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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 15
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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XII. In das Reich des Klanges geboren.

Was sich in Israels Hause während seiner Abwesenheit zugetragen hatte, ist rasch erzählt.

Am Tage seiner Abreise wanderte Naomi von Zimmer zu Zimmer, augenscheinlich suchend, was sie nicht finden konnte, und abends entdeckten die beiden schwarzen Frauen sie im Obergemach, wo ihr Vater ihr um Sonnenuntergang vorzulesen pflegte, und sahen, daß sie neben seinem Stuhl kniete und das heilige Buch in den Händen hielt.

»Sieh doch das arme Kind!« sagte Fatima. »Sieh, sie denkt, er wird kommen wie sonst. Gott segne ihr liebes unschuldiges Gesichtchen!«

Am folgenden Tage stahl sie sich aus dem Hause, durchstreifte die Stadt und kam bis an die Kasbah, wo Ali sie in den Gemächern der Gemahlin des Pascha fand, welche ihr begegnet war, als sie anscheinend ziellos durch die Höfe schweifte von der Schatzkammer nach der Gerichtshalle und von da nach dem Gefängnisthor.

Am Tage darauf machte sie keinen Versuch auszugehen, auch wanderte sie nicht durch das Haus, sondern saß beständig auf demselben Platze und schien geduldig auf etwas zu warten. Sie war blaß und ruhig, lachte nicht, wie sie sonst that und ihr Gesicht trug einen ergebungsvollen Ausdruck, der rührend anzusehen war.

»Die lieben Heiligen mögen sich deiner erbarmen, du süßer Schatz!« sagte Fatima. »Wie lange wirst du noch zu warten haben, armes Liebchen?«

Am Morgen des folgenden Tages hatte sich ihre Ruhe in Rastlosigkeit verwandelt, und die Blässe ihres Antlitzes in brennendes Rot. Ihre Hände waren heiß, ihr Kopf glühte fiebrisch, und ihre blinden Augen waren blutunterlaufen.

Jetzt blieb kein Zweifel – das Mädchen war krank, und Israels Befürchtungen, als er sein Haus verließ, waren doch begründet gewesen. Ali, der mit schnellem Blick Naomis Zustand erkannte, ging sofort zu dem einzigen Arzt in Tetuan – einem spanischen Droguisten, welcher in der zum Westthor führenden Mauergasse wohnte. Der gute Mann kam, warf einen Blick auf Naomi, fühlte ihren Puls, berührte ihre klopfenden Schläfen, untersuchte mit einiger Mühe ihre Zunge, und erklärte, ihre Krankheit sei ein Fieber. Dann gab er einige Anweisungen, wie sie zu behandeln sei – denn er wagte nicht einem Wesen, wie sie es war, Medizin zu verordnen – und versprach am nächsten Tage wieder zu kommen.

Um Mitternacht fing Naomi an zu phantasieren. Fatima stand fortwährend neben ihrem Bette und badete ihre heiße Stirn mit Essigwasser. Habiba schlief auf einem Stuhl zu ihren Füßen; und Ali kauerte draußen in einem Winkel vor der Thür ihres Zimmers.

Der Droguist kam, sobald der Morgen graute, wie er es versprochen; aber es war nichts zu machen. So setzte er denn eine sehr weise Miene auf, schüttelte feierlich den Kopf und sagte: »Ich will in zwei Tagen wieder kommen, wenn das Fieber seinen Höhepunkt erreicht haben wird, und werde einen berühmten Wundarzt aus Tanger mitbringen.«

Inzwischen dauerte Naomis Delirium fort. Ihre Phantasien waren sanft wie ihr Gemüt, aber das war das Sonderbare und Unheimliche ihrer Bewußtlosigkeit – daß, während sie doch stumm gewesen war, so lange ihr Geist in seiner finsteren Zelle die Seele beherrscht hatte, sie jetzt, wo ihre Vernunft unterlag, die ganze Zeit ohne Aufhören sprach. Allerdings gab die arme Zunge in ihrer Verwirrung nicht eine Rede von sich, der ihre Umgebung mit Verständnis hätte folgen können, es war vielmehr ein rastloses Lallen leerer Laute, aber doch in Tönen wechselnder Empfindungen, in denen bald die Freude, bald der Kummer, zuweilen eine Warnung, dann wieder eine Bitte zum Ausdruck kam.

Diese ganze Nacht über saßen die beiden schwarzen Frauen zusammen an ihrem Bette, Hand in Hand wie kleine Kinder, die sich fürchten. Auch Ali kauerte wieder wie ein Hund in der Dunkelheit draußen vor der Thür und lauschte erschüttert auf die jugendlich silberhelle Stimme, die bislang noch nie in diesem Hause erklungen war. Es war dieselbe Nacht, in welcher Israel in der schmutzigen Judenherberge von Weßan Naomis Stimme im Traum gehört hatte.

