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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 24
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XXI. Israel im Gefängnis.

Etwa drei Monate waren vergangen, seitdem Israel in Ben Abus Namen, aber ohne sein Wissen, das Gefängnis von Schawan geleert hatte, und schon war es von anderen Gefangenen wieder ganz gefüllt. Die abgelegene Lage der alten Festung im Gebiete der Akhmas und der wilde Fanatismus der Schawanis ließen sie solchen Kaids anderer Provinzen, die ein höheres Lösegeld von den Verwandten ihrer Opfer auspressen wollten, als besonders geeigneten Verbannungsort erscheinen, denn die Örtlichkeit war wenig bekannt, auch brachte jeder Versuch, sich ihr zu nähern, schreckliche Gefahren mit sich. So lebten denn gegen fünfzig Gefangene, Männer und Knaben, aus allen Teilen des Landes in dem Kerker, aus welchem Israel und Ali die Anhänger Absalams befreit hatten.

In dieses Gefängnis wurde Israel gebracht, nachdem er Naomi und der einfachen Heimstätte, die er sich bei Semsa eingerichtet hatte, entrissen worden war. »Ja Allah! Mag der Hund doch die Krusten fressen, die ihm zu hart dünkten für seine Jungen!« sagte Ben Abu, als er den Befehl untersiegelte, welcher Israel dem Kaid von Schawan überwies.

Israel wurde zu Fuß in das Gefängnis geschleppt und erreichte es am Morgen des zweiten Tages nach seiner Verhaftung. Die Sonne war bereits aufgegangen, als er sich dem rohen, alten Gemäuer näherte und den Gang betrat, welcher zum Kerker hinabführte. In einem kleinen Hof an der Eingangsthür saß der Kaid el habs, der Schließer, auf einer Matratze, welche ihm bei Tage als Stuhl, bei Nacht als Bett diente. Er vertrieb sich die Zeit mit seiner Gimbri, und schlug sie lauter oder leiser, je nachdem der Tumult größer oder geringer war, der von der anderen Seite des verriegelten und verrammelten Thores hinter ihm ertönte. Dieses Thor war etwa vier Fuß hoch und hatte in seinem oberen Teile ein rundes Guckloch. Darüber hingen lederne Peitschen an der Wand, und eine lange Rifer Flinte stand im Winkel.

Als Israel eintraf, richteten seine Wächter allerhand spöttische Fragen an den Schließer. Was er mit der Gimbri mache? Stimme er sein Instrument für das Feuer von Gehennam? Wolle er dem Höllenfürsten etwas vorleiern? – Na, was sollte ein Mensch machen, wenn die Hunde dadrinnen knurrten! – Und die Peitschen? waren die zur Heilung Verrückter bestimmt? – Nun freilich, jeder kennt doch das alte Sprichwort: »Dem Weisen winkt man, den Narren schlägt man.«

Ein großer Schlüsselbund rasselte, der niedrige Thorweg öffnete sich, Israel bückte sich und trat ein; das Thor schloß sich hinter ihm, die Tritte der Wache verhallten, und der Klingklang der Gimbri begann von neuem.

