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Der Talisman

Johann Nestroy: Der Talisman - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Talisman
pages147-226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Dreizehnte Szene

Titus (allein, etwas verblüfft die Schachtel in der Hand haltend)

Titus Glück gründen? – Talisman? – Da bin ich doch neugierig, was da drin steckt. (Öffnet die Schachtel und zieht eine schwarze Perücke heraus.) A Perücken –! Nix als eine kohlrabenschwarze Perücken! Ich glaub' gar, der will sich lustig machen über mich –! (Ihm nachrufend.) Wart', du lebendiger Perückenstock, ich verbitte mir alle Witzboldungen und Zielscheibereien! – Aber halt? War denn das nit schon längst mein Wunsch? Haben mich nicht immer nur die unerschwinglichen fünfzig Gulden, die eine täuschende Tour kost't, abgehalten? – Talisman, hat er g'sagt – er hat recht! Wenn ich diese Tour aufsetz', so sinkt der Adonis zum Rastelbinderbub'n herab, und der Narziß wird ausg'strichen aus der Mythologie. Meine Karriere geht an, die Glückspforte öffnet sich –! (Auf die offene Gartentüre blickend.) Schau, die Tür' steht grad offen da, wer weiß –? Ich reskier's; ein' schönen Kerl schlagt's nirgends fehl. (Geht in die Gartentüre ab.)

Vierzehnte Szene

Titus, Salome (aus rechts vorne)

Salome (kommend) Ach, mein liebster Mussi Titus, das is ein Unglück!

Titus (sich umsehend) Die Salome –! Was is denn g'schehn?

Salome Der Bäck nimmt Ihnen nicht. Ich kann Ihnen nicht helfen, 's druckt mich völlig zum Weinen.

Titus Und mich kitzelt's zum Lachen. Also is das gar so schwer, bei euch da ein Knecht zu wer'n?

Salome Der Bäck hat g'sagt: er hat erstens Ihre Zeugnisse nicht g'sehn, und dann sind ihm so viele anempfohlen, er ist bei Vergebung dieser Stelle an Rücksichten gebunden –

Titus Schad', daß er keinen Konkurs ausschreiben laßt! Meine liebe Salome, mir sind andere Aussichten eröffnet: ich bin aufs Schloß berufen.

Salome Aufs Schloß? Das kann ja nit sein. O, wann Ihnen die gnädige Frau sieht, jagt sie Ihnen augenblicklich davon! (Mit Beziehung auf ihre Haare.) Darf ja ich mich auch gar nicht blicken lassen vor ihr!

Titus Die Antipathien der Gnädigen sind Nebensache, seitdem sich bei mir die Hauptsachen verändert haben. Ich geh' mit kecker Zuversicht meinem Glück entgegen.

Salome Na, ich wünsch' Ihnen viel Glück zu Ihrem Glück! 's is völlig nit recht, aber 's schmerzt mich halt doch, daß mir wieder a Hoffnung in' Brunn' g'fallen is.

Titus Was denn für a Hoffnung?

Salome Wenn Sie als meinesgleichen da'blieben wären, hätt's g'heißen, das sind die zwei Wildesten im Ort, das is der rote Titus, das is die rote Salome! Den Titus hätt' kein Madel ang'schaut, so wie die Salome keiner von die Burschen.

Titus Der auf einen einzigen Gegenstand reduzierte Titus hätt' müssen eine Nolens-volens-Leidenschaft fassen.

Salome Es wär' zwischen uns gewiß die innigste Freundschaft –

Titus Und der Weg von Freundschaft bis zur Liebe is eine blumenreiche Bahn.

Salome Na, jetzt so weit hab' ich no gar nit denkt,

Titus Warum? – Gedanken sind zollfrei.

Salome Ah, nein; es gibt Gedanken, für die man den Zoll mit der Herzensruh' bezahlt. Meine Plan' gehn mir nie aus.

