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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 7
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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IV. Ruths Tod.

Trotz all ihrer Fröhlichkeit und Lieblichkeit war Naomi doch eine Last, welche allein die Liebe ertragen konnte. Den ganzen Tag an das Kind zu denken, nachts von ihr zu träumen, nie um sie zu sein, ohne ihre Hilflosigkeit schmerzlich zu empfinden, sie nie zu verlassen ohne Angst vor irgend welchem Unfall, der ihr so leicht zustoßen konnte, für sie sehen, hören, sprechen zu müssen, – wahrlich der Druck dieser Last war fürchterlich.

Ruth erlag darunter. Sieben lange Jahre war sie dem Kinde Auge und Ohr und Zunge gewesen. Da begann ihr Gesicht plötzlich trübe zu werden, und ihr Gehör nahm ab. Es war fast, als habe sich beides in sehnsüchtiger Liebe und Erbarmen mit Naomi verzehrt. Bald nachher fing auch ihre Körperkraft an zu schwinden, und sie erkannte, daß ihre Zeit, die Last auf immer niederzulegen, gekommen war. Aber diese Last war ihr teuer geworden, und ihr Herz hing daran. Sie konnte Naomi nicht ansehen und es ausdenken, daß sie, welche von Anfang an ihre ganze Kraft für das Kind eingesetzt hatte, es nun der Liebe und Pflege anderer überlassen sollte. So begab sie sich in eines der oberen Zimmer und gab Fatima und Habiba strengen Befehl, Naomi durchaus von ihr fern zu halten, damit der Anblick des hilflosen, fröhlichen Antlitzes ihres Kindes ihre Seele nicht mehr in Versuchung führen möchte.

Dort in ihrer Sterbekammer saß Israel fast beständig bei ihr, mit stillgefaßtem Antlitz. Leisen Schrittes trat er ein, und ebenso ging er hinaus. Er war beharrlicher als ein Sklave und zärtlicher als ein Weib. Seine Liebe war unendlich, zugleich aber zerrissen ihm Selbstvorwürfe das Herz. Die Wurzel seines Kummers war das Kind. Er sprach nie von ihr, und auch Ruth vermied es, ihren Namen auszusprechen. Dennoch dachten sie kaum an etwas anderes, wenn sie so nebeneinander saßen.

Doch selbst wenn sie Lust gehabt hätten, von dem Kinde zu reden, was hätten sie von ihr sagen sollen? Sie hatten keine Erinnerungen an süßes Kindergeschwätz, an drolliges Radebrechen und holdes Lallen – nichts konnten sie aus der Ernte vergangener Tage hervorholen, nichts von all dem köstlichen Reichtum, der in dem Herzensschatz glücklicher Eltern aufgespeichert liegt. In dieser Richtung lag alles wüste. Jedesmal, wenn Israel ins Zimmer trat, fragte Ruth wohl: »Wie geht es dem Kinde?« und jedesmal erwiderte er: »Sie ist ganz munter.« Wenn aber in solchen Augenblicken Naomis Lachen aus dem Patio, wo sie mit Ali spielte, heraufschallte, verhüllten sie ihre Angesichter und schwiegen.

Es war ein wehmutvolles Scheiden. Niemand kam zu ihnen – weder Maure noch Jude, weder Rabbi noch Ältester. Die müßigen Weiber der Mellah standen zuweilen draußen auf der Straße und blickten zu Israels Hause empor; sie wußten, daß das schwarze Kamel des Todes vor der Thür kniete. Andere Gesellschaft hatten sie nicht. In solcher Einsamkeit brachten sie vier Wochen zu, und als das Ende nahe schien, las Israel seinem Weibe das Gebet für die Sterbenden, das Gebet Schema Jisrael, vor und Ruth sprach leise Wort für Wort nach.