Das Gefängnis war dunkel und ungesund. Gegen sechzig Fuß lang und dreißig breit wurde es von Wölbungen überdacht, die von bröcklichen Pfeilern getragen wurden. Das einzige Licht des Raumes drang nur durch schmale Spalten auf beiden Seiten hinein. Die Wände trieften von Feuchtigkeit, die auch von der Decke herabsickerte, die Luft war voll Ungeziefer, und ein stinkender Brodem stieg aus dem Schmutz, der den Estrich bedeckte, empor. Der Zustand, in dem sich die Gefangenen befanden, war kaum weniger greulich, als das Gefängnis selbst. Fast alle trugen eiserne Fesseln an den Beinen, einige waren an die Pfeiler angekettet. Auf der einen Seite stand eine Gruppe – es waren Sherifs aus Weßan – in eifriger, von wilden Gebärden begleiteter Unterhaltung; auf der anderen Seite saßen in größerer Zahl Juden aus Fes und flochten mit schlaffen Händen Körbe aus Palmettoblättern. Vier Berber im Hintergrunde spielten Karten, und zwei Araber, die in der Nähe der Thür an eine Säule geschmiedet waren, kauerten am Boden mit einem alten, abgenutzten Schachbrett zwischen sich. Von beiden Spielergruppen ertönte lautes Schreien und Lachen, und ein Schnellfeuer von Schimpfworten und bald entrüsteten, bald sarkastischen Bemerkungen flog hin und her. Die Karten wurden mit schallendem Auftrumpfen verteilt, und die Züge der Figuren vollzogen sich wie der Blitz. Dann spottete eine Stimme: »Du nennst dich einen Spieler! Da! – da! – da!« darauf die Antwort in sanften Tönen: »Ei – ei – wahrlich, du bist mein Meister. Laß uns Allah preisen für deine Weisheit.« Bald darauf aber ein wilder Ausbruch höhnischer Leidenschaft. »Du bist gleich dem Kerl, welcher den Hund totschlug und dabei ins Wasser fiel. Sieh her! Ich will dich lehren, dich über bessere Leute zu erheben. Scheren will ich dich! Da! ... da! ... da! ...«

Inmitten des dunstigen Raumes – so zusammengekauert, daß der schmale Lichtschein aus den Spalten an beiden Enden gerade auf sie fiel – ließ ein Barbier-Doktor einem jungen Menschen zur Ader. »Wir lassen uns das alle machen,« sagte er dabei »Es ist gut für die Gedärme. Ich habe es einst einer ganzen Schiffsladung Pilger gemacht.« Ein wild aussehendes Wesen saß in einem Winkel – es war ein Heiliger, ein Verrückter, der zur Sekte der Darkaua gehörte – der schaukelte sich hin und her und rief: »Allah! Allah! All-l-lah! All-l-lah!« Neben diesem Unglücklichen wackelte und tanzte ein abgezehrter alter Mann von der Sekte der Grega zu seinen Gebeten. Und nicht weit davon sang ein Mukaddam, ein Hoherpriester der Aïßa-Brüderschaft – ein Taschenspieler, der einen Löwen am Halsband durchs Land geführt hatte – eine tolle Parodie auf eine christliche Hymne, die er an der Küste gehört hatte.

So sah es in Israels Gefängnis aus, und mit solchen Gefährten mußte er es teilen. Als die Thür sich öffnete, um ihn einzulassen, war in dem babylonischen Gelärm eine plötzliche Pause eingetreten. Die Gefangnen kannten ihn und waren starr vor Schrecken. Stieren Blickes gafften sie ihn mit offnem Munde an. Israel stand eine Weile an der sich hinter ihm schließenden Thür. Er sah sich um, that einen Schritt vorwärts, zögerte, versuchte vergeblich mit seinen Blicken die Finsternis zu durchbohren, um ein Bett oder eine Matratze zu erspähen, und ließ sich zuletzt hilflos an einem Pfeiler niedergleiten.

Ein junger Neger in grobem Dschellab trat zu ihm und bot ihm ein Stück Brot an. »Hungrig, Bruder? Nicht?« fragte er mitleidig. »Nur immer munter, Sidi! Es wird nicht besser davon, wenn man sich vom Esel auf den Kopf trampeln läßt.«

Dieser Mensch war der Spaßmacher der Gesellschaft – ein lustiger, sorgloser, witziger Gesell, der außer seiner Freiheit wenig verloren hatte, sein Leben nicht sonderlich achtete, vielmehr lachte und schwindelte, spaßte und Knittelverse auf jedes ihn betreffende Mißgeschick machte. So hatte er folgenden Reim auf sich gedichtet:

Ein Schwarzer war El Arby,
Man hieß ihn »Larby Koskeh!«
Er liebte die Weiber der Kasbah,
Stahl Schuhe in der Moschee!

Israel war wie betäubt. Seit seiner Gefangennehmung hatte er kein Wort mehr gesprochen. »Bleibe hier,« hatte er zu Naomi gesagt, als sie den ersten Ausbruch ihres Schmerzes gewaltsam unterdrückte; »verlasse niemals diesen Ort. Was auch die Leute sagen mögen, bleibe hier. Ich werde zurückkommen.« Darauf war er verstummt. Weder Schmähungen noch Grausamkeiten hatten ihm eine Antwort oder einen Schrei entringen können. Ohne seine Häscher auch nur einmal anzusehen, ohne sein Fasten anders, als durch einen Trunk Wassers am Wege zu unterbrechen, war er trotzig und schweigsam seines Weges gegangen.

