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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 25
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XXII. Wie Naomi Moslima wurde.

Sehen wir nun zu, wie es Naomi in den drittehalb Monaten ihrer Einsamkeit ergangen war.

Nach dem ersten wilden Schmerz des gewaltsamen Losreißens von ihrem Vater durch die Soldaten setzte sich Naomi in einem Zustande der Betäubung nieder ohne ein Verständnis für die Tragweite dessen, was sie Schlimmes betroffen hatte. In ihren Ohren klang nur die warnende Stimme ihres Vaters und seine letzten Worte: »Bleibe hier. Verlasse niemals diesen Ort! Was die Leute auch sagen mögen, bleibe hier. Ich komme wieder.«

Als sie am nächsten Morgen nach einer kurzen, von unruhigen Träumen erfüllten Nachtruhe erwachte, tönten diese Worte noch immer in ihren Ohren fort, und nun erst erkannte sie, was dieses entsetzliche Auseinanderreißen für sie bedeutete. Sie war allein, und weil allein, darum auch hilflos; nichts anderes als ein Kind ohne Verwandte, die nach ihr hätten sehen können, unvermögend, selbst für sich zu sorgen. Wohl gab es zu essen und zu trinken ganz in ihrer Nähe, aber sie verstand ja nicht, es zu nehmen und zuzubereiten.

Als sie wieder zur Besinnung kam, war ihr darum zu Mute wie einem Lämmchen, dessen Mutter über Nacht von dem Sandtreiben des Samum verschlungen wurde. Was thun, wohin blicken, wohin sich zuerst wenden, sie wußte es nicht, und konnte es sich nicht vorstellen; denn es fehlte die Hand, die sie sonst geleitet hatte.

Als die benachbarten maurischen Weiber erfuhren, was Naomi zugestoßen war, kamen sie zu ihr. Es waren die Frauen armer Bauersleute, die von grausamen Steuerbeamten gedrückt wurden, und das erste, was sie sahen, war das Vieh; erst das zweite war das unerfahrene Mädchen mit dem Kindergesicht, die noch keine Ahnung davon hatte, wie ein alleinstehendes Weib für sich selbst sorgen muß.

»Du kannst hier nicht allein wohnen, meine Tochter,« sagten sie, »du würdest umkommen. Denke doch an die Gefahr – ein Kind wie du, mit einem Blumengesicht! Nein, nein, du mußt zu uns kommen. Wir wollen dich halten, wie unser eignes Kind, und dich vor den bösen Männern behüten. Und das Vieh –«

»Aber er hat gesagt, ich soll diesen Ort nicht verlassen,« sagte Naomi. »Bleibe hier,« befahl er, »was man auch sagen mag, bleibe hier. Ich komme wieder.«

Die Weiber behaupteten, sie würde verhungern, würde bestohlen, geschändet, ermordet werden. Es war alles umsonst. Naomis Antwort blieb immer dieselbe: »Er befahl mir hier zu bleiben, und das muß ich thun.«

Da gingen die armen Weiber ärgerlich davon, eine nach der anderen. »Ach was!« dachten sie, »was sollen wir auch mit dem Judenkind machen? Allah! Gab es jemals ein so einfältiges Geschöpf? Und das schöne Vieh geht auch zu Grunde! Und der Vater, der kommt ja doch nie wieder – nimmermehr! Da müßte man den Pascha nicht kennen!«

Aber das Mitgefühl der treuherzigen Seelen war stärker, als ihr Eigennutz. Sie kamen eine nach der anderen wieder und überboten sich in allerhand einfachen Handreichungen – sie melkten, sie butterten, sie buken, sie gruben – aus Mitleid mit dem holden Mädchen mit den großen Augen, die so allein und verlassen war. Und Naomi, die jetzt endlich ihre Unbehilflichkeit erkannte, setzte ihre ganze Kraft daran, diese Dinge selbst zu lernen, so daß sie in kurzer Zeit fast alles das für sich machen konnte, was bisher die Nachbarn für sie gethan hatten. Da sprachen die Weiber untereinander: »Allah! Sie ist am Ende doch nicht solch ein Kind; und wenn sie nicht so schön wäre, die arme Kleine, oder die Welt nicht so schlecht – doch Gott ist groß, Gott ist groß!«

