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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 3
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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Einleitung.

Im Angesicht eines englischen Hafens und in Hörweite von englischen Schiffen, die unserm Reiche im Osten zusteuern, gibt es ein Land, dessen Lebensgewohnheiten noch heute dieselben sind, wie vor tausend Jahren: ein Land, in welchem Regierung soviel bedeutet wie Unterdrückung, Gesetz soviel wie Tyrannei, in dem die Gerechtigkeit gekauft und verkauft wird, in dem es ein Schrecken ist – reich, und eine Gefahr – arm zu sein; wo ein Mensch noch des anderen Sklave sein darf, und das Weib nichts weiter ist als ein Werkzeug der Lust – ein Land, das eine Schande für Europa ist, eine Schmach des Jahrhunderts, eine Beleidigung der Menschlichkeit, ein Mehltau auf der Religion! Dies Land ist Marokko!

Eine Geschichte aus Marokko will ich erzählen, die in den letzten Jahren des Sultans Abderrahman spielt. Die Asche dieses Tyrannen ist kalt, und sein Enkel sitzt auf seinem Stuhle; aber Männer, welche sich sein Mißfallen zuzogen, liegen noch heute in seinen scheußlichen Kerkern, und Frauen, welche er seiner Umarmung würdigte, schmachten noch zu dieser Stunde in den Verließen des Palastes, wo er sie einmauern ließ. Seine Herrschaft ist eine Geschichte von gestern; er ist dahin, er ist vergessen; der Sanftmütigste und der Niedrigste darf jetzt sein Grab anspeien. Doch die Schändlichkeiten, die er zu seiner bösen Zeit vollbrachte, geschehen noch heute, wenn nicht durch seinen Enkel selbst, so doch in seines Enkels Namen – die Entwürdigung der Mannesehre, die grausame Vernichtung der Frauenehre, die Schande gemeinen Wuchers und die Niedertracht des käuflichen Rechtes! Von solcher Verderbnis wird diese Geschichte erzählen, denn es ist eine Mär von täglich wiederholter Tyrannei, von Leid und Not, deren Stimme stündlich an die Mächte dieser Welt ergeht und sie auffordert, die geheimen Hoffnungen und kleinlichen Eifersüchteleien, deren Ursache Marokko ist, zu vergessen, des Haders um Landbesitz nicht mehr zu gedenken, wenn der Tag des Verhängnisses jenes gerichteten Landes gekommen ist, und nur dahin zu wirken, daß der, welcher jetzt den Thron Abderrahmans einnimmt, der letzte sei, der darauf sitzt.

Dennoch zeigt sich darin die Größe der menschlichen Natur, daß sie – wenn unter die Füße getreten – nicht auf den Machtspruch der Nationen wartet, sondern inmitten des wirren Kampfes gegen feindliche Gewalten selbst sich Trost schafft durch die Hoffnung eines erhabenen Glaubens. Der Notschrei der Seele um Errettung aus den Banden des engen Lebenskreises, welcher den Protest und die Klagen der leidenden Menschheit zu Gott emporträgt, findet nirgends einen so erhabenen Ausdruck wie dort, wo der Mensch unterdrückt und die Religion verderbt ist. Auf der einen Seite die schmerzlichen Erfahrungen des täglichen Lebens, auf der anderen die Seele, die zuversichtlich ausruft, daß die Dinge dieser Welt nicht die echten Wirklichkeiten sind. Wilde Laster bringen wilde Tugenden hervor. Gott und Mensch finden sich dadurch von Angesicht zu Angesicht.

Im Herzen von Marokko gibt es einen Mann, dessen Leben einem Lobgesange gleicht und das gegen Tyrannei, Verworfenheit und Schande zu Gott ruft. Dieser Herrliche ist das Haupt einer sehr großen Gefolgschaft, welche von allen Ecken und Enden des niedergetretenen und geplagten Landes zu ihm geflüchtet ist. Seine Stimme ertönt durch die ganze Berberei, und wo nur immer Menschen zu Grunde gerichtet sind, gehen sie zu ihm, und wo nur immer Frauen gescheitert und gefallen sind, suchen sie sein erbarmungsreiches und schützendes Antlitz. Er ist arm und kann ihnen nichts geben, als nur eins, aber das ist das Allerbeste – es ist die Hoffnung. Nicht die Hoffnung im Leben, aber die Hoffnung im Tode, die hehre Hoffnung, deren Glanz ihn selbst umleuchtet. Der Mensch, der sein Gesicht verhüllt vor den Geheimnissen der zukünftigen Welt, und die Wissenschaft, welche den Naturgesetzen nachspürt und Gottes Allmacht unbeachtet läßt, finden keine Stätte bei dem Mahdi. Das Unsichtbare ist ihm das Gewisse. Das Übernatürliche ist ihm alles in allem; das Wunder seine Lebensluft. Gott spricht zu ihm in Träumen, wenn er schläft, und warnt und leitet ihn durch Zeichen, wenn er wacht.

Bei diesem Manne, einem so seltsamen Gemisch von stolzem Häuptling und fröhlichem Kinde, befindet sich noch jemand – eine Frau, sein Weib. Sie ist schön und holdselig vor anderen ihres Geschlechts, und ihre Sinne sind von fast übernatürlicher Schärfe. So ziehen diese beiden miteinander von Ort zu Ort und hinter ihnen eine unabsehbare, in Lumpen gehüllte Schar von Armen und Elenden. Sie haben keine Heimat, keinen Besitz, keine Waffen, aber sie bleiben unverletzt in jenem Lande der Unduldsamkeit und der Bosheit, denn es schützt sie der Aberglaube, der sie als Heilige verehrt. Wer sind sie? Was sind sie gewesen?

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