Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Henry Hall Caine >

Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 4
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
Schließen

Navigation:

I. Israel ben Oliel.

Israel war der Sohn eines jüdischen Bankiers Namens Oliel in Tanger. Seine Mutter Sara war die Tochter eines Bankiers in London. Oliel hatte mit Saras Vater in Geschäftsverbindung gestanden, und war nach England gekommen, um mit seinem Korrespondenten in persönliche Beziehungen zu treten. Der englische Bankier wohnte in der Nähe von Holborn Bars eine Treppe über seinem Geschäftslokal, und Oliel wurde mit seiner Familie bekannt. Dieselbe bestand aus einer Tochter aus erster, und drei Söhnen aus zweiter Ehe, deren Mutter noch lebte. Es war keine sehr glückliche Familie. Augenscheinlich war das Kind der ersten Frau der Stein des Anstoßes in dem Heimwesen der zweiten. Oliel war ein scharfsichtiger Mann. Er erkannte den wunden Punkt; aber die Tochter gefiel ihm. So geschah es, daß er Sara zum Weibe gewann. Als er nach Marokko zurückkehrte, war er um einige tausend Pfund reicher, als da er es verließ, und hatte eine tüchtige und ansehnliche Frau obendrein.

Oliel war ein selbstsüchtiger und verschlossener Mann, dessen Leben im Erwerben aufging, und der nur darauf bedacht war, recht viel einzunehmen und möglichst wenig auszugeben. Sara war eine nervöse, empfindsame kleine Frau, die sich nach Geistes- und Herzensgemeinschaft sehnte. Ihr Mann gewährte ihr von der einen so wenig, wie von der andern; so wurde sie am Ende ebenso schweigsam wie er. Mit den Menschen, die sie in der erwählten neuen Heimat umgaben, sowohl Juden wie Mauren, konnte sie sich nicht befreunden. Sie lernte sogar niemals ihre Sprache.

Zwei Jahre waren vergangen, da gebar sie ihrem Manne ein Kind. Dies war Israel, der so manches Jahr der einsamen Frau ganzes Glück ausmachte. Seinen Vater schien das Ereignis gleichgültig zu lassen. Unbeachtet von ihm wuchs Israel zu einem schlanken hübschen Knaben heran, der rasch auffaßte und eine freundlich heitere Gemütsart zeigte. Aber er mußte eine harte Schule durchmachen. Ein jüdisches Kind in Marokko muß von der Wiege an lernen, daß es nicht als Maure und Mohammedaner geboren ist.

Als der Knabe acht Jahre alt war, nahm sein Vater eine zweite Frau, während seine erste noch lebte. Dies war nicht wider das Gesetz, obwohl in Tanger ungebräuchlich. Diese zweite Heirat, die für Oliel nur eine weitere Geschäftssache war, erschreckte und empörte die arme Sara aufs höchste. Dennoch ertrug sie diese ihr auferlegte Schmach mit allen ihren unvermeidlichen Folgen drei lange Jahre hindurch, welkte aber sichtlich darunter hin. Inzwischen hatte eine zweite Familie begonnen, mit ihr und ihrem Sohne ihres Gatten Haus zu teilen; die Rivalität der Mütter dehnte sich auf die Kinder aus, die Geschlossenheit des Heimwesens war vernichtet, seine Harmonie nicht länger möglich. Endlich verließ Sara ihren Mann und floh zurück nach England. Israel nahm sie mit.

Ihr Vater war gestorben, und ihre Halbbrüder empfingen sie sehr kühl. Sie hatten kein Verständnis für ihre Auflehnung gegen ihres Gatten zweite Heirat. Sie habe in ein fremdes Land geheiratet, nun möge sie sich doch nach seinen Sitten richten! Das brach Sara vollends das Herz. Ihre Gesundheit war seit langem schwankend gewesen, jetzt brach sie ganz zusammen. Innerhalb eines Monats starb sie. Auf ihrem Totenbette befahl sie ihren Sohn der Fürsorge ihrer Brüder und flehte sie an, ihn nicht nach Marokko zurückzuschicken.

Jahrelang führte nun Israel ein düsteres Leben in London. Wenn er auch nicht mehr die offene Verachtung der Mauren, dazu Püffe und Beleidigungen auf der Straße zu erdulden hatte, so mußte er doch lernen, wie bitter das Brot an fremdem Tische schmeckt. Als er noch die Schule hätte besuchen sollen, wurde er schon zu einer untergeordneten Beschäftigung bei der Bank in Holborn Bars verwandt, und als er im Kontor hätte befördert werden sollen, mußte er die Söhne wohlhabender Leute lehren, über ihn emporzusteigen. Das Leben spielte ein loses Spiel mit ihm, und wenn er das Spiel auch gewann, so konnte das nur geschehen um hohen Preis.

