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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid2b05677b
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VI

Die Zeit war nicht mehr groß. Die Post funktionierte ungestört. Der Brief erreichte Hilde mit einer Verspätung von drei Tagen. Einmal, an einem Abend, als Friedrich ins Hotel zurückkehrte, erwartete ihn jemand.

Nun saß er lange im Mantel, vom Regen naß und dampfend, den Hut in der Hand und stumm. Sie erzählte von ihrem Mann und den Kindern, von ihren bitteren Jahren, von ihrem alten Vater. Sie hatte ihn übrigens mitgebracht. Er wollte ein Bad aufsuchen. Er sollte ihren eifersüchtigen Mann beruhigen. Es ging ihnen jetzt gut. Ihrem Mann hatte gerade seine Mittelmäßigkeit genützt. Die andern, die Spekulanten mit dem angeborenen Instinkt für Geschäfte, waren untergegangen in den Stürmen, die sie heraufbeschworen hatten, wie Krieger in den Abenteuern fallen, die sie selbst hervorrufen. Herr von Derschatta aber gehörte zu jenen mittelmäßigen Bürokraten der Geschäftswelt, die viel gewinnen, wenn sie gar nichts wagen. Sie sprach in dem Jargon, der die Muttersprache der Generaldirektoren ist, von der »Position«, die dieses erlaubte, jenes noch nicht oder bereits nicht mehr gestattete. Ein paar Fremde betraten den Raum, in dem sie saßen. Sie hörte auf zu erzählen. Aber das Schweigen, das jetzt anfing, war imstande, alle die Geständnisse auszudrücken und all die halben Geständnisse zu ergänzen, die sie früher unterdrückt und halb verschwiegen hatte. Dieses Schweigen störte sie noch mehr in Anwesenheit der andern. Als wären sie beide so jung, wie sie einmal im Kaffeehaus gewesen waren, machte sie die Zufälligkeit der äußeren Situation ratlos. Draußen regnete es. Hier saßen Fremde. Wenn sie jetzt in mein Zimmer kommt, dachte er, ist es entschieden. Sie wartet darauf. Er sagte nichts.

»Wir gehn vielleicht zu Ihnen hinauf?« Nach dem langen Schweigen sah es aus, als hätte sie sich auf diese Frage vorbereitet.

Sie gingen zu Fuß die Treppe hinauf, die Anwesenheit eines Fremden im Lift, eines Zeugen ihrer Verwirrung, hätte sie gestört. Sie gingen schweigend, ein großer Zwischenraum trennte sie, als hätten sie oben eine alte Feindschaft auszutragen. Sie setzte sich, ohne den Mantel abzulegen. Der kleine Hutrand beschattete ihre Augen. Der Mantel schloß bis zum Kinn, und ihr Anblick hatte etwas Gerüstetes, Mutiges. Der Entschluß, mit dem sie in den Zug gestiegen war, lebte noch in ihr. Friedrich trat ans Fenster, eine Bewegung, die jeder zweite Mann macht, wenn er sich in Verlegenheit vor einer Frau in seinem Zimmer befindet. »Warum schweigst du?« sagte sie plötzlich. Die Angst zitterte in ihrer Frage. Er hörte die Furcht und gleichzeitig das erste Du, das zwischen ihnen fiel. Es war wie der erste Blitz im Frühjahr. Er wandte sich um, dachte, jetzt wird sie weinen, und sah zwei feuchte Augen, die ihn gerade anblickten, furchtlos, weil mit den Tränen bewaffnet.