Beim ersten Lichtschimmer des Morgens verließ der treue Ali das Haus. Schnellen Schrittes nahm er seinen Weg durch das Stadtthor nach der darüber hinaus liegenden Heide bis zu dem Fondak, welcher hoch auf dem Hügel steht. Dort stellte er sich hin und spähte mit thränenfeuchten Augen in den unbarmherzigen Sonnenschein nach Israels Karawane, die ja nun kommen mußte. Am ersten Morgen sah er nichts, aber am zweiten traf er auf Israels Leute, die ohne ihn heimkehrten und ihre Lügengeschichte erzählten, wie der Sultan von Fes ihn rein ausgeplündert, und wie Israel ihnen ohne einen Heller nachkäme.

Nun war Israel in Alis Augen der größte, edelste, mächtigste der Menschen. Daß er gestürzt werden könnte, erschien ihm unglaublich, und daß ein Mensch zu sagen wagte, er sei gestürzt, war für ihn eine Frechheit und eine schmähliche Beschimpfung zugleich. So trat der junge Bursche den Schurken mit dem Mute eines Löwen entgegen. »Lügner und Diebe!« schrie er; »wenn ihr diese Geschichte nur einer Seele in Tetuan wiedererzählt, gehe ich geradeswegs zum Kaid in die Kasbah, und lasse jeden von euch schwarzen Hunden durch die Straßen peitschen, weil ihr meinen Herrn ausgeplündert habt.«

Die Kerle lachten den Burschen aus und feuerten ihre Flinten als spöttischen Salut ab. Aber Ali hatte doch seinen Willen durchgesetzt, denn sie erzählten ihre Geschichte nicht mehr, und als sie in Tetuan einzogen und von ihren Freunden über ihre Reise befragt wurden, verschanzten sie sich hinter der jeder maurischen Zunge angeborenen Verschwiegenheit und sagten nichts und wußten nichts.

Während Ali auf der Heide nach Israel ausschaute, kam der Doktor aus Tanger zu Naomi. Das Mädchen war noch ohne Bewußtsein, und der weise Bader schüttelte den Kopf über sie. Der Fall schien ihm ganz hoffnungslos zu sein; ihr Kräfte schwänden – in dürren Worten, sie läge im Sterben, und wenn ihr Vater nicht noch vor dem Morgen käme, würde er zu spät kommen, um sie lebend wiederzusehen.

Da fingen die schwarzen Weiber an zu schluchzen und zu heulen, und danach gerieten sie in einen geistlichen Konflikt. Beide waren im Islam geboren, aber Fatima hatte sich durch ihre verstorbene Herrin überreden lassen, heimlich ihren Glauben zu wechseln und war eine Jüdin geworden. Sie wollte deshalb nach dem Chacham senden. Habiba aber war Muselmännin geblieben und war dafür, den Imán holen zu lassen. »Der Imán ist fromm,« sagte sie; »der Imán ist heilig; wer kann frömmer und besser sein, als der Imán?« – »Aber unser Sidi hält es nicht mit dem Imán,« erwiderte Fatima, »denn unser Herr ist ein Jude, und unser Herr ist unser Meister, unser Herr ist unser König, ist unser Sultan!« – »Schuhf! Was ist der Sidi gegen das Paradies? Und wer einen Nachfolger Musas (Moses) in einen Nachfolger Mohammeds verwandelt, gewinnt das Paradies. Wenn das Kind nur mit dem Kelma Das mohammedanische Glaubensbekenntnis. auf den Lippen stirbt, sind wir alle drei selig in Ewigkeit – sonst aber müssen wir ewig in den Feuern Gehinnums brennen.« – »Aber o wehe, wie kann das arme Mägdelein das Kelma sprechen, da sie doch stumm ist wie das Grab!« – »So, dann kann sie doch ebensowenig das Schemang sprechen!«

