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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 16
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XIII. Naomis große Gabe.

Naomi hatte die Gabe des Hörens empfangen. Gleichzeitig schienen aber die anderen Gaben, welche sie in ihrer Taubheit besessen, und die wunderbaren Eigenschaften, welche sie geschmückt hatten, von ihr abzufallen, wie ein Gewand, das sie ablegte.

Es war, als ob ihr Tastsinn durch den neu erwachten Gehörsinn sich verloren habe. Sie verirrte sich in ihres Vaters Hause, und obgleich sie jetzt Fußtritte hören konnte, schien sie doch nie zu wissen, wer sich ihr näherte. Sie wurde auf die Straße oder auf den Feddan geführt, durch die Mauergasse nach dem großen Thor, oder die steilen Arkaden nach der Kasbah empor; aber nicht mehr vermochte sie wie vormals sich durch das Gedränge der Leute hindurchzuwinden, die sie durch die körperliche Hülle hindurch zu sehen schien, und die sie mit lachendem Munde grüßte, sondern sie folgte nur weiter und weiter mit hilflosen Schritten. Auf die Bergspitze über der Batterie geführt, atmete sie rascher, als ihr Fuß die altvertrauten Steige betrat; aber oben auf dem Gipfel angelangt, jubelte sie nicht mehr über die erhabene Stelle, die sie einnahm, trank auch nicht neues Leben aus dem mächtigen Windesrauschen um sie her, sondern erbebte nur in kindischer Angst, als sie der Welt da unten, die sie nicht sah, gegenüber stand und auf die Stimmen horchte, die daraus emporstiegen, und den Windhauch vernahm, der einst ihre Wangen badete und der jetzt in ihren Ohren tönte. Man gab ihr Alis Harfe in die Hand, dieselbe, welche sie in der Kasbah bei Ben Abus Hochzeit so wunderbar gespielt hatte; allein nie wieder entlockte sie den Saiten so wilde Rhapsodien, wie bei jenem außerordentlichen Anlaß, sondern rührte sie kraftlos mit ungeschickten Fingern an, welche nichts von Musik verstanden.

Sie verlor auch ihr früheres Vermögen, ihre Tritte selbständig zu leiten, sich Vergnügungen zu verschaffen und ihre Neigungen zu befriedigen. Es war, als könnte sie nur durch dieselben Organe, wie die übrigen Menschen, mit der Natur verkehren. Sie war nicht mehr das strahlende frohherzige Feenkind, sondern ein schönes blindes Mädchen, ein holdes Menschenkind, zart und schwach wie ihre irdischen Schwestern.

Daraus machte sich Israel aber nichts, so groß war seine Freude über den Verlust jener Kräfte, um derentwillen ihn seine Feinde siebzehn Jahre lang geschmäht und ihm »Beelzebub« nachgebrüllt hatten. Und wenn Gott in seiner Barmherzigkeit den wunderbar begabten und wunderbar fröhlichen Engel aus seinem Hause genommen, so hatte er ihm statt desselben für sein danach lechzendes Menschenherz ein süßes, wenn auch schwaches und hilfloses, Menschenkind geschenkt.

So war denn Israel in den ersten Tagen der großen Umwandlung, die mit Naomi vorgegangen, ganz zufrieden. Aber nach und nach verließ ihn diese Zufriedenheit, und eine seltsame Herzensangst packte ihn. Es wollte ihm vorkommen, als habe diese Gebrechlichkeit nicht nur Naomis Körper, sondern auch ihren Geist ergriffen. Es schien ihm fast, als ob ihre Seele plötzlich entschlummert sei. Sie verriet weder Freude noch Schmerz. Kein Laut entfloh ihren Lippen, kein Gedanke, weder an sich noch an andere schien in ihr zu leben. Sie lachte nicht, sie weinte nicht. Wenn Israel ihre bleiche Stirn küßte, streckte sie nicht wie einst die Arme aus, um seinen Kopf an ihre Lippen zu ziehen. In schweigender Ruhe, in trauervoller Anmut ließ sie Tag um Tag vorbeiziehen, ohne zu fühlen und ohne zu denken – eine schöne Bildsäule aus Fleisch und Blut.

