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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 29
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XXVI. Alis Rückkehr nach Tetuan.

Der Plan, an den der Mahdi dachte, war in Alis Hirn entsprungen. Der schwarze Bursche war wieder in Tetuan. Nachdem er in Schawan das ihm anvertraute Werk der Barmherzigkeit ausgeführt und die Gefangenen in Freiheit gesetzt hatte, war er nach der spanischen Festung Ceuta gegangen. Er kochte vor Zorn über das seinem Herrn widerfahrene Unrecht und über die grausame Trennung von ihm. Deshalb wollte er die spanischen Machthaber zur Rache an den Feinden seines Herrn aufreizen. Das war nicht schwer gewesen, denn gerade um diese Zeit war die Nachricht aus dem Rif gekommen, Ben Abu habe einen barbarischen Raubzug gegen die Gebirgsstämme unternommen, welche bisher der spanischen Krone lehenspflichtig gewesen waren. Eine Botschaft war nach Fes geschickt und unverrichteter Sache zurückgekommen. Der Krieg sollte nun erklärt, Martiel bombardiert und die Armee des Marschalls O'Donnel das Flußthal heraufziehen, um Tetuan einzunehmen.

Die Laune des Schicksals hatte diese Pläne auf seltsame Weise zu Alis Kenntnis gebracht. Alis eigener Plan aber war ein noch ganz besonderer. Er hatte das Fest des Mulud, das acht Tage dauerte, zur Ausführung desselben ins Auge gefaßt. In einer Nacht des Festes, wahrscheinlich der achten, an einem Freitag, sollte Ben Abu der Pascha für den Sultan, seine Minister, seine Kaids, Kadis, Kalifas und Umanas eine Lustbarkeit veranstalten. Alis festes Herz scheute vor nichts zurück. Nach seinem Plane sollten die Spanier in dieser selben Nacht, wenn die ganze Majestät und Gottlosigkeit der Berberei in einem Zimmer versammelt sein würde, vor den Thoren der Stadt erscheinen, in dieselbe eindringen, die ganze Bande im Bankettsaal einsperren, Feuer an die Kasbah legen und sie niederbrennen mit all den maurischen Tyrannen, die darinnen saßen wie Ratten in einer Falle.

Dieser kühne Plan hatte nur eine bedenkliche Seite; Naomi befand sich innerhalb der Kasbahmauern. Um dieser Gefahr die Spitze abzubrechen, wollte Ali selbst in den Kerker eindringen, Naomi befreien, das Thor der Kasbah schließen und den Schlüssel den Spaniern ausliefern, was dann das Signal zum Beginn des großen Werkes dieser Nacht sein sollte.

Noch eine andere Schwierigkeit war damit verbunden. Während nämlich Ali in der Kasbah war, wer sollte die Spanier im rechten Augenblick zur Belagerung heraufleiten, ohne daß die Fremden fürchten mußten, von ihm blindlings in eine Falle geführt zu werden? Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, hatte Ali den Mahdi aufgesucht, ihm seinen Plan mitgeteilt und ihn gebeten, den Sturz der Feinde seines Herrn dadurch herbeizuführen, daß er die Spanier im rechten Augenblick an die Thore führte, die ihnen sogleich geöffnet werden sollten.

Als der Mahdi Alis Geschichte von Naomis Schicksal vernahm, erglühte sein Herz in zärtlichem Mitleid mit ihr, im Zorn gegen Ben Abus Tyrannei und inniger Teilnahme für Israels Trübsale. Dennoch hatte ihn seine menschenfreundliche Gesinnung anfangs zurückgehalten, Alis finsterem Plane, der ihm barbarisch und verräterisch vorkam, beizustimmen.

»Ali,« hatte er gesagt, »ist es nicht das Hauptziel deiner Wünsche, Naomi aus dem Gefängnis zu befreien und sie ihrem Vater wiederzugeben?«

»Jawohl, Sidi,« hatte Ali stolz erwidert.

»Und du willst doch jene Tyrannen nicht martern, wenn du deine Absicht ohne das erreichen kannst?«

»Nein, Sidi,« hatte Ali zögernd geantwortet.

