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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid2b05677b
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VII

In jener Zeit entwickelte sich zwischen Friedrich und mir ein merkwürdiges Verhältnis. Ich möchte es eine Vertraulichkeit ohne Freundschaft nennen oder eine Kameradschaft ohne Liebe. Und selbst die Sympathie, die uns später verband, war nicht am Anfang vorhanden gewesen. Sie entstand aus der Aufmerksamkeit, die wir eines Tages einander zuzuwenden begannen, und aus dem Mißtrauen, bei dem wir uns gegenseitig ertappten. Schließlich fingen wir an, einander zu achten. Das Vertrauen wuchs langsam, wurde von den Blicken genährt, die wir, fast ohne es zu wissen, in der Gesellschaft der andern austauschten, und weniger von den Worten, die wir wechselten, als von dem Schweigen, in dem wir oft miteinander saßen und herumwanderten. Hätte unser Leben nicht einen so verschiedenen Lauf genommen, Friedrich wäre vielleicht mein Freund geworden, wie Franz Tunda es geworden ist.

Es dauerte lange, ehe Friedrich sich entschloß, Savelli, der damals noch in Wien lebte, aufzusuchen. Er fürchtete sich. Er glaubte, daß er vorläufig noch die Wahl hätte zwischen dem, was er die »Askese des Revolutionärs« nannte, und der »Welt«, dem vagen, romantischen Begriff aus Freuden, Kämpfen, Triumphen. Er haßte schon die Einrichtungen dieser Welt, aber er glaubte noch an sie.

 

Die schön geschwungene Rampe der Universität erschien ihm immer noch nicht – wie mir – als die Festungsmauer der nationalen Burschenschafter, von der alle paar Wochen einmal Juden oder Tschechen hinuntergeworfen wurden, sondern als eine Art Aufgang zu »Wissen und Macht«. Er hatte die Achtung des Autodidakten vor Büchern, die noch größer ist als die Verachtung der Bücher, die den Weisen auszeichnet. Wenn er in einem Katalog blätterte, vor den Schaufenstern der Buchhandlungen stehenblieb, in den stillen, sacht verstaubten Räumen der Bibliothek saß, die dunkelgrünen Rücken unzähliger Bücher in den hohen und breiten Regalen ansah, die militärischen Reihen grüner Lampenschirme auf den langen Tischen, die tiefe Andacht, die alle lesenden Menschen in der Bibliothek frommen Betern in einer Kirche ähnlich machte, ergriff ihn die Angst, daß er das »Wichtigste« nicht wisse und daß ein Leben zu kurz sei, um es zu erfahren. Er las und lernte hastig, ohne System, verschiedenen Neigungen folgend, von einem Titel angezogen oder von der Erinnerung, ihn schon einmal gehört zu haben. Er schrieb Hefte voll von Betrachtungen, die er für »fundamental« hielt, und war kaum zu trösten, wenn ihm ein Satz, ein Datum, ein Name entfallen war. Er hörte alle notwendigen und überflüssigen Vorlesungen. Man konnte ihn immer im Hörsaal sehn, immer in der letzten Bank, die gewöhnlich auch die höchste war. Von hier aus übersah er die gebeugten Köpfe der Hörer, die aufgeschlagenen weißen Hefte, die winzigen, verschwimmenden Stenogramme. Der Professor hatte durch die Entfernung gewissermaßen seine private Menschlichkeit verloren, war nichts anderes mehr als ein Mittler der Weisheit. Aber Friedrich blieb einsam. Um ihn lauter Gesichter, in denen nichts anderes zu sehen war als Jugend. Man konnte zur Not die Rassen unterscheiden. Die sozialen Unterschiede erkannte man nur an sekundären Merkmalen. Die Wohlhabenden hatten manikürte Fingernägel, Krawattennadeln, gutgeschnittene Anzüge. Ringsum eine stocktaube, dumpfe Heiterkeit.

