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Der Talisman

Johann Nestroy: Der Talisman - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Talisman
pages147-226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Siebente Szene

Titus (allein, Plutzerkern mit stummen Ärger nachsehend)

Titus Ich bin entwaffnet! Der Mensch hat so etwas Dezidiertes in seiner Grobheit, daß es einem rein die Red' verschlagt. Recht freundlich, recht liebreich kommt man mir entgegen! In mir organisiert sich aber auch schon Misanthropisches – ja – ich hass' dich, du inhumane Menschheit, ich will dich fliehen, eine Einöde nehme mich auf, ganz eseliert will ich sein! – Halt, kühner Geist, solcher Entschluß ziemt dem Gesättigten, der Hungrige führt ihn nicht aus. Nein, Menschheit, du sollst mich nicht verlieren. Appetit is das zarte Band, welches mich mit der verkettet, welches mich alle Tag' drei-, viermal mahnt, daß ich mich der Gesellschaft nicht entreißen darf. – (Nach rechts sehend.) Dort zeigt sich ein Individuum und treibt andere Individuen in ein Stallerl hinein, Ganseln sind's – Ganseln! – O Hüterin, warum treibst du diese Ganseln nicht als a brat'ner vor dir her, ich hätt' mir eines als Zwangsdarlehen zugeeignet.

Achte Szene

Titus, Salome (von rechts auftretend, ohne Titus zu bemerken, hat einen großen halben Laib Brot und ein Messer in der Hand)

Salome Ich muß trinken, mi druckt's im Magen. (Sie geht zum Brunnen und trinkt.)

Titus (für sich) Die druckt's im Magen! O, könnt' ich dieses selige Gefühl mit ihr teilen!

Salome (ihn bemerkend, für sich) Ein fremder junger Mensch – und die schönen Haar', grad wie ich!

Titus (für sich) Bin neugierig, ob die auch »rote Rub'n!« sagt. (Laut) Grüß' dich Gott, wahlverwandtes Wesen!

Salome Gehorsamste Dienerin, schöner Herr!

Titus (halb für sich) Die findt't, daß ich schön bin, das ist die erste unter allen –

Salome O, hören S' auf, ich bin die letzte hier im Ort, ich bin die Ganselhüterin, die arme Salome.

Titus Arm? Ich bedaure dich, sorgsame Erzieherin junger Gänse! Deine Kolleginnen in der Stadt sind viel besser daran, und doch erteilen sie häufig ihren Zöglingen in einer Reihe von Jahren eine nur mangelhafte Bildung, während du die deinigen alle Martini vollkommen ausgebildet für ihren schönen Beruf der Menschheit überlieferst.

Salome Ich versteh' Ihnen nit, aber Sie reden so schön daher wer is denn Ihr Vater?

Titus Er ist gegenwärtig ein verstorbener Schulmeister.

Salome Das ist schön! Und Ihre Frau Mutter?

Titus War vor ihrem Tod längere Zeit verehelichte Gattin ihres angetrauten Gemahls.

Salome Ah, das is schön!

Titus (für sich) Die find't alles schön, ich kann so dumm daherreden, als ich will.

Salome Und darf man Ihren Namen wissen – wenigstens den Taufnamen?

Titus Ich heiß' Titus.

Salome Das is ein schöner Nam'.

Titus Paßt nur für einen Mann von Kopf.

Salome Aber so selten is der Nam'!

Titus Ja, und ich hör', er wird bald ganz abkommen. Die Eltern fürchten alle, sich in Zukunft zu blamieren, wenn sie die Kinder so taufen lassen.

Salome Und lebendige Verwandte haben Sie gar keine?

Titus O ja! Außer den erwähnten Verstorbenen zeigen sich an meinem Stammbaum noch deutliche Spuren eines Herrn Vetters, aber der tut nix für mich.

Salome Vielleicht hat er nix.

Titus Kind, frevele nicht, er ist Bierversilberer, die haben alle was! Das sein gar fleißige Leut'; die versilbern nicht nur das Bier, sie vergolden auch ihre Kassa.

Salome Haben Sie ihm vielleicht was getan, daß er Ihnen nit mag?

Titus Sehr viel, ich hab' ihn auf der empfindlichsten Seite angegriffen. Das Aug' ist der heiklichste Teil am Menschen, und ich beleidige sein Aug', so oft er mich anschaut, denn er kann die roten Haar' nit leiden.

Salome Der garstige Ding!

Titus Er schließt von meiner Frisur auf einen falschen, heimtückischen Charakter, und wegen diesem Schluß verschließt er mir sein Herz und seine Kassa.