Während Ruth oben lag, tollte und spielte die kleine Naomi im Hofe mit Ali, aber sie vermißte ihre Mutter immerfort. Sie gab dies durch mancherlei stumme Äußerungen hilfloser Liebe, die sich in Worten nicht kundgeben kann, zu verstehen. So legte sie auf den Platz, wo ihre Mutter zu sitzen pflegte, Blumen, und wenn sie diese Abends unberührt fand, dann wurde ihr Gesichtchen ernst, und das Lachen erstarb auf ihrer Lippe; waren sie aber verwelkt, und es hatte sie jemand in den Ofen geworfen, dann lachte sie wieder und holte frische Blumen vom Felde, bis das Haus voll war vom Duft der Wiesen und dem Geruch der Hügel.

Und die es mit ansahen, wußten wohl, wen sie vermißte, und welche Frage ihr auf der Zunge schwebte; doch wie konnten sie ihr antworten? Keine Möglichkeit das zu thun, bis sie selbst den Weg zur Frage fand.

Diesen Weg fand sie eines Tages, als bereits das Ende herannahte. Es war Abend, Habiba brachte sie zu Bette, und sie hatte sich gerade von ihrer unschuldigen Gebetspantomime neben Ali erhoben, als Israel in die Kinderstube trat. Da berührte Naomi den Stuhl, auf dem Ruth sonst gesessen hatte, mit der Hand, legte dann ihren Kopf auf das Kissen, erhob sich und legte sich von neuem, wiederholte dies mehrere Male, kam dann zu ihrem Vater und blieb erwartungsvoll vor ihm stehen. Da wußte Israel, daß die Seele seines hilflosen Kindes ihn gefragt hatte, so deutlich, wie keine Zunge es deutlicher vermöchte, wie oft sie noch abends schlafen gehen und morgens zum Spielen aufstehen müsse, ehe ihre Mutter wieder zu ihr käme.

Thränen stürzten ihm aus den Augen. Er verließ die Kinder und kehrte zu seiner Frau zurück.

»Ruth,« rief er »ich bitte dich, rufe das Kind zu dir!«

»Nein, nein, nein!« erwiderte Ruth.

»Laß sie nur zu dir kommen, dich küssen und bei dir sein, ehe es zu spät ist,« sagte Israel. »Sie bangt sich nach dir, und erfüllt das Haus mit Blumen für dich. Es bricht mir das Herz, sie anzusehen!«

»Es wird das meinige auch brechen,« sagte Ruth.

Aber sie erlaubte doch, daß Naomi gerufen wurde, und Fatima mußte sie holen.

Die Sonne war im Untergehen. Ihre scheidenden Strahlen glitten über die ferne, nebelumwobene Ebene, die blühenden Orangengärten, über die Wellen des Flusses, und ein breiter Strom goldenen Lichtes drang durch das nach Westen hinaus gelegene Fenster des Krankenzimmers. Einen Augenblick leuchtete er auf Ruths Gesicht. Wie blaß und abgezehrt es aussah! – Durch das andere Fenster, das über die Mellah hinweg die Aussicht auf die Stadt und den Marktplatz nach der Moschee und der Batterie drüben auf dem Berge gewährte, ertönte aus den dunkelnden Straßen das Geräusch der Tritte herauf und das Stimmengewirr einer großen Volksmenge. Die Juden Tetuans zogen in Haufen nach ihrem kleinen Stadtviertel, um sich darin von ihren maurischen Herren für die Nacht einsperren zu lassen.

Naomi war schon zu Bett, und Fatima führte sie in ihrem Nachtröckchen nach oben. Sie schien zu wissen, wohin man sie bringen wollte, denn sie lachte und tanzte an Fatimas Hand auf dem Wege zu dem Zimmer ihrer Mutter. An der Thür desselben verstummte indes ihr Jauchzen plötzlich, und ihr Gesichtchen wurde ernsthaft, als ob irgend etwas in der Nähe des Ortes, an dem das Leid wohnte, die ihr gebliebenen Sinne peinlich berührte.

Daß kein Gruß die Blinden und Tauben je bewillkommnen kann, ist vielleicht eine ihrer schmerzlichsten Erfahrungen. Als Naomi wie eine kleine weiße Erscheinung auf der Schwelle des Zimmers stand, nahm Israel schweigend ihre Hand und führte sie an das Lager, auf dem ihre Mutter ruhte, und schweigend zog Ruth das Kind an ihre Brust.

