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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid2b05677b
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VI

Um die Mittagsstunde eines klaren Tages im August trat er, ein Zeugnis in der Tasche, aus dem großen, braunen Tor eines Wiener Gymnasiums. Er ging langsam durch die stille Hitze nach Haus. Die Straßen waren leer. Sie enthielten nur Schatten, Sonne und Steine.

Er begegnete einem Wagen. Die lautlosen Gummiräder rollten über das Pflaster dahin wie über einen glatten Tisch. Nur ein aufmunternder, feudaler Aufschlag der Pferdehufe war hörbar. Im Wagen saß, unter einem hellen Sonnenschirm, wie man ihn damals trug, eine junge Frau. Sie hatte im Vorüberfahren Zeit genug, Friedrich mit der langsamen und beleidigenden Gleichgültigkeit zu betrachten, mit der man einen Baum, ein Pferd und einen Laternenpfahl sieht. Er glitt an ihren Augen vorbei wie an Spiegeln.

Sie weiß nicht, wer ich bin, dachte er. Mein Anzug ist schlecht, kein Wunder, der jüngste Parthagener hat ihn mir billig verkauft. Er hat eine schäbige, falsche Helligkeit. Die Taschen sind zu tief, die Hosen zu breit. Er ist wie eine trügende Sonne im Februar. Ich trage einen Hut aus schwerem Stroh, er drückt wie ein dichtes Drahtgeflecht und spiegelt eine muntere Sommerlichkeit vor. Schöne Frauen sehen gleichgültig an mir vorbei.

Es war eine schöne Frau. Eine schmale Nase mit zarten Flügeln, braune Wangen, ein schmaler, etwas zu gerader Mund. Der Hals, schlank und wahrscheinlich braun, verlor sich im Kragen des geschlossenen Kleides. Ein Fuß in einem taubengrauen Schuh saß wie ein Vogel auf dem rot gepolsterten Sitz aus Samt dem Gesicht gegenüber. Das Sonnenlicht überfloß den Körper, das cremefarbene Kleid, gefiltert durch den Schirm, der wie ein winziger Himmel seine eigene kleine Welt überspannte.

Der Kutscher in einer aschgrauen Livree hielt die Zügel straff. Parallel über seinen Knien schwebten seine Unterarme. Das schimmernde, beinahe goldene Schwarz der Pferde hatte eine feierliche Heiterkeit. Ihre gestutzten Schweife verrieten eine kokette Kraft. Sie hoben und senkten sich nach den geheimen Gesetzen eines Rhythmus, der Fußgängern unergründlich blieb.

Diese Begegnung mit einer schönen Frau war wie das erste Zusammentreffen mit einem Feind. Friedrich prüfte seine Stellung. Er zählte seine Kräfte. Er sammelte sie und überlegte, ob er eine Schlacht wagen könne. Er hatte soeben eine Barriere genommen. Er war durch eine lächerliche Prüfung gesellschaftsfähig geworden. Er konnte alles werden: ein Verteidiger der Menschen, aber auch ihr Unterdrücker; ein General und ein Minister; ein Kardinal, ein Politiker, ein Volkstribun. Nichts – abgesehen von seinem Anzug – hinderte ihn, noch weit über den Stand hinaus zu gelangen, den die junge Frau einnehmen mochte; von ihr und ihresgleichen angebetet zu werden; und sie nicht zu erhören. Natürlich – sie nicht zu erhören.

Welch ein weiter Weg für einen, der arm und allein ist! Für einen, der nicht einmal einen Namen und ein Dokument hat! Alle andern wurzeln in einem Haus. Alle anderen sind festgefügt wie Ziegel in einer Mauer. Sie haben die köstliche Gewißheit, daß ihr eigener Untergang auch das Ende der anderen ist. Die Gassen sind still und erfüllt von friedlichem Sonnenlicht. Verschlossene Fenster. Herabgelassene Jalousien. Lauter Glück und Liebe wohnten hinter den gelben und grünen Vorhängen.

Söhne verehren ihre Väter, Mütter verstehen ihre Kinder, Frauen herzen ihre Männer, Brüder umarmen einander.

Er konnte sich nicht von diesem stillen, wohlhabenden, glücklichen Bezirk trennen, in den er geraten war. Er machte Umwege, als könnte es plötzlich durch ein Wunder geschehen, daß er vor seinem Hause steht, ohne die lärmenden, schmutzigen Straßen überquert zu haben, die zu seiner Wohnung führen. Die Schornsteine der Fabriken tauchten gleich hinter den Dächern auf. Die Menschen haben in Massenquartieren geschlafen, können ihre Balance nicht halten und sehen aus wie betrunken. Die Hast der Armut ist erschreckt und lautlos und erzeugt dennoch einen vagen Lärm.