»Dann,« hatte der Mahdi versetzt, »laß uns den Versuch wagen.«

Als aber der Mahdi nach Tetuan gegangen war, um dort sein warnendes Wort, das so ganz erfolglos blieb, an den Pascha zu richten, schlich sich Ali hinter ihm drein, um seinen Plan insgeheim und selbständig in vollem Umfange ins Werk zu setzen. Die Einwohner nahmen ihn mit offnen Armen auf, denn überall glimmte der Funke der Rebellion, und viele hatten lange der Rachestunde geharrt. Zuerst ging er zu gewissen Juden, die seines Herrn Volk und gewissermaßen ja auch das seinige waren, und brachte ihnen seine Botschaft. Eifrig lauschten sie dem, was er ihnen zu sagen hatte. Als die Reihe des Redens an ihnen war, sprachen sie vorsichtig nach der Weise ihres Stammes und ängstlich wie Männer, die es wußten, was es heißt, zertreten und unterdrückt zu werden; dennoch versagten sie ihre Beihilfe nicht, und Alis Plan näherte sich der Ausführung.

In weniger als drei Tagen war die ganze Stadt, die maurische sowohl wie die jüdische, von heimlicher Empörung unterwühlt. Sogar die Bürgerwache, die Soldaten der Kasbah, die schwarzen Polizisten, welche die Thore hüteten, und die Sklaven, die des Paschas Tisch bedienten, harrten gespannt des kommenden Zusammensturzes.

Inzwischen hatte der Mahdi die Stadt verlassen, und das Volk hatte die falschen Freudenbezeugungen über den Besuch des Sultans wieder aufgenommen. Es war das letzte Aufflackern ihrer erloschenen Loyalität, ein ärmlich glimmendes Strohfeuer. Jeden Morgen wurde die Stadt durch das betäubende Dröhnen und Knattern der Flintenschüsse erweckt, welche die Gebirgsbewohner auf dem Feddan abfeuerten. Es war eine Art Signal, daß der Sultan im Begriff stünde, vor dem Hause irgend eines Heiligen sein Gebet zu verrichten. Außer den Gewehrsalven und dem Gimbrigeklimper schien das Betteln das Hauptgeschäft des Tages zu sein. Ein krummbeiniger Strolch in zerlumptem Dschellab ging fortwährend mit einem kleinen runden Brotlaib herum und schrie: »Eine Unze Butter, um Gotteswillen!« und als ihm jemand das erbetene Almosen gab, klatschte er die weiche weiße Masse auf seinen Brotkuchen und schrie nun: »Eine Unze Käse, um Gotteswillen!« Ein frecher kleiner Gassenjunge spazierte barfuß durch die Stadt, mit einem einzelnen Pantoffel in der Hand und rief alle Leute an, um der Liebe Gottes, und um des Angesichtes Gottes und um Gottes selbst willen, ihm einen Musunah zu geben, damit er sich einen zweiten dazu kaufen könne. Jeden Morgen ging der Sultan unter seinem roten Sonnenschirm nach der Moschee; und jeden Abend saß er in der Halle des Gerichtshofes, vorgeblich, um die Anliegen der Armen entgegenzunehmen. In Wirklichkeit spendete er Zaubermittel, die er sich durch Geschenke bezahlen ließ. Da kam ein alter runzeliger Wüstling, in dem nur noch die sinnliche Begierde lebte, und bat: »ein Zaubermittel, das meiner jungen Frau Liebe zu mir einflößt.« Dann kam eine widerliche alte Hexe, die ganz in eine Bettdecke gehüllt war: »ein Zaubermittel, das Gesicht des Weibes verdorren zu lassen, das mein Mann an meiner Stelle genommen hat!« Endlich flehte eine junge Frau mit weinerlicher Stimme: »ein Mittel, damit ich Kinder bekomme.« Ein garstiges Lächeln des dicken Sultans, ein beschriebener Zettel für jeden der Bittsteller, klingende Münze, welche in dem Beutel des Schatzmeisters verschwand, das waren die Akte fürstlicher Gnade. Ein widriger Trunk aus den bittersten Gewässern des Islam!

Trotz allen religiösen Getriebes wurde niemand durch die äußeren Zeichen der Frömmigkeit getäuscht. An den Straßenecken, auf dem Feddan, an den Brunnen, wo nur immer einige Menschen unbemerkt miteinander sprechen konnten, standen sie in kleinen Gruppen, kreuzten ihre Zeigefinger als Zeichen des Streites, oder rieben sie aneinander als Zeichen freundschaftlicher Gesinnung. Offenbar wußten sie, trotz ihrer laut zur Schau getragenen Loyalität gegen den Sultan, daß die Spanier im Anzuge waren, und freuten sich darüber.