In Schawan, wie überall in der Berberei, werden die Gefangenen von ihren eigenen Verwandten und Freunden beköstigt, und am Tage nach Israels Ankunft erschienen eine Anzahl Weiber und Kinder mit Lebensmitteln im Gefängnis. Eine wilde, grausige Scene folgte. Zuerst ein ungestümes Suchen der Gefangenen nach ihren Weibern, Söhnen und Töchtern, und lautes Jauchzen, wenn jeder die Seinigen fand. »Gott sei gelobt! Sie ist hier! hier!« Dann ein wahnsinniges Geschrei der Gefangnen, deren Verwandte nicht gekommen waren. »Meine Ajescha! Wo ist sie? Verflucht sei ihre Mutter! Warum ist sie nicht hier?« Und dazwischen der verzweifelte Jammer solcher, die erfahren mußten, daß ihre Ernährer nacheinander dahin gestorben seien. »Tot? sagt ihr?« – »Tot!« – »Nein, nein!« – »Ja, ja doch!« – »Nein, nein sage ich!« »Ja, sage ich! So wahr mir Gott vergeben möge, vorige Woche gestorben! Aber stirb du nur nicht auch noch! Hier, nimm diesen Beutel voll Zumetta!« – Dann folgten Fragen nach den abwesenden Kindern. »Wo ist der kleine Selam?« – »Bettelt in Tetuan.« – »Armer Junge, armes Kind! Und was macht meine hübsche M'barka?« – »Ach! die M'barka ist jetzt in Hulias Hause in Marakesch eine öffentliche Dirne geworden. Nein, fluche ihr nicht, Dschellali! Das arme Kind wußte nicht mehr aus noch ein. Was sollten wir mit den Kindern machen, die nach Brot schrieen? Zudem, wie sollten wir diese Reise und die Lebensmittel für dich bestreiten, Dschellali?« – »Ich will nicht essen, was um solchen Preis gekauft wurde. Mein Sohn ein Bettelkind, meine Tochter eine Dirne? Bei Allah! Der Kaid, der mich hier festhält, soll lebendig in der Hölle braten!«

In einem Winkel, abgesondert von den anderen sitzt ein junger Maure aus Tanger, der aus dem Schoß seiner schönen jungen Frau Reis ißt. »Du kommst doch bald wieder, Geliebteste?« flüstert er. Sie wischt sich die Augen und stammelt: »Nein – das heißt – ach –« »Was hast du?« – »Ali, ich muß dir sagen –« – »Nun, und?« – »Der alte Aaron Sagguri sagt, ich müsse ihn heiraten, oder er wird dafür sorgen, daß wir beide verhungern.« – »Allah! Und dudu?« »Sieh mich nicht so schrecklich an, Ali! ach, der Hunger thut so weh – und was auch geschehen mag, ich – ich werde niemals einen anderen lieben!« – »Verflucht sei Aaron Sagguri! Fluch über dich! Fluch über euch alle!«

Niemand hatte für Israel Lebensmittel gebracht, und El Arby, der Neger, der dies bemerkte, schritt prahlerisch auf ihn zu, hielt ihm mit pathetischer Gebärde einen runden Brotkuchen hin und sang dazu:

Gut sind Zwieback, Kaks Süße kleine Kuchen. sind süß,
Kesksu Kuskusu (Kesksu) das Haupt- und Leibgericht der Marokkaner. Aus Weizen- und Maismehl werden zwischen den Fingern kleine Kügelchen geformt, diese halbtrockne Masse mit grobkörniger Grütze, Gemüse, Gewürz, Hammel- und Hühnerfleisch in Dampf gekocht und sodann in Form eines Kegels, mit gelbem Safran gefärbt, aufgetragen. bringet auf die Füß'
Dies für heute, jenes dann –
Khalja Mehlspeise. ziemt dem Ehemann.