Was Gott damals an ihrem schlummernden Geiste that, weiß er allein; aber die Zeit des Erwachens kam doch endlich und mit ihr auch die erste Freude an der neuen Gabe, mit der Gott sie beschenkt hatte.

Um ihre Lebensgeister anzuregen und ihr Gedächtnis zu wecken, war Israel mit ihr eines Tages auf die Heide vor die Stadt hinausgegangen, wo sie als Kind so gern gespielt hatte, wo Pfefferminz und Nelken, Thymian, Majoran und weißer Ginster blühten, wo sie Blumen gepflückt hatte in den alten Zeiten, da Gott allein sie gelehrt hatte. Der Tag war schön, die Luft lind und weich, der Wind so sanft, daß das Rohrdickicht unter den schattigen Bäumen sich nicht regte. Wohin Naomi wollte, dahin waren sie gewandert ohne bestimmte Richtung und ohne Ziel.

Weiter und weiter, Hand in Hand wandelnd, durchstreiften sie die gewundenen Oleanderpfade zwischen den verschlungenen Ginstergehegen und gliederartig gespreizten Ästen der Stachelfeige, bis sie endlich an einen Bach gelangten, einen Nebenfluß des Martiel, welcher von den wilden Abhängen der Akhmas herab und über die runden Kiesel seines engen Bettes dahin rieselte. Da – aus welchem Antrieb, oder durch welchen Zufall, das erfuhr Israel nie – hatte Naomi ihre Hand aus der seinigen gelöst, und im nächsten Augenblick, in kaum mehr Zeit als er brauchte, um sich zur Erde zu bücken und sich wieder aufzurichten, da plötzlich, als sei sie in die Erde versunken, oder zum Himmel entrückt, war Naomi seinen Blicken entschwunden.

Israel bog die tiefhängenden Zweige auseinander in der Erwartung, sie dicht neben sich zu finden, aber sie war nirgends zu erblicken. Er rief sie bei ihrem Namen in der Hoffnung, sie würde mit der einzigen Sprache ihrer Lippen, mit ihrem alten Lachen antworten.

»Naomi! Naomi! komm, komm, mein Kind! wo bist du?«

Aber kein Laut gab ihm Antwort.

Wieder rief er, diesmal nicht im Tone der Ermahnung, sondern mit furchterfüllter Stimme:

»Naomi, Naomi, wo bist du? Wo? wo?«

Dann lauschte er und wartete; aber er vernahm nichts, weder ihr Lachen, noch das Rascheln ihres Kleides, noch ihren leichten Fußtritt.

Trotzdem war sie über das Gras gegangen von dem Fleck aus, wo sie ihn verlassen hatte – nicht aus Laune, ohne böse Absicht, hatte sie einfach nur seine Hand verloren und versucht, sie wieder zu finden; dann geriet sie in Angst und ging rasch, bis das dichte Laubwerk zwischen ihr und ihrem Vater sie seinen Blicken verbarg und den Schall seiner Stimme auffing.

Nachdem sich Israel zwischen den langen stachlichen Blättern einer Aloe einen Weg gebahnt hatte, fand er sie endlich an dem Ort, bis zu welchem sie gewandert war. Der Bach machte hier eine scharfe Biegung, wo dunkle alte Bäume das Wasser mit Waldesdüster überschatteten. Sie saß auf einem umgestürzten Eichenstamm, und es sah aus, als habe sie sich hier niedergelassen, um ihren stillen Kummer auszuweinen, denn ihre blinden Augen waren noch von Thränen feucht. Der Fluß murmelte zu ihren Füßen; ein alter Ölbaum über ihr säuselte mit Myriaden von Zungen; eine kleine Eichhörnchenfamilie fauchte neben ihr, und ein winziges Tierchen der jungen Brut kletterte an ihrem Kleide empor, eine Amsel schaukelte sich auf einem niederhangenden Zweige des Ölbaumes und flötete dazu, und ein Schaf – ungelenk, griesgrämig, uralt – stand feierlichen Antlitzes vor ihr und blähte sich auf. Bienen summten, Grashüpfer zirpten, der leichte Wind flüsterte, und Kühe brüllten in der Ferne. Die Luft an diesem reizenden Orte war voll süßer Töne des Himmels und der Erde, und durchduftet von all den wilden Wohlgerüchen des Waldes.