Inzwischen wartete Ali ungeduldig des Tages, wo sein Unternehmen zur Ausführung kommen würde. Um seine Aufregung während der dunklen stillen Nachtstunden zu beschwichtigen, wagte er sich aus dem Hause, in dem er sich tagsüber heimlich aufhielt, hinaus, und schritt leise und schweigend die gewundenen Straßen empor, bis er in ein Gäßchen, und unter die schmale Öffnung gelangte, welche das einzige Fenster zu Naomis Gefängnis war. Da blieb er dann die langen finstern Stunden hindurch, als dächte er, daß außer dem Trost, den es ihm selbst gewährte, in Naomis Nähe zu sein, der Klang seines Fußtrittes unter ihrem Fenster, der schon mehrmals den Zuruf der Wache auf ihrer Runde herausgefordert hatte, ihr in ihrer Einsamkeit eine Art von Gesellschaft sein würde. Und manchmal, wenn er merkte, daß er es ungesehen und ungehört thun konnte, schlich er sich in der Dunkelheit dicht unter das Fenster und rief mit gedämpfter Stimme an der Mauer empor: »Naomi! Naomi! Ich bin es, Ali! Ich bin zurückgekommen. Es wird noch alles gut werden!«

Wenn dann nichts sich drinnen regte, marterte er sich mit tausenderlei Befürchtungen, Naomi könnte nicht mehr da sein, sondern vielleicht an einem schlimmeren Orte; und wenn er ein Schluchzen hörte, schlich er mit gesenktem Kopf davon, wie ein geschlagener Hund; wenn er aber seinen eigenen Namen von jener sanften Stimme, die er so gut kannte, aussprechen hörte, ging er erhobenen Hauptes von dannen, und ihm war nicht zu Mute wie einem, der auf der Erde, sondern wie einem, der auf den Sternen wandelt. Was sich aber auch ereignete, stets war er vor dem Morgengrauen in seiner Wohnung zurück von seiner einsamen Wache, mit etwas getröstetem, aber nicht minder zornigem und entschlossenem Herzen.

Endlich brachen die Tage des Festes an, und Alis Ungeduld steigerte sich fast bis zum Fieber. Den ganzen Tag über ersehnte er die Nacht, um sein Vornehmen ausführen zu können. Die Sonne ging unter, es dunkelte, und von seinem Versteck aus sah Ali die Assassinenkrieger mit Laternen durch die Straßen ziehen, um die ehrenwerten Gäste zum Bankett zu geleiten. Dann machte er sich auf. Seine kluge Voraussicht hatte alles geordnet. Der Neger am Thor der Kasbah that, als erkenne er in ihm einen Boten des Veziers, und ließ ihn passieren. Ali setzte dann seinen Weg fort durch die gewundenen Gänge der Kasbah mit dem angenommenen Schein der Autorität bis zu dem Garten, wo der Mahdi Abderrahman aufgesucht und ihm sein Schicksal vorausgesagt hatte. Der große Bankettsaal öffnete sich nach diesem Garten, und viele Gäste standen draußen, um sich in der kühlen Nachtluft zu erfrischen, während sie auf die Ankunft des Sultans warteten. Seine Sherifianische Majestät erschien endlich, und unter vielen Salems und Friedenswünschen setzte sich die Gesellschaft zum Mahle nieder. »Friede sei mit dir!« – »Und mit dir sei Friede!« – »Gott segne dir den Abend!« – »Möge dein Abend gesegnet sein!«

Bebte Ali in diesem Augenblick vor seiner Aufgabe zurück? Nein, tausendmal nein! Indem er diese Männer in ihren Muslin- und Gaze-, Linnen- und Scharlachgewändern ansah, wie sie sich unter Verbeugungen und Handberührungen in den Saal begaben, um zu essen und zu trinken, um zu lachen und lustige Geschichten zu erzählen, dachte er an Israel, wie er gebrochen und allein in der ärmlichen Hütte, und an Naomi, wie sie in der feuchten Zelle hinter Gefängnismauern lag.

Einige Minuten später stand er im dunklen Garten, während die Gäste eintraten, und wartete, bis die barfüßigen Küchendiener hinter ihnen her kamen mit großen Schüsseln unter gewaltigen Deckeln. Dann hielt er ein kurzes Zwiegespräch mit dem Thorhüter, zwei Schlüssel wurden ihm eingehändigt, und wenige Sekunden später stand er an Naomis Kerkerthür.

