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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 40
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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Während diese Zeilen geschrieben werden, lebt Friedrich mit Berzejew zusammen in P. Genauso wie in Kolymsk.

Nur ist P. eine größere Stadt. Sie dürfte etwa fünfhundert Einwohner zählen. Und übrigens lebt dort ein Mann wie ein Trost namens Baranowicz, ein Pole, der seit seiner Jugend in Sibirien freiwillig geblieben ist, ohne auf die Ereignisse der Welt neugierig zu sein, die nur als ein fernes Echo die Wände seines einsamen Hauses erreichen. Er lebt mit seinen beiden großen Hunden, Jegor und Barin, als ein zufriedener Sonderling und beherbergt seit einigen Jahren die schöne, stille Alja, die Frau meines Freundes Franz Tunda, die dieser verlassen hatte, als er nach dem Westen ging. Waldläufer und Bärenjäger kehren bei Baranowicz ein. Einmal im Jahr kommt der Jude Gorin mit neuen Erzeugnissen der Technik. Einer Nachricht zufolge haben Friedrich und Berzejew mit Baranowicz Freundschaft geschlossen. Ein Mann, auf den man sich verlassen kann.

Und so führen sie das alte neue Leben wie einst. In den Winternächten singt der Frost. Seine Melodie mag die Gefangenen an die heimlichen, summenden Stimmen der Telegraphendrähte erinnern, an die technischen Harfen der zivilisierten Länder. Die Dämmerungen sind lang, langsam und schwer und verhüllen auch noch die Hälfte der kümmerlichen Tage. Wovon mögen die Freunde miteinander sprechen? Den Trost, für die Sache des Volkes verbannt zu sein, haben sie gewiß nicht mehr. Hoffen wir also, daß sie die Flucht vorbereiten.

Denn es entspricht unserer Meinung nach einem enttäuschten Mann, sein Heimweh nach der Einsamkeit zu unterdrücken und mutig auszuharren in der geräuschvollen Leere der Gegenwart. Für hoffnungslose und entschlossene Zuschauer wie Friedrich hat sie alle Freuden zur Verfügung: den faulen Geruch von Wasser und Fischen in den gewundenen Gäßchen alter Hafenstädte, den paradiesischen Glanz der Lichter und Spiegel in den Kellern, in denen geschminkte Mädchen und blaue Matrosen tanzen, den wehmütigen Jubel der Ziehharmonika, der profanen Orgel volkstümlicher Lust, das törichte und schöne Brausen der weiten Straßen und Plätze, der Flüsse und Seen aus Asphalt, die leuchtenden grünen und roten Signale in den Bahnhöfen, den gläsernen Hallen der Sehnsucht. Und schließlich die harte und stolze Wehmut eines Einsamen, der am Rande der Freuden, der Torheiten und der Schmerzen wandelt ...

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