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Der Talisman

Johann Nestroy: Der Talisman - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Talisman
pages147-226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Zweiter Akt

Die Bühne stellt einen Teil des Schloßgartens vor; vorne rechts die Wohnung der Gärtnerin mit praktikablem Eingang; im Vordergrunde links ein Tisch mit mehreren Gartenstühlen. Im Hintergrunde rechts sieht man einen Seitenflügel des Schlosses mit einem praktikablen Fenster.

Erste Szene

Plutzerkern, mehrere Gartenknechte (sitzen um den Tisch herum und trinken)

Chor
Man glaubt nicht, wie g'schwind
D' Krügeln aus'trunken sind!
Bei der Arbeit, da rast't man so gern,
Beim Wein tut sich keiner beschwer'n,
Der wird ein' nicht z'viel,
Man seufzt nach kein' Ziel.
Das Trinken is wirklich a Pracht,
Die Fortsetzung folgt auf die Nacht.

Plutzerkern Die Arbeit is heut' nicht pressant, wir hab'n noch über die Hälfte vom Geld, das muß noch vertrunken wer'n; also heißt's: zeitlicher Feierabend machen!

Erster Gartenknecht Bei so was kommt g'wiß keiner z'spat.

Plutzerkern Nur immer denken, ein Gartner ist die edelste Pflanze, drum muß er fleißig begossen werden, sonst welkt er ab.

Erster Gartenknecht Is aber ein rarer Mann, der neue Herr Gartner, und ein rüstiger Mann.

Alle Das is wahr!

Plutzerkern O kurzsichtiges Volk! Ein fauler Kerl is er, glaubt's mir, ich versteh' das! Der wird uns von keiner Arbeit überheben, im Gegenteil, wir werden ihn noch bedienen sollen, den hergeloffenen Ding, und er wird d' Händ in Sack stecken, den gnädigen Herrn wird er spielen wollen, der aufgeblas'ne Tagdieb!

Die Knecht Wär' nit übel!

Erster Gartenknecht Da soll ihm ja gleich –

Plutzerkern Ruhig jetzt! – Zu diesen und ähnlichen Schimpfereien haben wir heut' abend die beste Zeit. Wir können uns dann auch gleich z'sammreden, wie wir ihn wieder aus'm Haus vertreiben wollen.

Alle Ja, das können wir!

Plutzerkern Also nur ruhig, alles zu seiner Zeit!

Zweite Szene

Flora; die Vorigen

Flora (kommt mit einem Korb, in welchem sich Teller und Tischzeug befinden, aus ihrem Hause) Jetzt bitt' ich mir aber aus, daß einmal ein End' gemacht wird. Nehmt's engere Krügeln und geht's, den Tisch brauch' ich jetzt.

Die Knecht Wir haben ohnedem grad gehn wollen.

Plutzerkern Es g'schieht ja alles dem neuen Gartner zu Ehren.

Flora (zu den Knechten) Und daß was gearbeitet wird!

Die Knecht (im Abgehen) Schon recht! (Links im Hintergrunde ab.)

Dritte Szene

Flora, Plutzerkern

Plutzerkern Ich begreif' nicht, wie Sie's übers Herz bringen, diese guten Menschen in ihrem unschuldigen Vergnügen zu stören.

Flora (hat ein Tischtuch aus dem Korb genommen und es über den Tisch gebreitet) Halt' Er 's Maul und hilf Er mir den Tisch da decken.

Plutzerkern Gleich! Diese Arbeit lass' ich mir nie zweimal schaffen. (Nimmt Eßzeug und Teller aus dem Korbe.) Das is ja aber nur für zwei Personen?

Flora Freilich! Ich wüßt' nicht, zu was mehrere nötig wären?

Plutzerkern Also speist der neue Gartner im Schloß bei der Kammerfrau?

Flora Dummkopf! Er speist hier bei mir.

Plutzerkern Er, Sie und ich – wir sind aber drei.