Kaum hatte Ali den Ausspruch des Arztes gehört, als er rasch zurückeilte und beide Sklavinnen zum Schweigen brachte. »Der Imán ist ein Schurke, und der Chacham ist ein Dieb!« Es gäbe, meinte er, nur einen wirklich frommen Mann in Tetuan, und das wäre sein Taleb, sein Schulmeister, derselbe, welcher ihn in den Tagen, als der Statthalter Hochzeit machte, das Harfenspiel gelehrt hatte. Dieser Taleb war ein greiser Neger voll tiefer Altersrunzeln, durch Gichtschmerzen verkrüppelt, halbblind und halbtaub, außerdem stand er in dem Rufe, auch halb verrückt zu sein. Ein freigelassener Sklave aus der Sahara, war er kaum im stande, den Koran und die Thora zu lesen, aber gern bereit, beides unparteilich, soweit er es verstand, zu lehren, denn er war weder ein Jude noch ein Mohammedaner, sondern ein wenig von beiden, wie er zu sagen pflegte, und wie er hinzufügte –, von beiden nicht gar zu viel. Für solch ein Zwitterding konnte es in einem Lande der Unduldsamkeit eigentlich keinen Raum geben, außer den Verließen der Kasbah; aber dieser gute Sonderling war jedermanns bevorzugter Liebling. In seinem dunklen Keller am Ende eines schmalen Ganges neben der großen Moschee im Metamar hatte er nun dreißig Jahre lang jahraus jahrein vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang auf seinem mit Rohrmatten bedeckten Fußboden unter sich immer wieder erneuernden Generationen von Knaben gesessen, und so oft die Nacht hereinbrach, war er unter den Kranken und Sterbenden hin- und hergegangen, hatte sie mit liebevollen Worten getröstet und oft auch mit Essen und Trinken aus seinen eignen mageren Vorräten versorgt.

Das war Alis Held nächst Israel, und jetzt in Israels Abwesenheit und in seinem eignen großen Kummer rannte er zu ihm.

»Vater,« rief der Junge, »heißt es nicht in dem guten Buche, daß das Gebet des Gerechten viel vermag?«

»So ist es, mein Sohn,« sagte der Taleb. »Du hast die Wahrheit. Aber was willst du weiter?«

»Nun siehst du, wenn du für Naomi beten willst, wird sie genesen!« antwortete Ali.

Das war gewiß ein Beweis von einfältigem Kinderglauben! Der alte Taleb entließ seine Schüler, legte ein Schloß vor seinen Thürladen und humpelte mit Ali fort bis zu Israels Hause. Er trat an Naomis Lager und schaute das Mädchen lange durch die großen, runden Brillengläser an, die auf seiner breiten, schwarzen Stülpnase hin und her wackelten, bis sie sich mit einem trüben Nebel überzogen und ein erstickendes Gefühl in seinem Halse aufquoll. Endlich fiel er auf die Kniee und betete. Ali und die schwarzen Frauen knieten neben ihm.

Des Negers Gebet war fast kindisch einfach. Er erzählte dem himmlischen Vater alles und jedes, wie einem, der weit entfernt lebte und von nichts wußte. Das Mägdlein sei todkrank. Drei Tage lang hätte sie niemand erkannt, nichts gegessen und nichts getrunken. Sie sei blind und stumm und taub. Ihr Vater liebe sie und lebe nur für sie. Sie sei sein einziges Kind, seine Frau sei tot, und er sei ein einsamer Mann. Jetzt sei er nicht daheim und wenn bei seiner Rückkehr das Mädchen gestorben und für ihn verloren, wenn sie tot und begraben wäre, so würde sein starkes Herz brechen und sogar seine Seele in Gefahr sein.

Während der Taleb so betete, warf und wand sich das stumme weiße Mädchen, das wie im Feuer glühte, auf seinem Lager hin und her. Umflossen von dem Heiligenschein ihres wallenden goldnen Haares lag sie da, und um ihr Lager her knieten voll brennenden Eifers die vier schwarzen Gestalten, die mit geschlossenen Lidern und offenen Lippen von dem Gott im Himmel, den nur die Seele zu schauen vermag, Gnade und Erbarmen erflehten.

Da geschah es plötzlich, daß, während noch die vier Schwarzen neben dem Bette auf den Knieen lagen, das Wenden und Werfen des weißen Gesichtes aufhörte und Naomi stille auf ihrem Kissen lag. Die Fieberglut schwand von ihren Wangen, die zuckenden Züge kamen zur Ruhe, und die rastlosen Hände lagen friedlich auf der Bettdecke.

Der gute alte Taleb sah hierin eine Erhörung seines Gebets und rief laut: »El hamdu l'Illah!« »Gott sei gepriesen!« beginnt das erste Kapitel des Koran. während große Tropfen längs der tiefen Furchen seines heißen Gesichtes herabrannen. Und da – wie um das Wunder zu vollenden und des alten Mannes Glauben daran zu stärken – begab sich etwas Merkwürdiges und Wundersames. Zuerst floß eine dünne, wässerige Flüssigkeit aus einem von Naomis Ohren, und danach richtete sie sich auf ihrem Ellbogen empor, ihre Augen standen offen, als ob sie sähen; ihre Lippen teilten sich, als wollten sie lächeln; sie that einen tiefen Atemzug, wie jemand, der die Nacht hindurch süß geschlafen hat und eben zum Morgenlicht erwacht ist.

