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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 22
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XIX. Das Zeichen des Regenbogens.

Während in der Kasbah so böse Dinge vorgingen, war der Stadt ein großes Heil widerfahren. Der lang ersehnte, erhoffte und erbetete – der herrliche, segensreiche Regen war endlich da. Aus dem Nebelmantel dunkler Wolken, die sich um die Berggipfel gelagert hatten, tropfte es anfangs leise wie linder Tau, und nach einer halben Stunde hingen die Wolken grau herab auf die Stadt, und der Regen strömte in Fluten hernieder.

Das war eine Freude und Wonne, diese Frische und Schönheit und der köstliche Duft! Die schwere und stauberfüllte Luft wurde klar und rein, als ob sie gewaschen wäre. Über den bisher von allerhand kriechendem Gewürm wimmelnden Erdboden floß jetzt eine heilbringende Wasserflut, von der aufsprühend ein erquickliches, nach der See schmeckendes Naß die Lippen befeuchtete.

Die Stadtbevölkerung war von dem Regenguß so überrascht und beglückt, daß sie aus ihren Häusern eilte, um ihn in vollen Zügen zu genießen. Straßen und Plätze waren voll von Menschen, die in kindischer Freude, ohne Furcht vor Erkältung, mitten im Platzregen auf und nieder wanderten. Mit lachenden Augen und blitzenden Zähnen fingen sie den Regen in den Händen auf und tranken ihn. Wie Kinder riefen sie sich Scherzworte zu und sangen fröhliche, lustige Weisen, während sie ohne Ziel und Absicht hin und her gingen. Wie eine Schar schwatzender Elstern kamen die Juden aus ihrer Mellah, und die Mauren am Thor boten ihnen das »Salem«, den arabischen Friedensgruß. Das »Bálak« der Maultiertreiber klang wie Gesang. Müßig saßen die Sattler und Büchsenschmiede vor ihrer Thür und grüßten jeden, der vorbei kam. Sogar die feierlich ernsten Talebs standen in Gruppen bei einander, und ihre Gesichter leuchteten unter den Kapuzen ihrer dunklen Dschellabs. Die barhäuptigen Berber, die auf dem Marktplatz lagerten, hüpften umher wie ausgelassene Kinder, grinsten wie Affen, feuerten ihre langen Flinten in die Luft und hatten ihre Freude an dem Pulverknall. Dazwischen weinten sie oder umarmten einander; sie dachten wehmutsfroh an ihre ferne Heimat.

Gerade um diese Zeit, als die Stadt einen so merkwürdigen Anblick darbot, kam die Prozession, welche Ben Abu angeordnet hatte, aus der Kasbah hervor. Trotz des Regens prächtig gekleidet – mit der hohen spitzen Saschia, dem militärischen Fes, im feuerroten Selham mit einem Stab in der Hand – eröffnete ein Soldat den Zug. Hinter ihm gingen vier schwarz uniformierte Polizisten, zur Rechten und Linken aber zwei Ausrufer, von denen jeder einen kurzen Stab trug, an dem Ketten von Kupfermünzen hingen, die sie in der Luft wie Glocken rasseln ließen. In der Mitte gingen die Opfer des oberherrlichen Befehls – zuerst Naomi, barfuß, barhaupt, aller ihrer Kleider bis auf das letzte, das ihre Blöße notdürftig deckte, beraubt, gesenkten Hauptes, das Gesicht mit den Händen bedeckt und die Augen geschlossen – hinter ihr Israel auf einem mageren, zottigen Esel. Den Beschluß machte wieder eine Abteilung Polizisten. So kamen sie die steilen Arkaden hinab auf den Marktplatz, wo der größte Teil der Stadtbewohner versammelt war.

Als die Leute sie sahen, liefen sie scharenweise aus allen Winkeln und Ecken des Feddán, aus allen Seitengäßchen, Zelten, Buden und Läden herzu, und kaum erkannten sie, wer die Gefangenen waren, da ertönten laute Ausrufe der Überraschung von allen Seiten.

»Ya Allah! Israel der Jude!« schrien die Mauren.

»Gott Jakobs sei mit uns! Israel ben Oliel!« riefen die Mellahbewohner.

»Was ist los? Was ist geschehen? Was ist ihnen zugestoßen?« fragten alle durcheinander.

