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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 28
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XXV. Der Mahdi kommt.

Der Mahdi kam noch an demselben Abend. Keine Fahnenträger zogen ihm vorauf, keine Läufer, keine Speerreiter, keine Fliegenwedler, keine Staatsminister begleiteten ihn; er ritt keinen prächtig aufgeschirrten weißen Hengst und war selbst mit keinen schneeigen Gewändern bekleidet. Seine zerlumpte Gesellschaft hatte er zurückgelassen; er kam allein; er kam zu Fuß; ein Selham von grobem, grauem Zeug war sein ganzer Schmuck; und doch war er mächtiger, als der Monarch, der an diesem Tage in Tetuan eingezogen war.

Er kam nicht wie ein Sultan, sondern wie ein Heiliger; nicht wie ein erobernder Fürst, sondern wie ein Racheengel. Draußen vor der Stadt hatte er das Hauptcorps der Armee des Sultans angetroffen, das unterhalb der Wälle sich gelagert hatte. Die Städter hatten zwar die Soldaten mit ihrem ganzen Trosse ausgeschlossen, aber ihnen doch fünfzig Kamelslasten Kesksu Kuskusu (Kesksu) das Haupt- und Leibgericht der Marokkaner. Aus Weizen- und Maismehl werden zwischen den Fingern kleine Kügelchen geformt, diese halbtrockne Masse mit grobkörniger Grütze, Gemüse, Gewürz, Hammel- und Hühnerfleisch in Dampf gekocht und sodann in Form eines Kegels, mit gelbem Safran gefärbt, aufgetragen. hinaus gesandt, die zu gleichen Teilen, ein halbes Pfund auf den Mann, unter sie ausgeteilt wurden. Wo das Mahl bereits beendet war, trieben die Marktschreier ihre Künste mit allem Eifer. Schwarze Gaukler aus Sus, Schlangenbändiger aus der Wüste, ernste und lustige Geschichtenerzähler, die alle auf ihren abscheulichen Gimbris klimperten, saßen auf dem Boden, im Halbkreise umgeben von Soldaten und ihren Weibern. Der Mahdi aber hatte alle diese Gruppen zerstreut und aufgelöst.

»Fort mit euch,« hatte er gerufen. »Fort mit eurer Unreinigkeit und Betrügerei!«

Und auch der unflätigste Maulheld unter allen, noch erhitzt von den unanständigen Gebärden, mit denen er seine schmutzige Geschichte näher erläutert hatte, war beschämt davon geschlichen.

Als der Mahdi die Stadt betrat, erblickte er auf dem Feddan eine Anzahl Bergbewohner, welche vor einer Menge aufgeregter Zuschauer ihre Kunststücke zum Besten gaben. Zwei Stämme auf wilden Berberrossen führten von entgegengesetzten Seiten des Platzes einen Angriff aus, einige auf den Tieren knieend, andere auf ihnen stehend. Bis genau in die Mitte des Marktes stürmten sie in vollem Galopp, feuerten ihre Gewehre ab, zügelten dann ihre Rosse nur auf eine Pferdelänge von einander so plötzlich, daß die Berber auf die Kruppen niedersaßen, warfen sie dann herum und galoppierten unter dem ohrenzerreißenden Geschrei: »Allah! Allah! Allah!« auf ihre Plätze zurück.

»Allah, wahrlich!« rief der Mahdi und trat furchtlos mitten unter sie. »Also nur dazu braucht man den Namen Gottes in diesem Lande der Bosheit und des Blutvergießens. Fort mit euch!«

Die Leute gingen auseinander, und der Mahdi wandte sich nach der Kasbah. Als er sich ihr näherte, begann gerade in den dazu gesäuberten Straßen das wahnwitzige Treiben der Âïssáwà. Ehe sie den Mahdi sahen, hatte sich die Brüderschaft dieser Fanatiker, einige halb, andere gänzlich nackt, vollzählig versammelt, etwa zwanzig Männer, geführt von ihren Hohenpriestern, den Mukkadamin, drei alten Patriarchen mit langen, weißen Bärten, in dunkle, wallende Gewänder gekleidet und Fackeln in den Händen. Dann wurden Ziegen und Hunde lebendig zerrissen und roh gefressen, während auf den Dächern in der wachsenden Dunkelheit Weiber und Kinder saßen und schaudernd hinabblickten. Die Raserei der tollen Schar stieg, indem die Zahl ihrer Opfer abnahm, und fing an, sich gegen sie selbst zu kehren. Jeder Fanatiker zerriß seine eigene Haut und schlug seinen Kopf gegen die Steine, bis das Blut wie Wasser durch die Straße rann.