Titus Ja, der Mensch denkt, und – (beiseite) die Parucken lenkt, so heißt's bei mir. Also ades, Salome! (Will ab.)

Salome Nur nit gar so stolz, Mussi Titus, Sie könnten ein' schon ein bißl freundlich bei der Hand nehmen und sagen: Pfürt dich Gott, liebe Salome!

Titus Freilich! (Reicht ihr die Hand.) Wir scheiden ja als die besten Freund'.

Salome (kopfschüttelnd) Leben S' wohl! Vielleicht seh' ich Ihnen bald wieder.

Titus Das is sehr eine ungewisse Sach'!

Salome Wer weiß! Sie gehn so stolz bei der Tür hinein, daß ich immer glaub', ich werd's noch sehn, wie s' Ihnen bei der nämlichen Tür herauswerfen wer'n.

Titus Du prophezeihst eine günstige Katastrophe.

Salome (auf die Steinbank zeigend) Da werd' ich mich hersetzen alle Tag', auf die Tür hinschaun –

Titus Und drauf warten, bis man mich in deine Arme schleudert. Gut, mach' dir diese Privatunterhaltung, pfürt dich Gott! Mein Schicksal ruft: »Schön herein da!« Ich folge diesem Ruf und bringe mich selbst als Apportel. (Geht in die Gartentüre ab.)

Fünfzehnte Szene

Salome (allein)

Salome Da geht er, und ich weiß nicht – ich hab' eh' kein Glück g'habt, und mir kommt jetzt vor, als wenn er noch was mitgenommen hätt' davon. Wenn ich mir's nur aus 'm Sinn schlagen könnt'! Aber wie denn? Mit was denn? Wär' ich a Mannsbild, wußt' ich mir schon z' helfen; aber so – die Mannsbilder haben 's halt doch in allen Stücken gut gegen uns.

Lied

1.
              Wenn uns einer g'fallt und versteht uns nit glei',
Was soll man da machen, 's is hart, meiner Treu!
A Mann, der hat's leicht, ja, der rennt einer nach,
Und merkt sie's nit heut', so merkt sie's in vierzehn Tag',
Er tut desparat, fahrt mit 'n Kopf geg'n die Wand,
Aber daß er's nit g'spürt, macht er's so mit der Hand!
Und 's Madel gibt nach, daß er sich nur nix tut –
Ja, die Männer hab'n 's gut, hab'n 's gut, hab'n 's gut!
2.
Wenn uns einer kränkt, das is weiter kein Jammer,
Was können wir tun? Nix als wana in der Kammer!
Kränken wir einen Mann, tut's ihn nit stark ergreifen,
Er setzt sich ins Wirtshaus und stopft si sei Pfeifen.
Wir glaub'n, er verzweifelt, derweil ißt er ein' Kas,
Trinkt ein' Heurigen und macht mit der Kellnerin G'spaß,
Schaut im Hamgehn einer andern glei hübsch unter'n Hut –
Ja, die Männer hab'n 's gut, hab'n 's gut, hab'n 's gut!
3.
Hat a Madel die zweite oder dritte Amour,
Is ihr Ruf schon verschandelt, und nachher is zur.
In dem Punkt is a Mann gegen uns rein a Köni,
Wann er fünfzig Madeln anschmiert, verschlagt ihm das weni,
Auf so ein' Halodri hab'n d' Madln erst Schneid,
Und g'schieht es aus Lieb' nit, so g'schieht es aus Neid,
Daß man sich um ein' solchen erst recht reißen tut –
Ja, die Männer hab'n 's gut, hab'n 's gut, hab'n 's gut.
(Geht ab.)

