der Hand.

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