Während nun die Schwarzen noch den Atem anhielten in diesem ersten Augenblick ihrer Überraschung und Freude, drang aus Naomis geöffneten Lippen ein Laut. Es war ein Lachen – ein mattes, gebrochenes, verkümmertes Echo ihres alten glückseligen Gelächters. Und darauf, fast unmittelbar, ehe noch die anderen den Laut gehört hatten und während die Töne desselben noch auf ihrer Zunge zitterten, erhob sie die freie Hand und bedeckte ihr Ohr, und über ihr Antlitz flog ein Ausdruck des Grauens.

So rasch war dieser Wechsel gekommen, daß die Sklavinnen ihn nicht wahrgenommen hatten und einstimmig in ein lautes »Hallelujah!« ausbrachen, nur aus dem Gedanken heraus, daß die, welche ihnen schon fast eine Tote gewesen, nun wieder lebte. Aber der alte Taleb rief eifrig: »Pst, meine Kinder, pst! Es begibt sich hier etwas Wunderbares! Ich weiß, was es ist – wer wüßte es so gut wie ich? Auch ich war einst taub, meine Kinder, aber jetzt höre ich. Gebt acht! Das Mägdlein hat Fieber gehabt – Gehirnfieber. Gebt acht! Ein wässeriger Schleim hatte sich in ihrem Gehirn gesammelt. Er ist jetzt fort, er ist herausgeflossen. Jetzt wird sie hören. Gebt acht, denn ich weiß es – wer sollte es wohl so gut wissen, wie ich? Ja, sie wird nicht länger taub sein. Ihre Ohren werden geöffnet werden. Sie wird hören. Einst hat sie im Lande des Stillschweigens gelebt, nun ist sie in das Reich des Klanges geboren. Gelobt sei Gott, denn er hat die wundervolle That gethan. Gott ist groß! Gott ist mächtig! Gepriesen sei der barmherzige Gott immer und ewiglich! Il hamdu l'Illah!«

Wie wunderbar und unglaublich auch des alten Taleb Geschichte klingen mochte, sie schien sich zu verwirklichen, denn noch während er sprach, anfangs leise flüsternd, und dann rascher und lauter, wandte Naomi ihm das Angesicht voll zu; und als die schwarzen Weiber, die ihm sofort glaubten, in seinen Lobgesang einstimmten, wandte sie auch ihnen das Antlitz zu; und wo nur eine Stimme im Zimmer laut wurde, da neigte sie den Kopf ängstlich hin, wie jemand, der die Töne wohl vernimmt, sich aber zugleich vor ihnen fürchtet.

Ali aber sah nichts von ihrem Schmerzensausdruck, sondern nur das eine – die wunderbare, gewaltige Veränderung, die hier vor sich gegangen, daß sie, die bisher taub war, jetzt hören konnte, und die, welche nie bisher ihre Rede vernommen, jetzt die Stimmen unterschied, die um sie her sprachen. In seinem tollen Entzücken darüber, lachend und weinend zu gleicher Zeit, so daß seine weißen Zähne blitzten und sein rundes schwarzes Gesicht von Thränen glänzte, fing er an um das Bett herumzutanzen. Auf des alten Talebs Warnungen achtete er nicht, sondern sprang und tanzte weiter, und auch die beiden Sklavinnen sahen weder des Alten erhobenen Arm, noch seine dicken, zum »Pst, pst,« zugespitzten Lippen, so überwältigt waren sie von ihrem Entzücken, so freudig überrascht und wonnetrunken. Aber ihre Jubelausbrüche übertönte plötzlich ein wildes, durchdringendes Geschrei. Es kam von den Lippen Naomis, die unfähig zu sehen, sich entsetzte vor den ersten Lauten der Menschenstimmen, die ihr Ohr erreichten. Ihr Gesicht war erblichen, ihre Augenlider zitterten, ihre Lippen bebten, ihre Nasenflügel zuckten, ihr ganzes Wesen war wie von einem Schwindel des Grauens ergriffen, und in dem entsetzlichen Wirrwarr all ihrer Empfindungen schwankte und schwindelte ihr soeben aus dem schmerzvollen Schlummer dreier Deliriumstage erwachtes Gehirn, bei seinem Empfange in dieser Welt des Geräusches.