So verflossen zwölf Jahre. Israel, nun dreiundzwanzigjährig, war ein hochgewachsener, schweigsamer, sehr gesetzter junger Mann, auf allen Gebieten zu Hause und ein Meister im Rechnen. Während dieser ganzen Zeit hatte sein Vater nicht einmal an ihn geschrieben, noch irgendwie anders von seinem Dasein Notiz genommen, obgleich er von Anfang an durch die Zudringlichkeit seiner Verwandten seinen Aufenthaltsort erfahren hatte. Da kam eines Tages ein Brief, welcher Israel kühl und förmlich mitteilte, daß der Schreiber seit einigen Tagen das Bett hüten müsse und nicht erwarte, je wieder davon aufzustehen; daß die Kinder seiner zweiten Frau jung gestorben wären; daß er allein, und niemand von seinem Fleisch und Blut bei ihm sei, um nach dem Geschäft zu sehen, welches sich deshalb in den Händen Fremder befände, die ihn beraubten; und schließlich, daß, wenn Israel seiner Kindespflicht sich bewußt sei, oder auch nur den Wunsch hätte, sein eignes Interesse wahrzunehmen, er ohne Zeitverlust England verlassen und nach Marokko kommen möchte.

Israel las den Brief ohne die geringste Regung kindlichen Empfindens; dennoch beschloß er dem Ruf zu folgen. Vierzehn Tage später landete er in Tanger. Es war zu spät. Sein Vater war tags zuvor gestorben. Das Wetter war stürmisch gewesen, und das Meer hatte heftig gegen die Küste gebrandet – so war es gekommen, daß gerade während das altersschwache Postschiff, auf dem er fuhr, den ganzen Tag um die Bai herumlavierte in beständiger Furcht, an den halbverfallenen Molen zu scheitern, seines Vaters Leiche auf dem kleinen Judenkirchhof vor der Ostmauer begraben wurde, und seine Vettern und Vetters Vettern bis ins fünfte Glied ohne Zeitverlust und ohne Verschwendung von Zartgefühl sich eilfertig in sein Erbe teilten.

Am folgenden Tage beantragte er als der Erbe seines Vaters beim maurischen Gerichtshof die Herausgabe der väterlichen Hinterlassenschaft. Aber seine Vettern machten dem Kadi ein Geschenk von hundert Thalern, worauf er für einen Betrüger erklärt wurde, der seine Identität nicht beweisen könne. Israel appellierte vom Kadi an die Aolama (gesetzeskundige Männer, welche das Schiedsrichteramt in streitigen Fällen übten) und wies seines Vaters Brief vor, der ihn von London hergerufen hatte; aber die Entscheidung lautete dahin, daß er als Jude nach mohammedanischem Gesetz kein Recht habe, vor einem bürgerlichen Gerichtshof einen Zeugenbeweis anzutreten. Er legte seinen Fall dem britischen Konsul vor; es fand sich aber, daß er keinen Anspruch auf die englische Intervention habe, da er nach Geburt und Abstammung ein Unterthan des Sultans sei. Inzwischen wurde sein Streit mit den Vettern dadurch auf immer beigelegt, daß der Statthalter von Tanger den weisen Schluß zog, Oliel habe weder Erben noch Testament hinterlassen, und alles was er besessen hatte, für den Staatsschatz – das heißt zu seinem, des Statthalters, eignen Gebrauch – in Beschlag nahm.

So fand sich Israel in Marokko ohne jeden Halt, sei es als Jude, Maure oder Engländer, ein Fremdling in seines Vaters Lande und öffentlich als Betrüger gebrandmarkt. Daß er nicht sofort nach England zurückkehrte, bewies, daß er bereits ein Mann von unbeugsamem Geiste war. Überdem hatte die ihm hier widerfahrene Behandlung keineswegs etwas Neues für ihn, es war ihm jederzeit ähnlich ergangen. Aber nichts hatte ihn bisher niederzuwerfen vermocht, wie denn nichts jemals Macht hat, einen charaktervollen Mann zu überwältigen. Aber die Hindernisse und Qualen, welche auf den Geist eines starken Mannes keinen Eindruck machen, bringen oft einen sehr merkbaren auf sein Herz hervor; der Geist triumphiert und erstarkt nach jeder Plage des Lebens, die ihn betroffen, aber das Herz verzehrt sich und verschrumpft.