Anfangs hatte Naomi nicht recht begriffen, was sie damit meinten, wenn sie ihr erzählten, daß ihr Vater ins Gefängnis geworfen sei. Jeden Abend, wenn sie ihre brennende Lampe an das kleine Fenster stellte, das unter dem überhangenden Dache halb versteckt war, und jeden Morgen, wenn sie dem Lichtglanz der Sonne ihre Thür öffnete, hatte sie bei sich selbst geflüstert: »Er wird wiederkommen, Naomi, harre nur, harre; vielleicht kommt er heute nacht, vielleicht kommt er heute am Tage; er wird schon kommen!«

Als sie aber endlich von anderen Männern, die gefangen gewesen waren, zu ihrem grauenvollen Entsetzen verstehen lernte, was ein Gefängnis in Wirklichkeit sei, da wurde ihr bisheriges Festhalten an dem Befehl ihres Vaters, das Haus niemals zu verlassen, erschüttert, und ihr Gehorsam unterlag dem Wunsche, zu ihm zu gehen.

»Wer wird den armen Mann ernähren? Er muß ja verhungern. Wenn der Kaid ihn mit Nahrung versorgt, so wird sein Lösegeld nur um soviel größer sein. Freilich am Ende bleibt sich's gleich – er wird doch im Gefängnis sterben.«

So hatte Naomi die Gevatterinnen untereinander reden gehört, wenn sie meinten, sie höre nicht darauf. Und ob sie zwar wenig von Kaids und Lösegeldern verstand, so begriff sie rasch, welche Gefahr ihrem Vater drohte. So beschloß sie endlich, daß sie trotz seines Befehles zu ihm gehen wolle und müsse. Durch diesen Entschluß war es, als wandle sich plötzlich ihr Gemüt, das so lange nur ein Kindergemüt gewesen, in das eines Weibes, und ihr zaghaftes Herz wurde kühn, denn Mitleiden und Liebe waren drinnen geboren. »Er muß im Gefängnis verhungern,« dachte sie, »und ich will ihm Lebensmittel bringen.«

Als die Nachbarn ihren Entschluß vernahmen, erhoben sie die Hände vor Bestürzung und Entsetzen. »Gott erbarme sich meines Vaters!« riefen sie. »Schawan? Du? Allein? Kind, du wirst dich verirren – und Schlimmeres, tausendmal Schlimmeres wird dir begegnen! Schuuf! Du bist ein Kindskopf!«

Aber ihre Einreden vermochten jetzt ebensowenig Naomi daheim zu halten, wie ihr früheres Drängen sie hatte herausbringen können. »Er muß im Kerker verhungern,« sagte sie, »und ich will ihm Lebensmittel bringen.«

So überließen denn die Nachbarinnen Naomi ihrem unerschütterlichen Vorsatz. »Allah!« sagten sie, »wer hätte geglaubt, daß hinter diesem Milchgesichtchen solcher Eigensinn steckt!«

Naomi traf nun unbeirrt ihre Vorbereitungen zu ihrer Reise. Sie sparte dreißig Eier und buk ebensoviele flache runde Brotkuchen; auch machte sie etwas Butter in der einfachen Weise, wie die Araberinnen es sie gelehrt hatten, und that die übrige Milch in einen Schlauch von Ziegenfell. In drei Tagen war sie fertig. Darauf packte sie ihre Vorräte in die Blattkörbe eines Maultieres, das ihr einer der Nachbarn lieh, und setzte sich vor den Körben darauf, wie sie es bei den anderen Marktweibern, die vorüber kamen, gesehen hatte.

Als sie eben aufbrechen wollte, kamen die Gevatterinnen in herzlichem Mitleid mit ihr, um ihr Lebewohl zu sagen und sie zum letzten Mal zu sehen. »Halte dich auf dem Fußpfad bis Tetuan,« rieten sie ihr, »und dann frage nach der Straße, die nach Schawan führt.« Ein altes Weib warf ihr ein wollenes Tuch so über den Kopf, daß es ihr Gesicht bedeckte. »Ein Gesicht wie deins gehört nicht ans Tageslicht,« flüsterte die Alte, und so trat Naomi ihre Reise an. Die Frauen sahen ihr nach, während sie den Hügel hinauf nach dem Fondak und auf der anderen Seite hinab ritt und so ihren Augen entschwand. »Armes, hirnverbranntes Närrchen,« wimmerten sie, »es ist aus mit ihr! Zurückkommen wird sie nie. Dazu gibt's zu viele Männer in der Welt. Und nun,« setzten sie hinzu, indem sie sich gegenseitig argwöhnische und neidische Blicke zuwarfen, »was wird nun aus dem Vieh?«

