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Der Südstern

Jules Verne: Der Südstern - Kapitel 17
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typefiction
authorJules Verne
titleDer Südstern
publisherWien und Leipzig. A. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 45
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Capitel.

Verrätherei.

Was mochte also während der Abwesenheit Cypriens und seiner zwei Gefährten hier vorgefallen sein? Es wäre schwer zu sagen gewesen, wenn der junge Kaffer nicht vielleicht wieder erschien.

Man erwartete zunächst Bardik, rief nach ihm und suchte ihn überall, aber ohne daß eine Spur von demselben zu entdecken war. Das noch bei dem schon erloschenen Feuer stehende Frühstück, welches er zu bereiten begonnen hatte, schien darauf hinzudeuten, daß er vor zwei oder drei Stunden verschwunden sein konnte.

Cyprien sah sich also auf reine Muthmaßungen beschränkt, was die Abwesenheit seines Dieners veranlaßt haben könne, ohne daß er jedoch dadurch zu einer Erklärung derselben gelangte.

Daß der junge Kaffer etwa von einem Raubthiere überfallen worden wäre, war kaum anzunehmen, denn es fand sich keine Spur eines stattgehabten blutigen Kampfes, nicht einmal eine Unordnung in den Reiseeffecten u. s. w. Daß er davon gelaufen sei, um nach seiner Heimat zurückzukehren, wie das die Kaffern allerdings nicht selten thun, hatte ebenso wenig Wahrscheinlichkeit für sich gegenüber einem sonst so treu ergebenen Burschen, und der junge Ingenieur wies auch diese, zuerst von Annibal Pantalacci angedeutete Annahme mit aller Entschiedenheit zurück.

Kurz, nach halbtägiger Nachforschung wurde der junge Kaffer noch immer nicht wiedergefunden, und sein Verschwinden blieb ein vollkommen unerklärliches Vorkommniß.

Annibal Pantalacci und Cyprien berathschlagten also mit einander und beschlossen darauf, mit der Aufhebung des Lagers jedenfalls noch bis zum anderen Tage zu warten. Vielleicht erschien Bardik bis dahin wieder, da er sich ja bei Verfolgung eines Wildes verirrt haben konnte, das seine Jagdleidenschaft erregt haben mochte.

Erinnerte man sich freilich an den unliebsamen Besuch, den eine Abtheilung Kaffern an einem der früheren Lagerplätze abgestattet, und vergegenwärtigte man sich die Fragen, welche jene an Bardik und Lî gestellt hatten, sowie ihre Furcht, hier Fremdlinge anzutreffen, vielleicht gar Spione, welche sich in das Gebiet Tonaïa's begaben, so lag wohl die Frage nahe, ob Bardik nicht in die Hände solcher Eingebornen gefallen und von diesen gewaltsam bis nach der Hauptstadt geschleppt worden sein könne.

Der Tag verlief ziemlich trübe und der Abend eher noch trauriger. Es war, als ob das Unglück die Expedition jetzt auf Tritt und Schritt verfolgte. Annibal Pantalacci war wüthend, aber stumm. Seine beiden näheren Genossen, Friedel und James Hilton, waren todt, und jetzt stand er allein seinem jungen Rivalen gegenüber, den er sich jedoch eher mit größerer Hartnäckigkeit als vorher vom Halse zu schaffen bestrebt blieb, da er ihm ebenso bezüglich der Aufsuchung des Diamanten gefährlich, wie bezüglich der als Preis dafür winkenden Heirat lästig erschien. Für ihn war ja das Ganze eine reine Geschäftsangelegenheit.

Cyprien, dem Lî inzwischen mitgetheilt hatte, was er von der Entfernung der Patrone aus der Büchse wußte, sah sich genöthigt, jetzt seinen Reisegefährten Tag und Nacht zu überwachen, obwohl der Chinese freiwillig einen Theil dieser beschwerlichen und widerlichen Aufgabe übernahm.