Weit entfernt davon, Marokko zu verlassen, als alles sich gegen ihn verschworen zu haben schien, sah sich Israel mit vollem Gleichmut nach Mitteln um, seine Niederlassung daselbst zu bewerkstelligen.

Eine günstige Gelegenheit fand sich bald für ihn. Der Statthalter, sei es, daß sein Gewissen ihn beunruhigte, sei es, daß er einen neuen, selbstsüchtigen Plan verfolgte, verschaffte ihm die Stelle des Obersten der Oomana, der Steuerbehörde von Tanger. Er bekleidete dies Amt nur drei Monate lang zur vollen Zufriedenheit des Statthalters, aber zum großen Leidwesen der murrenden Großhändler und Krämer. Denn als der Statthalter von Tetuan, einer größeren Stadt, die eine starke Tagereise östlich von Tanger liegt, davon hörte, daß Israel als Amin von Tanger die Steuereinnahmen in einem halben Jahre verdoppelt hatte, lud er ihn zu sich ein, und bot ihm die Stelle eines Steuerabschätzers an, eine Stelle, die keinen offiziellen Charakter hatte und außerhalb des regulären Beamtentums stand.

Es würde nun eine umständliche Aufgabe sein, zu schildern, welcher Art die Arbeit war, der Israel in seinem neuen Berufe oblag: wie er die Marktgebühren regulierte und einen Mut-hasseb, d. i. einen Marktbeamten, anstellte, um dieselben zu erheben – so und soviel Musumahs für jedes verkaufte Kamel, soviel für jedes Pferd, Maultier, Esel, soviel Fluhs für jedes Huhn und soviel Metkals für den Ankauf und Verkauf jedes Sklaven; wie er die Häuser zählte, von den Gewerben Listen aufstellte, und je nach dem Wert der Geschäfte ihre Steuern bemaß: soviel für Büchsenmacherei, soviel für Weberei, soviel für Gerberei – und so fort die Reihe herunter, große und kleine, gute und schlechte, von den jüdischen Goldschmieden und maurischen Packsattelmachern bis herunter zu den arabischen Wasserträgern und den neunzig öffentlichen Dirnen.

Alles das that er streng nach dem Buchstaben des Gesetzes des Koran, welcher den Sultan berechtigt, den Zehnten zu nehmen von allem und jedem Einkommen; aber es hieße der Wahrheit zu nahe treten, wollte man sagen, daß ihn nicht auch ein verbittertes und gekränktes Herz dazu getrieben hätte. Die Welt hatte ihm kein Erbarmen gezeigt, weshalb sollte er der Welt Erbarmen zeigen? Was Mitleid! Das ist nur ein Name, eine Idee, ein Trugbild. Im wirklichen Leben ist das Mitleid ein unbekanntes Ding. So rechtfertigte sich Israel in allen seinen Maßregeln, wie groß auch die Strenge und Härte sein mochte, mit der sie wirkten.

Und das Volk empfand, daß eine starke Hand auf ihm lag, und fluchte ihr.

»Ya Allah! Allah!« riefen die Mauren. »Wer ist dieser Jude – dieser Sohn der Engländer, daß er uns zum Herrn gesetzt werden sollte?«

Sie murrten wider ihn auf der Straße, warfen ihm finstere Blicke zu, und am Ende beschimpften sie ihn öffentlich. Seit seiner Rückkehr von England hatte er die heimatliche Tracht seines Volkes wieder angelegt, den langen dunklen Kaftan mit einer Schärpe als Gürtel, die schwarzen Pantoffeln und das schwarze, runde Käppchen. Als er nun eines Tages an der großen Moschee vorüber kam, vor deren Thore stets ein Haufe Bettler kauerte, riefen einige ihm herrisch zu, die Füße zu entblößen.

»Hund von einem Juden!« schrieen sie, »es gibt keinen Gott außer Gott! Verflucht sei deine ganze Verwandtschaft! Herunter mit deinen Pantoffeln!«

Er achtete ihrer Befehle nicht, sondern schritt ruhig seines Weges weiter. Da raffte sich ein triefäugiger, grindiger Krüppel empor und schlug ihm mit seiner Krücke die Kappe vom Haupt. Er hob sie wieder auf ohne Blick oder Wort und ging weiter. Am nächsten Morgen aber beim Frühgebet war ein Platz leer vor der Thür der Moschee. Der ihn sonst eingenommen, lag im Verließ der Kasbah!

Wenn die Muselmänner Israel haßten um deswillen, was er für ihren Statthalter that, so haßten ihn die Juden doppelt, darum weil es für einen Mauren geschah.

