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Der Sündenbock

Thomas Henry Hall Caine: Der Sündenbock - Kapitel 10
Quellenangabe
authorThomas Henry Hall Caine
titleDer Sündenbock
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1895
translatorRobert Koenig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180911
projectid347abf79
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VII. Der Engel in Israels Hause.

Israel hatte bereits einige zwanzig Jahre in Tetuan gelebt, und Naomi war vierzehn Jahre alt, als Ben Abu, der Pascha, eine Christin Namens Katrina zur Frau nahm. Sie war von Geburt eine Spanierin, und war mit einer spanischen Gesandtschaft, welche über Ceuta und Tetuan nach Fes zum Sultan reiste, nach Marokko gekommen. Von ihrer Familie und ihrem Vorleben schien niemand etwas zu wissen, auch mochte das Ben Abu wohl einerlei sein. Ihre volle, üppige Gestalt und ihre sonstigen Reize entsprachen seinen gegenwärtigen Bedürfnissen und das war ihm genug.

Die schlaue Katrina aber heiratete Ben Abu unter zwei Bedingungen. Die erste war, daß er die vier maurischen Weiber, aus denen sein Harem nach mohammedanischer Sitte bestand, von sich thun sollte, und ebenso die vielen Kebsweiber, die er auf seinem Lebenswege allmählich hinzugenommen hatte, und die er jetzt in einem unruhigen Winkel seines Palastes versteckt hielt. Die zweite war, daß sie selbst nie in eine solche Abgeschlossenheit verbannt, sondern wie die Frau jedes europäischen Statthalters offen an der Seite ihres Gatten auftreten sollte.

Ben Abu dachte gar nicht daran, auf den Rechten eines strenggläubigen Mohammedaners zu bestehen, und nahm sofort ihre beiden Bedingungen an. Die erste auf die Länge zu halten, fiel ihm allerdings niemals ein, aber für die strenge Innehaltung der zweiten sorgte sie und bestand deshalb zuvörderst auf einer öffentlichen glänzenden Vermählungsfeier.

So wurden sie nach dem Ritus der katholischen Kirche durch einen in Tanger lebenden Franziskanermönch getraut. Das Hochzeitsfest dauerte sechs Tage. Groß war das Gepränge und verschwenderisch der Aufwand. Jeden Morgen wurde von den Kanonen der Festung auf dem Berge Salut geschossen, jeden Abend vollführten die Krieger der Gebirgsstämme ihre Schießkunststücke auf dem Marktplatz, und allnächtlich brüllte und kreischte eine Schar der AïßawàAïßawà = Aïßauin, nach Rohlfs: Bruder vom Orden Jesu. aus Mekines in der M'salla, einem eingehegten Raum nahe dem Bab-er-Remusch. In der Kasbah wurden große Schmausereien veranstaltet und täglich andere Gäste aus den vornehmsten Männern der Stadt dazu eingeladen.

Niemand wagte es, die Einladung abzulehnen, oder den Tribut eines Geschenkes zu unterlassen. Obgleich die Mauren wohl wußten, daß sie dadurch einer schmählichen Beschimpfung ihres Glaubens Vorschub leisteten, und obgleich den Juden die Galle überlief bei der Zumutung, die Vermählung einer Christin mit einem Moslem lustig mitzufeiern, entschuldigte sich doch niemand außer Israel, der mit aller Höflichkeit vorschützte, er sei nicht festlich gestimmt, weil sein Herz traurig und bekümmert sei.

Die Spanierin ließ sich aber damit nicht abweisen. Sie hatte sich den Mann angesehen und beschlossen, daß ein so mächtiger Diener ihres Gatten wie Israel, ihr vor allen anderen den Hof machen und huldigen müsse. Deshalb veranlaßte sie, daß er noch einmal eingeladen wurde. Aber Israel hatte sich auch das Weib angesehen und entschuldigte sich etwas unceremoniell aufs neue.