Eine Sekunde lang schien Naomi verwirrt. Sie befühlte ihrer Mutter Finger, und fand sie verändert, denn sie waren lang und mager geworden. Dann betastete sie ihr Gesicht, und das war auch verändert, denn es war welk und kalt. Und da der Druck der Hand und das Lächeln des Antlitzes ihr fehlte, wendete sie erst das Köpfchen seitwärts, wie jemand, der angestrengt horcht, und dann entzog sie sich sacht den sie umschlingenden Armen.

Ruth hatte sie mit thränenvollen Augen beobachtet; jetzt brach sie in Schluchzen aus.

»Das Kind kennt mich nicht!« rief sie. »Habe ich dir nicht gesagt, es würde mir das Herz brechen?«

»Versuch's doch noch einmal,« bat Israel; »versuche es noch einmal!«

Ruth verschluckte ihre Thränen und gebot Fatima, ihr das Kind zurückzubringen. Darauf löste sie das Halsband von ihrem Nacken und band es Naomi um, und die Armbänder, die ihre Handgelenke umschlossen, legte sie um des Kindes Ärmchen. Sie that das, um Naomi an die Hände zu erinnern, die immer gütig zu ihr gewesen waren. Aber als das Kind den Schmuck fühlte, schien sie vermöge des raschen weiblichen Instinktes nur zu begreifen, daß sie prächtig ausgeputzt sei, und ohne einen Gedanken an Ruth, welche auf ein Erkennungszeichen, einen Händedruck, oder einen freudigen Kuß harrte und hoffte, entzog sie sich wieder den mütterlichen Armen, sprang mitten ins Zimmer und fing mit einem Male an zu lachen und zu tanzen.

Das verglühende Sonnenlicht, das vorhin auf Ruths abgezehrtem Antlitz gelegen, glitzerte und funkelte jetzt auf den Juwelen des Kindes, leuchtete auf ihren blinden Augen, schimmerte auf ihrem hellen Haar und übergoß ihr weißes Nachthemd mit tiefem Rot, während sie tanzte und lachte an ihrer Mutter Sterbebett. Was wußte das Kind vom Tode? – nicht mehr als Adam, ehe Abel erschlagen war, und es schien fast, als habe ein Höllengeist ihr unschuldiges Herz besessen, auf daß sie sich lustig machen sollte über das Sterben der teuersten Freundin, die sie auf Erden besaß.

Fort und fort tanzte sie ohne Takt und Tempo, und nicht mit dem unsichern Tritt des Kindes, das wie mit der Zunge beim Sprechen, auch bei der Bewegung der Füßchen ungeschickt schwankt, sondern wild und toll. Schon dunkelte es im Zimmer, aber quer durch das untere Ende am Fuße des Bettes glimmte noch der düsterrote Schein, und mitten darin hüpfte und lachte die kleine rotbestrahlte Gestalt.

Mit einem qualvollen Schrei sank Ruth in die Kissen zurück und kehrte die Augen der Wand zu. Die Negerin senkte den Kopf, um nichts zu sehen. Und Israel verhüllte sein Gesicht und stöhnte in thränenlosem Jammer: »O Herr Gott, du hast mich mit Ruten gezüchtigt, und nun werde ich mit Skorpionen gezüchtigt.«

Ruth aber nahm sich schnell wieder zusammen. »Bringt sie mir noch einmal!« stammelte sie; und noch einmal führte Fatima Naomi an das Bett zurück. Dann, indem sie das Kind umarmte und küßte und in ihrer Aufregung ganz vergaß, daß Naomi sie nicht hören konnte, rief Ruth: »Es ist ja deine Mutter, Naomi! Deine Mutter, mein Liebling! – obgleich sie so krank ist und so verändert. Kennst du sie nicht, Naomi? Deine Mutter – deine liebe Mutter, mein Herzblatt – deine Mutter! Sie hat dich so lieb und muß dich jetzt verlassen und wird dich nie wiedersehen!«

Was es war, das in der wilden Klage doch endlich die Seele des Kindes erreichte, weiß nur Gott. Zuerst erblaßten Naomis Wangen bei der Umschlingung der mütterlichen Arme, dann erglühten sie, dann griffen ihre tastenden Finger wieder nach Ruths Händen, der feine Mund bebte plötzlich, endlich aber warf sie sich über Ruth hin und schmiegte sich fest in ihre Arme.