»Du bist ganz wie ich, Sidi,« sagte er, »dir mangelt nichts!« und er deutete mit dem Zeigefinger nach oben, um sein Vertrauen auf die Vorsehung anzudeuten. Der lustige Schelm wollte damit aber sagen, daß er sich aus den Beuteln seiner Kameraden versorgte, während sie schliefen.

»Gar nichts? Noch immer fasten?« sagte er und ging singend ab, wie er gekommen war:

Dein Liebchen soll dich lieben,
Herzen und küssen auch –

»Was,« schrie er einen Kameraden über das ganze Gefängnis hin an, »du issest Khalja im Käfig? Schlimm, schlimm, schlimm!«

Alles dies drang wie aus weiter Ferne durch die trüben Wogen des schwindenden Bewußtseins an Israels Ohr, aber sein Herz vernahm nichts davon; sonst hätte die bloße Luft dieses Ortes ihn vergiften müssen. Er saß an dem Pfeiler, an dem er sich zuerst niedergelassen hatte, und stand kaum jemals auf. Mit großen, starren Augen schaute er ringsumher, sah aber nichts. Zuweilen sah er aus, als horche er, aber er hörte nichts. So verging ihm Tag um Tag und Nacht um Nacht in wortloser Stumpfheit; er schlief kaum, aß selten und schien immer zu warten, zu warten, zu warten!

In kurzen Zwischenräumen kamen neue Gefangene, und jeder, der da kam, erweckte Israels Interesse. An jeden richtete er dieselbe Frage: »Woher?« Wenn sie antworteten, aus Fes, aus Weßan, aus Mekines oder aus Marakesch, wandte sich Israel ab und verließ sie, ohne ein Wort weiter zu sagen. Dann mochten sie vor seinen Leidensgefährten ihre Kümmernisse in lauten Wehklagen und Verwünschungen ausschütten, aber Israel hörte nichts mehr.

Es war europäischen Touristen gestattet, durch das vorhin erwähnte runde Guckloch in der Eingangspforte einen Blick in das Gefängnis zu werfen. Die Juden, welche Körbe flochten, ergriffen diese Gelegenheit, um ihre Arbeit zum Verkauf anzubieten. Das benutzte Israel, um die Besucher zu sehen und zu sprechen; schnell ergriff er einen Korb, reichte ihn hinaus und richtete seine Frage – immer dieselbe – an die Fremden. »Wo seid ihr zuletzt gewesen?« fragte er auf englisch, spanisch, französisch oder maurisch. Zuweilen traf es sich, daß die Fremden ihn kannten. Aber er schien sich nicht zu schämen. Ihre Antworten befriedigten ihn nie. Seufzend wandte er sich nach seinem Pfeiler zurück.

So verging Woche auf Woche, und Israels Antlitz gewann ein immer hagereres und immer matteres Aussehen. Seine Mitgefangenen fingen an, ihm auf ihre rohe Art Achtung zu beweisen. Als er zuerst unter sie kam, hatten sie gegrinst und gelacht. Das war immer die erste Regung der armen, so elend eingekerkerten Geschöpfe, wenn ein neuer Kamerad hinzukam. Aber die Erhabenheit des tiefen Leides, das aus Israels Zügen sprach, überwältigte zuletzt ihre Herzen. Es war ein gefallener Großer, dem nichts übrig geblieben war, nicht einmal Brot zu essen, noch Wasser zu trinken. So thaten sie sich denn zusammen und sannen auf ein Mittel, ihn zu bewegen, von ihren Lebensmitteln etwas anzunehmen. Sie brachten alle ihre Säcke an seinen Pfeiler, stapelten sie ringsherum auf, und baten ihn, er möchte ihnen Tag für Tag ihre Rationen davon austeilen, ganz gleich für alle. Er sei ehrlich, er sei ans Befehlen gewöhnt, von ihm würde niemand stehlen; es sei so am besten, so würde auch der Vorrat am längsten dauern. Es war ein rührender Anblick.