Katrina setzte aber am Ende doch ihr Stück durch. Sie war ebenso gewandt wie erfindungsreich, und da sie von Naomi allerlei merkwürdige Dinge gehört, so beschloß sie für den letzten Tag ihrer Hochzeitsfeierlichkeiten ein Kinderfest zu veranstalten und veranlaßte Ben Abu, ein ceremonielles Schreiben an Israel zu richten, welches also anhub:

»An unsern Vielgeliebten, den vortrefflichen Israel ben Oliel! Lob sei dem einen Gotte!«

und in welchem dann weiter dargelegt wurde, wie am folgenden Morgen, »wenn die Sonne der Welt ihren Fuß in den beschwingten Steigbügel setzen und mit verhängtem Zügel aus dem Königreich der Schatten hervorsprengen« würde, der Statthalter »ein Fest der Wonne, für alle Kinder Tetuans geben, und daß er, Israel, dringend ersucht würde, »dasselbe mit den Strahlen seines Angesichtes, das da leuchte wie die Sonne, zu erhellen,« und seine kleine Tochter Naomi mitzubringen, deren Kommen »gleich einem Frühlingswind die finstere Nacht ihrer Einsamkeit zerstreuen« würde. Diese in der hochtrabenden Redeweise der Orientalen abgefaßte Zuschrift schloß mit einigen Citaten aus dem Koran über brüderliche Liebe und mit einer nachdrücklichen und sehr aufrichtigen Versicherung des Pascha, daß er keine Entschuldigung auch nur von »eines Haares Breite« annehmen werde.

Als Israel dieses Sendschreiben empfing, flammte sein Zorn wild auf. Er zog den voreiligen Schluß, daß die Spanierin, welche von dem Zustande des Kindes unterrichtet sein mußte, es mit ihrer Einladung Naomis nur auf eine Schaustellung abgesehen hätte. Aber nach einigem Besinnen schob er diesen Gedanken als lieblos und unbegründet von sich und beschloß der Ladung zu gehorchen.

Und in der That, wenn er noch ein weiteres Mißtrauen gehegt hätte, so hätte es vor dem Anblick von Naomis freudigem Eifer verfliegen müssen. Das kleine Fräulein schien zu wissen, daß etwas Ungewöhnliches vorging. Haufen von armen Landleuten aus jedem elenden Winkel des Paschalik kamen täglich zur Stadt, trommelnd, lange Büchsen abfeuernd, ihre Geschenke – Stiere, Kühe und Schafe – vor sich hintreibend und durchweg bemüht so zu thun, als jubelten und frohlocken sie. Es war, als sei Naomi sich dessen bewußt, daß auf dem Marktplatz viele Zelte aufgeschlagen seien, daß auf den Straßen ein dichteres Gewühl und überall mehr Geschäftigkeit herrsche.

Auch schien sie von Alis Aufregung angesteckt zu werden. Alle Schulkinder der Stadt, sowohl jüdische, wie maurische waren durch ihre Talebs (Lehrer) zu dem Feste geladen. Es sollte getanzt, gesungen und auf Musikinstrumenten gespielt werden. Ali selbst, welcher seit kurzem bei seinem Lehrer auf dem Kanun – der maurischen Harfe – spielen gelernt, sollte vor dem Statthalter seine Geschicklichkeit zeigen. Groß war daher des kleinen Schwarzen Erregung, und in seiner fieberhaften Stimmung schwatzte er unaufhörlich von dem kommenden Ereignis – mit Fatima, mit Habiba, und oft auch mit Naomi, bis ihm plötzlich ihre Gebrechen einfielen, oder vielleicht das spöttische Gelächter seiner Schulkameraden ihm Einhalt gebot, worauf er im Glauben, sie lachten das Mädchen aus, grimmig über sie herfiel und sie auseinander stoben.