Während die guten Seelen ihre Habseligkeiten unter sich teilten, erwachte allmählich in Naomi ein unbestimmtes Gefühl von den Schwierigkeiten und Gefahren, die ihrer warteten. Sie hatte es sich vorher ganz leicht gedacht, nach dem Wege zu fragen, aber jetzt, da sie es thun mußte, fürchtete sie sich zu sprechen. Der Anblick eines fremden Gesichtes erschreckte sie, und sie geriet in Todesangst, als sie mit einer wandernden Arabertruppe zusammenstieß, welche die Weidegründe wechselte. Die jungen Frauen und Kinder saßen auf Kamelen, die alten Weiber trotteten zu Fuß, beladen mit schweren Lasten von Kannen und Kesseln, die Knaben trieben die Herden vor sich her, und die mit langen Flinten bewaffneten Männer ritten ihre edlen Berberrosse. Plötzlich blieb Naomis kleines Maultier inmitten dieser Kavalkade stehen, und sie war zu bestürzt, um es vorwärts zu treiben. Auch vergaß sie in ihrer Angst, das Gesicht mit dem Tuch zu bedecken, das ihr die Nachbarin gegeben hatte, und setzte sich den frechen Blicken der vorbeiziehenden Männer aus, die ihr das Blut in die Wangen trieben.

Nichtsdestoweniger versuchte sie mit aller ihr zu Gebote stehenden Willenskraft ihren Mut aufrecht zu erhalten und setzte tapfer ihren Weg fort. »Er hungert im Gefängnis,« sprach sie zu sich selbst. »Ich darf keine Zeit verlieren.« Alles, was sie sah, war ihr neu, und beinahe alles furchterregend. Es beunruhigte sie sogar, daß aller Orten Männer, Weiber und Kinder ihr begegneten. Es kam ihr so sonderbar vor, daß die ganze Welt bevölkert sein sollte. Freilich manchmal wünschte sie auch wieder, daß es überall noch mehr Leute geben möchte. Das war immer der Fall, wenn sie durch einen wüsten Landstrich ritt, wo kein Haus in Sicht, kein Zeichen menschlichen Lebens weder rechts noch links zu erblicken war. Aber häufiger wünschte sie doch, der Menschen möchten nicht so viele sein – nämlich jedesmal, wenn die Kinder ihr Maultier neckten, oder die Weiber ihr nachspotteten, als müsse sie notwendigerweise ein gemeines Weibsbild sein, weil sie allein war, oder wenn die Männer lachten und ihr unverschleiertes Gesicht frech anstierten.

Sie hatte noch nicht viele Meilen zurückgelegt, als ihr Mut zu sinken begann. Alles war so anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte die Menschen für so gut gehalten, daß sie gemeint, jeder würde ihr helfen, sobald sie auf die Frage nach dem Zweck ihrer Reise sagte: »Mein Vater ist im Gefängnis, es heißt, er muß Hunger leiden; ich bringe ihm etwas zu essen!« Obgleich sie sich das nie mit klaren Worten gesagt, so hatte sie trotz der Warnungen der Nachbarn doch darauf gerechnet. Aber niemand half ihr weiter; wenige begegneten ihr mit Wohlwollen, noch wenigere mit Mitleid und Ermutigung.

Der stoßende Trab des Maultieres, eines ganz ausgemergelten und steifbeinigen Geschöpfes hatte die an seinen Seiten herabhängenden Körbe ganz platt geschlagen, so daß die runden Brotkuchen aus der Öffnung des einen weit Hervorstauden. Dies gewahrte eine Anzahl Marktweiber, die mit Säcken voll Holzkohlen auf dem Rücken vorbei kamen. Sofort riß jede von ihnen einen Kuchen heraus und kaute lachend daran. Naomi versuchte einen Protest. »Das Brot ist für meinen Vater,« stammelte sie, »er ist im Gefängnis; er muß dort –« Aber sie vollendete ihre so zaghaft begonnene Klage nicht, denn die Weiber lachten wieder mit vollem Munde und waren im nächsten Augenblick auf und davon.

Naomis Mut war jetzt vollständig gebrochen, aber es gelang ihr doch, noch eine Weile es sich nicht merken zu lassen. Von ihrem Vater wollte sie nicht mehr sprechen, das hieß ihn beschimpfen. Die armseligen Illusionen über die Güte und Freundlichkeit der Welt, die sie trotz unklarer Erinnerungen an Tetuan, seitdem sie sehen konnte, in ihrer jungen, unberührten Seele sich gemacht hatte, waren verflogen, und es fiel wie Schuppen von ihren Augen. Die Welt war doch sehr grausam! So muß es einem soeben aus den Wolken auf die Erde gefallenen Engel sein, der nun fühlt, wie der Schlamm der Straße seine Füße beschmutzt.