»Ihr Narren, ihr blinden Blindenleiter!« rief der Mahdi, und trieb sie vor sich her wie eine Herde Schafe. »Müßt ihr so die Straße in eine widerliche Kloake verwandeln? O welche Scheußlichkeit und Verkommenheit! Ihr zerreißt euch selbst im Namen Gottes, aber seine Gerechtigkeit und Gnade kennt ihr nicht! Hinweg! Ihr habt euren Lohn dahin. Hinweg! Hinweg!«

Am Thor der Kasbah verlangte er den Kaid zu sehen, und nach verschiedenen Verhandlungen mit den Wächtern und Negern, welche sich in den gewundenen Gängen des düsteren Gebäudes herumtrieben, wurde er vor den Pascha geführt. Ben Abu empfing ihn in einem dunklen Gemache, das kaum seine Gesichtszüge unterscheiden ließ. Er lag ausgestreckt auf einem Teppichpolster, wie ein Hund, der die Schnauze auf die Vorderpfoten legt.

»Sei willkommen,« brummte er, und ohne seine eigene unceremonielle Stellung zu verändern, machte er dem Mahdi ein Zeichen, sich niederzulassen.

Der Mahdi aber setzte sich nicht. »Ben Abu,« sagte er mit vor Zorn halb erstickter Stimme, »ich bin noch einmal zu dir gekommen, um dich zu mahnen, Barmherzigkeit zu üben. Wehe über dich, so du mich unverrichteter Sache fortgehen lässest!«

Ben Abu lag eine Weile in düsterem Schweigen, dann sagte er mürrisch: »Was gibt es schon wieder?«

»Wo ist Ben Oliels Tochter?« fragte der Mahdi.

Mit einer seiner Hände, auf denen sein braunes Kinn ruhte, machte der Pascha eine abweisende Bewegung.

»Lüge mir nichts vor,« rief der Mahdi. »Ich weiß, wo sie ist – sie ist im Gefängnis. Und weshalb? Nur weil sie ihren Vater liebt, und weil sie ihrem Glauben treu bleiben wollte. Nun hat sie den einen geopfert und den anderen abgeschworen. Ist dir das noch nicht genug, Ben Abu? Gib sie frei!«

Der Pascha hörte ihn anfangs mit verständnislosem Ausdruck an, und ein halbes Dutzend bewaffneter Diener am anderen Ende des Gemaches schob sich hin und her vor Bestürzung. Endlich hob Ben Abu den Kopf und fragte mit spöttischer Betonung: »Ya Allah! Wer ist dieser Ungläubige?«

Plötzlich aber rief er mit verändertem Tone: »Mensch, ich weiß, wer du bist! Du kommst zu mir, angeblich wegen des Mädchens, aber das ist nicht dein Endzweck, Mohammed von Mekines! Mohammed der Dritte! Welcher Narr sagte doch, du seist ein Spion des Sultans? Abderrahman ist hier – als mein Gast und mein Beschützer. Du bist ein Spion seiner Feinde und ein Aufwiegler, der gekommen ist, die Religion und den Staat zu stürzen. Darauf steht der Tod, und bei Allah! du sollst sterben.«

Während er so sprach, steigerte er künstlich seine Entrüstung in solchem Grade, daß es ihm gelang, trotz seiner abergläubischen Angst und seiner Furcht vor dem Mahdi sich selbst, wie seine Diener gänzlich darüber zu täuschen. Der Mahdi aber trat einen Schritt näher, sah ihm gerade ins Gesicht und sagte:

»Ben Abu, bitte Gott, daß er dir vergebe! Du bist ein Narr, du sprichst davon, mich umzubringen. Du wagst es nicht, und kannst es nicht thun!«

