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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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IV

»Das ist wahrscheinlich sein Lobgesang«, sagte Kapturak ziemlich laut zu Friedrich. Savelli hörte es, obwohl alle sangen, und antwortete: »Von uns beiden sind Sie es, Kapturak, der einen Lobgesang zu singen hätte! Danken Sie Gott, daß Sie mich nicht ausgeliefert haben. Ich hätte Sie getötet.«

»Ich weiß«, sagte Kapturak, »und ich wäre nicht der erste und nicht der letzte gewesen. Ist es wahr, daß Sie Kalaschwili umgebracht haben?«

»Ich war dabei«, erwiderte Savelli. Es klang rätselhaft. Savelli sah aber nicht so aus, als wäre ihm daran gelegen, etwas zu verheimlichen.

»Ich habe ihn«, fuhr er fort, »sterben gesehn. Ich dachte nicht einen Augenblick, daß er auch ein privates Leben hatte, außer seinem polizeilichen. Er hätte ohnedies nicht mehr ruhig gelebt. Ich glaube nicht an die Ruhe eines Verräters.«

»Sie haben ihn sicherlich gehaßt?« wagte Friedrich zu sagen.

»Nein!« erwiderte Savelli. »Ich habe keinen Haß gefühlt. Man kann, glaube ich, nur hassen, wenn man von einem ein persönliches Leid erfahren hat. Aber dazu bin ich nicht imstande. Ich bin ein Werkzeug. Man bedient sich meines Kopfes, meiner Hände, meines Temperaments. Mein Leben gehört mir nicht. Ich gehöre mir nicht mehr. Ich müßte die Rechte überschreiten, die einem Werkzeug zugemessen sind, wenn ich ihn hassen wollte. Oder auch lieben!«

»Aber sie lieben doch?«

»Was?«

»Ich meine«, antwortete Friedrich langsam, denn er schämte sich, ein großes Wort zu gebrauchen, »die Idee, die Revolution.«

»Ich arbeite seit acht Jahren für sie«, sagte Savelli leise, »und kann nicht aufrichtig sagen, ob ich sie liebe. Kann ich denn etwas lieben, was um so viel größer ist als ich?

Ich verstehe nicht, wie die gläubigen Menschen Gott lieben können! Die Liebe, stelle ich mir vor, ist eine Kraft, die ihren Gegenstand ergreifen und halten kann.

Nein! Ich glaube nicht, daß ich die Revolution liebe – in diesem Sinn.«

»Gott kann man lieben«, erklärte Kapturak dezidiert.

»Ein Gläubiger sieht ihn vielleicht«, meinte Savelli. »Vielleicht müßte ich die Revolution sehn – –«

»Wenn Sie fliehen«, sagte Kapturak, »wer soll sie denn machen?«

»Wer soll sie machen«, rief Savelli. »Sie kommt. Ihre Kinder werden sie sehn!«

»Gott bewahre meine Kinder!« sagte Kapturak.

Friedrich wußte, wer Savelli war. Unter dem Namen Tomyschkin figurierte er in den Berichten der Zeitungen. Er hatte die berühmt gewordenen Überfälle auf die Banken und Geldtransporte im Kaukasus und im südlichen Rußland ausgeführt. Seit Jahren suchte ihn die Polizei vergebens.

»Er hätte«, meinte Kapturak, »noch lange bleiben können. Er scherte sich nicht um die Polizei. Aber man bedürfe seiner jetzt im Ausland.« Savelli blieb ein paar Tage in der Herberge. »Sind Sie mit Parthagener verwandt?« fragte er einmal Friedrich. Und als Friedrich verneinte – »Was machen Sie in der Gesellschaft dieser Banditen?«

»Ich will Geld sparen, um zu lernen«, sagte Friedrich. »Ich werde bald nach Wien fahren.«

»Dann kommen Sie gelegentlich zu mir!« sagte Savelli. Und er gab ihm seine Adresse in Wien, Zürich und London.

Friedrich empfand für den berühmten Mann jene Art peinlicher Dankbarkeit, die ein Patient seinem Arzt entgegenbringt, der mit schonender Güte den langwierigen Verlauf der Krankheit ankündigt. Fremd, hart, finster war Savelli. Verhaßt war Friedrich das Opfer, die Anonymität des Opfers, die freiwillige Nachbarschaft, die der Kaukasier mit dem Tode pflegte.

Ungeheuer weit, unberechenbar reich an Jahren und an Abenteuern dehnte sich vor Friedrichs Jugend das Leben. Wenn er das Wort »Welt« vor sich hinsagte, sah er Freuden, Frauen, Ruhm und Reichtum.

Er begleitete Savelli zur Bahn. In einer einzigen, kurzen Sekunde, Savelli stand schon auf dem Trittbrett, glaubte Friedrich zu fühlen, daß sich der Fremde seiner Jugend bemächtigt hatte, seines Lebens, seiner Zukunft. Er wollte ihm die Adresse zurückgeben und sagen: Ich werde Sie nie aufsuchen. Aber jetzt streckte ihm Savelli die Hand entgegen. Er nahm sie. Savelli lächelte. Er schlug die Waggontür zu. Friedrich wartete noch. Savelli kam nicht mehr zum Fenster.

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