Nur in den Augen einiger jüdischer Studenten glänzte eine kluge, eine schlaue oder auch eine törichte Trauer. Aber es war die Traurigkeit des Bluts, des Volkes, dem Individuum vererbt und von ihm ohne Risiko erworben. Ebenso hatten die andern ihre Heiterkeit ererbt. Nur Gruppen unterschieden sich voneinander durch Bänder, Farben, Gesinnungen. Sie bereiteten sich auf ein Leben in Kasernen vor, und jeder trug schon sein Gewehr, man nannte es »Ideal«.

Wir hatten damals einen gemeinsamen Bekannten namens Leopold Scheller – es war übrigens der einzige Student, mit dem Friedrich verkehrte. Er verbarg nichts, er sagte immer die Wahrheit, allerdings immer die eine, die er kannte, und vertrug alles, was man ihm an den Kopf warf. Er glaubte nicht, es könnte etwas persönlich gemeint sein. Wenn jemand nach seiner Meinung durch einen Blick oder durch ein absichtliches oder zufälliges Anstoßen in der Aula seine Ehre beleidigt hatte, so war es auch nicht so sehr seine persönliche wie die Ehre der Verbindung, der er angehörte. Wenn Friedrich sich langweilte, ging er zu Scheller, der die Langeweile nicht zu kennen schien. Er beschäftigte sich immer mit seiner Weltanschauung.

Einmal überraschte er Friedrich mit der Mitteilung, daß er sich verlobt habe. Und sofort griff er nach der Hosentasche, wo er sonst seine Pistole in einem Lederetui zu tragen pflegte. Diesmal entnahm er ihr eine Brieftasche und der Brieftasche eine Photographie. Dabei bemerkte er Friedrichs Verwunderung und sagte: »Meine Braut hat mir die Pistole abgenommen. Sie erlaubt es nicht.«

Die Photographie stellte ein junges, hübsches Mädchen von etwa achtzehn Jahren dar. Es hatte schwarze Augen und Haare. »Aber sie ist ja gar nicht blond!« sagte Friedrich.

»Sie ist eine Italienerin«, antwortete Scheller gleichmütig, als wäre er nie ein Germane gewesen. »Aber«, beharrte Friedrich, »wie kommen Sie zu einer Italienerin?«

»Gegen die Liebe ist nichts zu machen«, begann Scheller, »sie ist die höchste Macht auf Erden. Übrigens werde ich aus ihr schon eine Deutsche machen.«

»Und seit wann kennen Sie die Dame?«

»Seit vorgestern«, antwortete Scheller strahlend, »ich habe sie im Volksgarten angesprochen.«

»Und schon verlobt?«

»Ich kenne nichts anderes, entweder – oder.«

»Und Ihre Verbindung?«

»Ich trete aus. Weil es ihr nicht paßt. Gestern haben wir uns verlobt. Ich habe heute brieflich bei ihrem Vater angehalten. Er ist Bankbeamter in Mailand. Meine Braut ist hier bei Verwandten. In zwei Monaten heiraten wir. Wie gefällt sie Ihnen?«

»Außerordentlich!«

»Nicht wahr? Sie ist schön! Sie ist unvergleichlich!« Und er legte ein Stückchen Seidenpapier über die Photographie und verbarg sie wieder in der Revolvertasche.

Obwohl Schellers Glück Friedrich nicht dauerhaft schien und er für seinen Freund eine Enttäuschung befürchtete, fühlte er doch in der Nähe des Verliebten den wärmenden Abglanz einer nie gekannten Seligkeit, und er sonnte sich in der Liebe des andern, als läge er auf einer fremden Wiese. Scheller war ein vollkommen glücklicher Mensch. Aus Mangel an Verstand war er nicht einmal imstande zu zweifeln – ein Zustand, der sonst die Liebe zu begleiten pflegt wie der Schatten das Licht. Ungehemmt, wie er seine Seligkeit empfing, strömte er sie auch wieder aus. Es war eine Seligkeit, mächtiger als Scheller selbst. Friedrich beneidete ihn und genoß gleichzeitig die Trauer über seine eigene Einsamkeit, jetzt bildete er sich ein, daß sein ganzes Leben einen Sinn und ein Gesicht bekäme, wenn er die Frau träfe, die er suchte. Obwohl ihm Schellers Methode, ein Mädchen im Park zu finden, töricht erschien, begab er sich doch ins Grüne, das nicht die Farbe der Hoffnung, sondern die der Sehnsucht ist. Es wurde übrigens alles schon herbstlich und gelb. Und in dem Maß, in dem der Winter sich der Welt näherte, wuchs die Ungeduld seines suchenden Herzens.