Salome Das ist abscheulich!

Titus Mehr dumm als abscheulich. Die Natur gibt uns hierüber die zarteste Andeutung. Werfen wir einen Blick auf das liebe Tierreich, so werden wir finden, daß die Ochsen einen Abscheu vor der roten Farb' haben, und unter diesen wieder zeigen die totalen Büffeln die heftigste Antipathie – welch ungeheure Blöße also gibt sich der Mensch, wenn er rote Vorurteile gegen die rote Farb' zeigt!

Salome Nein, wie Sie g'scheit daherreden! Das sähet man Ihnen gar nit an.

Titus Schmeichlerin! Daß ich dir also weiter erzähl' über mein Schicksal! Die Zurückstoßung meines Herrn Vetters war nicht das einzige Bittere, was ich hab' schlucken müssen. Ich hab' in dem Heiligtum der Lieb' mein Glück suchen wollen, aber die Grazien haben mich für geschmackswidrig erklärt. Ich hab' in den Tempel der Freundschaft geguckt, aber die Freund' sind alle so witzig, da hat's Bonmots g'regnet auf mein' Kopf, bis ich ihn auf ewige Zeiten zurückgezogen hab'. So ist mir ohne Geld, ohne Lieb', ohne Freundschaft meine Umgebung unerträglich word'n; da hab' ich alle Verhältnisse abg'streift, wie man einen wattierten Kaput auszieht in der Hitz', und jetzt steh' ich in den Hemdärmeln der Freiheit da.

Salome Und g'fallt's Ihnen jetzt?

Titus Wenn ich einen Versorgungsmantel hätt', der mich vor dem Sturm der Nahrungssorgen schützet –

Salome Also handelt es sich um ein Brot? Na, wenn der Herr arbeiten will, da laßt sich Rat schaffen. Mein Bruder is Jodel hier, sein Herr, der Bäck, hat eine große Wirtschaft, und da brauchen s' ein' Knecht –

Titus Was? Ich soll Knecht werden? Ich? Der ich bereits Subjekt gewesen bin?

Salome Subjekt? Da hab'n wir auch ein' g'habt, der das war, der is aber auf 'm Schub fort'kommen.

Titus Warum?

Salome Weil er ein schlechtes Subjekt war, hat der Richter g'sagt.

Titus Ah, das is ja nit so. Um aber wieder auf deinen Brudern zu kommen – (auf den Brotlaib, den Salome trägt, deutend) hat er dieses Brot verfaßt?

Salome G'wiß war er auch dabei, wie der Laib – natürlich als Jodel.

Titus Ich möcht' doch sehen, wie weit es dein Bruder in dem Studium der Brotwissenschaft gebracht hat.

Salome Na, kosten Sie's! Es wird Ihnen aber nicht behagen. (Sie schneidet ein sehr kleines Stück Brot ab und gibt es ihm.)

Titus (essend) Hm – es ist –

Salome Mein' Ganseln schmeckt's wohl, natürlich, 's Vieh hat keine Vernunft.

Titus (für sich) Der Stich tut weh: mir schmeckt's auch.

Salome Na, was sagen S'? Nit wahr, 's is schlecht?

Titus Hm! Ich will deinen Brudern nicht so voreilig verdammen. Um ein Werk zu beurteilen, muß man tiefer eindringen. (Nimmt den Brotlaib und schneidet ein sehr großes Stück ab.) Ich werde prüfen und dir gelegentlich meine Ansichten mitteilen. (Steckt das Stück Brot in die Tasche.)

Salome Also bleiben S' doch noch ein' Zeit da bei uns? Das is recht! Den Stolz muß man ablegen, wenn man nix hat! Und 's wird Ihnen recht gut gehn da, wenn Ihnen nur der Bäck aufnimmt.

Titus Ich hoffe alles vom Jodel seiner Protektion.

Salome Es wird schon gehn. (Nach links in den Hintergrund sehend und erschreckend.) Sie, da schaun S' hin!

Titus (hinsehend) Das Pirutsch? – 's Roß lauft dem Wasser zu – Million, alles is hin! (Rennt im Hintergrund links ab.)

Neunte Szene

Salome (allein)

Salome Er wird doch nicht gar? – Er rennt hin – wenn ihm nur nichts g'schicht – er packt 's Pferd – 's reißt ihn nieder! (Aufschreiend.) Ah! 's Pferd steht still – er hat's aufgehalten – das is a Teuxelsmensch! Ein Herr steigt aus 'm Wagen – er kommt daher mit ihm. Ah, das muß ich gleich dem Bäcken erzählen! Wenn er das hört, nimmt er den Menschen g'wiß! (Läuft rechts ab.)