Da hielt Ali plötzlich mit seinem tollen Tanze ein, die Sklavinnen schwiegen ebenfalls, und auf das wilde Getöse der Stimmen folgte ein tiefes Schweigen.

In diesem großen Augenblick klopfte Israel in seiner maurischen Verkleidung von der Reise heimgekehrt, gleich einem Fremdling, an das Außenthor seines Hauses. Als er das Zimmer betrat, noch immer als ein zerfetzter, zerlumpter Mann, aber zu ungeduldig, um die ihm unterwegs geschenkten elenden Gewänder abzulegen, saß Naomi im Bette aufgerichtet. Er sah, daß ihr Antlitz verändert war, und daß jeder Zug ihres Gesichtes zu lauschen schien. Es war nicht mehr das einfältige zufriedene Gesicht eines Lämmchens, noch das eines friedlichen und glücklichen Kindes, sondern es sah erhitzt und bestürzt aus. Es wechselten darauf Furcht und Erstaunen und angstvolles Fragen; und obgleich Fatima neben ihr stand und zärtliche, tröstende Worte zu ihr sprach, schien sie doch daraus keinen Mut zu schöpfen, sondern nur Angst, denn sie bog sich von ihr fort, als ob der Ton der Stimme ihre Ohren schmerzlich und schreckhaft berühre. Alles das sah Israel auf den ersten Blick, da verdunkelte sich sein Auge, sein Herz schlug zum Zerspringen, ein Nebel schien ihm alles zu verhüllen, und durch die dichten Wogen einer halben Bewußtlosigkeit hörte er das dumpfe Summen von Fatimas gedämpfter Stimme, wie aus weiter Ferne.

»Meine schöne Naomi! Mein Herzchen! Mein Goldschatz! Es ist nichts! Nichts! So sieh doch, sieh! Vater ist ja heimgekommen! Der liebe Vater ist zu dir gekommen!«

Jetzt hörte das Zimmer auf, mit ihm in die Runde zu gehen, und Israel wußte, daß Naomis Arme ihn umschlangen und seine Arme sie an sich drückten und daß ihr Haupt an seiner Brust ruhte. Ja, sie war es! Es war Naomi! Ali hatte ihm die Wahrheit gesagt. Sie lebte! Sie war gesund! Sie konnte hören! Die alte Hoffnung, die leise in seiner Seele geschlummert, war erfüllt, und der liebe, köstliche Traum zur Wahrheit geworden. O Gott war groß, Gott war gut, Gott hatte seine Gebete über Bitten und Verstehen erhört!

So stand er eine Weile unbeweglich und pries den Gott Jakobs, doch ohne ein Wort zu sprechen, denn sein Herz war zu voll, um zu reden, und dabei hielt er Naomi fest an sich gedrückt, während seine Thränen auf ihr blindes Antlitz fielen. Und die vier Schwarzen, die in der Kammer waren, weinten auch, als sie sahen, daß sie, die stumm Geborene in dieser großen Stunde der Freude nicht stummer war, als der Mann, an dessen Hause Gott seine Allmacht so wundersam offenbart hatte.

Inzwischen hatte Israel auf die unheildeutenden Zeichen in Naomis Gesicht in der Freude über die erfreulichen darin nicht geachtet. Als er sie in seine Arme genommen, hatte sie ihn erkannt und hatte sich in froher Überraschung fest an ihn geschmiegt. Als sie aber fortfuhr, an seiner Brust zu ruhen, geschah das nicht nur, weil er ihr Vater war und sie ihn liebte, und weil er ihr verloren gewesen und nun wiedergefunden war – es kam auch daher, daß er allein unter allen, die sie umgaben, schwieg.

Als er dies erkannte, war es wohl eine Demütigung für sein Herz; aber er begriff ihre Angst, er verstand, daß ihre Seele, die soeben aus dem Lande des tiefen Schweigens kam, in dem keine Menschenstimme erklang, wo die Luft liederlos war wie die Luft der Träume, und finster wie die Luft des Grabes, erbangte und ihr Geist in dieser neuen Welt seltsamer Laute erzitterte. Denn was war das Ohr anders als eine kleine dunkle Kammer, ein Gewölbe, ein Kerker in einem Schlosse, in welchem die Seele beständig hin und her wandelt und danach forscht, was in der Außenwelt vorgeht? Siebzehn dunkle und schweigsame Jahre hindurch war Naomis Seele in dem schönen Heiligtum ihres Leibes hin und her gewandert und hatte täglich und stündlich gerufen: »Hüter, keine Nachricht von der Welt?« Und nun endlich hatte sie eine Antwort erhalten, aber dieselbe hatte sie mit Grauen erfüllt. Die Welt hatte zu ihrer Seele gesprochen, und ihre Stimme klang wie das Wiederhallen in einer unterirdischen Höhle, seltsam, tief und grauenvoll.