So sorgfältig nun Ali auch jede Einzelheit seines Unternehmens geordnet hatte, bis auf die Entfernung der Negerin Habiba von eben dieser Thür, mit einer Thatsache hatte er nicht gerechnet, und die erschien ihm jetzt als die Hauptsache – die nämlich, daß, seit er Naomi zuletzt gesehen, ihr die Gabe des Gesichts verliehen worden war und daß sie ihn jetzt zum ersten Mal sehen würde. Und er würde ihr ein Fremder sein und würde ihr sagen müssen, wer er sei, ja sie würde ihn durch die ihr gebliebenen früheren Mittel dem neugewonnen Sinne zum Trotz erkennen müssen – aber das alles waren Alis geringste Sorgen. Mit einem Schlage umkrallte plötzlich dieselbe Furcht sein Herz, die ihn in den Tagen verfolgt hatte, ehe er sie und ihren Vater verließ, um nach Schawan zu gehen: er war schwarz, und sie würde ihn sehen!

Alles dies und mehr noch durchblitzte sein Gemüt, als er den Schlüssel ins Schloß steckte. Es traf ihn, wie ein Messerstich. Auf der anderen Seite der Thür war sie, die ihm seit den Tagen, die sich in dem bläulichen Nebel der Kindheit verloren, eine Schwester gewesen war. Sie hatte mit ihm gespielt, an seiner Seite geschlafen, aber sein Gesicht hatte sie nie gesehen. Und sie war licht wie der Morgen, und er war schwarz wie die Nacht! Er war gekommen, sie zu befreien, aber würde sie nicht vor ihm zurückschrecken?

Ali kämpfte einen harten Kampf mit sich, um nicht alles aufzugeben und zu fliehen. Sein starkes Herz aber besann sich auf sich selbst und hielt seine Absicht fest. »Was liegt daran?« dachte er. »Was liegt an mir?« wiederholte er sich laut und schüttelte tapfer seinen runden Kopf. Und damit stand er innerhalb der Zelle.

Der Ort war dunkel, und Ali holte erleichtert Atem. Naomi mußte sich am anderen Ende desselben befinden. Sie sprach, als die Thür sich öffnete. Wie es ihr zur Gewohnheit geworden, stieß sie den Namen ihrer Kerkermeisterin Habiba hervor, dann aber raffte sie sich mit einem leisen, ängstlichen Schrei empor. In seiner Verwirrung sagte Ali nur: »Ich bin es,« als ob weiter nichts nötig sei. Aber sofort faßte er sich und fügte hinzu: »Naomi,« und da erkannte sie seine Stimme.

»Es ist Ali,« flüsterte sie, wie bei sich selbst, dann rief sie zitternd und leise: »Ali! Ali! Ali!« und kam in der ihr gewohnten Dunkelheit gerade auf ihn zu.

Ali gewann jetzt endlich Mut und Stimme zurück, und erzählte ihr schnell, warum er hier sei. Als sie hörte, daß ihr Vater nicht mehr im Gefängnis, sondern in ihrem Häuschen bei Semsa sei, wo er auf sie warte, überwältigte die Freude sie fast. Lachend und weinend, beide Hände gegen die Brust gedrückt, um das wilde Auf- und Abwogen ihres Busens zu beruhigen, war sie von seiner Mitteilung wie verklärt.

»Pst!« sagte Ali; »keinen Ton, ehe wir aus der Stadt sind.« Naomi umschloß seine Hand fest mit ihren Fingern, und so verließen sie das Gefängnis.

Das Mahl hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht, und als sie die dunklen Korridore, in denen sie oft strauchelten, durcheilt und den Garten erreicht hatten, drang Gelächter und Stimmengeräusch von der großen Halle her, wo Abderrahman und seine Kreaturen miteinander pokulierten, zu ihnen herüber. Glücklich aber gelangten sie in das stille Gäßchen draußen vor der Kasbah; denn der Neger hatte seinen Posten verlassen. Da holten sie tief Atem und dankten Gott, daß sie so weit waren. Sie hatten keine Gruppe Bettler am Thor gefunden, und die Straßen ringsum waren ganz menschenleer; aber in der Ferne am anderen Ende der Stadt nach dem Bab el Marsa zu, dem Thor, das nach Martiel hinausgeht, vernahmen sie ein dumpfes Summen, wie von gewaltigen Schafherden. Die Spanier kamen, und die Tetuaner zogen aus ihnen entgegen. Gelegentlich rief ein Vorübergehender sie an, und obwohl Ali wußte, daß er auch im Erkennungsfalle nichts von den Leuten zu fürchten hatte, zitterte seine Stimme doch mehr als einmal, als er antwortete, und zuweilen wandte er angstvoll den Kopf, um zu sehen, daß ihm auch niemand folge.