Schweigend und mit den Pfeifen am Feuer sitzend, verbrachten Cyprien und Annibal Pantalacci den Abend und zogen sich endlich unter die Wagenplane zurück, ohne sich eine gute Nacht zu wünschen. Lî blieb es nun überlassen, beim Feuer zu wachen, um etwaige Raubthiere fern zu halten.

Auch mit Anbruch des folgenden Tages war der junge Kaffer noch nicht nach dem Lagerplatz zurückgekehrt.

Cyprien hätte gerne noch vierundzwanzig Stunden zugegeben, um seinem Diener eine weitere Möglichkeit, zurückzukehren, zu gewähren. Der Neapolitaner bestand aber darauf, nun sofort aufzubrechen.

»Wir werden wohl auch ohne Bardik auskommen, sagte er, und hier länger zu zögern, setzt uns der Gefahr aus, Matakit überhaupt nicht zu finden.«

Cyprien gab nach und der Chinese ging daran, die Büffel zusammen zu treiben, um weiter fahren zu können.

Da traf sie aber eine neue Enttäuschung. Auch die Büffel waren nicht mehr aufzufinden. Noch am Vorabend hatten sie bestimmt im hohen Grase der Umgebung des Lagerplatzes geweidet ... jetzt war es unmöglich, auch nur einen derselben zu entdecken.

Erst jetzt konnte man die Tragweite des Verlustes ermessen, den die Expedition durch das Verschwinden Bardik's erlitten hatte! Wäre der intelligente Diener noch an seiner Stelle gewesen, so würde er bei seiner Bekanntschaft mit den Gewohnheiten der Büffel des südlichen Afrikas gewiß nicht versäumt haben, diese, nachdem sie einen ganzen Tag gerastet, an Bäume oder irgend welche feste Pfähle zu binden. Nach langen Marschtagen ist diese Vorsicht gewöhnlich unnöthig; bei ihrer Ermüdung denken die Thiere an gar nichts Anderes, als in der Nähe zu weiden, legen sich darauf behaglich nieder und werden am nächsten Morgen kaum in der Entfernung von hundert Metern von den Lagerplätzen wiedergefunden. Das gestaltet sich aber anders, wenn sie einen Tag lang geruht und sich durch reichliches Futter gekräftigt haben.

Beim Erwachen hatten die Thiere offenbar zunächst schmackhaftere Nahrung gesucht, als sie vielleicht am Abend vorher fanden. Dabei mochten sie sich immer weiter entfernt und den Lagerplatz ganz aus den Augen verloren haben, und jedenfalls waren sie dann, getrieben durch einen gewissen Instinct, der sie nach dem gewohnten Stalle zurückzieht, ganz einfach den Weg nach dem Transvaal zurückgetrabt.

Das war ein Unglück, welches, wenn es bei den Zügen durch das innere Afrika auch nicht so selten vorkommt, darum nicht minder ernst erscheint, denn ohne Zugthiere wurde der Wagen natürlich nutzlos, und für den afrikanischen Reisenden bildet der Wagen gleichzeitig das Haus, das Magazin und die Festung.

Cyprien und Annibal Pantalacci fühlten sich also stark enttäuscht, als sie, nachdem sie zwei oder drei Stunden die Thiere eifrig gesucht, einsahen, daß sie hier auf jede Hoffnung, dieselben wiederzufinden, verzichten mußten.

Ihre Lage wurde dadurch eine ausnehmend schwierige und sie traten noch einmal zur Beratschlagung zusammen. Unter den gegebenen Umständen gab es nur einen Entschluß, den Wagen zurückzulassen, sich mit soviel Mundvorrath und Munition zu beladen, als es möglich war, und die Reise nur zu Pferde fortzusetzen. Trafen sich die Verhältnisse glücklich, so konnten sie vielleicht mit einem Kaffernhäuptling über den Ankauf neuer Zugochsen einig werden, wenn sie ihm ein Gewehr und einige Patronen abtraten. Lî sollte nun das Pferd James Hilton's, das jetzt ja keinen Herrn mehr hatte, besteigen.