Flora Er hat an meinem Tisch gespeist, weil's mir allein zu langweilig war. Jetzt wär' das überflüssig. Er hat Sein Kostgeld, drum wird Er, wenn aufgetragen ist, gehn.

Plutzerkern (pikiert) Das war die Zeit, wo ich sonst nie gegangen bin.

Flora Räsonier' Er nicht und bring' Er die Suppen!

Plutzerkern (boshaft) Jetzt schon? Sie könnt' kalt wer'n! Wer weiß, wann der kommt!

Flora (ungeduldig nach dem Schlosse sehend) Er muß den Augenblick da sein. (Halb für sich.) Ich begreif' ohnedies nicht, wo er so lang –

Plutzerkern Ah, ich fang's schon zum Begreifen an.

Flora Schweig' Er und tu' Er, was man Ihm schafft!

Plutzerkern (im Abgehen, als ob er für sich spräche, aber so, daß es Flora hören muß) Der muß eine neue Blumasch' rangieren im Schloß, kann mir das lange Ausbleiben sonst gar nicht erklär'n. (In die Gärtnerwohnung ab.)

Vierte Szene

Flora, Titus

Flora (allein) Der war mir zum letztenmal da droben! Und wie sich diese Madame Constanz den Männern aufdringt, das ist ausdruckslos!

Titus (erscheint im Schloß am Fenster mit vorgebundener Serviette, ein Fasanbiegel in der Hand) Ah, Frau Gartnerin, gut, daß ich Ihnen seh' –

Flora Wo bleibt Er denn? Ich wart' mit 'm Essen –

Titus Ich nicht! Ich hab' schon gegessen.

Flora Auf 'm Schloß?

Titus Bei der Kammerfrau in der Kammer, sehr gut gespeist! Es war der erste Fasan, dem ich die letzte Ehr' angetan hab'! Mit diesem Biegel is seine irdische Hülle in der meinigen begraben.

Flora Es is aber sehr unschicklich, daß Er dort schmarotzt! Ich werd' mir das verbieten.

Titus Sich können Sie verbieten, was Sie wollen, aber mir nicht! Ich steh' nicht mehr unter Ihrer Tyrannei, ich hab' eine andere, eine bessere Kondition angenommen.

Flora (äußerst betroffen) Was wär' das?

Titus Warten S' a bissel, ich muß Ihnen was übergeben. (Zieht sich zurück.)

Flora (allein) Kammerfrau, ich kenne dich, das ist dein Werk! Eine Witwe, die selbst einen Liebhaber hat, fischt der andern den ihrigen ab, das wird doch ein Witwenstückl ohnegleichen sein!

Fünfte Szene

Plutzerkern; die Vorigen

Plutzerkern (den Suppentopf auftragend) Da is die Suppen.

Titus (am Fenster im Schloß erscheinend) Da sind die ehemaligen Kleider, die ich gegenwärtig nicht mehr brauch'. Mein Kompliment! (Wirft den Kleiderbündel herab, daß er Plutzerkern an den Kopf fliegt, und zieht sich zurück.)

Plutzerkern Anpumpt! Was is das?

Flora (zu Plutzerkern) Pack' Er sich zum Guckguck!

Plutzerkern Wird nicht gegessen?

Flora Nein, hab' ich gesagt. (Für sich.) Wer da nicht den Appetit verliert, der hat keinen zu verlieren.

Plutzerkern (pikant) Ich hab' glaubt, jetzt is die große Tafel in zweien, bei der ich überflüssig bin?

Flora Aus meinen Augen! (Für sich im Abgehen.) Boshafter Schlingel das! (In ihre Wohnung ab.)

Plutzerkern (allein) Also er speist nicht da, sie speist gar nicht, und ich, der Ausgeschlossene, ich speis' jetzt für alle zwei! Unerforschliches Schicksal! Diese Anwandlung von Gerechtigkeit hätt' ich dir gar nicht zugetraut. (In Gärtnerwohnung ab.)