Sechs Stunden, nachdem sie ihre Hütte verlassen, gelangte Naomi zu einem Fondak, der südwestlich von Tetuan unweit der Stadtmauern sich befand. Es war inzwischen finster geworden, und sie mußte dort für die Nacht einkehren. Sie hatte es sich aber bis zu diesem Augenblick noch nicht überlegt, daß sie für ein solches Unterkommen bezahlen müsse. Nur wenige Kupfermünzen hätten ihr in einem der Bretterverschläge einen geschützten Unterschlupf verschafft, der für menschliche Wesen hergestellt war, während ihr Tier auf dem Dunghaufen im inneren Hofraum angebunden und gefüttert worden wäre. Endlich fielen ihr die Eier ein, und obgleich es ihr beinahe das Herz abdrückte, für sich zu gebrauchen, was für ihren Vater bestimmt war, gab sie doch zwölf derselben hin und außerdem noch einige Brote, damit ihr nur erlaubt würde hinein zu kommen. Ihrem rebellischen Herzen aber hielt sie unter reuigem Herzklopfen vor, daß, wenn sie das nicht thäte, ihr Vater gar nichts bekommen würde.

Der Fondak war ein elendes Gebäude, überfüllt von Bauersleuten, die am Morgen nach Tetuan zu Markt ziehen wollten, mit vielen Lasttieren und zahllosen Hunden. Es war der Vorabend des Monats Rabijael-ual. Beim Anbruch der Nacht spähten einige der Männer nach dem neuen Monde. Als die feine Sichel am Himmel erschien, signalisierten sie ihre Ankunft nach ihrer Gewohnheit durch das Abfeuern ihrer Flinten, während ihre im Kreise herumkauernden Weiber im Chor girrten. Dann wurde gegessen und getrunken, gelacht und gesungen, auf der Gimbri geklimpert, Taschenspielerkunststücke gemacht, aber auch Schimpfen und Zanken, Fluchen und Prügeln blieb nicht aus, wobei der Wirt des Fondaks vermittels eines tüchtigen Knüppels den Friedensstifter spielte. Unter solchen Beschäftigungen ging die Nacht dahin, und der Morgen brach an.

Naomi war es übel zu Mute. Ihr Kopf schmerzte sie. Der Geruch faulender Fische, der Gestank des Dunghaufens, das Geschrei der Esel, das Gebell der Hunde, das Grunzen der Kamele und der verworrene Lärm der Menschenstimmen machte sie fast sinnlos. Sie konnte weder essen noch schlafen. Sobald es hell wurde, sprang sie auf und machte sich auf den Weg. »Ich darf keine Zeit verlieren,« dachte sie und versuchte sich zu überzeugen, daß der blaue Himmel sich nicht in rasendem Reigen um sie drehe, daß es nicht in ihren Ohren summe, und daß ihr armes kleines Herz, gestern noch so tapfer, heute nahe daran war zu erliegen.

»Er ist gewiß dem Verhungern nahe,« sagte sie sich wieder und wieder, und das half ihr dann für eine Weile ihre eigene Not zu vergessen und sich weiter durchzuschlagen. Ach, wenn nur die Welt nicht so grausam gewesen wäre, ach wenn nur ein Mensch ihr ein ermutigendes Wort, ja auch nur einen mitleidigen Blick gegönnt hätte! Aber niemand hatte sie angesehen außer den Weibern, die ihre Brote stahlen, und den Männern, unter deren frechen Blicken sie vor Scham erröten mußte.

Die Erfahrungen dieses einen Tages trugen mehr dazu bei, sie die bitteren Früchte vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen schmecken zu lassen, als ihr ganzes bisheriges Leben. Ihre Illusionen verwehten wie der Wind, ihr süßes kindliches Zutrauen brach zusammen. Sie sah sich selbst, wie sie war: ein einfältiges Mädchen, ein Kind, dem die Wege der Welt unbekannt waren, das eine lange, unsichere Reise angetreten hatte und sich einbildete, es würde dem Vater im Gefängnis helfen können mit einer Handvoll Eier und ein paar armseligen Brotkuchen. Als endlich so die Schuppen von ihren innern Augen fielen, und sie auf ihrem Maultiergerippe weiter zog ohne Mut, nach dem Wege zu fragen, sah sie alle ihre hochfliegenden Pläne zertrümmert am Boden liegen, und wie sehr sie sich auch Mühe gab, sich zusammen zu nehmen, sie konnte nicht anders, sie mußte weinen. Es war alles umsonst, alles eine große Thorheit gewesen; sie war ein so schwaches, dummes Ding. Das hatte ihr Vater wohl gewußt, und darum hatte er ihr befohlen zu bleiben, wo sie war. Und – wenn er nun heimkam und – sie nicht fand! Ob sie nicht doch lieber umkehrte?

