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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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VIII

Eigentlich wäre hier die Geschichte unseres Zeitgenossen Friedrich Kargan zu einem guten Ende geführt, wenn man darunter die endliche Heimkehr zu einer geliebten Frau verstehen will und die Perspektive, die sich in den letzten Blättern eines Buches auf eine Art häusliches Glück eröffnet. Aber das merkwürdige Schicksal Friedrichs oder die Unbeständigkeit seiner Natur, die wir in dem vorliegenden Bericht kennengelernt haben, widerstreben einem so sanften Ausgang eines bewegten Lebens. Vor einigen Wochen überraschte uns die Nachricht, daß er zusammen mit einigen jener sogenannten »Oppositionellen«, die der herrschenden Richtung in Rußland, wie allgemein bekannt ist, einen offenen Widerstand entgegengesetzt hatten, zu einem langjährigen Aufenthalt nach Sibirien gegangen sei. Was veranlaßte ihn, noch einmal für eine Sache zu leiden, von der er sichtlich nicht mehr überzeugt war? Auf Grund des Wenigen, was wir von den letzten Vorgängen in seinem Leben erfahren konnten, dürfen wir nur vermuten und raten:

Er fand, nachdem er Hilde verlassen hatte, eine Nachricht von seinem Freunde Berzejew vor. »Es tut mir nicht leid«, schrieb dieser, »daß ich Dir nicht ins Ausland gefolgt bin, sondern daß ich Dich vermutlich nie mehr sehen werde. Eine Sentimentalität eines offenbar anarchistisch veranlagten Menschen, deren ich mich heute nicht mehr zu schämen brauche, nachdem man mir die Würde eines Revolutionärs öffentlich aberkannt hat. Um Dich zu trösten, will ich Dir sagen, daß ich gezwungen und dennoch gerne in die Verbannung gehe. Wenn Savelli ahnen könnte, wie er eigentlich meiner geheimen Sehnsucht entgegenkommt, er würde mich vielleicht, um mich zu bestrafen, zu einem ewigen Kurierdienst zwischen Moskau und Berlin verurteilen; ich meine zum Dienst eines Kulturträgers, eines Boten der Elektrifizierung des Proletariats, seiner Verwandlung in einen tüchtigen Mittelstand. Für einen Menschen unserer Art ist Sibirien der einzig mögliche Aufenthalt!«

Von solch einer Sehnsucht nach dem Rande der Welt hätte auch Friedrich mit Recht sprechen können. Scheint es doch keineswegs von einem freien Entschluß abzuhängen, ob man die Richtung seines Lebens ändert oder nicht. Die Seligkeit, einmal für eine große Idee und für die Menschheit gelitten zu haben, bestimmt unsere Entschlüsse auch lange noch, nachdem der Zweifel uns hellsichtig gemacht hat, wissend und hoffnungslos. Man ist durch ein Feuer gegangen und bleibt gezeichnet für den Rest seines Lebens. Vielleicht war auch die Frau verspätet zu Friedrich gekommen. Vielleicht bedeutete ihm der alte Freund viel mehr als sie.

Der alte Freund – und die gleiche Bitterkeit, die, wie einst der gleiche Idealismus, diese Freundschaft heute nährte. Gingen sie doch beide mit der stolzen Trauer stummer Propheten herum, verzeichneten sie doch beide in ihrer unsichtbaren Schrift die Symptome einer unmenschlichen und technisch vollkommenen Zukunft, deren Zeichen Flugzeug und Fußball sind und nicht Sichel und Hammer. »Gezwungen und dennoch gerne« – wie Berzejew schrieb – gingen auch noch andere nach Sibirien.

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