Verwandlung

Saal im Schlosse mit einer Mittel- und zwei Seitentüren

Sechste Szene

Titus (allein, kommt aus der Mitteltür, er ist in eleganter Jägerlivree gekleidet)

Titus Die macht's wie die Vorige, offeriert mir die verstorbene Garderobe von ihrem überstandenen Gemahl und will, ich soll Jäger sein. Ja, wenn die gnädige Frau von einem Jäger nichts anderes verlangt als 's Wagentürl aufmachen und aufs Brettl hupfen, so viel kann ich allenfalls leisten in der Forstwissenschaft. O, Parucken! Dir hab' ich viel zu danken. Die Kost hier ist delikat, der Trunk exquisit, und ich weiß wirklich nicht, ob mich mehr mein Glückswechsel oder der Tokayer schwindlich macht.

Siebente Szene

Titus, Constantia (von links)

Constantia Ah, das lass' ich mir gefallen. Die Gärtnerkleidung hat so etwas Bauernhaftes, und Ihr Exterieur ist ja ganz für das edle Jagdkostüm geschaffen.

Titus Wenn nur mein Exterieur in der gnädigen Frau dieselben gnädigen Ansichten erzeugt! Ich fürchte sehr, daß ein ungnädiger Blick von ihr mir den Hirschfänger entreißt und mir Krampen und Schaufel in die Hände spielt.

Constantia Sie trauen mir sehr wenig Einfluß im Hause zu. Mein verstorbener Mann war hier Jäger, und meine Gebieterin wird gewiß nicht glauben, daß ich immer Witwe bleiben soll.

Titus Gewiß nicht! Solche Züge sind nicht für lebenslänglichen Schleier geformt.

Constantia Gesetzt nun, ich würde mich wieder verheiraten, zweifeln Sie, daß die gnädige Frau meinem Mann einen Platz in ihrem Dienste verleihen würde?

Titus Der Zweifel wäre Frevel.

Constantia Ich sage das nicht, als ob ich auf Sie Absichten hätte –

Titus Natürlich, da haben Sie keine Idee –

Constantia Ohne etwas zu verreden, sage ich das nur, um Ihnen zu beweisen, daß ich die Macht habe, jemandem eine Stelle auf dem Schlosse zu verschaffen.

Titus (beiseite) O rabenschwarzer Schädel, du wirkst himmelblaue Wunder!

Constantia Mein seliger Mann –

Titus Hören sie auf, nennen Sie nicht den Mann selig, den der Taschenspieler Tod aus Ihren Armen in das Jenseits hinüberchangiert hat! Nein, der ist es, der sich des Lebens in solcher Umschlingung erfreut! O Constantia! – Man macht dadurch überhaupt dem Ehestand ein sehr schlechtes Kompliment, daß man nur immer die verstorbenen Männer, die ihn schon überstanden haben, »die Seligen« heißt.

Constantia Also sind Sie der Meinung, daß man an meiner Seite –

Titus Stolz in die unbekannten Welten blicken und sich denken kann: überall kann's gut sein, aber hier ist's am besten.

Constantia Schmeichler!

Titus (beiseite) Das sind die neuen metaphysischen Galanterien, die wir erst kriegt haben. (Laut.) Ich glaub', ich hör' wen im Vorzimmer.

Achte Szene

Salome; die Vorigen

Salome (schüchtern zur Mitte eintretend) Mit Erlaubnis –

Titus (erschrocken, für sich) O je, die Salome! (Wirft sich nachlässig in einen Stuhl, so daß er das Gesicht von ihr abwendet.)

Constantia Wie kommt Sie da herein?

Salome Draußt war kein Mensch, so hab' ich glaubt, das wird 's Vorzimmer sein, jetzt seh' ich aber – o, ich bitt', Madam', kommen S' nur a bissel heraus, mir verschlagt's die Red', wenn ich so in der Pracht drinnen steh'.

Constantia Keine Umstände, was will Sie? Nur geschwind!