Immer noch aber verwandelte sich Israels müdes Wesen in den alten Eifer, so oft die Thür sich öffnete und neue Gefangene ankamen. Einmal geschah es, daß, ehe er seine gewohnte Frage ausgesprochen hatte, er in ihnen alte Bekannte aus Tetuan erkannte. Er stammelte wie im Fieber: »Wann – wart ihr – seid ihr kürzlich – schien aber unfähig, den Satz zu beenden.

Doch die Tetuaner erkannten und verstanden ihn. »Nein,« erwiderte der eine auf die unausgesprochene Frage. »Auch ich nicht,« sagte der zweite; »ich auch nicht,« ein dritter, »noch ich,« ein vierter, während Israels rascher, fragender Blick ihren Reihen entlang flog.

Wortlos wandte er sich ab, setzte sich an seinen alten Pfeilerplatz und starrte teilnahmlos vor sich hin, während die neuen Gefangenen ihre Geschichte erzählten. Ben Abu sei ein Schuft. Das Volk von Tetuan sei nun dahinter gekommen. Sein Weib sei eine Dirne und ihr Herz ein bodenloser Sumpf. Sie beide demoralisierten das ganze Paschalik. Die Stadt sei schlimmer als Sodom. Kein Kind auf der Straße sei sicher, und kein Frauenzimmer, sie sei Weib oder Tochter, die Gott hübsch erschaffen, wage es, sich auf den Dächern zu zeigen. Ihre eigenen Frauen seien in die Kasbah weggeschleppt worden. Deshalb seien sie selbst jetzt im Gefängnis.

Dies geschah etwa einen Monat, nachdem Israel in Schawan eingetroffen war. Da geriet sein Verstand ins Wanken. Es war kläglich anzusehen, wie er, der in ihm vorgehenden Veränderung sich deutlich bewußt, mit der vollen Kraft eines starken Mannes gegen den Wahnsinn kämpfte. Wenn derselbe ihn nun ergriffe – wo blieben dann seine Hoffnungen und Aussichten? Sein Tag wäre dann dahin, seine Nacht angebrochen, und er selbst nichts weiter als ein hilfloser Klotz, der in ein vereistes Meer verschlagen war; und wenn der Tauwind käme – falls er jemals käme – dann wäre er eben nur ein zerbrochenes steuer- und segelloses Wrack. Manchmal fluchte er dann ohne jede besondere Veranlassung und warf die Arme wild in die Luft, gleich darauf aber senkte er beschämt den Kopf und murmelte: »Nein, Israel; nein, nein, nein!«

Andere Gefangene kamen von Tetuan, und alle erzählten dieselbe Geschichte. Israel lauschte ihnen mit stumpfem Gesichtsausdruck und schien kaum zu hören, was sie ihm erzählten. Eines Morgens aber, als auf dieser schlammigen Stelle im Wirbel des Oceans, der hier Leben hieß, der Tageslauf von neuem begann, bemerkten alle, daß eine furchtbare Veränderung in ihm vorgegangen war. Israels Gesicht hatte schon längst matt und müde ausgesehen, jetzt aber war es uralt und welk. Sein schwarzes Haar war mit Grau untermischt gewesen, jetzt war es weiß; weiß war auch sein dunkler Bart, der lang und zottig herunterhing. Aber sein Auge funkelte und seine Zähne glitzerten in dem geöffneten Munde. Er lachte über alles, aber nicht wild, nicht rücksichtslos, nicht ohne Absicht und Bedeutung, sondern mit der Lustigkeit eines glücklichen und zufriedenen Gemüts.

Israel war wahnsinnig, und sein Wahnsinn hatte etwas Rührendes an sich. Er wähnte sich wieder in sein Haus und in seinen Besitz versetzt – ein reicher Mann, wie er es in früheren Jahren gewesen, aber auch ein freigebiger Mann, wie er es in späteren war. Mit freigebiger Hand teilte er seine Wohlthaten aus.