Verwandlung

Zimmer in der Wohnung der Gärtnerin, mit Mitteltür, rechts eine Seitentür, links ein Fenster

Sechzehnte Szene

Flora (zur Mitte auftretend)

Flora Das Unkraut Gall' und Verdruß wachst mir jetzt schon zu dick auf mein' Geschäftsacker, ich kann's nicht mehr allein ausjäten. Mein seliger Mann hat kurz vorher, als er selig worden ist, g'sagt, ich soll Wittib bleiben – wie kann ein seliger Mann so eine unglückselige Idee haben? Die Knecht' haben keine Furcht, kein' Respekt, ich muß ihnen einen Herrn geben, dessen Frau ich bin. Mein Seliger wird den Kopf beuteln in die Wolken! Wann er mir etwan gar als Geist erscheinet, wann's auf einmal so klopfet bei der Nacht – (es wird an die Tür geklopft; ängstlich aufschreiend) ah! (Hält sich wankend am Tische.)

Siebzehnte Szene

Flora, Titus (mit schwarzer Haartour zur Mitte hereinstürzend)

Titus Is ein Unglück g'schehn? Oder kirren Sie vielleicht jedesmal so statt 'm Hereinsagen?

Flora (sich mühsam lassend) Nein, bin ich erschrocken!

Titus (für sich) Seltenes Geschöpf, sie erschrickt, wenn einer anklopft! Sonst ist den Frauenzimmern nur das schrecklich, wann keiner mehr anklopft.

Flora Der Herr wird sich drüber wundern, daß ich so schwache Nerven hab'?

Titus Wundern über das Allgemeine? O nein! Die Nerven von Spinnengeweb', d' Herzen von Wachs und d' Köpferl von Eisen, das is ja der Grundriß der weiblichen Struktur.

Flora (beiseite) Recht ein angenehmer Mensch – und die rabenschwarzen Haar'! – Ich muß aber doch (laut und in etwas strengem Ton), wer is der Herr und was will der Herr?

Titus Ich bitt', die Ehr' is meinerseits! Ich bin Ihr untertänigster Knecht und empfehl' mich.

Flora (nickt ihm erstaunt ein kurzes Adieu zu, weil sie glaubt, er will fort; als er stehen bleibt, sagt sie nach einer Pause) Na? Diese Red' sagt man, wenn man fortgehn will.

Titus Ich aber sag' sie, weil ich dableiben will. Sie brauchen ein' Knecht, und als solchen empfehl' ich mich.

Flora Was? Der Herr is ein Knecht?

Titus Zur Gärtnerei verwendbar.

Flora Als Gehilfe?

Titus Ob Sie mich Gehilfe nennen oder Gärtner oder – das is alles eins; selbst – ich setz' nur den Fall – wenn es mir als Gärtner gelingen sollte, Gefühle in Ihr Herz zu pflanzen ich setz' nur den Fall – und Sie mich zum unbeschränkten Besitzer dieser Plantage ernennen sollten – ich setz' nur den Fall – selbst dann würde ich immer nur Ihr Knecht sein.

Flora (beiseite) Artig is der Mensch – aber – (laut) Seine Reden sind etwas kühn, etwas vorlaut!

Titus Bitt' untertänig, wenn man sagt: »Ich setz' nur den Fall«, da darf man alles sagen.

Flora Er ist also –

Titus Ein exotisches Gewächs: nicht auf diesem Boden gepflanzt, durch die Umstände ausgerissen und durch den Zufall in das freundliche Gartengeschirr Ihres Hauses versetzt, und hier, von der Sonne Ihrer Huld beschienen, hofft die zarte Pflanze, Nahrung zu finden.

Flora Da fragt es sich vor allem, ob Er die Gärtnerei versteht?

Titus Ich habe Menschenkenntnis, folglich auch Pflanzenkenntnis.

Flora Wie geht denn das zusammen?