In jenem ersten Augenblick, als Israel nach seinem Eintritt ins Zimmer sich aller Vorgänge bewußt geworden, war es ihm, als sprächen die Schwarzen alle vier auf einmal.

Ali sagte: »Vater, diese Hunde und Diebe, die Zeltträger und Maultiertreiber kamen gestern zurück und sagten ...«

Und die Sklavinnen schrieen: »Ja, Sidi, du hattest recht, als du abreistest! – Ja, das liebe Kind war krank! – O wie hat sie sich nach dir gebangt! – Sie hat phantasiert, und der Doktor aus Tetuan –«

Der alte Taleb aber murmelte: »O Herr, es geschah alles durch Gottes Barmherzigkeit. Wir beteten um das Leben des Mägdleins, und siehe! Er hat uns noch dazu dieses Thor zu ihrem Geiste gegeben.«

Da bemerkte Israel, daß, sowie ihre Stimme die dunkle Wölbung von Naomis Ohren berührten, diese davon erschreckt und gepeinigt wurde. Um sie zu beruhigen, winkte er deshalb allen, das Zimmer zu verlassen. Sie thaten es, ohne ein Wort zu verlieren. Die Ursache von Naomis Angst begann ihnen aufzudämmern. Der feierliche Ernst dieses großen Augenblicks überschattete sie gewissermaßen mit Ehrfurcht. Sie hatten der Geburtsstunde einer Seele beigewohnt.

Als die Schwarzen das Zimmer verlassen hatten, verschloß Israel die Thür, um auch das Geräusch der Straße auszuschließen, denn draußen riefen Frauen nach ihren Kindern, und die Kinder jauchzten noch bei ihrem Spiel. Nachdem er dies gethan, kehrte er zu Naomi zurück, ließ ihren Kopf an seiner Brust ruhen und streichelte sie sanft. Augenscheinlich that ihr das wohl – sie legte die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich fest an ihn. Während sie so saßen, lechzte sein Herz danach, zu ihr zu reden, und auf ihrem Gesicht zu lesen, daß sie hören konnte. Wenn es auch nur ein Wort wäre, ein einziges, damit sie ihres Vaters Stimme kennen lernen möchte – hatte sie sie doch noch nie gehört – und ihr mit einem Lächeln antworten.

»Tochter! Mein Liebling! Mein Herzblatt!«

Nur dies, weiter nichts! Nur ein süßes Wort von all der unausgesprochenen Zärtlichkeit, welche, wie ein Strom ohne Abfluß, siebzehn Jahre lang in seiner Brust eingedämmt gewesen war. Doch nein, es ging nicht an. Er durfte nicht sprechen, damit nicht ihre Brauen sich angstvoll zusammenzögen und ihre Arme sich von ihm lösten. Das würde ihm das Herz gebrochen haben. Trotz alledem mußte er gewaltig gegen die Versuchung ringen. Es war fürchterlich. Aber er durfte es nicht wagen. So saß er schweigend auf dem Bette, sich kaum regend, kaum atmend – ein staubbedeckter Mann in einem zerlumpten Dschellab, und hielt Naomi in seinen Armen.

Es war noch im Monat Ramadhan, und die Sonne erst seit drei Stunden untergegangen. In dem Fondak, genannt El Usa, lagerte eine maurische Gesellschaft, welche den Tag über gefastet hatte und jetzt ein festliches Gelage abhielt. Über die Mauern der Mellah aus der Richtung der spanischen Schenke her am Eingange zu dem vielgewundenen Viertel der Schuster, tönte von Zeit zu Zeit ein lautes Stimmengewirr, und dazwischen gelegentlich wildes Jauchzen und Schreien herüber. Es war Mittwoch, der Markttag von Tetuan, und auf dem offenen Platz, genannt Feddan, brannten viele Feuer am Eingang der Zelte, und Männer und Frauen und Kinder – Araber und Berber vom Lande – kauerten um die Kohlenglut, aßen und tranken, schwatzten und lachten, während der rötliche Schein ihre dunklen Gesichter in der Finsternis bestrahlte. Doch mittlerweile sanken die Schwingen der Nacht immer tiefer über beide, die Stadt der Mauren und die Mellah der Juden. Der Straßenverkehr hörte auf; das »Bálak« der Eseltreiber verstummte, selten nur schlürfte der Pantoffel eines Juden über das Pflaster, die Feuer auf dem Fedán erstarben, das Getöse im Fondak und das wilde Jauchzen im Schusterviertel verhallten, und stiller und immer stiller wurde die Luft, bis endlich alles in tiefem Schweigen lag.