»Nehmet, was ihr braucht; esset, trinket, lasset euch nichts abgehen; es ist noch mehr da, wo dies herkam; es gehört nicht mir; Gott hat es mir geliehen zum Besten aller!«

Mit solchen herablassend gesprochenen Worten verteilte er, wie gewöhnlich, die Rationen an die Leidensgefährten, und ließ nur darin eine Änderung eintreten, daß er das Maß höher auffüllte und die Leute mit allerhand Titeln anredete: – Sid, Sidi, Mulai – und dergleichen – und zwar nach dem Maßstab der Lumpen, die sie trugen. Es war das Herz eines Wahnsinnigen, aber auch das eines Hochsinnigen, das aus ihm sprach.

Von dieser Zeit an betrachtete er die Gefangenen als seine Gäste, und wenn neue dazu kamen, begrüßte er sie stets mit einer Miene, als sei er der Wirt und sie Freunde, die ihn besuchten. »Willkommen,« sagte er dann; »seid hoch willkommen! Das Haus gehört euch. Nehmt alles. Was ihr nicht sehet, seid überzeugt, das haben wir auch nicht. Tausend, tausendmal willkommen daheim!« Es war eine grimme leidvolle Ironie.

Israels Gefährten fingen an, ihr eigenes Leiden weniger stark zu empfinden, als ihnen die Tiefe des seinigen sich erschloß, und sie steckten die Köpfe zusammen, um der Ursache seines Wahnsinns auf den Grund zu kommen. Die meisten gelangten zu dem Schlusse, es sei der Kummer um den Verlust seiner hohen Stellung. Und als eines Tages wieder ein Gefangener aus Tetuan kam, der neue Geschichten von der Tyrannei des Pascha erzählte, und daß das Volk sich schäme bei dem Gedanken daran, wie sie mit Israel umgegangen wären, da führten sie den Mann dahin, wo Israel stand und nach seiner Gewohnheit Wohlthaten austeilte, damit die Geschichte vor die rechten Ohren käme.

»Überall verlangt man dich zurück,« sagte der Tetuaner; »Israel ben Oliel! Israel ben Oliel! das hört man in der Moschee und auf der Straße und überall. Schmach über uns, daß wir ihn ausgestoßen haben, Schmach über uns! Er war unser Vater! Juden und Muselmänner, sie alle sagen dasselbe!«

Es war umsonst. Die frohe Botschaft fand keinen Eingang mehr in die umnachtete Seele. Das finstere Blatt in Israels Leben, auf dem die Undankbarkeit des Volkes verzeichnet stand, war im Buche seines Gedächtnisses versiegelt. Israel lachte. Was meinte der gute Freund! Siehe da! war er nicht ein reicher Mann und hatte Scharen von Freunden und Genossen um sich?«

Die Gefangenen wandten sich verblüfft hinweg. Endlich nahm einer – es war niemand anders als Larby, der Nichtsnutz, – einige beiseite und sagte: »Ihr versteht alle nichts davon. An seine frühere Herrlichkeit denkt er gar nicht. Ich weiß, wo der Knoten steckt – niemand besser als ich. – Hört ihr, wie er lacht? Nun, er muß weinen, oder er wird für immer verrückt bleiben. Er muß zum Weinen gebracht werden. Ja, bei Allah! und das will ich thun!«

In derselben Nacht, als es ganz dunkel geworden war, die Gefangenen sich ihre baumwollenen Kopftücher umgebunden und schlafen gelegt hatten, setzte sich Larby neben Israel und seufzte und stöhnte mit allen Zeichen der tiefsten Bekümmernis.

»Sidi, Herr,« stammelte er, »einst hatte ich einen kleinen Bruder, und der war blind! Blind geboren, Sidi, meiner eigenen Mutter Sohn! Aber du kannst dir gar nicht denken, wie vergnügt er trotzdem war. Siehst du, Sidi, ihm fehlte nichts und sein Gesichtchen strahlte, wie der Sonnenschein im Wasser. Bei Allah! Ich hatte den Jungen lieber als die ganze Welt! Was Weiber! – na – kurz und gut – er war sechs, und ich war achtzehn, und ich ließ ihn immer auf meinem Rücken reiten. Schwarze krause Löckchen über und über, Sidi, und so blanke große Augen hatte er, die einen anguckten, wenn sie auch nicht sehen konnten! Na – da kam ein Bader aus Sus – verflucht sei sein Urgroßvater! Sieht sich den kleinen Hassan an – ›Schuppen!‹ sagt er – soll doch sein Vater brennen! ›Laßt ihn zur Ader, und er wird sehen!‹ So ließen sie ihn denn zur Ader, und er sah. Bei Allah! freilich – eine Minute lang – eine halbe Minute! ›O Larby,‹ rief er – ich hielt ihn; dann – dann ›Larby,‹ rief er noch einmal ganz matt, wie ein Lämmchen, das sich im Gebirge verirrt hat – und dann – und dann – ›O Larby,‹ seufzte er. Sidi, Sidi, ich hab's dem Bader heimgezahlt – auf frischer That – auf seinem Kopf – so! – Darum bin ich auch hier!«