»Mein Liebling!« rief Israel im ersten Gefühl innerster Erleichterung; dann hielt er inne und sah sie noch einmal an.

Die feuchten weitgeöffneten Augen schienen sehen zu können, so strahlend war das Licht das in ihnen glänzte. Ein zärtliches Lächeln umspielte ihren Mund; der Kopf war sanft geneigt, die Nasenflügel bebten, die Wangen glühten. Sie hatte den Hut von der Stirn zurückgeschoben, und ihr goldgelbes Haar fiel über Nacken und Brust. Eine ihrer Hände bedeckte ein Ohr, und die andere glitt spielend über die Pflanzen, welche am Bachesrande neben ihr wuchsen. Sie schien mit großem Eifer, und dabei wie verzückt zu lauschen. Eine strahlende Freude, eine reine und zarte Wonne ergoß sich förmlich von ihrem schönen Antlitz. Es war fast, als glaube sie, daß alles, was sie durch die ihr neu geschenkte große Gottesgabe hörte, zu ihr spräche und sie willkommen hieße und ihr Liebe böte: als strecke der geschwätzige alte Ölbaum seine Arme von oben nieder, um mit ihrem Haar zu tändeln, als flüsterten seine Blätter: »Küsse mich, Kleine! Küsse mich, Süße! Küsse mich, küsse mich!« – als riefen die zu ihren Füßen plätschernden Wellen ihr zu: »Fangt uns, ihr nackten Füßchen! fangt uns! fangt uns!« – als sänge die Amsel in den Zweigen: »Woher des Wegs, Sonnenscheinchen? Woher, woher des Wegs?« – als fauchte das Eichkätzchen: »Ich bin nicht bange, bin nicht bange!« und als brumme das griesgrämliche alte Schaf: »Patsche mich, kleines Mädchen! du darfst es! du darfst es!«

»Gott segne ihr schönes Gesicht!« rief Israel. »Sie lauscht mit jedem Zuge und jeder Linie darin!«

Die Seele der Musik hatte sich ihrer Seele offenbart, und von diesem Tage an erfreute sie sich an allen und jeden sanften und lieblichen Tönen, an den Stimmen spielender Kinder – an dem Meckern der Ziege – an den Tritten derer, die sie liebte – an dem Schwirren und Schnurren des alten Spinnrades ihrer Mutter, welches sie jetzt handhaben lernte – und an Alis Harfe, wenn er in der Abendkühle im Patio spielte.

Aber wie kein Auge zu sehen vermag, auf welche Art der in die Erde gesäete Samen erst erstirbt und dann lebendig wird, so kann auch keines Menschen Zunge beschreiben, welch eine Umwandlung Naomis reine Seele erfuhr, als nach ihrer Geburt in das Reich des Klanges die holden Stimmen der Erde zuerst hineinzogen. Weder sie selbst, noch irgend jemand anders konnte sich jemals ganz klar darüber werden, welcher Art diese Umwandlung war, denn sie blieb ein wundersames, heiliges Mysterium. Sie war aber auch eine große Freude, der sich Naomi ungeteilt hingab. Kein Wohllaut entging ihr mehr, und von aller Musik, welche Menschen hervorbrachten, ergötzte sie sich am meisten am Singen von Liebesliedern. Diesen lauschte sie mit ungeteiltem, begeistertem Entzücken; die daraus tönende Freude schien ein Echo ihrer eignen Freude, und die Luft um sie her schien auf Schritt und Tritt durchweht zu sein von Gesängen der Liebe.

Nur wenige Lieder dieser Art bekam sie zu hören, und noch wenigere darunter waren schön, und keines wurde schön gesungen. Fatimas schlichte Weisen waren alles, was sie davon kannte, dieselben, die ihr schon tausendmal vorgesummt waren, als sie sie noch nicht hören konnte. Die meisten waren Gesänge der Wüste und der Karawane und handelten von Moschus und Bisam, von flüssigem Rubin und duftenden Locken, tanzenden Cypressen und durststillenden Lippen; einige waren sinnliche Geschichten, welche die gute Seele selbst kaum verstand, von bezaubernden Schönheiten, deren Schweigen die Pforte der Einwilligung war, und von mutwilligen Nymphen, deren Liebe den Schleier ihrer Keuschheit zerriß.