Wie so allmählich Ruhe und Friede zur Herrschaft kamen, nahm auch Naomis Angst ab. Ihre Arme, die des Vaters Hals fest umklammert gehalten, gaben ihn frei, und mit einem zitternden Seufzer fiel sie in die Kissen zurück. Jetzt konnte sie endlich entschlummern. Aber während Israel sein Herz zu Gott erhob und ihm dankte, daß er den Weg ihrer großen Reise aus dem Lande des Schweigens in das Land der Rede für sie ebne – da zog plötzlich ein Gewitter über die Stadt herauf. Durch viele heiße Tage hindurch hatte es sich in der dumpfen, schwülen Luft zusammengezogen. Es war laut und furchtbar und dauerte lange. Zuerst kam aus der Richtung von Martiel über den Landstrich, welcher Tetuan von dem Meere trennt, die warnende Stimme, welche die See voraufschickt, wenn dem Lande Unheil droht, – ein tiefes Stöhnen, wie von großen Wassern, die vom Himmel stürzen. Dann folgte das Heulen des Windes durch die Thalschlucht des Bab el Marsa und entlang den Fluß, der sich in den Hafen ergießt. Dann ertönte das Rollen des Donners, als ob Tausende von Geschützen auf einmal sich entlüden, durch die Felsschluchten der Rifberge und über die Ebene dahin, die sich weit bis nach Kitán ausdehnt. Zuletzt entleerten sich die schwarzen Wolken des Himmels über der Stadt, der Regen fiel in Strömen auf das Dach des Hauses und auf die Fliesen des Patio, und die großen Tropfen schnellten geräuschvoll wieder empor, so daß es sich anhörte, wie das beständige trapp, trapp, trapp einer großen Volksmenge. So brach Klang um Klang über die nächtliche Dunkelheit mit tausend furchtbaren Stimmen herein, bald nah, bald fern, bald laut, bald leise, bald lang, bald kurz, bald anschwellend, bald abnehmend, bald rauschend, bald trippelnd – ein gewaltiger Aufruhr – ein zügelloses Durcheinander der Naturkräfte.

Durch das alles verdoppelte sich Naomis Grauen. Es war, als träfe jeder Ton ihren Leib wie ein Schlag. Bislang hatte sie nur einen Sinn gekannt, den des Gefühls, und obgleich sie jetzt auch das Gehör besaß, fuhr sie doch fort, alle ihre Wahrnehmungen auf die Empfindung zurückzuführen. Beim Rauschen des Meeres streckte sie die Arme vor sich hin; beim Brausen des Sturmes begrub sie das Gesicht in ihre Hände; und bei den Donnerschlägen erhob sie dieselben, als wolle sie ihr Haupt beschützen.

Inzwischen saß Israel neben ihr und liebkoste sie und zog sie fest an sich. Er sehnte sich innig danach, ihr Trost zuzusprechen, sanfte Worte der Aufmunterung, zärtliche Worte der Liebe, linde Worte der Hoffnung.

»Fürchte dich nicht, meine Tochter! Es ist nur der Wind, es ist nur der Regen, es ist nur der Donner! Sonst liefst du so gern dabei hinaus. Sie werden dir nichts thun, denn Gott ist allgütig, er wird dich behüten. So, so mein Herzenskind! Sieh, dein Vater ist bei dir. Er wird dich schützen. Fürchte nichts, mein Kind, fürchte nichts.«

Das waren die Worte, die Israel so sehnlich wünschte, in Naomis Ohr zu flüstern, aber ach! welches Wort verstand sie denn besser, als den Wind, der um das Haus heulte, als den Donner, der über ihren Häuptern rollte? Und ach! es war ja unzweifelhaft, sie mußte vor dem tröstenden Klange seiner Stimme zurückbeben, wie sie vor dem Tumult der Gewitterstimmen zurückschrak.

Hilflos und voll tiefen Herzwehs sank Israel in sich zusammen. Er sah jetzt erst im vollen Umfange, was für eine Veränderung mit Naomi vorgegangen war, aber er vermochte sie sich nicht auf einmal zu vergegenwärtigen, so plötzlich und betäubend war sie eingetreten. Zugleich begann er zu erkennen, daß mit der gewaltigen Segensgabe, die er ersehnt und erbetet hatte – dem Pfade zur Seele seiner Tochter – auch ein Unheil gekommen war. Was half es ihm nun, daß Naomis Ohren hörten, wenn sie doch nichts verstehen konnten? Und was war dieser Orkan für die eben aus dem Reiche des Schweigens in das Land des Klanges hineingeborene Maid, die noch immer blind und stumm war, was konnte er für sie anders sein, als ein wirbelndes Chaos von lebendigen Geschöpfen, die um sie her stöhnten, brüllten, kreischten und wogten?