Alle gingen also daran, eine Menge harziger Aeste abzuschlagen, um damit den Wagen wie unter einem Strauche zu verbergen. Darauf belud sich Jeder, was er in den Taschen und in einem Quersacke unterbringen konnte, so daß sie wenigstens einige Vorräthe an Leibwäsche, Conservebüchsen und Schießbedarf hatten. Der Chinese mußte freilich zu seinem größten Leidwesen darauf verzichten, seinen rothen Kasten, weil derselbe zu schwer war, mitzunehmen; er ließ sich aber nicht überreden, auch den Strick aufzugeben, sondern band sich denselben als Gürtel unter seine Kutte.

Nach Vollendung dieser Vorbereitungen und nachdem sie einen letzten Blick durch das Thal geworfen, das für sie so verhängnißvoll geworden war, schlugen die drei Reiter den Weg nach den Bergen wieder ein, Dieser Weg bestand übrigens, wie alle anderen im Lande, nur aus einem von wilden Thieren getretenen Fußpfade, welcher gewöhnlich in kürzester Linie nach den Stellen führt, wo diese ihren Durst zu löschen pflegen.

Schon war die Mittagsstunde vorüber und unter brennender Sonnengluth trabten Cyprien, Annibal Pantalacci und Lî ziemlich schnell bis zum Anbruch des Abends weiter; nachdem sie dann in einer tiefe Schlucht unter dem Schutze eines großen Felsblocks Halt gemacht und sich um ein tüchtiges Feuer aus trockenem Holz gelagert, sagten sie sich, daß Alles in Allem der Verlust des Wagens doch kein so unersetzliches Unglück sei.

Zwei Tage hindurch reisten sie in dieser Weise weiter, ohne einen Zweifel daran zu hegen, daß sie sich auf der richtigen Fährte des Flüchtlings befänden. Am Abende des zweiten Tages, als sie sich, schon langsamer reitend, einer Gruppe von Bäumen näherten, unter denen sie die Nacht zu verbringen gedachten, stieß Lî plötzlich einen ganz eigentümlichen Gaumenlaut aus.

»Hugh!« rief er und zeigte mit dem Finger nach einem kleinen schwarzen Punkte, der sich beim letzten Scheine der Abenddämmerung am Horizonte fortbewegte.

Cypriens und Annibal Pantalacci's Blicke folgten selbstverständlich der von dem Chinesen angedeuteten Richtung.

»Ein Reisender! rief der Neapolitaner.

– Das ist Matakit selbst! erklärte Cyprien, welcher sofort ein Fernrohr vor die Augen gesetzt hatte. Ganz deutlich erkenne ich seinen Wagen mit einem vorgespannten Strauße! ... Er ist es sicherlich!« Nachdem er das Fernrohr Pantalacci gereicht, konnte auch dieser sich von der Richtigkeit der Thatsache überzeugen.

»Wie weit mag er sich, Ihrer Schätzung nach, jetzt von uns entfernt befinden? fragte Cyprien.

– Mindestens sieben bis acht Meilen; es können aber auch zehn sein, antwortete der Neapolitaner.

– Sonach müssen wir darauf verzichten, ihn noch heute, bevor wir Halt machen, einzuholen?

– Unzweifelhaft, versicherte Annibal Pantalacci. Binnen einer halben Stunde ist's tiefdunkle Nacht, und wir können gar nicht mehr daran denken, in jener Richtung einen Schritt weiter vorwärts zu dringen.

– Nun gut, so haben wir, einen recht frühzeitigen Aufbruch vorausgesetzt, doch morgen die sichere Aussicht, ihn zu erreichen.

– Das ist ganz meine Ansicht!«

Die Reiter waren damit nach der Baumgruppe gelangt und stiegen nun aus dem Sattel. Hergebrachter Gewohnheit folgend, gingen sie zuerst daran, die Pferde mit Stroh abzureiben und zu striegeln, ehe diese an eingeschlagene kurze Pfähle gebunden wurden, um in deren Umgebung zu weiden. Inzwischen hatte der Chinese schon ein Feuer angezündet.