Als der große Tag gekommen war, zog Ali mit seiner Schule und seinem Taleb inmitten der langen Prozession vieler Schulen und vieler Talebs nach der Kasbah. Jedes Kind trug ein Geschenk für den reichen Pascha; hier ein Knabe mit einer Ziege, dort ein Mädchen mit einem Lamm, dann wieder ein zerlumpter kleiner Wicht mit einer Henne; sie alle drückten ihre Schätze fest an sich, wie Lieblinge, von denen sie scheiden sollten, dennoch strahlten sie alle in ihrer holden Unschuld vor Glück, das keine schmerzliche Beimischung hatte von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Israel ergriff Naomi bei der Hand, und sie folgten – aber beide ohne Geschenk – den Kindern. Vorbei an den Buden, den blinden Bettlern, den Aussätzigen und kreischenden Arabern, welche dichtgedrängt um das Thor herum lagerten, schritten sie durch die eisenbeschlagene Pforte in den viereckigen Hofraum, in welchem dicht in ihre Decken gehüllte Weiber gruppenweise zusammenstanden – die Mütter und Schwestern der Kinder, die ihren Einzug in die Kasbah mit ansehen durften, denen aber nicht erlaubt war weiter zu gehen. Dann ging es weiter hinab den gewundenen Gang, vorbei an der winzig kleinen Moschee und dem großen burgartigen Badehause, und endlich gelangten alle in den säulenumschlossenen Patio, dessen Fußboden und Wände mit bunten glasierten Ziegeln ausgelegt waren.

Als Israel, Naomi an der Hand führend, eintrat, fühlte er, daß aller Augen sich auf sie richteten, und als sie den Weg durchschritten, den man ihnen frei gab, hörte er die geflüsterten Ausrufe der Nahestehenden. »Schuhf!« murmelte ein Maure. »Seht! Er ist es selbst!« sagte ein Jude. »Und das Kind!« sagte ein anderer Jude. »Allah hat sie getroffen,« sagte ein Araber. »Blind und taub und stumm,« sagte ein anderer Maure. »Gott erbarme sich meines Vaters!« ein anderer Araber.

Musikanten spielten auf dem Altan, welcher rings um den Hofraum lief, und von dem flachen Dache darüber schauten die Weiber aus des Statthalters Harem, der noch nicht aufgelöst war: seine vier rechtmäßigen mohammedanischen Frauen, und viele Konkubinen verstohlen hinter ihren Schleiern herab. Ein Springbrunnen plätscherte in der Mitte des Patio, und am Ende desselben, innerhalb eines Alkovens, welcher von einem hufeisenförmigen Bogen überwölbt wurde, unter einer mit glitzerndem Tropfstein behangenen Decke, die Wände verkleidet mit seidenen Vorhängen, saßen auf bunten Teppichen Ben Abu und seine christliche junge Frau.

Hier sah Israel die Spanierin zum ersten Male, und ihr Anblick durchschauerte ihn mit Eiseskälte. Sie war ein schönes Weib, aber augenscheinlich ein herzloses – selbstsüchtig, eitel und gemein.

Ben Abu empfing Israel mit Willkommsgrüßen und Friedenswünschen, und Katrina zog Naomi an ihre Seite.

»Dies also ist die kleine Wundermaid, von der so merkwürdige Gerüchte umgehen?« sagte Katrina.

Israel neigte das Haupt und schauderte, als er das Kind zu dieses Weibes Füßen sah.

»Das Liebchen ist schön wie ein Engel,« sagte Katrina, und küßte Naomi.

Israel war es, als treffe der Kuß seine eigne Wange wie ein Schlag.

Nun begannen die Aufführungen der Kinder. Es war in der That ein hübsches, anziehendes Schauspiel: die weißen Mauern, der tiefblaue Himmel, die tiefen Schatten des Altans, das leuchtende Sonnenlicht, die erwachsenen Leute, die sich um den Patio drängten, und die holden Kindergesichter, die sich mitten darin bewegten! Zuerst tanzte eine Reihe maurischer Mädchen in ihren gestickten Hassems Weite, kittelartige Mädchenkleider. einen Nationaltanz, sich neigend und hebend, sich windend und drehend, aber beständig die Füße auf derselben Stelle festhaltend. Dann kam eine Reihe Judenmädchen mit leicht geschürzten Röckchen, die in ihres Volkes Weise tanzten, auf den Spitzen ihrer Pantöffelchen hüpften, wirbelten, sich schwenkten in reißend schneller Bewegung und dazu Zimbeln und Tamburins schlugen, die sie in den hoch über den Kopf emporgehobenen, schöngestalteten Armen und Händen hielten. Dann wurden Stellen aus dem Koran psalmodiert von einer Gruppe maurischer Knaben in purpurroten, chokoladefarbigen und weißen Dschellabs mit prächtigen roten Tarbuschen. Der marokkanische Name für Fes, die rote türkische Mütze. Dann folgten jüdische Knaben in schwarzen Mützen, welche einen Psalm anstimmten – ein herrliches altes Lied von Zion, das die silberhellen, jugendlichen Stimmen im fremden Lande sangen. Endlich kam der kleine schwarze Ali, den sein Lehrer vorführte, in der Hand seine winzig kleine maurische Harfe. Ohne irgend welche Furchtsamkeit, zeigte er nur die schüchterne Freude des Negerknaben – den Kopf zur Seite geneigt, strahlten seine Augen, und seine weißen Zähne blitzten zwischen den roten Lippen.