»Er hat sich unserm Feinde verkauft,« sagten sie, »wider das Wohl seines eignen Volkes.«

In der Synagoge ignorierten sie ihn, und wenn die Stimmen ihrer Leute gesammelt wurden, zählten sie die anderen und übergingen ihn. Er erwiderte ihre Bosheit nicht. Nur in seinen festen Zügen zuckte es bei jeder neuen Beschimpfung, und er trug das Haupt um so höher. Keine Miene zeugte von dem Leiden an jener geheimsten Stelle seines sich verzehrenden Herzens, in die Gottes Auge allein schauen konnte.

Bis hierher hatte er weder Mauren noch Juden mehr angethan, als daß er den Zehnten einzog, den beide ihren Glaubenssätzen gemäß zahlen mußten. Aber jetzt ging er in seinem Verfahren einen Schritt weiter. Eine kleine Gruppe alter Juden, die sämtlich in hohen Ehren bei ihrem Volke standen, Abraham Ohana mit dem Spottnamen der Ferkler, der Sohn eines früheren Rabbiners; Juda ben Lolo, ein Ältester seiner Synagoge, und Ruben Maliki, der Armenpfleger – wurden verhaftet und in die Kasbah geworfen wegen groben, gemeinen Wuchers.

Hierüber geriet das ganze Judenviertel in wilde Aufregung. Die Hand, welche auf ihrem Volke lastete, war eine verwegene und schreckliche Hand. Jeder wußte, wessen Hand es war – es war die Hand des jungen Israel.

Als die drei alten Wucherer sich aus der Kasbah freigekauft hatten, steckten sie die Köpfe zusammen und sagten: »Laßt uns diesen Menschen aus der Mellah Mellah, der marokkanische Ausdruck für Ghetto = Judenviertel. treiben, so wird er aus der Stadt hinweg müssen.« Demzufolge kündigte ihm der Eigentümer des Hauses, das Israel gemietet hatte, unter einem lahmen Vorwande, und alle andern jüdischen Hausbesitzer weigerten sich, ihm ihre Häuser zu vermieten. Doch die Verschwörung mißlang. Auf Befehl des Statthalters mußte ihn der Nadir, der Verwalter des geistlichen Gutes, in eins der Häuser aufnehmen, welche auf der maurischen Seite der Mellah standen und der Moschee gehörten.

Da sie das sahen, steckten die Wucherer abermals die Köpfe zusammen und sprachen: »Laßt niemand aus unserm Volke ihm dienen, so wird ihm das Leben eine Last sein.« Darauf verließen ihn seine beiden jüdischen Dienstboten, und als er Mauren mieten wollte, gab man ihm zur Antwort, daß die Gläubigen einem Ungläubigen nicht dienen dürften. Als er sich dann Neger aus dem Sudan kommen lassen wollte, bedeutete man ihm: ein Jude dürfe keine Sklaven halten. Doch die Verschwörung mißlang noch einmal. Zwei schwarze Sklavinnen Fatima und Habiba wurden im Namen des Statthalters gekauft und Israel zur Verfügung gestellt.

Als es nun endlich offenbar ward, daß Israel auf diese Weise nicht beizukommen war, steckten die gemeinen Wucherer noch einmal die Köpfe zusammen und machten einen Anschlag, der auf seine abergläubische Furchtsamkeit berechnet war und sprachen: »Er ist unser Feind, doch er ist ein Jude! Das Weib, die da eine Prophetin genannt wird, soll ihn verfluchen!« Die, welche man so hieß, Rebekka Bensabbot, war geistesschwach, siebenzig Jahre alt und lebte seit fünfzig Jahren von der Armenkasse, der Ruben Maliki vorstand. Eines Tages trat sie Israel auf der Straße entgegen und verfluchte ihn, nannte ihn einen Sohn Beelzebubs, und weissagte, daß wie durch seine Schuld die Mauern der Kasbah widerhallten von den Seufzern des auserwählten Volkes Gottes, also sollte seine eigne Kraft in denselben gebrochen und seine Stirn in den Staub gebeugt werden. Er stand still, hörte sie bis zu Ende an, und seine starke Lippe bebte ein wenig bei ihren Worten; aber dann lächelte er kalt und ging schweigend seines Weges.