Er begann, mit verdoppeltem Eifer zu lernen. Sobald er aber ein Buch weglegte, erschien es ihm töricht wie Scheller. Die Wissenschaften lagen über den wichtigen Dingen wie die Erdschichten um den geheimen, ewig brennenden, nie geschauten und bis ans Ende der Welt nicht zu enthüllenden Erdkern. Man lernte Beine amputieren, die gotische Grammatik, das Kirchenrecht. Man hätte ebensogut Möbel packen, Holzbeine drechseln und Zähne ziehn lernen können. Und selbst die Philosophie log sich selbst Antworten vor und legte den Sinn der Frage nach der Antwort aus, die ihr gelang. Sie glich einem Schüler, der nach dem falschen Resultat seiner mathematischen Arbeit die Aufgabe verändert, die ihm gestellt war.

Es dauerte nicht lange und Friedrich fing an, ein seltener Gast in den Hörsälen zu werden. »Nein«, sagte er, »ich unterhalte mich lieber mit Grünhut. Ich habe sie alle durchschaut. Diese geistreiche Koketterie der eleganten Professoren, die am Abend von sechs bis acht vor den Töchtern der guten Gesellschaft lesen. Ein leichter Streifzug in die Philosophie, Kunstgeschichte der Renaissance, mit Lichtbildern im verdunkelten Saal, Nationalökonomie mit Seitenhieben gegen den Marxismus – nein, das ist nichts für mich. Und dann, die sogenannten strengen Professoren, die des Morgens lesen, um acht Uhr fünfzehn, knapp nach Sonnenaufgang, um den ganzen Tag frei zu sein – für die eigenen Arbeiten. Die bärtigen Dozenten, die nach einer guten Partie Ausschau halten, um durch eine Beziehung zum Unterrichtsminister endlich ordentliche Professoren mit Gehältern zu werden. Und das maliziöse Lächeln tückischer Prüfer, die glänzende Siege über durchgefallene Kandidaten davontragen. Die Universität ist eine Institution für die Kinder guter, bürgerlicher Häuser mit einer geregelten Vorbildung, acht Jahren Mittelschule, Nachhilfestunden von Hauslehrern, Aussicht auf ein Richteramt, auf eine gutgehende Advokaturskanzlei durch Heirat der Cousine zweiten Grades – nicht ersten – wegen der Blutsnähe. Schließlich auch für die Couleurochsen, die sich prügeln, für reine Arier, reine Zionisten, reine Tschechen, reine Serben. Nichts für mich! – Ich schreibe lieber Adressen mit Grünhut.«

Einmal erblickte er in einem der Bibliothekskataloge den Namen Savelli. Das Buch hieß: »Das internationale Kapital und die Erdölindustrie«. Er suchte den Band und fand ihn nicht. Er war entlehnt worden. Und als wäre dieser Zufall ein höherer Wink gewesen, begab er sich von der Bibliothek sofort zu Savelli.

In Savellis Zimmer, im fünften Stock eines grauen Zinshauses in einem proletarischen Viertel, befanden sich drei Männer. Sie hatten die Röcke abgelegt und über die Stühle gehängt, auf denen sie saßen. Eine elektrische Birne hing an einer langen Schnur vom Plafond und pendelte tief über dem viereckigen Tisch, ständig bewegt vom Atem der sprechenden Männer, aber auch von ihren stets wiederholten Versuchen, die Lampe aus ihrem Gesichtsfeld zu bringen, sobald sie den einen oder den andern verdeckte. Manchmal, anscheinend aufgeregt durch die lästige Birne, aber ohne zu wissen, daß sie die Ursache seiner Ungeduld war, stand einer von den dreien auf, ging zweimal um den Tisch, warf einen suchenden Blick auf das Sofa an der Wand und kehrte an seinen früheren Platz zurück. Auf das Sofa konnte man sich nicht ohne weiteres setzen. Schwere Bücher und leichte Zeitungen, bunte Broschüren, Prospekte, dunkelgrüne Bände aus einer Bibliothek, Manuskripte und unbenutzte, an den Rändern vergilbende Oktavbogen lagen unter- und nebeneinander, und alles hielt nach unbekannten Gesetzen, denen zufolge die schweren Bände eines Lexikons von einem dünnen, aus grünen Broschüren gebildeten Podest nicht herunterfielen. Savelli hatte seinen Gästen die Stühle überlassen und saß auf acht übereinandergelegten dicken Büchern, aber immer noch so tief, daß er mit dem Kinn gerade die Tischplatte überragte.