Als sie nach langem Sträuben beinahe zu dem Entschluß kam, das zu thun, war sie bis dicht unter die Stadtmauer und an das Bab Tut gelangt, dasselbe Thor, durch das sie mit ihrem Vater hinausgestoßen worden war. Mit erneuter, durch ihre gegenwärtige Not verstärkter Bitterkeit empfand sie ihre damalige grausame Schmach in der Erinnerung, als ihr ein Weib aus der Stadt entgegenkam.

Es war Habiba. Jetzt Ben Abus Sklavin, war sie am frühen Morgen aus der Kasbah geschlichen, um Naomi suchen zu gehen, über deren Aufenthaltsort und Lage sie kürzlich etwas erfahren hatte.

Die beiden Frauen hätten leicht ahnungslos aneinander vorbeigehen können, denn Habiba war verschleiert, und Naomis Augen hatten sie ja noch niemals gesehen, wenn nicht Naomi ihr schützendes Tuch vergessen gehabt und unverschleiert gewesen wäre. Im nächsten Augenblick lag das arme geängstigte Mädchen aufgelöst in Thränen an der Brust der Negerin.

»Wo willst du hin?« fragte Habiba.

»Zu meinem Vater,« erwiderte Naomi, »er ist im Gefängnis, und die Leute sagen, er muß hungern; ich wollte ihm Brot bringen, aber ich habe mich verirrt, ich weiß den Weg nicht, und außerdem –«

»So mußte es kommen!« rief Habiba.

Habiba hatte ihren eigenen kleinen Plan. Sie wollte sich von ihrem Herrn die Freiheit erringen und für ihre Seele nach ihrem Tode das Paradies. Naomi, die eine Jüdin war, sollte zum Islam übertreten. Dann hatte alle Not ein Ende, ein glänzendes Glück erwartete sie, und ihr Vater, der im Kerker saß, würde daraus befreit werden.

Nun war Religion bis jetzt fast ein leeres Wort für Naomi gewesen, sie wußte nicht einmal, was es bedeutete. Glaubensunterschiede galten ihr nichts, aber ihr Vater alles; deshalb klammerte sie sich an Habibas kecke Versprechungen, wie ein Ertrinkender nach dem Schaum einer blinden Klippe greift.

»Mein Vater wird aus dem Gefängnis entlassen werden? Weißt du das gewiß – ganz gewiß?« fragte sie hastig.

»Ganz gewiß,« antwortete Habiba zuversichtlich.

Naomis Hoffnung, ihren Vater je zu erreichen, war geschwunden, und der Gedanke, ihm mit dem winzigen Vorrat von Brot und Eiern zu helfen, erschien ihrer neugebackenen Weltkenntnis wie eine große Thorheit.

»Dann,« sagte sie, »will ich Moslima werden.«

Wenige Minuten darauf ritt sie an Habibas Seite durch das Bab Tut in die Stadt über den Feddan und nach dem Hofraum der Kasbah, welcher Zeuge gewesen war von ihrer und ihres Vaters Erniedrigung. Dort banden sie das Tier in dem offenen Stalle an, und Habiba brachte Naomi nach ihrem eigenen kleinen Zimmer, wo sie sie eine Viertelstunde allein ließ, um Ben Abu im Geheimen ihre wunderbare Neuigkeit mitzuteilen.

»Gnädiger Pascha,« sagte sie, »die schöne Jüdin Naomi, die Tochter von Israel ben Oliel, will sich zum Islam bekehren.«

»Wo ist sie?« fragte Ben Abu.

»Sidi,« sagte Habiba, »ich habe ihr versprochen, daß du ihren Vater freilassen wirst.«

»Hole sie her,« sagte Ben Abu, »und es soll geschehen.«

Inzwischen war aber Fatima in Habibas Zimmer gegangen, hatte Naomi dort gefunden und von der eitlen Hoffnung gehört, die sie hergeführt hatte.