Unter diesen Vorarbeiten war es Nacht geworden. Heute verlief das Abendessen vielleicht bei etwas heiterer Stimmung, als an den letztvergangenen drei Tagen. Kaum war es indeß verzehrt, da wickelten die drei Reisenden sich schon in ihre Decken und streckten sich neben dem, für die ganze Nacht mit genügendem Brennmaterial beschickten Feuer, den Kopf auf die Sättel gestützt, zum Schlummer nieder. Es galt ja, morgen zeitig auf den Füßen zu sein, einen doppelten Marsch zu machen und Matakit einzuholen.

Cyprien und der Chinese waren bald fest eingeschlafen, was ihrerseits vielleicht etwas unklug erschien.

Nicht so der Neapolitaner. Zwei oder drei Stunden wälzte er sich, wie von einer fixen Idee besessen, unter seiner Decke umher. Wiederum führten ihn seine schurkischen Gelüste in Versuchung.

Endlich erhob er sich, wie zu einem Entschlusse gelangt, schlich nach den Pferden hin und sattelte sein eigenes; dann band er Templar und das des Chinesen los, packte sie an der Halfter und führte sie mit weg. Das den Erdboden bedeckende feine Gras erstickte vollständig den Laut der Tritte der drei Thiere, die, wahrscheinlich auch verwundert über die ungewohnte Unterbrechung ihrer Nachtruhe, Alles ruhig mit sich machen ließen. Annibal Pantalacci stieg mit ihnen nach der Sohle des Thals hinunter, an dessen oberem Hange Rast gemacht worden war, band sie hier an einen Baum und kehrte nach dem Lagerplatze zurück. Von den hier Schlafenden hatte keiner auch nur ein Glied bewegt.

Der Neapolitaner raffte nun schweigend seine Decke, ein gezogenes Gewehr, die nöthige Munition nebst etwas Mundvorrath zusammen und ließ kalt und herzlos seine beiden Gefährten inmitten der Wüstenei zurück.

Schon seit Sonnenuntergang hatte ihm der Gedanke vorgeschwebt, mit Entfernung der Pferde Cyprien und Lî außer Stand zu setzen, Matakit einzuholen. Damit aber sicherte er sich selbst den Sieg. Weder der Schurkenstreich, den er damit eigentlich schon beging, noch die Gemeinheit, seine Gefährten so der wichtigsten Hilfsmittel für ihr Fortkommen zu berauben, vermochten den Elenden zurückzuhalten. Er schwang sich in den Sattel, nahm von dem Versteck, wo er sie zurückgelassen, die ungeduldig schnaubenden Pferde mit fort, und trabte beim Scheine des Mondes, dessen Rand eben über den Kamm der Hügelkette emporstieg, schweigend in's Land.

Cyprien und Lî schliefen noch immer. Gegen drei Uhr Morgens erwachte der Chinese und betrachtete die Sterne, welche am östlichen Horizonte schon erbleichten.

»Es ist wohl Zeit, den Kaffee zu bereiten,« sagte er für sich.

Ohne weiteres Zögern warf er die ihn umhüllende Decke ab, sprang in die Höhe und begann seine Morgentoilette, die er in der Wüste ebensowenig wie in der Stadt vernachlässigte.

»Wo steckt denn der Pantalacci?« fragte er sich plötzlich.

Schon stieg die Morgenröthe höher empor und die nächste Umgebung des Lagerplatzes wurde deutlicher erkennbar.

»Auch die Pferde sind nicht mehr zur Stelle! fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. Sollte dieser wack're Kumpan etwa ...«

Mit dem aufkeimenden Verdachte, was hier vorgefallen sein möge, eilte er nach den Pfählen, an welche die Pferde am Abend vorher gebunden worden waren, überblickte sorgsam den ganzen Lagerplatz und gewahrte, daß auch das ganze Gepäck des Neapolitaners verschwunden war.

Die Sache lag nun klar.