Von den Anwesenden war der eine mächtig und breitschultrig. Er hielt seine großen, behaarten Fäuste auf dem Tisch. Sein Schädel war rund und kahl, seine Augenbrauen so dünn und schütter, daß man sie kaum sah, seine Augen hell und klein, sein Mund fleischig und rot, sein Kinn wie ein Quadrat aus Marmor. Er trug eine rote russische Bluse aus einem glänzenden Material, von der ein starker Widerschein ausging, und man konnte ihn nicht sehn, ohne daß man sofort an einen Henker gedacht hätte. Es war der Genosse P., ein Ukrainer, sanft, gutmütig und zuverlässig und von einer merkwürdigen Schlauheit, die unter seiner Körpermasse verborgen war wie Silber unter der Erde. Neben ihm saß der Genosse T., ein dunkelgelbes Angesicht mit schwarzem Schnurrbart und breiter, schwarzer Fliege am Kinn, einem Zwicker auf der starken Nase und mit dunklen Augen, die eine Art unstillbaren Hungers zu verraten schienen. Ihm gegenüber stand der augenblicklich leere Stuhl des dritten Genossen. Er war der Unruhigste von allen, und die Zartheit seiner Glieder, die Blässe seiner Haut rechtfertigten seine Unruhe.

In dem Augenblick, in dem Friedrich eingetreten war, hatte er gerade gesprochen, nun trommelte er mit dürren Fingern auf der schwarzen Fensterscheibe, als telegraphierte er Morsezeichen an die Nacht. Ein dünner, verschämter Schifferbart lief um sein schmales Angesicht wie ein fahler Rahmen um ein Porträt. Seine Augen waren hell und hart, wenn er die Brille abnahm. Hinter den Gläsern sahen sie nachdenklich und weise aus. Es war R., mit dem Friedrich damals eine schnelle Freundschaft schloß und dessen Feind er inzwischen geworden war. Der Satz, den Friedrich noch hören konnte, hatte ihm den Sprecher sofort verraten. »Ich laß mich aufhängen«, hatte er gesagt – und sich sofort verbessert: »Das heißt, man wird mich aufhängen lassen, wenn wir in fünf Jahren den Krieg haben.«

Dann blieb es eine Weile still. Savelli erhob sich, erkannte Friedrich sofort und machte ihm ein Zeichen, sich an einen beliebigen Platz zu setzen. Friedrich suchte vergeblich und ließ sich vorsichtig auf einem Stoß Bücher auf dem Sofa nieder.

Man achtete nicht auf ihn. P. stand auf. Seine mächtige Gestalt verdunkelte sofort das Zimmer. Er stellte sich hinter die Lehne seines Stuhls und sagte: »Es gibt keine andere Möglichkeit. Einer von uns wird fahren müssen. Die Situation ist so zugespitzt, daß wir über Nacht die Bescherung erleben können. Dann ist die Verbindung unterbrochen und vor allem das Geld drüben und unrettbar. Berzejew ist Offizier, er wird mit sich selbst zu tun haben. Eine Desertion wird ihm schwerfallen. Ich habe eine direkte Nachricht. Er schreibt, daß er während der Manöver unaufhörlich gezittert hat. Als er zurückkam, war Lewicki in Kiew, Gelber in Odessa. In Charkow kein Mensch.«

»Sie werden selbst fahren müssen«, unterbrach ihn Savelli.