»Warum nicht?« rief Ben Abu mit bramarbasierendem Tone. »Was sollte mich hindern? In diesem Augenblick könnte ich's thun, und kein Mensch brauchte es zu erfahren.«

»Pascha,« entgegnete der Mahdi, »meinst du, daß du mit einem Kinde sprichst? Meinst du, daß mein Besuch, als ich hierher kam, nicht außer uns, auch anderen draußen bekannt war? Meinst du, daß man meine Rückkehr nicht erwartet? Und bildest du dir ein,« rief er, eine Hand erhebend, mit lauterer Stimme, »daß mein Herr da droben es nicht sehen und wissen würde, wenn sein Knecht auf seinen Wegen der Barmherzigkeit umkäme? Ben Abu, bitte Gott um Vergebung, sage ich noch einmal; du bist ein Narr!«

Des Paschas Gesicht schwoll und wurde schwarz vor Wut. Aber er war eingeschüchtert. Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er trotzig:

»Und wenn ich nun doch das Mädchen nicht freilasse?«

»Dann,« versetzte der Mahdi, »wenn ihr etwas Übles zustößt, sollen die Folgen über dein Haupt kommen!«

»Was für Folgen?« fragte der Pascha.

»Schlimmere Folgen, als du erwartest, oder dir träumen läßt,« erwiderte der Mahdi.

»Was für Folgen?« beharrte der Pascha.

»Gleichviel,« sagte der Mahdi, »du wandelst in Finsternis und weißt nicht, wo du hingehest.«

»Was für Folgen?« schrie der Pascha noch einmal.

»Das ist Gottes Geheimnis,« versetzte der Mahdi.

Ben Abu lachte laut auf. »Leuchtet dem Ungläubigen aus der Kasbah!« schrie er seinen Leuten zu.

»Genug!« rief der Mahdi. »Ich habe meine Botschaft ausgerichtet. Nun wehe dir, Ben Abu! Zum zweiten Male bin ich zu dir gekommen zum Zeugnis über dich! Nun komme ich nicht mehr. Erfülle das Maß deiner Schandthaten. Behalte das Mädchen im Kerker. Gib sie dem Sultan. Wisse aber, daß der Lohn für alles dies deiner wartet. Deine Zeit ist nahe. Du wirst erblassen und sterben. Das Schwert soll durch deine Seele dringen.«

Noch einen Schritt näher trat er, so daß er über dem am Boden liegenden Pascha stand und rief leidenschaftlich: »Dies ist das letzte Wort zwischen mir und dir! So scheiden wir auf immer, Ben Abu – ich, um das Werk, das meiner wartet, auszuführen, du, um Schande und Verachtung, Tod und Hölle zu erdulden.«

Bei diesen Worten fuhr er mit der offnen Handfläche durch die Luft herab, über die Stelle hin, wo der Pascha lag, und Ben Abu krümmte sich darunter, wie ein Wurm sich unter einem Schlage krümmt. Dann verließ er erhobenen Hauptes und ungehindert das Gemach.

Noch aber war er nicht zu Ende. In dem Garten des Palastes, durch den er gehen mußte, stand er einen Augenblick in der Dunkelheit unter den Sternen vor dem Zimmer, in dem er den Sultan wußte, und rief: »Abderrahman! Abderrahman! Sklave des Allerbarmers! Höre! In meinem Ohr ist der Klang der Trompete und das Geschrei der Schlacht. Mein Herz ist unruhig in mir um das Land meiner Heimat, aber der Tag ihrer Heimsuchung ist nahe. Wehe dir, Abderrahman! Du hast das Maß deiner Väter erfüllt. Wehe dir, du Knecht des Barmherzigen!«

Der Sultan hörte ihn, und es hörten ihn die Staatsminister, die Weiber des Harems und auch die Wächter und Soldaten. Allen aber dünkte seine Stimme und seine Botschaft etwas Geisterhaftes zu haben, und niemand rührte eine Hand, um ihn festzunehmen.

»Der Mahdi!« flüsterte alles ehrerbietig und machte ihm Platz, wenn er sich näherte.