Als er das wieder einmal that, bemerkte er plötzlich etwas, das in ihm die schreckliche Empfindung jenes Augenblickes wieder wach rief, als er, den Schlüssel in der Hand, vor Naomis Kerkerthür stand. Beim Licht der Handlaternen, welche die Vorübergehenden trugen, sah ihn Naomi an. Wieder und wieder, wenn solch ein flüchtiger Schimmer über ihn hinglitt, fühlte er, daß des Mädchens Augen auf seinem Gesichte ruhten. In solchen Augenblicken kam es ihm vor, als müsse sie sich von ihm entfernter halten, als würde der Raum zwischen ihnen weiter. Doch er hielt ihre Hand fest, wandte den Kopf ab und strebte eilends vorwärts.

»Was liegt an mir!« flüsterte er wieder. Doch das tapfere Wort brachte ihm nur geringen Trost. »Jetzt sieht sie meine Hand an,« sagte er bei sich selbst, doch er konnte sie ihr ja nicht entziehen. »Sie zweifelt am Ende, ob ich auch wirklich Ali bin, – Naomi!« versuchte er mit abgekehrtem Antlitz zu sagen, damit noch einmal der Ton seiner Stimme sie beruhigen möchte, aber seine Kehle war wie zugeschwollen, er konnte nicht reden.

Die finstere Stadt glich einem Bergspalt, wenn ein Sturm, der eben los brechen will, sich zusammenzieht. In der Luft ein dumpfes Getöse und dann ein lauter Knall. Oben Finsternis und ringsum heimlich sich rührendes Leben.

Als sie sich dem Bab Tut näherten, demselben Thor, welches Zeuge von Israels Demütigung und Naomis Schmach gewesen war, kamen Ali und dem jungen Mädchen plötzlich große Volkshaufen mit vielen Lichtern entgegen. Es war der Mahdi und seine ganze Gefolgschaft, welche alle Lampen in den Händen trugen und von Westen her die Stadt betraten, während die Spanier, welche sie bis an die Thore geleitet hatten, von Osten herein kamen. Der Mahdi selbst schloß die Synagogen und Heiligtümer.

»Ich schließe sie ab,« sagte er. »Es ist genug, daß der Fremde das Sodom unseres Tyrannen niederbrennt; er soll nicht auch noch das Zion unseres Gottes schänden.«

Ali führte Naomi zum Mahdi, der sie zum ersten Male erblickte.

»Hier bringe ich sie,« sagte er atemlos; »Naomi, Israels Tochter.« Und nun folgte ein Augenblick, in dem Überraschung und Wonne, Schmerz, Scham und Verzweiflung in dem einen Blick sich drängten, mit dem die drei sich ins Auge sahen.

Mohammed schaute Naomi an, und sein Antlitz verklärte sich. Naomi blickte auf Ali, und ihr bleiches Gesicht wurde noch bleicher, und sie zog eine Locke ihres blonden Haares durch ihre Lippen, um den erschrockenen Ausruf zu unterdrücken, der ihrem Munde entfliehen wollte. Dann sah sie den Mahdi an, ihre Lippen öffneten sich leicht, und in ihren Augen leuchtete es auf. Ali sah von einem zum anderen; in seinem Gesicht zuckte es schmerzlich, und er senkte den Blick.

Es war das Werk eines Augenblicks, und doch genug für ein ganzes Menschenleben. Genug für den Mahdi, denn es erschloß sich ihm ein Geheimnis, das seine Lebensweisheit ihm noch nicht geoffenbart hatte, genug für Naomi, denn ein neuer, ein sechster Sinn ward ihr zu teil; genug auch für Ali, denn sein starkes junges Herz brach.

»Was liegt an mir?« dachte er nochmals. »Nimm sie, Mahdi,« sagte er in etwas hohen, schrillen Tönen. »Ihr Vater erwartet sie. Du mußt sie zu ihm bringen!«

»Mädchen,« sagte der Mahdi, »kannst du mir vertrauen?«

Statt aller Antwort kam Naomi, sie, der doch jeder Fremde wie ein Feind vorkommen mußte, zu ihm, wie die Nadel sich dem Magnet zuwendet, und legte ihre Hand in die seinige.

Ali lachte auf. »Ich Thor,« rief er. »Unglaublich! Ei, ich habe vergessen, die Kasbah zu schließen! Die Schurken werden entkommen. Einerlei, ich muß zurück!«

»Warte noch!« rief der Mahdi.

Aber Ali lachte so laut, daß er ihn nicht hörte. »Ich werde es noch in Ordnung bringen,« rief er und wandte sich schnell ab. »Gute Nacht, Sidi! Gottes Segen mit dir! Grüße meinen Vater! Lebt alle wohl!«

Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

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