Ein Mann von weißer Race hätte gewiß dem sehr natürlichen Bedürfnis, Cyprien zu wecken und ihm sofort das neue schwere Unglück mitzutheilen, nicht widerstehen können. Der Chinese gehörte aber zur gelben Menschenrace und meinte, daß es mit der Ankündigung eines Unfalls niemals so große Eile habe. Er beschäftigte sich also ruhig mit der Bereitung des Morgenlabsals.

»Es ist noch recht liebenswürdig von dem Spitzbuben, daß er uns wenigstens den nöthigen Mundvorrath zurückließ!« sagte er für sich.

Nachdem der Kaffee sorgsam durch ein zu diesem Zwecke angefertigtes Leinensäckchen gegossen war, füllte Lî damit zwei Tassen – wenn man die Gefäße so nennen darf, denn sie bestanden aus je einer Hälfte von Straußeneierschalen, die er gewöhnlich an einem Knopfloch hängend trug – und näherte sich dann Cyprien, der noch immer schlafend dalag.

»Ihr Kaffee ist fertig, Väterchen,« sagte er höflich, während er dem jungen Ingenieur leise auf die Schulter klopfte.

Cyprien schlug die Augen auf, dehnte und streckte die Glieder, lächelte den Chinesen an und verzehrte halb aufgerichtet das dampfende Getränk.

Erst dann bemerkte er die Abwesenheit des Neapolitaners, dessen Platz ja leer war.

»Wo ist denn Pantalacci? fragte er.

– Auf und davon gegangen, Väterchen! antwortete Lî in so gleichgiltigem Tone, als ob es sich um die gewöhnlichste Sache von der Welt gehandelt hätte.

– Wie? ... Von uns fortgegangen?

– Ja, Väterchen, und mit den drei Pferden obendrein!«

Cyprien befreite sich schnell aus der ihn noch halb umschließenden Decke und warf einen Blick umher, der ihn über Alles belehrte.

Er besaß jedoch ein zu stolzes Herz, um seine Unruhe und Entrüstung über das Vorgefallene merken zu lassen.

»Das ist ja recht erbaulich, sagte er, aber der Elende mag sich nur nicht einbilden, daß er bei unserer Angelegenheit das letzte Wort haben wird!«

In Gedanken versunken, machte Cyprien fünf bis sechs Schritte hin und her, wobei er überlegte, was nun am besten zu thun sei.

»Wir müssen zur Stunde aufbrechen, kündigte er dem Chinesen an. Sattel und Zaumzeug, so wie Alles was zu umfänglich oder zu schwer ist, lassen wir hier zurück und nehmen nur die Gewehre und die noch übrigen Nahrungsmittel mit. Bei schnellem Gehen kommen wir vielleicht fast ebenso schnell vorwärts und können wohl gar gelegentlich noch directere Wege benützen.«

Lî ließ sich nicht zweimal auffordern. Binnen wenigen Minuten waren die Decken eingerollt und der Quersack über die Schulter geworfen; dann wurde noch Alles, was hier zurückgelassen werden mußte, mit einem dichten Haufen von Zweigen und Laubwerk überdeckt, und die beiden Männer zogen ihres Weges.

Cyprien hatte Recht gehabt, daß es unter gewissen Verhältnissen fast bequemer sei, zu Fuß weiter zu ziehen. Er konnte so die kürzesten Wege wählen und zuweilen steile Abhänge ersteigen, die ein Pferd niemals zu erklimmen vermocht hätte, wenn das natürlich auch schwere Anstrengung kostete.

Etwa um ein Uhr Mittags gelangten die beiden Wanderer nach dem Nordabhange der Hügelkette, der sie seit drei Tagen gefolgt waren. Nach den von Lopepe erhaltenen Mitteilungen konnte die Hauptstadt Tonaïa's jetzt nicht mehr weit entfernt sein. Unglücklicherweise waren freilich dessen Angaben über den einzuhaltenden Weg so unbestimmter Art und die Bezeichnung der Entfernung in der Betchuanasprache so verwirrend, daß es sehr schwer erschien, vorher darüber klar zu werden, ob noch zwei oder fünf Tage darüber hingehen würden, bevor jene Stadt zu erreichen war.