Nur eines darunter war ein Lied von reiner, wahrer Liebesleidenschaft, welches wie der sehnsuchtsvolle Ruf eines schmachtenden, ungesättigten und unbefriedigten Herzens klang, das die Liebe vom Himmel herabholen, oder sich selbst zu ihr hinaufschwingen möchte. Dies war ein Lieblingslied der Mutter Naomis gewesen, und von Ruth hatte es Fatima gelernt in den langen, bangen Nachtwachen jener frühen ungewissen Zeit, da sie es an der Wiege ihres Säuglings sang, der taub war und es nicht hören konnte. Naomi wußte hiervon ja nichts, aber sie hörte endlich ihrer Mutter Lied, obwohl die teuern Lippen, die es einst gesungen, jetzt verstummt waren, und empfand dabei die höchste, süßeste Wonne.

Wo ist die Liebe?
Wo, wo ist Liebe?
Strömt sie vom Himmel?
Blüht sie auf Erden?
Wo, wo ist Liebe?

Mit ihrer zittrigen, kreischenden Stimme sang die schwarze Frau das Lied, wenn Israel sich nicht in der Nähe befand, und rührend war es anzusehen, wie Naomi sich daran erfreute, und welche Kunstgriffe sie in ihrer Stummheit anwandte, um ihr Vergnügen daran auszudrücken, so lange es dauerte, und um eine Wiederholung zu bitten, wenn es zu Ende war.

Und so geschah es endlich, daß, wie eine menschliche Mutter dasjenige ihrer Kinder am meisten liebt, welches das hilfloseste ist, so auch die Mutter Erde Naomis Ohren um so schärfer machte, weil ihre Augen blind waren. So schien sie denn manches zu hören, was anderen Kindern des Staubes verborgen bleibt. Ist es doch nur ein schwaches Echo der Außenwelt, das menschliche Ohren hören dürfen, und nur ein trüber Schatten der Außenwelt, den Menschenaugen sehen dürfen, aber die Ohren Naomis schienen alles zu hören.

Die Menschen haben ihr Gehör, und die Tiere des Feldes haben das ihre, und die Vögel haben wieder ein anderes, und ein Gehör übertrifft das andere an Schärfe, wie auch ein Gesicht das andere an Schärfe übertrifft. Und die ganze Erde ist voller Stimmen, und alles was sich auf ihrer Oberfläche regt, hat einen eignen Ton; doch der Vogel hört das, was das Tier nicht mehr vernimmt, und das Tier hört das, was die Menschen nicht hören. Naomi aber schien alles zu hören, was jedes dieser erdgeborenen Geschöpfe vernehmen kann.

So lauschte sie denn Stunde für Stunde, lauschte und horchte immerfort und ausschließlich – sie hatte ja nichts zu thun als zu horchen; es konnte sich nichts am Boden regen, daß sie ihr Gesicht nicht dahin geneigt hätte, nichts flog durch die Luft, ohne daß sie die Augen dazu erhob. Und während ihr Gesicht ganz und gar Gefühl gewesen war, ehe die große Gabe ihr zu teil ward, und sie die untergehende Sonne, den Himmel, den Donner und den Blitz zu fühlen schien, so war jetzt ihr Antlitz ganz Gehör, und ihr ganzer Leib schien zu hören – sie war wie eine lebendige Seele, die unaufhörlich in einem Meer von Tönen schwimmt.

Tag um Tag war sie emsig bemüht, in der Schweigsamkeit ihres Dunkels sich ihre Begriffe von Welt und Menschen vermittelst der neuen Gabe, mit der Gott sie beschenkt hatte, aufzuerbauen. Als welche Art von seltsamem Gebilde ihr aber die Erde vorkommen mochte, was ihr die Sonne mit ihrer Wärme und die See mit ihrem Rauschen war und wie das Antlitz des Menschen und die Augen des Weibes ihr vorkamen, das konnte man nicht wissen, und sie selbst konnte es nicht sagen, denn ihre Seele war ja noch nicht mit anderen Seelen verbunden – Seele mit Seele durch das Band der Rede.