Er wohnt bei einem Schneider, in einem finsteren Kabinett. Das Fenster hat matte Scheiben und führt in den Flur. Es verwehrt dem Tag den Zutritt und den Nachbarn den Einblick. Im Schlafzimmer des Wirtes rasseln die Nähmaschinen. Über dem Bett liegt das Bügelbrett, an der Tür lehnt die Probierpuppe, in der Küche nimmt man einem Kunden Maß, und die Frau, zum Herd gewandt, das Angesicht gerötet, bedroht die spielenden vier Kinder.

Wenn ich zuerst ins Gasthaus gehe, überlegt Friedrich, komme ich erst nach dem Essen der Familie heim. Dann wäscht man nur noch das Geschirr.

Er geht in ein kleines Gasthaus. Ein Mann setzt sich an seinen Tisch. Er hat auffallend große, dürre, wie aus gelbem Papier gemachte Ohren, der Kopf erinnert an eine Fledermaus.

»Ich glaube, Sie sind mein Nachbar«, sagte der Mann. »Wohnen Sie nicht auf sechsunddreißig drüben?«

»Ja!«

»Ich habe Sie schon vor einer Woche gesehn. Essen Sie immer hier?«

»Manchmal.«

»Sie sind wahrscheinlich Student.«

»Noch nicht! Ich will erst inskribieren.«

»Was? Wenn ich fragen darf?«

»Weiß noch nicht!«

»Ich bin Adressenschreiber«, sagte der Mann. »Ich heiße Grünhut. Ich habe auch einmal studiert. Aber ich habe Unglück gehabt.« Es war, als wollte er sagen: Sie werden diesem Schicksal auch nicht entgehen.

»Es geht Ihnen gut?« sagte Friedrich.

»Wie einem Adressenschreiber! Pro Kuvert drei Heller. Hundert im Tag, manchmal hundertzwanzig. Ich kann Ihnen auch welche verschaffen. Sehr gern! Ich bin gerne bereit. Haben Sie eine deutliche Schrift? Kommen Sie morgen!«

Sie gingen in das Magazin einer Leinenhandlung. Der Buchhalter übergab ihnen eine Liste und hundertfünfzig grüne Kuverts.

»Wo essen Sie am Abend?« fragte Grünhut. »Kommen Sie mit mir.«

Sie aßen in einem Keller. Man bekam Suppe aus Abfällen von Wurstwaren. Lange Tische. Hastige, scheppernde Löffel. Geschirr aus Metall. Geräusche von schnalzenden Lippen, kratzenden Löffeln, gurgelnden Kehlen.

»Gute Suppe!« sagte Grünhut. »Den Kaffee, das werde ich Ihnen auch zeigen, nehmen wir drüben beim Grüner. Sie werden es eh bald nicht mehr nötig haben! In der Mensa academica werden Sie essen. Habe auch einmal dort gespeist.«

»Ich kann auch in die Lage kommen«, meinte Friedrich.

»Wie? Nicht wahr? Welche Lage? Meine Lage natürlich! Glauben Sie! Ja. Es ist gut, daß ich Ihnen alle diese Lokale zeige. Ich habe sie selbst suchen müssen.«

»Ich danke Ihnen!«

»Oh, das nicht! Das nicht! Wie ich aus dem Gefängnis gekommen bin, war ich ganz allein. Frau geschieden! Bruder fremd. Kennt mich nicht mehr. Bis auf die Frau Tarka kennt mich kein Mensch. Ihr Bruder ist mit mir gesessen. Hat mich also empfohlen. Beziehungen sind auch in unseren Kreisen das wichtigste. Kennen Sie Frau Tarka? Es ist die Hebamme, just über Ihrem Schneider. Mein Zimmer liegt über Ihrem Kabinett. Ich habe nachgesehn. Sie sollten nicht glauben, was alles zur Frau Tarka kommt. Gestern zum Beispiel die Tochter des Dr. D. Vor sechs Monaten war es die Frau einer richtiggehenden Exzellenz. Und die jungen Männer! Söhne von Staatsanwälten und Generälen! Bringen ihre unvorsichtigen kleinen Mädchen hin. Ich habe meiner Schülerin nur die Bluse aufgemacht, ich habe nämlich Geographie und Geschichte gehabt, in der Sechsten, das Lyzeum in der Floriansgasse, Privatschule. Gute Kinder aus guten Häusern. Die Tochter eines Arbeiters hätte nichts gesagt. Aber die guten Kreise. Ich kenne einen Advokaten, der hat sein Mündel vergewaltigt. Einen Oberleutnant, der schläft mit seinem Burschen. Ich könnte ihnen einen kleinen anonymen Brief schreiben, wenn ich ein Schurke wäre. Aber ich bin trotzdem keiner. Wie stehn Sie politisch? Links natürlich! Was? Ich stehe nirgends. Aber ich glaube, eine Revolution täte uns ganz gut. Eine kleine, kurze Revolution. Drei Tage zum Beispiel.«

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