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Der Talisman

Johann Nestroy: Der Talisman - Kapitel 12
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Talisman
pages147-226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Verwandlung

Gartensaal im Schlosse mit Bogen und Glastüren im Hintergrunde, welche die Aussicht auf eine Terrasse und den mondbeleuchteten Garten eröffnen, rechts und links eine Seitentür. Lichter auf den Tischen zu beiden Seiten

Zwölfte Szene

Constantia (allein, aus der Seitentüre rechts)

Constantia Wer hätte dem Friseur das zugetraut! Mit einem stolz hingeworfenen: »Adieu, Madame!« hat er sich für immer losgesagt von mir! Eine gewöhnliche Witwe könnte das außer Fassung bringen, mich, Gott sei Dank, kostet es nur einen Blick, und ein anderer Bräutigam, Monsieur Titus, liegt zu meinen Füßen. Wenn nur die gnädige Frau, die sich so gütig der Sache annimmt, den alten Spießbürger schon herumgekriegt hätte, daß er Titus als seinen Erben erklärt!

Dreizehnte Szene

Constantia, Frau von Cypressenburg

Frau von Cypressenburg (aus der Seitentüre links kommend) Constanze –

Constantia (ihr entgegeneilend) Euer Gnaden!

Frau von Cypressenburg Es geht nicht!

Constantia Wär's möglich?

Frau von Cypressenburg Ich habe mich eine halbe Stunde abgequält mit dem Manne, aber seine lederne, wasserdichte Seele ist undurchdringlich für den Tau der Beredsamkeit. Er will ihn etablieren, weiter nichts, auf Erbschaft hat er keine Hoffnung.

Constantia Hm! Sehr fatal! Ich glaubte, es würde so leicht gehen, habe schon den Notarius Falk, der heraußen seine Sommerwohnung hat, rufen lassen – versuchen wir es nochmal, gnädige Frau, setzen wir ihm beide zu!

Frau von Cypressenburg Wenn du glaubst! Ich habe dich heute aus Übereilung sehr ungerecht behandelt und will das durch wahre mütterliche Sorgfalt wieder gutmachen.

Constantia (ihr die Hand küssend) Sie sind so überaus gnädig –

Frau von Cypressenburg (indem sie, von Constantia begleitet, in die Seitentüre links abgeht) Ich habe aber wenig Hoffnung. Es müßte nur sein, daß das Wiedersehn seines Neffen –

Constantia Der muß jeden Augenblick hier sein. (Beide in die Seitentür links ab.)

Vierzehnte Szene

Konrad (führt Titus, welcher die graue Perücke aufhat, durch die Glastür von der Terrasse in den Saal)

Titus (im Eintreten) Aber, so sag' Er mir nur –

Konrad Ich darf nix sag'n! (Ihn erstaunt anglotzend.) Aber was is denn das? Sie haben ja eine graue Perücken auf.

Titus Geht Ihn das was an? Ich bin herb'stellt, meld' Er mich, und damit Punktum!

Konrad Na, gleich, gleich! (Geht in die Seitentüre links ab.)

Fünfzehnte Szene

Titus (allein), später Konrad (zurück)

Titus (allein, aufs Herz deutend) Es wird mir a bißl an Stich da geben, wenn ich die Constantia sehe. Ach, nur dran denken, wie sie g'sagt hat: »Ach, wie abscheulich sieht er aus!« So eine Erinnerung is ein Universalmittel gegen alte Bremsler. Sie soll Kammerfrau bleiben, wo sie will, meine Herzenskammern, die bezieht sie nicht mehr, die verlass' ich an einen ledigen Jungg'sellen, und der heißt: »Weiberhaß!«

Konrad (tritt ein)

Titus (zu ihm) Hat Er mich angemeldet?

Konrad Nein, die gnädige Frau diskutiert, und da darf man sie nicht unterbrechen.

Titus Aber ich bin ja –

Konrad Keine Ungeduld! Wart' der Herr da, oder – (nach rechts deutend) in dem Zimmer drin. In einiger Zeit werd' ich sehn, ob es Zeit sein wird, Ihn zu melden. (Rechts ab.)