Salome Ich such' einen, ich hab' ihn schon bei der Gartnerin g'sucht, dort hab' ich ihn aber nicht g'funden, jetzt bin ich da her.

Constantia (Verdacht schöpfend) Wen sucht Sie?

Salome Wissen S', ich such' halt ein' mit rote Haar'.

Constantia (beschwichtigt) Nun, den wird Sie leicht finden, weil er Ihr auf hundert Schritte entgegenleuchtet.

Titus (für sich) O nagelneuer Witz, du hast mich schon oft erfreut.

Constantia Hier im Schloß wird Sie sich aber vergebens bemühen, denn ich und die gnädige Frau würden einen solchen nicht dulden, wir haben beide Antipathie gegen rote Haare.

Salome Wenn er aber doch kommen sollt', so sagen S' ihm, es haben ihn Leut' g'sucht, aus der Stadt, die haben mich so verdächtig um ihn g'fragt –

Titus (sich vergessend, springt erschrocken auf) Und was hat Sie den Leuten g'sagt?

Salome (zusammenfahrend) Was ist das –!? (Titus erkennend.) Ah! (Sie wankt und fällt Constantia in die Arme.)

Constantia Was hat denn die Person? – (Zu Titus.) So bringen Sie doch einen Stuhl, ich kann sie nicht halten.

Titus (einen Stuhl bringend) Setzen wir s' nieder!

Constantia (läßt Salome in den Stuhl sinken) Sie rührt sich nicht, ist ganz bewegungslos. (Zu Titus.) Das ist höchst sonderbar. Ihr Anblick hat diese Wirkung auf sie hervorgebracht.

Titus (verlegen) Das kann nicht sein, ich bin nicht zum Umfallen wild, und was meine Schönheit anbelangt, so is sie auch wieder nicht so groß, daß man drüber 's Gleichgewicht verlieren muß.

Constantia Sie sehen aber, daß sie sich gar nicht bewegt.

Titus (sehr verlegen) Ja, das seh' ich.

Constantia Jetzt aber scheint mir – ja, sie bewegt sich!

Titus Ja, das seh' ich auch. Ich werd' frisches Wasser holen. (Will fort.)

Constantia Nichts da, das wird nicht nötig sein, oder haben Sie vielleicht besondere Ursachen, sich fortzuschleichen?

Titus Wüßte nicht, welche; ich kenn' die Person nicht.

Constantia Dann brauchen Sie ja ihr Erwachen nicht zu fürchten.

Titus Gar nicht! Wer sagt denn, daß ich mich fürcht'?

Salome (sich erholend) Ach, Madame – mir wird schon wieder leichter –

Constantia Was war Ihr denn eigentlich?

Salome Der Herr –

Constantia Also kennt Sie ihn?

Salome Nein, ich kenn' ihn nicht, gewiß nicht! (Aufstehend.) Aber wie er mich so scharf ang'redt't hat –

Constantia Darüber ist Sie –?

Salome Nicht wahr, 's is a Schand', solche Stadtnerven für a Bauerndirn'? (Zu Titus, der verblüfft dasteht.) Sei'n S' nit bös, und wenn S' vielleicht den sehen mit die roten Haar', so sagen S' ihm, ich hab's gut g'meint, ich hab' ihn nur warnen wollen, ich werd' ihn g'wiß nit verraten an die Leut', die um ihn fragen, und sagen S' ihm, ich werd' auch g'wiß sein' Glück nicht mehr in Weg treten – (Die Tränen unterdrückend.) Sagen S' ihm das, wann S' den sehen mit die roten Haar'. (Zu Constantia.) Und jetzt bitt' ich nochmal um Verzeihung, daß ich umgefallen bin in Zimmern, die nicht meinesgleichen sind, und b'hüt' Ihnen Gott alle zwei und – (bricht in Tränen aus) – jetzt fang' ich gar zum Weinen an – das g'hört sich schon gar net – nix für ungut, ich bin halt schon so a dalkets Ding. (Eilt weinend zur Mitteltür ab.)

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