Diesmal sank Ruth mit einem Freudenschrei ins Kissen zurück; die Negerin lehnte sich weinend an die Wand; und auch Israel, unfähig, seine Bewegung länger zurückzuhalten, brach in heiße Thränen aus. Die Sonne war jetzt vollends verschwunden, die Dunkelheit wuchs schnell, denn das Zwielicht jener Lande ist kurz. Schweigend lagen die Straßen da, und der Mudin sang von dem benachbarten Minaret seinen eintönigen Ruf in die Stille hinaus: »Gott ist groß, Gott ist groß!«

Allmählich entschlummerte die Kleine an dem Mutterherzen. Als Fatima es bemerkte, wollte sie Naomi in ihr eignes Bettchen zurücktragen; aber Ruth bat: »Nein, laß sie, ich möchte sie hier behalten, so lange ich kann!«

»Sie soll dir auch von niemand genommen werden,« entschied Israel.

Da blickte sie hinab in des Kindes Antlitz und sagte: »Es ist doch schwer, sie verlassen zu müssen, ohne auch nur einmal ihre Stimme gehört zu haben.«

»Das ist der allerbitterste Kelch,« sagte Israel.

»Ich werde nicht zu ihr zurückkehren,« fuhr Ruth fort, »aber sie wird zu mir kommen, und dann, vielleicht – wer weiß – vielleicht werde ich sie in der Auferstehung hören!«

Israel antwortete nicht.

Wieder schaute Ruth ihr Kind an und sprach: »Mein hilfloser Liebling! Wer wird für dich sorgen, wenn ich nicht mehr bin?«

»Ruhe doch,« sagte Israel – »ruhe und schlafe.«

»Ach ja! ich weiß,« sagte Ruth. »Wie thöricht von mir! Du bist ihr Vater, und du liebst sie auch! Aber doch – versprich mir – versprich –«

»Liebe und Pflege soll ihr nie mangeln,« sagte Israel. »Jetzt aber sollst du stille liegen, geliebte Frau, stille liegen und schlafen.«

Sie streckte die Hand nach ihm aus: »Ja, das meinte ich,« lächelte sie. Dann überflog trotz der Dämmerung ein Schatten ihr Gesicht. »Aber wenn ich fort bin,« flüsterte sie, »wird Naomi dann einmal erfahren, daß ihre Mutter sich an ihr versündigt hat?«

»Du hast dich nicht versündigt,« fiel Israel rasch ein, »hör auf damit, o hör auf!«

»Gott hat uns gestraft um unseres Gebetes willen, Israel,« erwiderte Ruth.

»Stille, stille!« mahnte Israel.

»Aber Gott ist gütig,« fuhr Ruth fort, »und wahrlich, er wird unser Kind nicht sehr lange mehr heimsuchen.«

»St! st! du wirst sie aufwecken,« mahnte Israel, ohne selbst recht zu wissen, was er sagte. »Liege jetzt stille, du Liebe, damit du einschläfst. Du bist müde.«

Sie lag eine Zeitlang ruhig und betrachtete das Antlitz des schlummernden Kindes. Dann, als es ganz dunkel wurde, horchte sie auf Naomis leise Atemzüge und murmelte mit kindischer Freude: »Ja, ja, Vater hat recht, und Mutter muß stille liegen – ganz stille, damit ihre kleine Naomi lange schlafen kann – sehr lange und morgens vergnügt und munter aufwachen – wie hübsch wird sie aussehen! Wie frisch und rosig!«

Sie hielt einen Augenblick inne und atmete rasch und mühsam. »Aber, werde ich da sein und sie sehen? Werde ich?«

Wieder hielt sie inne, und dann, als wolle sie die grübelnden Gedanken vertreiben, begann sie mit leiser Stimme zu singen. Es klang wie ein Seufzen. Dann brach sie ab und sprach wieder, aber diesmal in gebrochenen Flüstertönen.