Es war natürlich alles erdichtet, aber Larby spielte seine Rolle so gut, daß seine Stimme brach und stockte und große Tropfen aus seinen Augen auf Israels Hand fielen.

Die Wirkung der Erzählung auf Israel war überraschend. Während Larby sprach, schlug er sich ab und zu vor die Stirn und murmelte: »Wo war es doch? Wann war es doch? – Naomi!« als grabe er in der ebbenden Meeresflut nach verlorenen Schätzen. Und als Larby geendet hatte, überhäufte er ihn mit Vorwürfen. »Und darum weinst du?« rief er. »Du denkst, es sei wunder wie schlimm, daß das süße Kind tot ist – Gott habe es selig! Ja freilich für dich und deinesgleichen mag es so sein, aber sieh mich an!«

In seiner Stimme verriet sich ein grimmer Stolz auf sein Elend. »Sieh mich an! Weine ich? Nein, es ist unter meiner Würde zu weinen. Aber ich habe mehr, ja tausendfache Ursache dazu. So höre denn. Einstmals war ich reich; aber was ist Reichtum ohne Kinder? Trocken Brot und kein Wasser, um es aufzuweichen! Ich bat Gott um ein Kind. Er gab mir eine Tochter; aber sie war blind und taub und stumm geboren. Ich bat Gott, meinen Reichtum zu nehmen und ihr das Gehör zu geben. Er gab ihr das Gehör; aber was ist das Hören ohne das Reden? Ich bat Gott, mir alles zu nehmen, was ich hatte, und ihr die Sprache zu geben. Er löste ihre Zunge; was aber war das ohne das Augenlicht! Ich bat Gott, mir auch meine Stellung zu nehmen, und ihr das Augenlicht zu geben. Er gab es ihr, und ich wurde wie ein Landstreicher aus der Stadt getrieben. Was that das? Sie hatte alles, und mir war vergeben. Aber als ich nun glücklich war, als ich zufrieden war, als sie mein Herz mit Sonnenschein erfüllte, da riß mich Gott von ihr hinweg. Und wo ist sie jetzt? Allein dort unten, ohne Freunde, ein eben zur Welt gekommenes Kind, jedem Lügner und Wüstling preisgegeben. Und wo bin ich? Hier, wie ein wildes Tier in der Falle, das ein vergebliches Gestöhn ausstößt, ein zahnloses, dummes, machtloses, verrücktes Geschöpf! Nein, nein – doch nicht verrückt! Sage mir, Junge, ich bin doch nicht verrückt?«

Wie ein Ertrinkender rang Israel mit den brandenden Wogen seines Wahnsinns. »Aber ich weine doch nicht!« rief er mit halberstickter Stimme. »Gott hat das Recht, nach seinem Willen zu handeln! Er hat sie mir siebzehn Jahre lang gegeben. Und wenn sie stirbt, sind wir bald vereint! Nur wenn sie lebt – nur wenn sie in die Hände der Sünder fällt – – Sage mir, war ich wahnsinnig?