Und obgleich sie nicht zu antworten vermochte, vergaß Israel doch nicht, daß Naomi außer den Tönen der Erde und des Himmels auch Worte hörte, beschwingte, lebendige Worte, die sich der darauf lauschenden Seele zum Guten oder Bösen tief einprägten. So fuhr er denn fort, ihr aus dem Buch des Gesetzes vorzulesen Tag für Tag um Sonnenuntergang nach seiner früheren Gewohnheit. Und wenn ein böser Geist ihn höhnen wollte und sprechen: »Thor, sie hört, aber versteht sie?« dann erinnerte er sich daran, wie er ihr in den Tagen ihrer Taubheit vorgelesen hatte, und er sprach bei sich: »Soll ich weniger Glauben haben, nun sie hören kann?«

Aber obgleich er der Versuchung, Naomis Seele endlich aufzugeben, widerstand, so wollte ihm doch oft der Mut sinken; denn wenn er zu ihr sprach, kam es ihm vor, als gleiche er einem Manne, der in eine Höhle hineinruft und dem keine Antwort, als der Schall seiner eignen Stimme zurücktönt. Wenn er ihr vom Himmel erzählte, daß er weit wäre, wie das Meer – was konnte sie von den großen Tiefen schauen, um sie miteinander zu vergleichen? Und wenn er ihr von der See erzählte, daß sie grün sei, wie die Wiesen, was konnte sie von dem Grase sehen, um seine Farbe zu kennen? Und zuweilen, wenn er zu ihr sprach, fiel es ihm plötzlich ein, daß ja die Worte selbst, mit denen er zu reden pflegte, für Naomi nicht mehr bedeuteten, als die Töne, die Ali seiner leblosen Harfe entlockte, oder als das Gemecker der Ziege zu ihren Füßen.

Trotzdem war sein Glaube groß, und er sprach in seinem Herzen: »Der Herr wird selbst den Weg zu ihrem Geiste finden.« So fuhr er denn fort mit ihr zu reden, so oft er bei ihr war, und ihr von den Kleinigkeiten zu erzählen, die ihren Haushalt betrafen, und daneben auch von wichtigeren Dingen, die ihrer Seele zu wissen frommten.

Es war ein rührender Anblick – der einsame Mann, der Ausgestoßene seines Volkes, wie er mit seiner blinden und stummen Tochter sprach, ihr von Gott erzählte, vom Himmel, vom Tode und von der Auferstehung, stark in seinem Glauben, daß seine Worte nicht vergeblich seien, sondern daß der Schrein ihrer Seele sich öffnen werde, um sie aufzunehmen und daß sie darin bis zu dem großen Tage des Gerichtes ruhen würden, an dem der Herr selbst sie hervorrufen würde.

Vernahm Naomi seine Worte mit dem Verstande, oder fielen sie tot auf ihr Ohr, wie die Vögel aufs tote Meer? Ob sie dieselben in ihrem Dunkel und ihrem Schweigen wohl zusammensetzte, sie verglich, sie ausdeutete, ihnen nachsann, sie nachahmte, Geistesnahrung aus ihnen sog und Erquickung für ihr Gemüt? Israel wußte es nicht; und wie er auch ihr Gesicht beobachten mochte, er konnte es nie erfahren. Hoffnung! Glaube! Vertrauen! Was blieb ihm sonst übrig? Er klammerte sich an alle drei, er riß sie an sich; sie waren sein Notanker und sein Leitstern. Aber sie waren auch gleichsam sein Fiebertraum – das trügerische Bild grüner Auen und holder Frauenangesichter, das vor dem Auge des Seemanns in windstiller Zeit auftaucht.

Es war etwa drei Wochen nach Israels Rückkehr von seiner Reise, und die feurige Glut der Sonne war noch unvermindert dieselbe geblieben. Das Gewitter, welches sich damals über der Stadt entladen, hatte keinerlei Folgen hinterlassen, keine Feuchtigkeit, keine Kühlung. Der Boden war hart, wie gebacken, denn der Regen war zu kurz und zu gewaltsam gewesen, um ihn zu durchdringen. Und was die sengende Hitze unversehrt gelassen von grünem Blatt- und Strauchwerk, hatte eine noch tödlichere Plage hinweggefegt. Die Heuschrecken waren kürzlich von Süden und Osten heraufgekommen in Massen, welche der Einbildungskraft spotteten, Millionen über Millionen, so daß sie auf ihrem Zuge die Luft verdunkelten und den blauen Himmel verschwinden ließen. Sie hatten das Land von allem Grün entblößt und eine breite Spur der Verwüstung hinter sich gelassen. Das Gras war verschwunden, die Rinde der Öl- und Mandelbäume abgeschält, und die kahlen Stämme erinnerten an eine Winterlandschaft.