»Bálak!« rief der voranschreitende Soldat und wirbelte seinen Stab vor sich her, um einen Weg durch die dichtgedrängte Menge zu erzwingen. »Achtung! Erlaubt! Fort! Aus dem Wege!« Dazwischen schrien die Ausrufer: »Also soll man jedem Manne thun, der ein Feind des Kaid ist, und jedem Weibe, die eine Betrügerin und Komödiantin ist!«

Als die Leute sich von ihrer ersten Bestürzung erholt hatten, sahen sie einander finster an, murmelten Flüche zwischen den Zähnen und sagten mit harter mitleidloser Stimme: »Das hat er verdient! – Ya Allah, es geschieht ihm schon recht! – Ihr Heiligen, es war vorauszusehen, daß es dahin kommen würde! – Seht ihn jetzt an! – So weit ist's nun mit ihm! – Ja, Hochmut kommt vor dem Fall! – Verflucht ihn! Er soll verflucht sein!«

Über die gemurmelten Flüche und unbarmherzigen Verwünschungen, über das Heulen und Belfern der rachgierigen Menge hinweg ertönten die lauten Worte der Ausrufer: »Also soll man jedem Manne thun, der ein Feind des Kaid, und jedem Weibe, die eine Betrügerin und Komödiantin ist!«

Da schlug die Stimmung der Menge um. Erst hörte man hie und da ein Kichern – dann folgte ein lautes Gelächter! Man schüttelte den Kopf über Israel, man verspottete ihn und machte sich über seine trübselige Lage lustig. Nicht wie ein gestürzter Tyrann erschien er allen jetzt, vielmehr wie ein bloßer Schwindler und Gauner. Schaut doch hin! Seht seinen klapperigen zottigen Esel an! Ya Allah! Wie hatte man sich doch jemals so vor ihm fürchten können!

Als der Zug über den Marktplatz schritt, spie ein Weib, das in eine Bettdecke gehüllt am Wege saß, Israel im Vorüberreiten an. Am Thor der Moschee humpelte ein lahmer, alter Bettler durch das Gedränge und auf Israel zu und schlug ihm mit den Fingerknöcheln ins Gesicht. Das Weib hatte ihren Mann, der Greis seinen Sohn durch Ben Abus Bluturteile verloren. Aber Israel hatte beide reichlich unterstützt, als er nachts in seiner maurischen Verkleidung unerkannt die Stadt durchwanderte.

»Bálak! Bálak!« schrie der Soldat, und aufs neue erklang die monotone Litanei der Ausrufer und übertönte jedes andere Geräusch.

Bei jedem Schritt nahm das Gedränge zu. Die Starken und Stämmigen rissen fast die Schwachen nieder, um in die Nähe des Zuges zu gelangen. Blinde Bettler und gebrechliche Krüppel, die sich weder rühren, noch etwas sehen konnten, stießen im Rücken der Menge schauderhafte Flüche gegen Israel aus.

Als die Prozession an dem Mellahthor vorbeischritt, kamen zwei andere Züge ihnen daraus entgegen. Der eine war eine Abteilung Soldaten, die soeben Israels Haus geplündert und dem Erdboden gleich gemacht hatten, der andere war eine Schar alter Juden, unter ihnen Ruben Maliki, Abraham Ferkler und Juda ben Lolo. Das Erscheinen der drei Wucherer gab der Volksbewegung eine neue Richtung. Man that, als sei die Prozession ein Triumphzug, etwa die Abreise eines Kaid, eines Sherif, eines Sultans. Der Soldat und die Polizisten gingen auf den Gedanken ein. Ein »Salem aleikum« über das andere wurde Israel mit spöttischen Verbeugungen zugerufen. Selhams wurden vor Naomis Füßen auf den Boden geworfen. Ruben Maliki bahnte sich einen Weg durch die Menge, trat dann einen Schritt zurück und krächzte rauh durch die Nase:

»Brüder von Tetuan, schaut hier euren Wohlthäter! Macht ihm Platz! Macht Platz! Macht Platz!«

Lautes Gejohle, Fluchen, Gelächter und hyänenartiges Geschrei antwortete auf seine Spottrede. Zuletzt reichte der alte Abraham einen ungeheuren grünen spanischen Sonnenschirm über die Köpfe der Menge hinweg einem schwarzen Hufschmied, der sich im inneren Ringe des Haufens befand; und der Neger hielt ihn mit breitem Grinsen, das sein ganzes weißes Gebiß zeigte, über Israels Haupt.

»Gott segne unsern gnädigen Herrn!«

»Den Heiland seines Volkes!«

»Wohlthäter! König der Menschen!«

So erklangen die Spottrufe aus Hunderten rauher Kehlen, und zwischendurch und darüberhin tönte Gekreisch und gellendes Lachen.

Israel hatte diese ganze Zeit hindurch unbeweglich auf seinem Esel gesessen und weder Beschämung noch Angst gezeigt. Sein Gesicht sah sehr erschöpft und aschfahl aus, und nur in seinen Augen glühte das Feuer eines jammervollen Grames. Zuweilen blickte er auf und sah alles, was um ihn her vorging: er sah sich selbst von seiner Begleitung verhöhnt, von den Muselmännern beschimpft, von den Juden verspottet, bespeit und geschlagen, von den Leuten, deren hungrige Mäuler er kurz zuvor mit Brot gespeist hatte. Aber wie viel mehr als das – auch Naomi sah er in ihrer Schmach vor ihm herwandelnd! Bei diesem Anblick blutete sein Herz, und sein Geist entbrannte in ihm. Und wenn er nun erwog, daß er es war, um dessentwillen sie diese Erniedrigung erdulden mußte, ergriff ihn zuweilen eine namenlose Sehnsucht, zu ihr zu treten und ihr das Wort ins Ohr zu flüstern: »Vergib mir, mein Kind, vergib mir!« Dann aber rief er sich ins Gedächtnis zurück, was Gott heute an ihr gethan hatte, und drängte seinen Wunsch zurück. Er mußte sich ja sagen, daß es ein Zeichen von Gottes Wohlgefallen und ein Unterpfand dafür sei, daß er recht gehandelt habe. So erglänzten Thränen, halb des Schmerzes halb der Freude in seinen Augen, als er sie auf Naomi richtete, und in seiner aufgeregten Seele klang es: »Sie teilt den Triumph meiner Demütigung. Sie wandelt durch die höhnende witzelnde Menge, aber siehe! Gott selbst wandelt neben ihr.«