»Machen Sie Ihr Testament!« rief R.

»Genosse R. ist ängstlich wie immer«, sagte Savelli sehr leise.

»Ich leugne es nicht«, erwiderte R. lächelnd, und man sah dabei seine zwei Reihen überraschend weißer, gleichmäßiger Zähne, die man hinter seinen schmalen Lippen nicht vermutet hätte. Von den Zähnen ging ein gefährlicher Glanz aus, so daß der zarte und friedliche Charakter des Gesichts verschwand und selbst die Augen böse wurden.

»Ich habe nie behauptet, daß ich ein Held bin, und werde nie mein Leben riskieren. Savelli läßt mir übrigens keine Gelegenheit.«

Alle lachten, mit Ausnahme des Schwarzhaarigen. Er schüttelte den Kopf, sein Zwicker zitterte, und während er der baumelnden Lampe, die ihm jetzt die Aussicht nahm, einen Stoß gab, daß sie noch stärker zu pendeln begann und einem großen, aufgeregten Falter glich, klopfte er mit der andern Hand auf den Tisch und sagte unwillig: »Mach keine Witze.«

Als sie aufbrachen, drückten sie Friedrich die Hand wie einem alten Bekannten.

»Ich habe Sie einmal auf dem Ring gesehen«, sagte Savelli zu ihm. »Was wollen Sie jetzt machen? Arbeiten Sie? Ich meine nicht, ob Sie lernen.« Er meinte, ob Friedrich für die Sache arbeite. Friedrich gestand, daß er nichts tat. Savelli sprach von Krieg. Er könnte in einer Woche ausbrechen. In Serbien arbeitete der russische Generalstab. Im Café im neunten Bezirk, in dem sie verkehrten, erschienen seit einigen Wochen verdächtige Gäste. Ob Friedrich auch einmal hinkäme?

»Ich werde wieder bei Ihnen sein, oder im Café«, sagte Friedrich.

»Guten Tag!« sagte Savelli, als nähme er Abschied von einem Mann, der ihn um Feuer gebeten hatte.

R. war ohne Zweifel der interessanteste Mann neben P., dem Dr. T. und Savelli. Eine Anzahl junger Männer versammelte sich um ihn und bildete seinen »Kreis«. Sie gingen durch die späten und stillen Nächte, R. sprach zu ihnen, sie hingen an seinen Lippen.

»Sagt«, begann er, »ob diese Welt nicht still ist wie ein Friedhof. Die Menschen schlafen in den Betten wie in Gräbern, morgens erwachen sie, lesen einen Leitartikel, tauchen einen mürben Kipfel in Kaffee, die Schlagsahne fließt über die Ränder der Tassen. Dann schlagen sie behutsam mit dem Messer ans Ei, aus Respekt vor dem eigenen Frühstück. Die Kinder wandern mit Ranzen und baumelnden Schwämmen in die Schulen und lernen von Kaisern und Kriegen. Seit langem schon stehn die Arbeiter in den Fabriken, kleine Mädchen kleben Hülsen, große Männer schneiden Stahl. Längst schon exerzieren Soldaten auf den Wiesen. Trompeten schmettern. Indessen wird es zehn Uhr, vor den Ämtern fahren die Hofräte und die Minister vor, unterschreiben, unterschreiben, telegraphieren, diktieren, telephonieren; in den Redaktionen sitzen Stenographen, nehmen auf, geben's den Redakteuren, die vertuschen und offenbaren, verhüllen und enthüllen. Und als ob den ganzen Tag nichts geschehen wäre, schrillen am Abend die Glockenzeichen, und die Theater füllen sich mit Frauen, Blumen und Parfüm. Und dann schläft die Welt wieder ein. Wir aber wachen. Wir hören die Minister kommen und gehn, die Kaiser und Könige im Schlaf stöhnen, wir hören, wie der Stahl in den Fabriken geschliffen wird, wir hören die Geburt der Kanonen und das leise Rascheln des Papiers auf den Schreibtischen der Diplomaten. Wir sehen schon das große Feuer, aus dem die Menschen ihre kleinen Sorgen und ihre kleinen Freuden nicht mehr retten können ...«

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