»Mein süßer Goldschatz,« rief die Schwarze, »du weißt nicht, was du thust. Bekenne den Islam, und du bist auf ewig von deinem Vater getrennt. Er ist ein Jude und wird dann kein Recht mehr auf dich haben. Du wirst ihn niemals wiedersehen, niemals! Er ist dir dann für immer verloren – ich sage dir – verloren!«

Jetzt trat Habiba mit zwei Leibwächtern wieder ein, um Naomi zu Ben Abu zu holen. Das arme Kind wußte weder aus noch ein. Sie hatte aus Fatimas Beschwörung ebenso, wie aus Habibas Verheißung nur das herausgehört, was ihren Vater anging. Was sollte sie thun? Sie war ein kleines, schwaches Wesen, und keine starke Hand war ihr nahe, die sie hätte leiten können.

Durch viele dunkle Gänge wurde sie in einen offnen Raum geführt, den sie schon früher gesehen zu haben meinte. Es war ein großer Patio, dessen Wände und Fußboden mit glasierten Ziegeln ausgelegt waren. Männer in roten spitzen Mützen und wallenden weißen Kaftans standen umher. Der vornehmste unter ihnen war ein alter Mann in Gewändern von der Farbe der Abendsonne, mit Glockenärmeln, ein silbernes Messer im Gürtel und um den Hals eine Anzahl lederner Beutelchen an gelben Schnüren. Neben diesem Manne saß eine Frau mit grausam lachendem Gesicht; sie selbst aber, Naomi, stand mitten inne, und aller Augen waren auf sie gerichtet. Wo hatte sie alles das doch schon früher einmal gesehen?

Ben Abu hatte, seit er den Vater ins Gefängnis geworfen, oftmals an die schöne Tochter gedacht. Er hatte allerhand Pläne mit ihr, die er Katrina nicht mitteilen mochte. Bislang hatten ihn zweierlei Erwägungen davon abgehalten. Die erste war die immer zunehmende Schwierigkeit, die ihm aus dem Umstande erwuchs, daß der Sultan mehr Geld verlangte, als er auftreiben konnte, und die zweite, daß er die Notwendigkeit voraussah, die sich möglicherweise nicht würde umgehen lassen, Israel auf seinen Posten zurückzuberufen. Er hatte sich schließlich aus der heillosen Klemme dadurch befreit, daß er einigen Rifer-Stämmen, die bisher noch nie die Autorität des Sultans anerkannt, eine Steuer auferlegt, und des Sultans Heer entboten hatte, um sie einzutreiben. Der Sultan war denn auch gekommen, hatte die Rifer geschlagen, ihre Dörfer verbrannt, und heute morgen in aller Frühe hatte Ben Abu eine Botschaft erhalten des Inhalts, Abderrahman beabsichtige, das Fest des Mulud in Tetuan zu feiern. So war denn der Fang Naomis der glücklichste Zufall, der ihm in diesem Augenblick begegnen konnte. Sie sollte sich zu dem Propheten bekennen; ihr Vater, der Jude verlor dadurch jedes Recht an sie, und er selbst, dann ihr alleiniger Vormund, wollte sie dem Sultan als Friedenspfand anbieten, wenn er die Grenze des Paschalik überschritte.

Dies war Ben Abus neuer Plan, der in dem Augenblick bei ihm feststand, als er Habibas Neuigkeit erfuhr, und im nächsten hatte er ihn Katrina vorgelegt. Als aber Naomi in den Patio trat, und so sanft und schüchtern, ein wenig müde und doch so schön aussah, so ganz anders, als seine geschminkten Schönheiten, mit einem morgenrötlichen Schimmer auf dem offnen Antlitz, mit ihren klaren Augen und dem süßen Kindermunde, da regten sich seine bösen Begierden von neuem, und er hatte Mühe, nicht zu seinem früheren Plane mit ihr zurückzukehren.

»Du willst also Moslima werden?« fragte er.

Naomi warf einen verstörten Blick um sich, und rief dann angstvoll: »Nein, nein, nein!«

Ben Abu sah Habiba an, und diese überschüttete Naomi mit einem Schwall von Vorwürfen und Vorstellungen. »Sie hat es gesagt,« schrie sie laut. »Ich will Moslima werden, hat sie gesagt. Ja, Sidi, sie hat es gesagt, ich kann es beschwören!«

»Hast du es gesagt?« fragte Ben Abu.

»Ja,« sagte Naomi mit schwacher Stimme.

»Dann, bei Allah, kannst du es jetzt nicht mehr zurücknehmen,« versetzte Ben Abu; und er nannte ihr die Strafe, die auf dem Abfalle stünde. Es sei der Tod. Sie müsse wählen.