Er wollte sagen: Warum sind Sie hergekommen? Er verbesserte sich. Er überlegte, was weniger verletzend wäre: Warum oder ein Wozu, und er entschloß sich endlich für ein harmloseres Wie in Verbindung mit einem Du. Er sagte also: »Wie bist du hergekommen?«

Sie hatte mit der schnellen Geistesgegenwart, welche die Frauen erfüllt, wenn sie eine unsinnige Kühnheit wagen, ihren Vater mitgenommen, um die Wachsamkeit des Generaldirektors zu beruhigen. Ihn erschreckte diese Kombinationsfähigkeit eines Romanciers. Nur um nicht länger zu schweigen, sagte er: »Du bist also hier mit deinem Vater!«

»Sag, was du denkst«, begann sie. »Sag, daß du mich nie erwartet hast und daß es eine Laune war, dieser Brief. Du hattest vielleicht getrunken, als du ihn schriebst.«

»Ja«, erwiderte er, »es war eine Art von tieferer, ernster Laune. Ich habe dich nie erwartet. Es ist kein Vorwurf, was ich jetzt sage, es ist nur ein Schmerz: So hättest du vor zehn Jahren kommen sollen. Es ist inzwischen zuviel geschehen.« »Erzähle«, sagte sie.

»Man kann es nicht in einem Fluß. Ich wüßte nicht, wo anzufangen. Ich wüßte auch nicht, was wichtig wäre. Es kommt mir vor, daß die Tatsachen weit weniger wichtig sind als das andere, das man nicht erzählen kann. Und ernster zum Beispiel als ein Gefecht, das ich mitgemacht habe, ist die Trostlosigkeit, in der ich herumgehe, oder ein Wort, das ein Mensch hier und dort vor mir fallen läßt und das mir manchmal den Menschen enthüllt und manchmal die Menschheit dazu. Aber es genügt vielleicht, dir den Namen zu nennen, unter dem ich die letzten zehn Jahre gelebt habe.« Er nannte ihr sein Pseudonym, auf das er so stolz gewesen war.

Als wäre dieser Name, den sie gehört und gelesen hatte, ohne zu wissen, wen er barg, ein endgültiger Beweis für ihre Blindheit und ihre Schuld, begann sie zu weinen. Jetzt müßte ich hingehn, dachte Friedrich, und sie küssen. Er sah, wie sie mitten in der Verzweiflung den Hut ablegte, das Haar glattstrich, das sie jetzt kurz geschnitten trug wie alle Welt, und er ging hin, froh, daß er was zu tun hatte, und nahm ihr den Hut aus der Hand.

Sie schüttelte den Kopf, erhob sich, bat mit den Augen um den Hut und sagte leise: »Ich muß gehn.«

Ich werde sie gehn lassen, dachte er.

Aber wie sie jetzt beide Arme hob, den Hut aufzusetzen, erschien sie ihm verzweifelt und also doppelt schön, wie er sie nie gesehn hatte. Sie war jung, die Jahre hatte sie vorbeiziehn lassen wie sanfte Winde, sie hatte Kinder geboren und war jung. Er sah sie wieder im lautlos rollenden Wagen, und im Laden Handschuhe probieren, und im Café neben ihm in der Ecke, und auf der Straße im Regen. In dieser einen Bewegung, mit der sie die Arme hob, lagen alle ihre Schönheiten. Ihre Bewegung erinnerte an ein Flehen, eine Entkleidung, eine Abwehr und eine Hingabe gleichzeitig, an alle Arten von Schönheit. Die Arme senkten sich nieder. Die rechte Hand begann, über die linke den Handschuh zu streifen mit gewissenhafter Sorgfalt.

»Bleib!« sagte er plötzlich. Und er fügte noch ein »Geh nicht!« hinzu, leiser, zärtlicher und ein bißchen schärfer, wie er sich gleich darauf vorwarf.

Es fehlt noch, daß ich den Schlüssel umdrehe, und die Situation ist vollkommen. – Er sah, wie Hilde nach der Tür blickte und den Handschuh langsam und gewissenhaft wieder abstreifte. Nun war es eine entkleidete Hand, etwas anderes als eine nackte. Er glaubte, sie zum erstenmal zu sehn. Er machte einen einzigen schnellen Schritt zur Tür und schloß sie ab.

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