Die Straßen waren still, als er die Kasbah verließ. Die Âïssáwà waren fort. Gelehrte in ihren Kutten und Gebetsmatten unter dem Arm suchten im Dunkeln ihren Heimweg von den verschiedenen Moscheen, und aus diesen erklang nur das Plätschern der Brunnen in den Säulenhallen und der leise, eintönige Gesang hinter dem Gitter.

Der Mahdi wohnte zur Nacht in dem eingehegten Viertel M'Salla. Dorthin folgte ihm heimlich eine Sklavin aus Ben Abus Palast. Es war Fatima. Sie erzählte ihm alles, was sie von ihrem früheren Herrn wußte, den sie verstohlen besucht und in großer Not und im Wahnsinn verlassen hatte; auch von ihrer verstorbenen Herrin Ruth, die in ihrer Erinnerung fortlebte wie süßer Rosenduft, auch von Naomi, ihrer Tochter, und allen ihren Leiden. Abgebrochen, mit krampfhaften Ausrufen untermischt, ohne Zusammenhang und Ordnung trug sie ihre Geschichte vor; aber er lauschte mit inniger Rührung der tief erregten schwarzen Erzählerin, und als sie fort war, durchmaß er das dunkle Haus in stiller Mitternacht wieder und wieder, schweigend und in zärtlichen Gedanken an das süße Mädchen, das im Verließ der Kasbah eingekerkert lag und an ihren schwer heimgesuchten Vater, welcher glaubte, daß sie im Palast seines Feindes in Pracht und Üppigkeit lebte, während er selbst krank lag in der armseligen Hütte, die ihre Heimat gewesen war. Diese falschen Vorstellungen, die zugleich der Same und die Frucht von Israels Wahnsinn waren, sollten wenigstens beseitigt werden. Mochte kommen, was da wollte, der Mann durfte in so bitterem Irrtum nicht leben, noch sterben.

Der Mahdi beschloß, mit dem ersten Morgengrauen nach Semsa hinauszugehen und begab sich inzwischen auf das Dach, um ein wenig zu schlummern. Die Stadt war ruhig, Handel und Wandel hatten aufgehört, das Lumpengesindel in des Sultans Gefolge hatte sich beschämt fortgeschlichen oder zur Ruhe gelegt. Es war eine wundervolle Nacht. Die Luft war kühl, denn der Winter war nahe, aber nicht ein Lufthauch regte sich und von den Orangengärten hinter der Stadt drang auch nicht einmal das Geflüster eines Blattes über den Strom. Oben standen die Sterne, und von der großen, runden Mondscheibe ergoß sich weißes Licht über die weißen Mauern und Minarets. Nirgends ist die Nacht so schlummertrunken, wie in einer Stadt des Orients. Tief unter dem Mondlicht liegen die viereckigen weißen Dächer, und dazwischen die dunklen, hin und her gewundenen Straßen, wie enge Ströme schwarzen Wassers in einem Kalksteinbruch. Hier und dort, wo ein Verspäteter sich mit seiner Laterne heimwärts leuchtete, blitzte ein rötliches Licht aus der Dunkelheit auf, kroch ein paar Schritte weiter und verschwand. Gelegentlich drang Stimmenlaut mit samt einem Echo aus irgend einem nicht sichtbaren Orte und wieder war alles still. Schlaf, Schlaf – alles schlief.

»O Tetuan,« dachte der Mahdi, »wie bald werden deine Straßen von Blut befleckt und deine Heiligtümer zerstört werden!«

Der Mudin sang den Ruf zum Gebet, und der alte Thorwächter murmelte über seinem Rosenkranz, als der Mahdi beim frühen Morgenrot die Stadt verließ. Er mußte sich zwischen den Soldaten, die draußen unbedeckt auf der bloßen Erde lagen, hindurchwinden. Keiner aber schien wach zu sein. Sogar ihre Kamele schliefen noch, Nase an Nase im Kreise gedrängt, wie sie zuletzt gefüttert waren. Nur die Maultiere und Esel, angepflöckt und gesattelt, wie sie waren, wachten und käuten.