Als Cyprien und Lî den ersten Abhang des Thales, das sich vor ihnen nach Uebersteigung des Bergkammes geöffnet, hinunter stiegen, ließ Letzterer ein kurzes Lachen hören.

»Ah, Giraffen!« sagte er.

Cyprien richtete den Blick nach abwärts und bemerkte wirklich gegen zwanzig jener Thiere, welche friedlich im Thalgrunde grasten. Man kann kaum, wenigstens aus einiger Entfernung, etwas Graziöseres sehen, als ihre langen Hälse, die sie gleich Mastbäumen aufgerichtet tragen oder gleich langen Schlangen im Grase umherbewegen, und welche von dem mit gelben Flecken übersäeten Leibe drei bis vier Meter weit reichen.

»Es ließe sich so eine Giraffe vielleicht einfangen, um Templars Stelle zu ersetzen, bemerkte Lî trocken.

– Auf einer Giraffe reiten? O, wer hat das schon jemals gesehen? rief Cyprien.

– Ich weiß nicht, ob es Jemand schon gesehen hat, aber es wird doch nur von Ihnen abhängen, es zu sehen, wenn Sie mir nur freie Hand lassen wollen,« erwiderte der Chinese.

Cyprien, der niemals etwas nur deshalb für unmöglich zu halten pflegte, weil es für ihn noch neu war, erklärte sich bereit, Lî bei seinem Vorhaben zu unterstützen.

»Wir befinden uns gegenüber den Giraffen unter dem Winde, meinte der Chinese, was sich sehr glücklich trifft, denn sie haben eine sehr feine Nase und hätten uns im andern Falle gewiß schon gewittert. Wenn Sie sich also nach rechtshin wenden wollen, um jene durch einen Gewehrschuß zu erschrecken und nach meiner Seite zuzutreiben, so brauch' ich nichts weiter und werde das Uebrige allein besorgen.«

Cyprien legte sofort Alles zur Erde, was ihn in seinen Bewegungen hätte hinderlich sein können, und mit der Büchse bewaffnet ging er daran, das von seinem Diener angedeutete Manöver auszuführen.

Letzterer verlor ebenfalls keine Zeit. Er kletterte behende den steilen Abhang hinunter, bis er im Grunde des Thales einen daselbst befindlichen Wildpfad erreichte. Die unzähligen Hufabdrücke darauf verriethen, daß dies der gewöhnliche Weg der Giraffen war. Hier nahm der Chinese hinter einem Baume Stellung, entrollte den langen Strick, der ihn niemals verließ, zerschnitt ihn und bildete so aus demselben zwei Stücke von je dreißig Meter Länge. Nachdem er dann ein Ende von jedem mittelst eines ziemlich großen Steines beschwert hatte, knüpfte er das andere fest um die unteren Zweige eines Baumes, und als er endlich die freien Enden dieser urwüchsigen Wurfgeschosse sorgsam um seinen linken Ellenbogen gewickelt, verbarg er sich hinter dem Baumstamme und wartete der weiteren Entwickelung der Dinge.

Fünf Minuten waren noch nicht verstrichen, als in einiger Entfernung ein Gewehrschuß durch die öde Gegend donnerte. Gleich darauf verrieth ein rasches Getrappel, das dem von einer Schwadron Reitern ähnelte und von Secunde zu Secunde mehr anschwoll, daß die Giraffen, ganz wie Lî vorausgesetzt, sich zur Flucht gewendet hatten. Sie kamen, ihrem gewohnten Pfade folgend, gerade auf ihn zu, ohne die Anwesenheit eines vor ihnen unter dem Winde lauernden Feindes zu argwöhnen.

Mit den hoch aufgerichteten Nasen, den kleinen, ihre Bestürzung verrathenden Köpfen und den herabhängenden Zungen sahen die Giraffen wirklich prächtig aus. Lî ließ sich jedoch nicht hinreißen, sie bewundernd zu betrachten. Sein Posten war vorsorglich nahe einer Verengerung des Weges gewählt, wo die Thiere nur zu je zweien neben einander vorüberziehen konnten, und er erwartete dieselben in gewohnter Ruhe.