Titus Sehr gut! Wer Menschen kennt, der kennt auch die Vegetabilien, weil nur sehr wenig Menschen leben – und viele, unzählige aber nur vegetieren. Wer in der Fruh aufsteht, in die Kanzlei geht, nacher essen geht, nacher präferanzeln geht und nacher schlafen geht, der vegetiert; wer in der Fruh ins G'wölb' geht und nacher auf die Maut geht und nacher essen geht und nacher wieder ins G'wölb' geht, der vegetiert; wer in der Fruh aufsteht, nacher a Roll' durchgeht, nacher in die Prob' geht, nacher essen geht, nacher ins Kaffeehaus geht, nacher Komödie spieln geht, und wenn das alle Tag' so fortgeht, der vegetiert. Zum Leben gehört sich, billig berechnet, eine Million, und das is nicht genug; auch ein geistiger Aufschwung g'hört dazu, und das find't man höchst selten beisammen! Wenigstens, was ich von die Millionär' weiß, so führen fast alle aus millionärrischer Gewinnvermehrungspassion ein so fades, trockenes Geschäftsleben, was kaum den blühenden Namen »Vegetation« verdient.

Flora (beiseite) Der Mensch muß die höhere Gärtnerei studiert haben! (Laut.) So dunkel Sein Kopf auswendig is, so hell scheint er inwendig zu sein.

Titus Sind Ihnen vielleicht die schwarzen Haar' zuwider?

Flora Zuwider? Er Schelm wird nur zu gut wissen, daß ein schwarzer Lockenkopf einem Mann am besten laßt.

Titus (für sich) Die Peruck'n wirkt!

Flora Er will also hier einen Dienst? Gut, Er is aufgenommen. Aber nicht als Knecht! Er zeigt Kenntnisse, Eigenschaften, besitzt ein vorteilhaftes Äußeres –

Titus (für sich) Die Peruckenkraft wirkt heftiger!

Flora Er soll die Aufsicht über das Gartenpersonale haben, Er soll den übrigen Befehle erteilen; Er soll nach mir im Garten der erste sein.

Titus (beiseite) Die Peruck'n hat gesiegt! (Laut.) Ich weiß so wenig, wie ich mich bedanken soll, als ich weiß, wie ich zu solchem Glück komme.

Flora (seine Haare betrachtend) Nein, diese Schwärze, ganz italienisch!

Titus Ja, es geht schon beinahe ins Sizilianische hinüber. Meine Mutter war eine südliche Gärtnerin.

Flora Weiß Er aber, daß Er sehr ein eitler Mensch ist? Mir scheint, Er brennt sich die Locken. (Will mit der Hand nach den Locken fahren.)

Titus (zurückprallend) O, nur net anrühren! Ich bin sehr kitzlich auf 'm Kopf.

Flora Närrischer Mensch! – Unter anderm aber, in diesem Anzug kann ich Ihn der gnädigen Frau nicht vorstellen.

Titus Also gilt bei Ihnen das Sprichwort: »Das Kleid macht den Mann«, das Sprichwort, durch welches wir uns selbst so sehr vor die Schneider herabsetzen und welches doch so unwahr ist! Denn wie viele ganze Kerls gehn mit zerissene Röck' herum.

Flora Aber der Anzug hat so gar nix, was einem Gartner –

Titus O, der Anzug hat nur zuviel Gärtnerartiges: er is übersät mit Fleck', er is aufgegangen bei die Ellbögen und an verschiedenen Orten. Weil ich nie ein Paraplü trag', wird er auch häufig begossen, und wie er noch in der Blüte war, hab' ich ihn oft wie eine Pflanze versetzt.

Flora Das is dummes Zeug! (Nach der Türe rechts deutend.) Geh' Er durch das Zimmer in die Kammer hinein! In der Truhen, wo der Zwiefel liegt, find't Er den Hochzeitsanzug von mein' seligen Mann.

Titus Das Hochzeitskleid des Verblichenen soll ich anziehen? Hören Sie – (fährt sich kokett mit der Hand durch die Locken) da kann ich nichts davor, wenn Gefühle erwachen, die –! (Sieht sie bedeutungsvoll an und geht durch die Seitentür rechts ab.)

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