»Die Wolken kränkt es nicht,« dachte er, »wenn Hunde bellen.«

So verunglimpften ihn seine jüdischen Brüder, und so folterten sie ihn; aber es gab doch ein Wesen unter ihnen, das weder das eine noch das andere that. Dies war Ruth, die Tochter ihres obersten Rabbi, David ben Ohana. Sie war jung, schön und Gott hatte ihr großen Liebreiz gegeben und viele jüdische Jünglinge Tetuans hatten vergeblich um ihre Gunst geworben. Von Israels amtlicher Stellung wußte sie wenig, außer daß das Gerücht dieselbe als böse bezeichnete, und über die Thaten, welche ihn zu einem Ausgestoßenen aus seinem Volke und zum Ismael unter den Söhnen Abrahams gemacht hatte, konnte sie sich kein Urteil bilden. Aber was ein weibliches Auge an ihm sehen konnte, ohne die Hilfe anderweitiger Erkenntnis, das sah sie.

Sie hatte ihn in der Synagoge gesehen und bemerkt, daß sein Antlitz edel war und daß er einen feinen Anstand hatte, daß er jung war, aber doch wie einer, der um seine Jugend betrogen und seine ersten Mannesjahre eingebüßt hatte; daß wenn man ihn übersah, auch er die ihm angethane Beleidigung übersah, daß er nicht wieder schalt, wenn er gescholten ward; mit einem Wort, daß er schweigsam, stark und einsam seines Weges ging und vor allem, daß er schwermütig war.

Diese Eindrücke genügten, um ihm die Gunst eines echt weiblichen Mädchens zu erwerben, und Israel erkannte bald, daß das Haus des Rabbi ihm offen stand. Dort fand der einsame Mann zuerst sich selber wieder. Die kalten Augen der kleinen Außenwelt hatten ihn nur als den Sohn seines Vaters gesehen; in dem warmen Lichte aber, das Ruths Augen ausstrahlten, erschien er auch als der Sohn seiner Mutter. Der Rabbi selbst war alt, sehr alt – neunzig Jahre – und ein langes Leben hatte ihn erbarmende Liebe gelehrt. So geschah es denn, daß, als Israel im Verlaufe der Zeit mit vielen Entschuldigungen zu ihm kam, und um Ruths Hand bat, der Rabbi sie ihm gab.

Die feierliche Verlobung folgte, aber niemand außer dem Notar und seinen Zeugen stand neben Israel, als die Hände über dem Taschentuch gekreuzt wurden, und als später die Vermählung folgte, standen nur wenige neben dem obersten Rabbiner. Dennoch waren alle Juden des Viertels und alle Mauren Tetuans lebhaft erregt von dem Ereignis, und in der Hochzeitsnacht versammelte sich eine große Menge aus beiderlei Volk, meist Janhagel, vor des Rabbi Hause, um zu zischen und zu johlen.

Der Chacham hörte sie von seinem Platze unter den Sternen im Patio, und als zuletzt die Stimme Rebekkas der Prophetin über den Tumult hinweg zu ihm drang: »Wehe ihr, welche sich hat vermählt dem Feinde ihrer Nation, und wehe dem, der sie fortgegeben hat der Hoffnung seines Volkes zuwider! Sie sollen schmecken die Bitterkeit des Todes! Er soll sie sehen an seiner Seite hinfallen und sterben!« Da horchte der Alte auf und zitterte sichtbar. Tief erregt und voll heftigen Zornes erhob er sich, wankte durch den gewundenen Gang nach der Thür, riß sie weit auf und stand auf der Schwelle der draußen tobenden Schar gegenüber.

»Friede, Friede!« rief er und: »O Schande! Schande! Gedenket an die Verdammnis dessen, der da verflucht den Hohenpriester des Herrn!«

So sprach er mit vor Zorn bebender Stimme. Dann plötzlich versagte ihm die Stimme, und in gebrochnem Flüsterton fuhr er fort: »Meine guten Leute, was bedeutet dies? Euer Knecht ist alt geworden in eurem Dienste. Sechzig Jahre und darüber hat er mit euch geteilt eure Leiden und eure Lasten. Was hat er gethan an diesem Tage, daß eure Weiber sollten aufheben ihre Stimme wider ihn?«

Voll Ehrfurcht vor dem im Mondlicht glänzenden weißen Haupte schwieg der Pöbel, welcher im Dunkeln stand, und gab keine Antwort. Da schwankte der Greis rückwärts; Israel leitete ihn ins Haus, und Ruth that, was sie konnte, um ihn zu beruhigen. Aber er war zu schwer erschüttert, und in derselben Nacht starb er.

Als des Rabbi Tod am Morgen bekannt wurde, flüsterten die Juden: »Das ist der Erstling!« und die Mauren berührten ihre Stirnen und murmelten: »So stand es geschrieben!«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.