Erst ließ er drei oder vier vorüberlaufen, dann faßte er eines von besonders hohem Wuchse in's Auge und schleuderte seinen ersten Lasso. Das Seil pfiff durch die Luft, wickelte sich um den Hals des Thieres, das noch einige Schritte that, bald aber spannte sich das Seil an, schnürte jenem die Luftröhre halb zu, und es machte entsetzt Halt.

Der Chinese ließ sich jedoch keine Zeit, das zu beobachten. Kaum hatte der erste Lasso das Ziel erreicht, als er schon den zweiten ergriff und nach einer andern Giraffe schleuderte.

Dieser Wurf fiel nicht minder glücklich aus. Alles war in weniger als einer halben Minute abgethan. Schon hatte sich die erschrockene Heerde nach allen Richtungen hin zerstreut; die beiden Giraffen aber blieben, halb erdrosselt und nach Luft schnappend, als Gefangene zurück.

»Kommen Sie nur heran, Väterchen!« rief der Chinese Cyprien zu, der ohne zu viel Vertrauen auf das Manöver auf ihn zukam.

Bald mußte er jedoch jeden Zweifel schwinden lassen. Hier sah er zwei prächtige, große, starke Thiere mit feinen Beinen und glänzenden Rücken vor sich. Doch wie er auch deren äußere Erscheinung bewunderte, erschien ihm der Gedanke, dieselben als Reitthiere zu benutzen, doch ebenso wenig ausführbar.

»Wahrhaftig, wie soll man sich auf einem solchen Rückgrat halten, das bei seiner verhältnißmäßig geringen Länge nach hinten zu um wenigstens sechzig Centimeter abfällt? fragte er lachend.

– O, man setzt sich eben rittlings auf die Schultern und nicht auf die Seiten des Thieres, erklärte Lî. Ist es denn übrigens so schwierig, unter dem Hintertheil des Sattels eine zusammengerollte Decke anzubringen?

– Wir haben ja gar keinen Sattel.

– Ich werde den Ihrigen sofort herbeiholen.

– Und welchen Zaum sollen die Thiere in's Maul bekommen?

– Das werden Sie bald sehen!«

Der Chinese hatte auf Alles eine Antwort, und wie man von ihm nicht anders gewöhnt war, folgte die That dem Worte immer auf dem Fuße.

Die Stunde zum Essen war noch nicht herangekommen, als er aus einem Theile seines Strickes schon ein Paar starke Halftern hergestellt hatte, die er den Giraffen über den Kopf zog. Die armen Thiere waren durch ihr Mißgeschick so betroffen und außerdem von so sanftem Charakter, daß sie nicht den mindesten Widerstand leisteten. Andere Stücke Stricke wurden zu eigentlichen Zügeln hergerichtet.

Nach Vollendung dieser Vorbereitungen war es ganz leicht, die beiden Gefangenen wegzuführen. Cyprien und Lî wandten sich rückwärts und suchten den gestrigen Halteplatz auf, um die Sättel, und was sie sonst hatten zurücklassen müssen, nachzuholen.

Der Abend reichte hin, um Alles vollends in Ordnung zu bringen. Lî legte eine wirklich wunderbare Anstelligkeit an den Tag. Er hatte nicht allein Cypriens Sattel sehr bald in der Weise abgeändert, daß derselbe auf dem Rücken einer der Giraffen horizontal befestigt werden konnte, sondern auch für sich selbst einen Sattel aus Zweiggeflecht hergestellt. Aus übergroßer Vorsicht verwendete er noch die halbe Nacht dazu, etwaige Widerstandsgelüste der Giraffen zu brechen, indem er sie nach einander bestieg und ihnen durch recht merkbare Mittel die Ueberzeugung beibrachte, daß sie ihm zu gehorchen hätten.

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