Der Mahdi fand Israel ben Oliel in der Hütte bei Semsa. Auf all seinen Wanderfahrten durch das verkommene Land hatte er ein so armseliges Gebäude nicht gesehen. Die Lehmwände waren verfallen und geborsten, und das Schilfdach lag darüber wie Seetang über einem zerbrochenen Faß. Israel war jetzt wieder bei Sinnen. Er saß mit niedergeschlagener, hoffnungsloser Miene vor seiner Hausthür, aber der Blick seiner großen, tiefen Augen war vernünftig. Er war in einen schäbigen, zerrissenen Kaftan gekleidet, ohne Schuhe an den Füßen und barhäuptig. Der Mahdi aber vermeinte, ein so hoheitvolles Haupt noch nie in seinem Leben gesehen zu haben. Bisher hatte er ihn auch noch nicht richtig gesehen, denn die Armut und das Elend, die ihn umgaben, dienten dazu, sein Antlitz schärfer hervortreten zu lassen. Es war das Antlitz eines Mannes, welcher im Guten und Bösen, im Ringen mit Gott und in der Unterwerfung vor Ihm gewandelt hatte.

Nach kaum erwidertem Gruß setzte sich Mohammed in einiger Entfernung neben Israel nieder. Er begann liebevoll mit ihm zu reden, ihm zu erzählen, wer er sei, wo sie einander schon getroffen hätten, warum er jetzt gekommen sei und wohin er ginge. Israel hörte ihm anfangs mit großer Fassung zu, als sei sein innerstes Herz ein gefrorener Eisklumpen, wodurch auch seine Augen und Gesichtsmuskeln, ja seine Fingerspitzen zu Eis erstarrt wären.

Da nannte der Mahdi Naomi, und Israel schüttelte langsam den Kopf. Er erzählte ihm, wie es ihr nach der Gefangennehmung ihres Vaters ergangen sei, und Israel hörte noch immer mit großer äußerer Ruhe zu. Danach beschrieb er des Mädchens Reise, um ihm Lebensmittel zu bringen, und wie sie in Habibas Hände fiel; da sah er in Israels Gesicht, daß die Vaterliebe sein altes Herz schmerzlich zerriß. Endlich kam er auf die Begebenheiten ihrer grausamen Versuchung und wie sie endlich nachgegeben hatte, da sie doch nur ein Kind war, das nichts von religiösen Unterschieden wußte, das nur ihren Vater vor Augen hatte und sein Leben retten wollte, auch wenn sie ihn nie wiedersehen sollte; denn alles dies hatte er aus Fatimas Reden entnommen. Wie linder Tauwind ging es jetzt durch Israels Seele, das Eis in ihm schmolz, seine Finger zitterten, es zuckte in seinen Zügen, und heiße Thränen flossen über sein Gesicht.

»Mein armer Liebling!« murmelte er in leisen, zitternden Tönen vor sich hin, und dann fragte er mit unsicherer Stimme, wo sie denn jetzt sei.

Der Mahdi erzählte ihm, daß sie wieder im Gefängnis sei, weil sie sich geweigert hatte, eine Konkubine des Sultans zu werden.

»Mein tapferes Mädchen!« murmelte er, und in seinem Antlitz leuchtete es wie von Freude und Schmerz zugleich.

Er hob die Augen auf, als könne er sie sehen, und sprach laut, als könne sie ihn hören: »Vergib mir, Naomi! Vergib mir, mein armes Kind! Vergib deinem alten, schwachen Vater! Vergib ihm, meine tapfere, tapfere Tochter!«

Der Mahdi war tief erschüttert, als nun Israel sich zu ihm wandte und in fast kindischem Tone sagte: »Es geht nun wohl nicht mehr, o Herr. Ich meinte, sie nach England – nach meiner verstorbenen Mutter Heimat zu führen, aber –«

»Das sollst du, so wahr der Herr lebt,« unterbrach ihn der Mahdi und stand auf. Der Entschluß stand aber jetzt endlich bei ihm fest, einen Plan zu Naomis Befreiung, den er wieder und wieder in seinen Gedanken bewegt, den er aber bisher immer als einen barbarischen verworfen hatte, wie ungestüm derselbe sich auch seinem Herzen aufdrängte, nun doch auszuführen.

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