Zuerst empfanden Rinder und Lasttiere die Plage. Ohne Futter und ohne Wasser starben sie zu Hunderten hin. Ein Mukabar (Begräbnisplatz) wurde außerhalb der Stadtmauer für die Tiere angelegt. Es war ein richtiger Schindanger an einem Abhang dicht bei einem der sechs Stadtthore gelegen. Das tote Vieh wurde dort nicht begraben, sondern einfach auf die nackte Erde geworfen, um in der Sonne und im heißen Winde zu faulen und zu bleichen. Es war ein grauenvoller Ort.

Die ausgemergelten Stadthunde entdeckten ihn alsbald; und nachdem diese Totengräber des Ostens das verwesende Fleisch abgerissen und die Knochen benagt hatten, trieben sie sich mit aus dem Rachen hängender Zunge im Lande umher, um Wasser zu suchen. Es war aber inzwischen dahin gekommen, daß die See das nächste war, was sie finden konnten, und die war salzig. Trotzdem leckten sie das Salzwasser, so brennend war ihr Durst. Davon wurden sie dann toll und kamen nach der Stadt zurück, wo man sie verfolgte und sofort totschlug.

Nun trug es sich eines Tages zu, daß ein toller Hund aus dem Mukabar grade an dem Tage totgehetzt wurde, als Naomi, die sich mittlerweile an den Straßenlärm gewöhnt hatte, zum ersten Male allein auszugehen wagte. Nur ihre Ziege ging vor ihr her. Das gute Tier war alt geworden, aber immer noch ihre beständige Begleiterin, und jetzt noch dazu ihre Führerin und Hüterin, denn die stumme Kreatur schien instinktiv zu ahnen, daß Naomi schwach und hilflos sei. Und so schritt das Mädchen quer über den Sôk el Fôki, einen weiten Marktplatz der Stadt, indem sie nur auf das Trappeln der vorangehenden Ziegenfüße horchte, als plötzlich der Schall von hundert auf sie zuströmenden Fußtritten nebst lautem Gebrüll und Gefluche an ihr Ohr schlug. Voller Angst blieb sie auf dem Fleck, wo sie angekommen war, stehen und ohne Augen, um zu sehen, was sich zunächst begab, hatte sie niemand, der sie hätte warnen können, als die Ziege.

Da kam aus einem der dunklen links gelegenen Bogengänge, welche hügelabwärts führten, der tolle Hund gelaufen, hinter ihm eine Unzahl Männer und Knaben. Auf seiner verzweifelten Flucht schnappte er wild nach allem, was ihm in den Weg kam, und Naomi stand in ihrer Blindheit gerade vor ihm. Er hätte sie zu Boden reißen müssen, doch im selben Augenblick stürzte sich die Ziege vor des Hundes offnen Rachen, fuhr mit ihren Hörnern gegen seine schaumbedeckten Zähne, und stieß ein schrilles Angstgeschrei aus.

Der Hund stutzte einen Augenblick vor dieser fast menschlichen Liebe, und es war, als bebe das Untier davor zurück. Aber hinter ihm her kam die Menge mit wildem Johlen und Fluchen, und der Hund warf sich auf die Ziege, riß sie nieder und floh. Die Bande folgte ihm, und bald stand Naomi wieder ganz allein auf dem Marktplatz, und die Ziege lag blutend zu ihren Füßen.