Er ließ dem Neger keine Zeit zu antworten. »Naomi!« rief er, und seine Stimme brach in Wehmut. »Wo bist du jetzt? Was hat – wer hat – dein Vater denkt an dich – er ist – nein, ich will nicht weinen! Du siehst, ich hätte wohl Ursache, aber ich sage dir, ich werde niemals weinen. Gott hat das Recht – Naomi! – Na ...«

Der Name erstickte im Schluchzen, als er ihn wiederholte, und dann richtete er sich plötzlich hoch auf, und rief mit furchtbarer Stimme: »O ich bin ein Narr! Gott hat nichts für mich gethan. Warum sollte ich etwas für Gott thun? Er hat mir mein Alles genommen! Er hat mein Kind genommen! Ich habe nichts mehr, ihm zu geben, als mein Leben! Mag er das auch nehmen! Nimm es, ich flehe dich an!« rief er – und das Gewölbe hallte den Schrei wieder – »Nimm es, und mache mich frei!«

Im nächsten Augenblick war er auf seinen Platz zurückgesunken und schluchzte wie ein kleines Kind. Die anderen Gefangenen hatten sich voller Bestürzung erhoben, nur Larby, der jetzt echte Thränen nach seinen kalten künstlichen vergoß, tanzte in wunderlichen Bocksprüngen auf dem Estrich umher und sang: »El Arby war ein Schwarzer!«

Da rasselte ein Schlüsselbund draußen, und eine helle Lichtflut drang in den dunklen Raum. Der Kaid el Habs führte einen Kurier hinein, welcher den Entlassungsbefehl für Israel überbrachte. Der Sultan Abderrahman wollte das Fest des Mulud in Tetuan begehen, und Ben Abu hatte zur Feier dieses Besuches Israel begnadigt.

Das waren glühende Kohlen auf Israels Haupt. »Gott ist gut,« murmelte er. »Ich werde sie wiedersehen. Ja, Gott hat ein Recht zu thun, wie er will! Bald werde ich sie nun sehen. Gott ist weiser, als alle menschliche Weisheit. Ich darf keine Zeit verlieren. Kerkermeister, kann ich die Stadt noch heute nacht verlassen? Ich möchte mich gleich auf die Reise machen. Heute nacht? – ja wohl, heute nacht! Sind die Thore offen? Nein? Willst du sie mir öffnen? Du bist sehr gütig. Alle sind sehr gütig. Gott ist gütig. Gott ist mächtig!«

Halb verschämt, und wie um seine fassungslose Leidenschaft von vorhin zu entschuldigen, fügte er dann mit fast kindlicher Einfalt hinzu: »Man wird zum Narren, wenn man sein einziges Kind verliert. Ich meine nicht durch den Tod. Das heilt die Zeit. Aber das lebende Kind – o, das ist eine nie endende Pein! Ihr könnt euch nicht denken, wie glücklich wir miteinander waren. Ihr liebliches Wesen war meine ganze Freude. Ja, ihre Stimme war Musik, und ihr Atem wie der Morgenwind. Ich hatte die Kleine sehr lieb – ich war ganz elend, wenn ich sie eine Stunde lang nicht sah. Und nun so weggerissen zu werden! ... Doch ich muß eilen heimzukommen. Die Kleine wird auf mich warten. Ja ich weiß wohl, jeden Morgen, wenn sie erwacht, wird sie aus der Thür nach mir ausschauen. Das thun sie immer, diese zarten liebewarmen Wesen, nicht wahr? Da muß man denn mit ihnen Nachsicht haben. Ja, ja, so ist es, so ist es!«

Seine Mitgefangenen umstanden ihn, jeder das unter dem Kinn zugebundene Nachttuch um den Kopf – hagere, dürre Gestalten, auf die des Kerkermeisters Laterne schwankende Streiflichter fallen ließ.

»Lebt wohl, ihr Brüder!« rief er, und einer nach dem anderen erfaßte seine Hand und legte sie an seine Brust.

»Lebewohl, o Herr!« – »Friede sei mit dir, Sidi!« – »Lebewohl!« – »Friede!« – »Lebewohl!«

Der Lichtstrahl schwand; die Thür fiel zu; draußen verhallende Tritte; zweimal das Zuwerfen eines Thores, und dann war alles still – leer und geisterhaft.

Die verhüllten Gestalten standen einen Augenblick unbeweglich im Dunklen und horchten, und dann fing eine krächzende, heisere, doch lustige Stimme an zu singen:

Ein Schwarzer war El Arby,
Man hieß ihn »Larby Koskeh!«
Er liebte die Weiber der Kasbah
Und stahl Schuh' in der Moschee!

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