Zehnte Szene

Monsieur Marquis, Titus

Marquis Ah! Der Schreck steckt mir noch in allen Gliedern.

Titus Belieben sich da ein wenig niederzusetzen!

Marquis (sich auf eine Steinbank setzend) Verdammter Gaul, ist in seinem Leben noch nicht durchgegangen!

Titus Belieben vielleicht eine Verrenkung zu empfinden?

Marquis Nein, mein Freund.

Titus Oder belieben vielleicht sich einen Arm gebrochen zu haben?

Marquis Gott sei Dank, nein!

Titus Oder belieben vielleicht eine kleine Zerschmetterung der Hirnschale?

Marquis Nicht im geringsten – auch hab' ich mich bereits erholt, und nichts bleibt mir übrig, als Ihnen Beweise meines Dankes –

Titus O, ich bitte

Marquis Drei junge Leute standen da, die mich kennen, die schrien aus vollem Halse. »Monsieur Marquis! Monsieur Marquis! Der Wagen stürzt ins Wasser!«

Titus Was? – Ein' Marquis hab' ich gerettet? – Das is was Großes!

Marquis (in seiner Rede fortfahrend) Aber hilfreiche Hand leistete keiner! Da kamen Sie als Retter herbeigeflogen –

Titus Allgemeine Menschenpflicht!

Marquis Und gerade im entscheidenden Moment –

Titus Besonderer Zufall!

Marquis (aufstehend) Ihr Edelmut setzt mich in Verlegenheit Ich weiß nicht, wie ich meinen Dank – mit Geld läßt sich so eine Tat nicht lohnen –

Titus O, ich bitt', Geld ist eine Sache, die –

Marquis Die einen Mann von solcher Denkungsart nur beleidigen würde!

Titus Na, jetzt, sehen Sie – das heißt –

Marquis Das heißt den Wert Ihrer Tat verkennen, wenn man sie durch eine Summe aufwiegen wollte.

Titus Es kommt halt drauf an –

Marquis Wer eine solche Tat vollführt! Es hat einmal einer – ich weiß nicht, wie er geheißen hat – einem Prinzen – ich weiß nicht, wie er geheißen hat – das Leben gerettet; der wollte ihn mit Diamanten lohnen, da entgegnete der Retter: »Ich finde in meinem Bewußtsein den schönsten Lohn!« Ich bin überzeugt, daß Sie nicht weniger edel denken als der, wo ich nicht weiß, wie er geheißen hat.

Titus Es gibt Umständ, wo der Edelmut –

Marquis Auch durch zu viele Worte unangenehm affiziert wird, wollten Sie sagen? Ganz recht; der wahre Dank ist ohnedies stumm. Drum gänzliches Stillschweigen über die Geschichte!

Titus (für sich) Der Marquis hat ein Zartgefühl – wenn er ein schundiger Kerl wär', hätt' ich grad 's nämliche davon.

Marquis (Titus' Haare scharf betrachtend) Aber, Freund, ich mache da eine Bemerkung – hm, hm – das kann Ihnen in vielem hinderlich sein.

Titus Mir scheint, Euer Gnaden is mein Kopf nicht recht – ich hab' kein' andern und kann mir kein' andern kaufen.

Marquis Vielleicht doch – ich werde – ein kleines Andenken müssen Sie doch von mir – warten Sie einen Augenblick! (Läuft im Hintergrunde links ab.)

Elfte Szene

Titus (allein)

Titus Es hat nix g'fehlt, als daß er aus Dankbarkeit: »Rote Rub'n!« g'sagt hätt'. Das ist ein lieber Marquis! – Was tut er denn? (In die Szene sehend.) Er rennt zum Pirutsch – er sucht drin herum – »Andenken« hat er g'sagt? Auf d' Letzt macht er mir doch ein wertvolles Präsent! – Was is denn das? A Hutschachtel hat er herausg'nommen – er läuft her damit – er wird mir doch nicht für das, daß ich sein junges Leben gerettet hab', einen alten Hut schenken?

Zwölfte Szene

Titus, Marquis

Marquis (mit einer Schachtel) So, Freund, nehmen Sie das, Sie werden's brauchen! Die gefällige äußere Form macht viel – beinahe alles – es wird Ihnen nicht fehlen. Hier ist ein Talisman, (gibt ihm die Schachtel) und mich wird's freuen, wenn ich der Gründer Ihres Glücks war. Adieu, Freund! Adieu! (Eilt in den Hintergrund links ab.)

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