Bis zu diesem Augenblick hatte Naomi aufgeregt und unruhig zu den Füßen des spanischen Weibes gesessen. Sie hatte sich jetzt erhoben, war dann wieder zurückgesunken, spielte dazwischen mit ihren feinfühligen Fingern und schob die Füße aus ihren Pantoffeln hinaus und hinein. Es war, als habe sie ein Bewußtsein des hübschen Schauspiels, welches aufgeführt wurde, und als wisse sie, daß es Kinder seien, die darin thätig waren. Vielleicht traf der Atem der Kleinen ihre Wangen, oder vielleicht wehte der von ihren fliegenden Gewändern verursachte Lufthauch bis zu ihrem zarten Körper. Durch welchen Sinn ihr auch die Wahrnehmung kommen mochte, sie war jedenfalls deutlich sichtbar in ihrem erhitzten und zuckenden Gesicht, in welchem sich jenes alte Verlangen nach dem Verkehr mit Kindern aussprach, das Israel so gut an ihr kannte.

Als aber der kleine Ali vorgeführt wurde und auf seiner Harfe zu spielen begann, war Naomis Aufregung nicht länger zu zügeln. Sie sprang von ihrem Sitz zu Katrinas Füßen auf, und glitt mit unbegreiflicher Schnelligkeit einem Lichtstrahl gleich durch den Patio an die Seite des Knaben. Dort angelangt betastete sie die Harfe, während er spielte, und ein leiser Schrei entrang sich ihren Lippen. Wieder betastete sie das Instrument, und ihre Augen, obgleich blind, leuchteten einen Augenblick auf wie Feuerflammen. Dann umklammerte sie es mit beiden Händen, küßte es mit ihren Lippen und ihrer Zunge, während ihr ganzer Leib zitterte, wie ein Rohr im Winde.

Israel sah, was sie that, und seine tiefste Seele erbebte bei dem Anblick unter einem Ansturm von Gedanken, die es nicht wagten, den Namen Hoffnung zu tragen. Sobald er in diesem Aufruhr seiner eignen Sinne es vermochte, trat er vor, um das kleine Mädchen zurückzuholen, aber die Gemahlin des Statthalters wehrte ihm.

»Laß sie!« rief sie aus. »Wir wollen doch sehen, was das Kind thun wird!«

In diesem Augenblick beendigte Ali sein Spiel, und ließ die Harfe in Naomis Finger gleiten, die sich noch immer daran klammerten, und so halb auf dem Boden sitzend halb knieend, zog sie sie an sich. Sie streichelte sie, klopfte sie mit der flachen Hand, rührte die Saiten und dann flog ein leichtes Lächeln um ihre rosigen Lippen. Sie lehnte die Wange dagegen, rührte wieder an die Saiten, und lachte dann hell auf. Darauf streifte sie die Pantoffeln ab und warf das Obergewand von sich, das ihre schönen Arme bedeckte, legte die weiche reine Haut gegen die Harfe, wo sie dazu Raum fand und berührte die Saiten noch einmal. Da schien es, als ob ihr ganzes Herz vor Entzücken lachte.

Was nun folgte, wird man vielleicht für eine Legende halten; aber so wunderlich es auch klingt, ist es dennoch die einfache, schlichte Wahrheit, daß Naomi, obgleich sie taub war, wie das Grab und noch nie Musik gehört hatte, obgleich sie nicht gelernt hatte und es nicht verstand, die Harfe zu schlagen, sie trotz alledem die Saiten zu so wunderseltsamen Tönen rührte, wie niemand sie je vorher gehört hatte.