»Wie weich und glänzend ihr Haar ist! Ob wohl Fatima daran denken wird, es täglich zu waschen? Sie muß es um die Finger rollen, damit es sich hübsch lockt ... O warum machte Gott mein Kind so schön? ... Da fällt mir ein ... ihr Morgenröckchen muß an den Ärmeln ausgebessert werden; es wäre ein Wunder, wenn Habiba daran gedacht hätte. Auch ihr Unterzeug ... Ob sie wohl immer blind und stumm bleiben wird? Ob ich sie wohl sehen werde, wenn ich ... man sagt, die Engel werden gesendet ... ja, ja, so ist's; wenn ich dort sein werde ... dort ... dann will ich vor Gott hintreten und flehen: O Herr! mein Töchterchen, die ich verlassen habe, sie ist ... du kannst dir nicht vorstellen, Herr, was alles solch einem Kinde zustoßen kann. Laß mich gehen – laß mich über sie wachen – o Herr, laß mich ihren Schutz ...«

Ihre Schwäche hatte sie überwältigt, und sie war endlich stille. Israel saß schweigend neben dem Bette. Sein Herz wogte auf und ab in seiner Brust, als wollte es ihn ersticken. Die Schwarze lehnte an der Wand. Nach einer Weile erwachte Ruth, wie aus einem Schlafe. Sie war in großer Aufregung.

»Israel, Israel!« rief sie freudig. »Ich habe ein Gesicht gesehen. Es war Naomi. Sie war aber nicht mehr blind und stumm! Sie war erwachsen, aber ich erkannte sie doch sofort; ein junges Mädchen war sie und so schön, so schön! Ja, und sie konnte sehen, hören und sprechen!«

Israel fürchtete, Ruth phantasiere und versuchte, sie zu beschwichtigen, aber ihre Erregung ließ sich nicht unterdrücken. »Der Herr hat unsere Thränen angesehen, endlich, endlich!« rief sie. »Er hat unsere Sünde unter seine Füße gethan. Uns ist alles vergeben! Es wird noch alles gut werden mit dem Kinde!«

Israel versuchte nicht, ihr zu widersprechen, und beim Anblick und Anhören ihrer Freude, die ihm so lieblich däuchte, und die er doch für so eitel hielt, konnte er sich nicht enthalten zu weinen. Ruth beruhigte sich allmählich, aber dann nach einer kleinen Weile erwachte sie nochmals wie aus einem Schlummer.

»Jetzt bin ich bereit,« flüsterte sie, »ganz bereit – mein Gott! – ganz – jetzt ganz bereit!«

Dann tastete sie mit ihrer freien Hand in der Dunkelheit nach Israel, der neben ihr saß, berührte seine Stirn, streichelte sie und sagte sehr weich: »Lebewohl, mein teurer Mann!«

Und Israel antwortete ihr: »Lebewohl!«

»Gute Nacht!« flüsterte sie.

Und Israel zog ihre Hand von seiner Stirn an seine Lippen und schluchzte: »Gute Nacht, Geliebte!«

Dann drückte sie die bleichen Lippen auf des Kindes blinde Augen, und in diesem Augenblick kam der Herr zu ihr, und nahm sie hinweg, und sie starb.

Als Lampen ins Zimmer gebracht wurden und Fatima sah, daß das Ende eingetreten war, wollte sie Naomi von Ruths Brust fortnehmen, aber das Kind wachte bei der Berührung auf, klammerte ihre kleinen Finger fest um der toten Mutter Nacken und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Und als sie fühlte, daß die Lippen ihren Lippen nichts zurückgaben, und daß die Arme, welche sie umschlungen hatten, sie nicht mehr festhielten, sondern kraftlos zurücksanken, da klammerte sie sich um so fester an, und große Thränen tropften aus ihren Augen.

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