So fand Ali sie und brachte sie und ihre sterbende Retterin heim zu ihres Vaters Haus in der Mellah. Durch diesen traurigen Unfall, und nicht durch Israels Lehren sollte Naomi erst lernen, was der Tod sei und was das Leben. Sie befühlte die Ziege mit ihren Händen, und indem sie das that, zitterten ihre Finger. Dann hob sie sie auf und stellte sie auf die Füße, und als das Tier kraftlos zusammenbrach, hob sie ihr bleiches Gesicht erstaunt empor. Wieder richtete sie das Tier auf, und brachte an seinem Ohr allerlei seltsame Töne hervor, aber als das Tier nicht zur Antwort meckerte, begannen ihre Lippen zu beben. Dann horchte sie nach seinem Atem und fühlte nach seinem Hauch; aber als weder der eine ihr Ohr, noch der andere ihre Wange berührte, fing sie selbst an schneller und heißer zu atmen. Endlich nahm sie das Tier liebkosend in die Arme, drückte ihre Lippen auf sein Fell; und als es sich weder regte, noch einen Laut von sich gab, hob ein stürmisches Arbeiten in ihrer Brust an. Endlich, als die Lebenskraft eben im Versiegen war, öffnete die Ziege die schweren Lider, blickte sie an, streckte die Zunge aus und leckte ihre Hand. Mit diesem letzten Lebewohl brach das tapfre Herz des kleinen Geschöpfes, dann streckte es sich aus und starb.

Israel sah das alles. Sein Herz blutete, als er den schweigenden Abschied der beiden sah, denn die tote Ziege war nicht stummer, als die überlebende Menschenseele. Er versuchte die Ziege aus Naomis Armen zu nehmen, indem er sagte: »Es war ja nur eine Ziege, mein Kind; gräme dich nicht mehr um sie,« obgleich es ihm weh that, das zu sagen, denn hatte nicht das Geschöpf sein Leben für das seines Kindes hingegeben? Und wo, o Gott, war der Unterschied zwischen ihnen beiden? Naomi aber hielt die Ziege fest, sie schluchzte laut auf, ihr Herz klopfte heftig, ihr ganzer Leib erbebte, und es sah fast aus, als ringe ihre Seele, um die Bande, die sie fesselten, zu durchbrechen, um zu reden, zu fragen, zu erkennen!

»O, was bedeutet das? Warum geschieht es? Warum? Warum?«

Das waren die Fragen, die sich augenscheinlich von ihrer Zunge losringen wollten. Und in dem Gedanken, ihr zu antworten, zog Israel sie an sich und sagte: »Sie ist tot, mein Kind – die Ziege ist tot!«

Aber während er noch sprach, sah er in dem Ausdruck ihres Gesichtes, daß, so oft er mit ihr vom Tode geredet, sie doch bis zu dieser Stunde nie verstanden hatte, was das bedeute. Wenn also die Worte, die er vom Tode gesprochen, keinen Sinn für sie hatten, was konnte er dann von den Worten erhoffen, die er vom Leben und von den kleinen häuslichen Vorkommnissen gesprochen hatte, und wenn Naomi die Worte nicht gehört, die er von diesen gesagt, – wenn sie nicht darüber gesonnen und sie sich ausgedeutet hatte – wenn sie nur wie Laute in die dunkle Höhle schallten – nur wie die toten Vögel ins tote Meer in ihr Ohr gefallen waren, wie war es dann mit den anderen Worten, den größeren Worten, den Worten aus dem Buch des Gesetzes und der Propheten, den Worten vom Himmel und von der Auferstehung und von Gott?

War die Hoffnung seines Herzens eitel gewesen? Begriff Naomi nichts? War ihre Gabe ihr zum Spotte gegeben?

Israels Füße standen auf schlüpfrigem Boden. Warum hatte er sich der Barmherzigkeit Gottes gerühmt? Was waren offene Ohren für sie, die doch nicht verstehen konnte? Nur eine Qual waren sie, eine Angst, eine Plage, eine beständige Vereinsamung. Solange Naomi nichts hörte, hatte sie nichts gewußt, und ihr Geist hatte nie vergeblich gefragt und gerufen. Jetzt erst, wo sie nicht mehr taub war, war sie wirklich stumm. Elender, der er war, warum hatte der Herr sein Flehen erhört und sein Gebet angenommen?

Aber dann bereute er doch sein Hadern, indem er sich erinnerte, wie viel Freuden Naomis neue Gabe ihr gewährt hatte, und er rief Gott an, ihr auch die Gabe der Rede zu verleihen.

»Gib ihr die Sprache, o Herr!« bat er, »die Sprache, die sie über die Kreaturen des Feldes erhebt, die Sprache, durch die allein sie fragen und verstehen lernen kann! Gib ihr die Sprache, o Gott, mein Gott, und dein Knecht wird zufrieden sein!«

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