Naomi brach in Thränen aus, Ben Abu lachte darüber und Habiba machte ihr Vorstellungen. Sie aber sah nur eins. »Wie wird es mit meinem Vater?« fragte sie.

»Der soll in Freiheit gesetzt werden,« versicherte Ben Abu.

»Aber werde ich ihn wiedersehen? Werde ich bei ihm bleiben?« fragte Naomi.

»Die Dirne ist zu dumm!« spottete Katrina.

»Sie ist nur ein Kind,« sagte Ben Abu. Dann befahl er mit einem letzten Blick auf das holde Blumenantlitz, sie auf drei Tage in die Frauengemächer zu bringen.

Diese Räume bestanden aus einem von Unkraut überwucherten Garten, in dessen Mitte sich ein Wasserbehälter voll schmutzigen Wassers befand, und aus einem großen, länglichen Zimmer, dessen Luft mit allerhand Parfüms gesättigt war, und aus mehreren kleineren Kammern. Bewohnerin des Gartens war eine Gazelle, deren große furchtsame Augen durch das lange Gras spähten, Bewohnerinnen des länglichen Zimmers waren eine Anzahl Frauen verschiedenen Alters, darunter eine matronenhafte Maurin, Namens Tarha, in einem großen feuerroten Turban und mit einem großen Schlüsselbund, das von der Schulter bis auf die Taille wie eine Perlenschnur herabhing; eine Cirkassierin, Namens Hulia, in einer prunkhaften Rida Rida = ein durchsichtiges, gazeartiges Frauengewand, in welches gewöhnlich farbige Seidenstreifen eingewebt sind. von roter Seide und Goldbrokat; eine Französin, Namens Josephine, mit gestickten roten Pantöffelchen und schwarzen Strümpfen; und eine Jüdin, Namens Sol, die ein seidenes Taschentuch um ihre Stirn über den kohlschwarzen Locken gewunden trug, und die ihre Finger mit Henna betupft und ihre Augen mit Kohl Kohl (Koheul) = eine schwarze Salbe, welche die maurischen Weiber auf das innere Augenlid streichen, sowohl oben wie unten, um die Wimpern dichter und die Augen größer erscheinen zu lassen. umrändert hatte.

Das waren Ben Abus Weiber und Kebsweiber, von denen er sich trotz seinem Versprechen nicht getrennt hatte; und als Naomi zu ihnen kam, thaten sie treulich ihre Pflicht an ihrem Herrn. Sie selbst waren einst in die Schlinge gegangen, und nun suchten sie auch Naomi hineinzulocken. Sie überschütteten sie mit Liebkosungen, sie gerieten außer sich über ihre Schönheit und malten ihr die Zukunft, die ihrer wartete, aufs glänzendste aus. Sie würde einen fürstlichen Gemahl, köstliche Kleider, einen prachtvollen Palast haben, die ganze Welt würde ihr zu Füßen liegen. »Und worin besteht denn der Unterschied zwischen Musa (Mose) und Mohammed?« sagte Sol, »sieh mich an!« »Pah!« sagte Josephine, »es verlohnt sich nicht zu wählen!« »Ich für meinen Teil,« sagte Tarha, »sehe nicht ein, was für uns dabei herauskommt; das Paradies ist ja doch nur für die Männer.« »Und denke nur an die Juwelen – Ohrringe so groß wie Armbänder,« sagte Hulia, »anstatt dieses Dinges,« und sie zog mit dem Daumen und Zeigefinger das grobe Wolltuch, das Naomis Nachbarin ihr gegeben hatte, hinweg.

Doch alle Mühe war an Naomi verschwendet. »Aber wie wird es dann mit meinem Vater?« war Naomis stets wiederkehrende Frage.

Die Frauen verloren die Geduld ob ihrer Einfalt, gaben ihre Bemühungen auf und beschäftigten sich mit ihren eigenen Angelegenheiten. »Pah!« sagten sie, »warum sollten wir wünschen, daß sie des Sultans Gemahlin wird? Sie würde über uns hinwegschreiten, wie über den Staub der Straße, wenn sie wieder nach Tetuan käme.«

Während sie nun so allein unter ihnen saß, und ihrer Unterhaltung, ihren Geschichten, ihren Späßen und ihrem Gelächter zuhörte, fiel endlich der unsichtbare Schleier auf Naomi herab, der sie, die bisher ein Kind gewesen, vollends zum Weibe reifte. In der Treibhausluft ungesunder Wohlgerüche, worin diese Frauen lebten, ohne eine Beschäftigung außer Essen, Trinken und Schlafen, ohne Fortbildung, außer der Erfindung neuer Mittel, dem Auge ihres Herrn zu gefallen, ohne eine andere Freude, als die, einander seine Liebe abspenstig zu machen, ohne eine Leidenschaft außer der Eifersucht, ohne jede Unterhaltung, als auf den Dächern sich zu amüsieren, – kein anderes Ende dieses Lebens, als den Tod und das Grab!