Sechzehnte Szene

Titus (allein)

Titus Fahr ab, du bordierte Befehlerfüllungsmaschine! Das is auch einer aus der g'wissen Sammlung – das Leben hat eine Sammlung von Erscheinungen, die wahrscheinlich von sehr hohem Wert sind, weil sie den Ungenügsamsten zu der genügsamen Äußerung hinreißen: »Da hab' ich schon g'nur!«

Lied

1.
          's kommt ein' einer ins Zimmer, man fragt, was er will?
»Ich bitt' um Unterstützung, hab' Unglück g'habt viel;
Such' Beschäftigung, doch 's is alles b'setzt überall,
Ich bin kränklich, war jetzt erst zehn Woch'n im Spital!«
Dabei riecht er von Branntwein in aller Fruh'-
Na, da hab' ich schon g'nur, na, da hab' ich schon g'nur!
2.
»Die G'schicht' wird mir z' auffallend schon!« schreit der Mann.
»Ich weiß nicht, was d' hast«, lispelt d' Frau, »hör' nur an,
Daß der Mensch mir so viel zarte Achtung erweist,
Das g'schieht aus Bewunderung nur für mein' Geist,
Das, was du für Liebe hältst, ist Freundschaft nur!«
Na, da hab' ich schon g'nur, na, da hab' ich schon g'nur!
3.
A Madl hat ein' Burnus mit kirschrote Quasten;
Ich parier', sie hat battistene Wäsch' in ihr'm Kasten,
's Kleid is von Asphalt, nach dem neuesten Schnitt;
Drauf kommt s' zu ein' Lackerl, drüber macht s' einen Schritt,
Bei der G'leg'nheit geht ihr der Rock etwas vur –
Na, da hab' ich schon g'nur, na, da hab' ich schon g'nur!
4.
Ich vergaff' mi in a Madl, ganz einfach gekleid't,
Ich begehr's von die Eltern, war'n recht rare Leut';
Sie sag'n gleich: »Da hab'n Sie's, 's kann Hochzeit sein morgen,
Nur müssen Sie uns auch als d' Eltern versorgen,
Die elf G'schwistert, die brauchen S' ins Haus z'nehmen nur!«
Na, da hab' ich schon g'nur, na, da hab' ich schon g'nur!
5.
Vor mir red'n zwei Fräul'n, war a g'spaßigs Gewäsch,
Ich hör': »Oui« und »Peut-être« – 's war richtig Französch:
»Allez vous aujourd'hui au théâtre, Marie?«
»Nous allons«, sagt die andre, »au quatrième Galerie,
J'ai allée avec Mama au théâtre toujours«
Na, da hab' ich schon g'nur, na, da hab' ich schon g'nur!
6.
»Ich geh' zum Theater!« hat mir einer g'sagt.
»Als was woll'n S' denn 's erstemal spiel'n?« hab' i g'fragt.
»Ich spiel' gleich den Hamlet, denn ich bin ein Genie.
Gib dann den Don Carlos als zweites Debut.
So wie ich hab'n sie kein' in der Burg, gar ka Spur!«
Na, da hab' ich schon g'nur, na, da hab' ich schon g'nur!

(Durch die Seitentür links ab.)

Siebzehnte Szene

Frau von Cypressenburg, Constantia, dann Titus

Frau von Cypressenburg Wo er nur so lange bleibt?

Constantia Georg sagte mir doch –

Titus (aus der Seitentür rechts) Meinen Euer Gnaden mich?

Frau von Cypressenburg Ah, da sind Sie ja – Sie werden staunen!

Constantia (mit Verwunderung Titus' graue Perücke bemerkend und Frau von Cypressenburg darauf aufmerksam machend) Gnädige Frau! Sehen Sie doch –

Frau von Cypressenburg Was ist denn das?

Titus (auf seine Perücke deutend) Diese alte Katherl war die einzige, deren ich mich bemächtigen konnte. Ich benütze sie, um die Ihre Nervensystem verletzende Couleur zu verdecken.

Frau von Cypressenburg Hm, so arg ist es nicht, ich bin nur manchmal so kindisch.

Titus Kindisch? Diese Eigenschaft sieht Ihnen der schärfste Menschenkenner nicht an.

Constantia Rote Haare stehen im Grunde so übel nicht!

Titus (erstaunt) Das sagen Sie, die noch –?

Frau von Cypressenburg Jetzt legen Sie aber schnell die Perücke ab, denn es wird jemand –

Constantia (Spund bemerkend, welcher bereits aus der Seitentür links getreten ist) Zu spät, da ist er schon!

Frau von Cypressenburg (zu Spund) Hier Ihr Neffe, Herr Spund! (Geht in die Seitentür links ab.)

Constantia (für sich) Jetzt mag er sehen, wie er mit ihm zurecht kommt! (Folgt der Frau von Cypressenburg.)

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