Es war keine Musik, welche das junge Mädchen für ihr Ohr machte, sondern nur eine Bewegung für ihren Leib, und gerade wie man es bei Tauben, die nur taub sind, öfters findet, daß sie einen Genuß an allerlei Formen der Schallwellen haben und dadurch zu einer gewissen Empfindung des Tones gelangen – wie an dem Zittern der Luft nach dem Donner, an dem Erbeben der Erde nach einem Kanonenschuß, und an dem Schwanken dicker Mauern nach dem Geläute mächtiger Glocken – ebenso fand Naomi, die noch dazu blind war und keinen anderen Sinn als das Tastgefühl in ihren die Kräfte aller übrigen Sinne in sich vereinigenden Fingern besaß, die Fähigkeit, auf diesem Musikinstrument die Bewegung aller sie umgebenden Dinge wiederklingen zu lassen: das Rascheln der Blätter des Feigenbaumes im Patio daheim, das Gewirbel der Windsbraut auf der Bergspitze, das Klatschen des Regens in ihr Gesicht; das Gekräusel des Ostwindes in ihrem Haar.

Darin lag der ganze Zauber von Naomis Spiel. Dennoch, weil jede Bewegung in der Natur zugleich Harmonie ist, so war auch in der Musik, welche des Mädchens Finger den Saiten der Harfe entlockten, eine wilde Art von Harmonie. Aber erstaunlicher noch als ihre Musik, die ja nur eine Rhapsodie in Tönen sein mochte, war das leidenschaftliche Wesen des Mädchens bei ihrem Spiel. Sie erhob das Haupt, wie ein singender Vogel, ihre Kehle schwoll, ihre Brust wogte, und während sie spielte, lachte sie wieder und wieder.

Es lag etwas Bezauberndes, Magisches in diesem improvisierten Schauspiel: das schöne lichte, von Freude erglühende Gesicht, die durch die Gewande hindurch sichtbaren rundlichen Glieder, und die zarten weißen Finger, welche über die Saiten flogen. Und zugleich war es grausig und entsetzlich, denn des Mädchens Gesicht war ja blind, und ihre Ohren vernahmen nichts von den Klängen, welche ihre Finger hervorriefen.

Die ganze Versammlung starrte sie mit offnem Munde an. Und als man sich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, da flogen allerhand wunderliche Flüsterworte herüber und hinüber. »Wo hat sie das gelernt?« fragte ein Maure. »Von ihrem Meister selber,« murrte ein Jude. »Wer ist denn das?« frug der Maure. »Beelzebub!« brummte der Jude. »Gott erbarme sich mein, der böse Blick ruht auf ihr,« sagte ein Araber. »Gott wird es an den Tag bringen,« sagte ein Sherif aus Weßan. »Man sagt, ihre Mutter war ein kinderloses Weib und hat am Grabe des Rabbi Amram um Hannahs Segen gefleht.« »Nein,« entgegnete der Araber, »sie sandte ihren Gürtel –« »Jedenfalls ist das Kind eine Heilige,« flüsterte der Sherif. »Nein, ein Teufel ist es,« schnaubte der Jude.

»Brava, brava, brava!« rief Ben Abus neue Gemahlin, und sie rief Beifall und lachte, während das Mädchen spielte. »Was habe ich dir gesagt?« fuhr sie fort, zu ihrem Gatten gewendet. »Das Kind ist weder taub noch blind. O, es ist ein kecker Schwindel! Brava! brava, brava!«

Noch immer spielte das kleine Mädchen, aber da auf einmal bewölkte sich ihre Stirn, ihr Haupt sank herab, ihre Augenlider schlossen sich, sie neigte sich über die Harfe und seufzte hörbar.