So konnte denn Israel nichts thun, als das bebende Schaudern seines Kindes bewachen, ihre Stirn streicheln und ihre kalten Hände reiben. Und das that er so lange, bis bei einem neuen wilderen Ausbruch des Gewitters, der das Firmament auseinander zu reißen schien, ihr Verstand sich verwirrte und sie in eine lange tiefe Ohnmacht sank. Da konnte sich Israel nicht länger halten, er weinte über ihr, rief ihr zu und schrie laut ihren Namen: –

»Naomi! Naomi! Mein armes Kind! Mein Liebchen! Höre mich! Es ist ja nichts! Gar nichts! Horch! Es ist vorüber! Vorüber!«

Mit solch leidenschaftlichen Rufen der Liebe und des Leides machte Israel dem Jammer seines Herzens Luft. Und während Naomi bewußtlos dalag, wußte er selbst kaum, was in ihm vorging, denn seine Seele war in großer Erregung. Trostlos! Trostlos! Alles war trostlos! Seine hochgebauten Hoffnungen sanken in Asche.

Dazwischen erinnerte er sich der Tage, da das Kind kein Leid kannte, und kein Gram ihr nahe kam, wo sie heiterer war, als die Sonne, die sie nicht sah, lieblicher als die Lieder, die sie nicht hörte, als sie fröhlich war, wie ein Vögelchen in seinem Käfig, das sich nicht sträubt gegen die Schranken, die es binden, wo sie lachte, wenn sie ihr Haar strählte und aus ihrer Kammer tanzend hervorkam bei Tagesanbruch. Und wie er so an das alles dachte und hinabschaute auf ihr schmerzlich verzogenes Angesicht, wurde sein Herz bitter, und er erhob seine Stimme mitten im Gebrause des Sturmes und schrie wieder zu dem Gotte Jakobs und haderte mit Ihm über der Wunderthat, die Er gethan hatte.

Wenn Gott ein allmächtiger Gott wäre, dann mußte er doch sicherlich vorwärts und rückwärts schauen und vorhersehen können, was sich ereignen würde. Und wenn er alles voraus sah und wußte, warum hatte Gott denn sein Gebet erhört? Er selbst war ein Thor gewesen. Warum hatte er Gottes Erbarmen so heiß erfleht? Einst war sein armes Kind lustiger gewesen als der Panther in der Wildnis und glücklicher als das Lämmchen, das im Frühling auf der Weide hüpft. Freilich war sie blind, doch sie wußte nicht, was Sehen heißt, und ob sie auch taub war, so wußte sie doch nicht, was Reden heißt. Sie vermißte das Gesicht, den Klang, die Rede so wenig, wie die Schwinge des Adlers oder den Flügel der Taube. Aber er hatte sich nicht zufrieden geben wollen; er hatte nicht genug gehabt. O über die Schlauheit des Teufels, der dies Unheil über ihn gebracht hatte!

Aber der Gott, mit dem Israel in seiner Todesangst und seinem Wahnsinn also haderte, sandte seinen Engel, um ein großes Schweigen heraufzuführen, und das Tosen des Gewitters wich einer atemlosen Stille.

Und als der Sturm vorüber war, kam auch Naomi wieder zu sich. Es war, als sähe sie sich um und könne nichts sehen, und als lausche sie und könne nichts hören; endlich ergriff sie die Hand ihres Vaters, die über ihrem Haupte lag, seufzte tief und sank wieder zurück.

»Ah!«

Es war, als sei der Friede über sie gekommen bei dem Gedanken, daß sie wiederum dem Lande des großen Schweigens zurückgegeben sei, und daß die Stimmen, die sie geängstigt, und der Sturm, der sie erschreckt hatte, nichts gewesen seien, als ein böser Traum.

Mit diesem wohlthuenden Gefühl schlief sie ein. Da vergaß Israel die Vorwürfe, die er seinem Gotte gemacht hatte, blickte zärtlich auf sie nieder und sprach bei sich selbst: »Es war ihre Taufe. Von jetzt an wird sie zuversichtlicher durch die Welt wandeln und sich nie wieder fürchten. Wahrlich, der Herr, unser Gott, ist ein König aller Königreiche und weiser, denn alle Weisheit der Menschen!«

Noch ein Blick auf die entschlummerte Naomi, dann schlich er sich auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer.

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