Jetzt war der Zug in das Mauergäßchen gelangt, das nach dem Bab Tut, dem nach Tanger und Schawan hinausliegenden Thor, führte. Der Weg war hier so eng und das Gedränge so groß, daß eine augenblickliche Stockung entstand und der Zug nicht weiter konnte. Diese Gelegenheit ergriff Ruben Maliki. Er trat auf Israel zu und sagte so laut, daß alle es hören konnten: »Sieh doch die Scharen an, die gekommen sind, dich zu geleiten, o Heiland deines Volkes! Schau! schau! Wir alle werden dieses Tages gedenken!«

»Das sollt ihr!« rief Israel. »Bis an den Tag eures Todes sollt ihr alle seiner gedenken!«

Es war das erste Wort, das er gesprochen hatte. Einige Mauren versuchten darüber zu lachen; aber seine Stimme, aus der ein wilder Schmerz schrie, ging den Juden zu Herzen, viele von ihnen blieben hinter dem großen Schwarm zurück und gingen nicht weiter mit. Der Schrei kam aus dem Herzen eines Bruders. Sie fühlten, daß es unwürdig war, das Unglück zu beschimpfen.

»Bálak!« schrie der Soldat; die Ausrufer wiederholten ihren Spruch, und der Zug ging weiter.

Es war die letzte Versuchung, die Israel zu bestehen hatte. Nicht ein Zug seines Gesichts verriet die leidenschaftliche Erregung, die in seinem Herzen tobte. Ihm war, als raune ihm der Teufel ins Ohr: »Schau doch und höre mir zu! Für solche Menschen bist du so tief gesunken? Waren sie des Opfers wert? Hättest du doch reich und vornehm sein und sie zertreten können! Dann würden sie vor dir niedergefallen sein, aber jetzt verachten sie dich. Thor! Du hast alles verkauft und hast es den Armen gegeben, und das hast du davon!« Aber inmitten der Todesangst, in die ihn diese dämonische Stimme und der Anblick der barfuß auf den Steinen vor ihm hinschreitenden Naomi versetzte, war es wieder, als käme ein Engel und hauche ihm leise zu: »Sei stark! Nur noch ein wenig länger halte aus! Ende, wie du begannst! So ist's recht, du frommer Knecht Gottes, so ist's recht!«

Er zuckte mit keiner Wimper, sondern ritt ohne Wort und ohne eine Thräne weiter. Einmal nur hob er den Kopf empor und schaute auf den dampfenden Hexenkessel voll gaffender und grinsender schwarzer und weißer Gesichter. »Was ist's doch um das Mitleid der Menschen!« dachte er. »Welcher Teufel mag sie versuchen?«

Inzwischen war der Zug bis nahe zu dem Bab Tut gekommen. Niemand hatte bisher darauf geachtet, daß es nicht mehr regnete, aber in diesem Augenblick merkten es alle auf einmal, denn unmittelbar über der Thorwölbung erblickten sie einen Regenbogen, der nach Nordwesten den Himmel umspannte.

Israel sah den Regenbogen und hielt ihn für ein Zeichen. Es war Gottes Finger am Himmel. Zu diesem Thore, also aus Tetuan hinaus, und weit ins Land hinein – in die Thäler, auf die Hügel, in die Wüste, dort wo keinem Unrecht geschah – dorthin hatte ihm heute Gott selbst und nicht dieses Volk den Weg gewiesen!

Was nun folgte, war ein wüster Traum, dessen sich Israel nie recht deutlich erinnern konnte. Durch dicke heiße Luftwellen drangen viele Stimmen an sein Ohr.

Zuerst noch einmal die Stimme des Ausrufers: »So soll man jedem Manne thun, der ein Feind des Kaid ist, und jedem Weibe, das eine Betrügerin und Komödiantin ist!«

Dann noch einmal das »Bálak! Bálak!« des Soldaten.

Und endlich ein wilder, vielstimmiger Lärm, der plötzlich kurz abbrach und nur noch dumpf und undeutlich von der andern Seite des verschlossenen Thores herüberscholl.

Als Israel wieder zu sich kam, schritt er über eine kahle Heide, auf welcher nur hie und da Gruppen der langblätterigen Aloe standen, und er hielt Naomi an der Hand.

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