»Noch einmal gut!« rief das Weib. »Sehr gut!« und sie klatschte in die Hände, worauf die Araber und Mauren, ihrer Furcht vergessend, sich gedrungen fühlten, ihrem Beispiel zu folgen und in ihrer wilderen Weise Beifall zu spenden; nur unter den Juden murmelte es fort: »Beelzebub, Beelzebub!«

Israel war aufmerksam allen diesen Vorgängen gefolgt. Anfangs in der erschütternden Aufregung aller Sinne schmolz sein Herz im Anschauen dessen, was Naomi that. Hatte Gott ihrer Seele eine Pforte aufgethan? Sollten die schwachen Fittiche ihres Geistes sich endlich entfalten? War dies etwa die Sprache, welche der Himmel ihr verliehen hatte? Aber kaum hatte er sich diesen trostreichen Gedanken hingegeben, als das Gekläff und Gebelfer um ihn her seinen Zorn erweckte. Dahinein tönten Katrinas Zurufe, welche dem Erwachen der Seele seines Kindes Bravo zurief, als wäre es eine gemeine Schaustellung, und fielen ihm wie Keulenschläge aufs Gehirn, so daß er fühlte, wie der Zorn darüber heiß in ihm emporwallte.

»Brava, Brava!« rief das Weib von neuem, und sich zu Israel wendend, sagte sie: »Ihr müßt mir das Kind lassen. Ich will sie immer um mich haben.«

Es war Israel, als müsse er ersticken bei diesen Worten. Er sah Katrina an und erkannte, daß sie ein lüsternes, eitles Weib war, welches Ben Abu geheiratet hatte, weil er reich war. Dann sah er Naomi an, und gedachte daran, daß ihr Herz hell wie das Wasser, hold wie der Morgen, rein wie der Schnee war.

Und in diesem Augenblick klatschte das Weib des Statthalters wiederum, und die Versammelten stimmten mit ein, und sogar die Weiber auf den Dächern waren keck genug, den Ruf mit ihrem gurrenden Geheul fortzusetzen. Das Spiel hatte aufgehört, Naomis Finger waren von der Harfe herabgeglitten, ihr Köpfchen war auf ihre Brust gesunken, jetzt brach sie vollends zusammen.

»Bringt sie ins Haus!« sagte Katrina, und zwei arabische Soldaten schritten dahin, wo das kleine Mädchen lag. Allein ehe sie sie berührt hatten, sprang Israel vor. Seine Lippen brannten und seine Nasenflügel zuckten.

»Halt!« rief er.

Die Araber stutzten und blickten nach ihrem Herrn.

»Thut, wie euch befohlen ist – bringt sie hinein,« sagte Ben Abu.

»Halt!« rief Israel noch einmal mit lauter Stimme, die durch den ganzen Hof schallte. Dann schob er die Araber beiseite, hob das besinnungslose Mädchen auf und wandte sich Ben Abus junger Frau zu.

»Frau,« rief er, »ich, Israel ben Oliel, mag dem Statthalter angehören, aber mein Kind gehört mir!«

Mit diesen Worten nahm er das Mägdlein auf seine Arme und verließ den Hofraum. In der Totenstille und starren Betäubung des Augenblicks schien niemand recht zu wissen, was er gethan hatte, bis er verschwunden war.

Israel ging zornig heim, aber trotzdem schöpfte er aus diesem Ereignis freudigen Mut, um sein Werk von neuem zu beginnen. Mochten seine Feinde immerhin zetern: »Beelzebub«, das Kind war doch ein Engel, obwohl sie für ihres Vaters Sünde litt, und ihre Seele stand vor Gott. Ein Geist war sie, und die Weisen, die sie gespielt, waren Melodien des Paradieses. Indem er sich so tröstete, erinnerte sich Israel der Vision Ruths, in der Naomi alle ihre Sinneskräfte wieder erlangt hatte. Es war ihm das bisher wie eine Phantasie in der Todesstunde erschienen, aber nun fragte er sich: Sollte der Herr es nicht am Ende doch zuwege bringen? Würde Gott in seiner Barmherzigkeit eines Tages den Engel aus seinem Hause nehmen, mochte er noch so wunderbar begabt, so strahlend schön und fröhlich sein, und ihm statt dessen für den Hunger seines Menschenherzens dies süße Menschenkind geben, seine kleine blondlockige Naomi, mochte sie auch noch so hilflos, einfältig und schwach sein?

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