Als Ben Abu die Zwecklosigkeit einer weiteren Belagerung dieser Festung erkannte, ließ er Naomi ins Gefängnis bringen und machte Habiba zu ihrer Wächterin. Die Negerin verging fast vor Angst über die Wendung, welche die Sache genommen hatte. Jetzt blieb ihr aber nichts anderes übrig, als dabei zu beharren; deshalb ließ sie nicht ab, Naomi mit Bitten zu bestürmen. Wie konnte sie so hartherzig sein? Konnte sie ihren Vater im Gefängnis schmachten lassen, da doch ein Wort von ihren Lippen ihn befreien konnte? Naomi hatte keine andere Antwort, als Thränen. Sie dachte an den Harem und weinte noch mehr.

Da that Ben Abu einen gewagten Schritt. Er ließ den Groß-Rabbi kommen, und befahl ihm, zu Naomi zu gehen und sie zum Islam zu bekehren. Zitternd gehorchte der Rabbi. Sein Gewissen beruhigte er damit, daß doch im Grunde beide Völker denselben einen Gott anbeteten, nur daß die Mauren ihn Allah und die Juden Jehovah nannten. Naomi wußte von beiden wenig. Sie dachte auch gar nicht an Gott, sondern nur an ihren Vater. Sie war zu unschuldig, um den Kunstgriff zu durchschauen, aber des Rabbi Bemühung blieb erfolglos. Er küßte sie und wischte sich die Augen, als er sie verließ.

Das Gerücht von Naomis schwieriger Lage hatte sich in der Stadt verbreitet, und eines Nachts schlichen sich eine Anzahl Mauren in ein Gäßchen hinter der Kasbah, wo ein enger Fensterritz in ihre Zelle sich öffnete. Flüsternd versicherten sie ihr, daß das, was sie so tragisch nähme, eine sehr einfache Sache sei. »Bekenne dich zum Islam,« baten sie, »und rette dich. Du bist zu jung zum Sterben. Ergib dich um Gotteswillen, ergib dich!« Aber keine andere Antwort vernahmen die im Dunklen Versammelten aus der Gefängniszelle, als leises Schluchzen.

Endlich erließ Ben Abu zwei Bekanntmachungen. Die erste für die Öffentlichkeit bestimmte war die, daß Abderrahman in zwei Tagen nach Tetuan kommen würde, um das Fest des Mulud zu eröffnen, und die andere mehr privater Natur lautete dahin, daß, wenn Naomi nicht vor dem ersten Morgengebet des folgenden Tages das Kelmah gesprochen habe, sie selbst sterben und auch ihr Vater zur Strafe für ihre Apostasie hingerichtet werden solle.

In dieser Nacht stand ein Häuflein Juden in dem Gäßchen unter dem schmalen Fenster. »Schwester,« riefen sie Naomi flüsternd zu, »Schwester unseres Volkes, höre uns an! Der Pascha ist ein harter Mann. Heute hat er uns ganz ausgeraubt, um für den Besuch des Sultans Geld zu haben. Höre zu! Wir haben etwas erlauscht. Die ganze Judenschaft will Israel ben Oliel wieder zurückhaben. Er war unser Vater, er war unser Bruder. Rette sein Leben um unserer Kinder willen, denn der Pascha hat ihnen das Brot genommen. Rette ihn, Schwester, wir bitten, wir flehen dich darum an!«

Endlich gab Naomi nach. Am nächsten Morgen nach Sonnenaufgang kniete sie in der großen Moschee im Metamar Platz der großen Moschee in Tetuan. unter den Männern und wiederholte die Worte des Iman: »Ich bekenne, es gibt keinen Gott außer Gott, und unser Herr Mohammed ist Gottes Bote. Ihm unterwerfe ich mich aufrichtig!«

Danach wurde sie in die Weibergemächer zurückgeführt und prächtig gekleidet. Ihr Kindergesicht war thränennaß. Sie war nur ein armes, schwaches Kind und liebte ihren Vater mehr als Gott; die ganze Welt aber war wider sie.

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