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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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V

Friedrich wurde krank.

Er lag allein in seinem Zimmer, vom Fieber sacht umrauscht und zum erstenmal von der Einsamkeit geliebkost. Er hatte bis jetzt nur ihre grausame Treue gekannt und ihre harte Stummheit. Jetzt erkannte er ihre zarte Freundschaft, und er erlauschte die stille Melodie ihrer Stimme. Kein Freund, keine Geliebte und kein Kamerad. Nur die Gedanken kamen wie Kinder, gezeugt, geboren und gewachsen zu gleicher Zeit. Er lernte zum erstenmal in seinem Leben die Krankheit kennen, den wohltätigen Zwang ihrer weichen Hände, das wunderbar täuschende Gefühl, aufstehen zu können, aber sich nicht erheben zu wollen, die Fähigkeit, zu liegen und gleichzeitig zu schweben, die Kraft, die von der Verlassenheit kommt wie die Gnade vom Unglück, und das stumme Zwiegespräch mit dem Himmel, der weit und grau das Fenster des hochgelegenen Zimmers erfüllte, der einzige Gast aus der Außenwelt. Wenn andere krank sind, dachte er, kommt ein Freund, fragt, ob er eine Zigarette rauchen darf, gibt dem Kranken die Hand, die er dann zu waschen gedenkt – aus hygienischen Gründen. Die Geliebte entwickelt ihre mütterlichen Instinkte, bestätigt sich selbst, daß sie lieben kann, bringt ein kleines, kokettes Opfer, überwindet sich, häßliche Gegenstände mit einer zarten Hand anzugreifen. Die Genossen kommen mit optimistischem Lärm und bringen den Inhalt der Vorgänge in erzwungen witziger Verkleidung ans Bett, lachen zu stark und lächeln mit Nachsicht und gelangen zum Bewußtsein ihrer eigenen Gesundheit wie Wohltätige, wenn sie beim Anblick eines Bettlers in die Tasche greifen, sich ihrer Barschaft bewußt werden, ohne es zu wollen. Nur ich bin allein. Berzejew ist in Rußland geblieben. Er hat ein Vaterland. Ich habe keins. Es ist möglich, daß in hundert oder zweihundert Jahren kein Mensch auf der Welt einen Ort haben wird, den er als Heimat oder Asyl betrachten kann. Die Erde wird an allen Orten ein gleiches Aussehen haben wie ein Meer, und wie der Seemann überall zu Hause ist, wo Wasser rauscht, so wird jeder überall zu Hause sein, wo Gras wächst, Fels oder Sand. Ich bin zu spät geboren oder zu früh. Ich bin eines der Experimente, die hier und da von der Natur gemacht werden, ehe sie sich entschließt, eine neue Gattung hervorzubringen. Wenn mein Fieber weicht, werde ich aufstehn und wegfahren. Ich werde mein Schicksal, ein Fremder zu sein, wörtlich erfüllen. Ich werde die milde Verlassenheit der Krankheit ein wenig verlängern, und die Wanderung wird meine Einsamkeit in ein Glück verwandeln, wie es beinahe die Krankheit getan hat.

Sein Fieber wich. Er stand auf. Er war, weil er keine Kindheit und keine Mutter gekannt hatte und weil er aufgewachsen war, ohne die Namen der Krankheiten zu hören und die Gespräche, deren Ursache sie sind, nicht einmal neugierig zu wissen, was ihm gefehlt hatte. Aber er mußte eine Krankheit nennen, um einen Urlaub zu nehmen. Er ließ sich erzählen, wie man den Zustand nennt, in dem er sich befunden hatte. Er nahm Urlaub für ein halbes Jahr. Ich begehe jetzt eine sogenannte Gemeinheit, sagte er sich. Nach den moralischen Anschauungen dieser stupiden Welt ist es schon eine Schurkerei, für eine Sache zu arbeiten, von der man nicht in der gleichen Weise überzeugt ist wie die Mehrheit der Verwalter dieser Sache. Aber eine noch größere Schurkerei ist es, diese Art der Arbeit zu unterbrechen und Geld dafür zu nehmen. Sowohl die bürgerliche Gesellschaft als auch ihre revolutionären Gegner haben für einen Charakter, wie ich ihn darstelle, dieselbe treffende Bezeichnung. Solch ein Verhalten nennen sie zynisch. Zynismus ist den einzelnen niemals erlaubt. Nur Vaterländer, Parteien und Verwalter der Zukunft dürfen sich seiner bedienen. Dem einzelnen bleibt nichts zu tun übrig, als die sogenannte Farbe zu bekennen. Ich bin Zyniker.

Er versorgte sich also mit Geld und – zum wievieltenmal schon in seinem Leben? – mit einem Paß auf einen falschen Namen. Die Revolution war auf diplomatischen Umwegen legitim geworden. Ein falscher Paß machte Friedrich keine Freude mehr. Das Pseudonym eines Revolutionärs erkannte selbst eine reaktionäre Polizei an wie das Inkognito eines Balkanfürsten. Nur die Zeitungen, die von furchtsamen Fabrikanten bezahlt wurden, glaubten manchmal, der Regierung ihres Vaterlandes eine Neuigkeit zu erzählen, wenn sie mitteilten, der und jener gefährliche Bote der Revolution wäre unter einem falschen Namen angekommen. In Wirklichkeit waren die Regierungen bestrebt, die gefährlichen Männer vor der Zeitung zu verbergen. Die Zeiten waren vorbei, in denen Friedrich einen persönlichen Kampf gegen die Weltordnung und ihre Beschützer durch gewagte List und überflüssige Verstellung zu führen geglaubt hatte. Jetzt besaß er ein ungeschriebenes, aber international anerkanntes Recht auf Illegalität.

Und er fuhr durch die großen Städte der zivilisierten Welt. Er sah die Museen, in denen die Schätze der Vergangenheit angehäuft werden wie Möbelstücke, die man nicht verwenden kann, in Magazinen. Er sah die Theater, auf deren Bühnen ein Stückchen Leben pointiert und in Akte geschnitten von rosa geschminkten Menschen dargestellt wird, gegen Entree. Er las die Zeitungen, in denen Nachrichten über Vorgänge gebreitet werden wie interessante Schleier über gleichgültige Gegenstände. Er saß in den Cafés und in den Restaurants, in denen sich die Menschen versammeln wie Waren in einem Schaufenster. Er besuchte die armen Lokale, in denen sich jener Teil der Gesellschaft vergnügt, den man »Volk« nennt, und er genoß den kräftigen und harten Glanz, der die Freuden der Armut begleitet. Als hätte er nie zu ihnen gehört, besuchte er wie ein Fremder die Räume, in denen sie sich versammelten, um Politik zu hören und zu fühlen, daß sie ein Faktor waren im Getriebe der Welt. Und als hätte er selbst nie vor ihnen gesprochen, wunderte er sich über ihre naive Begeisterung, die den hohlen Klang einer Phrase begrüßte wie die Andacht der Frommen den dumpfen Schlag einer billigen Glocke. Als ob es keine Revolution und keinen Krieg gegeben hätte! Nichts! Ausgelöscht! Junge Männer in breiten, wallenden Hosen mit wattierten Schultern, koketten und weichen Hüften, eine ganze Generation geschlechtsloser Aviatiker strich durch alle Schichten der Gesellschaft. Der Fußball kräftigte die Muskeln und gab den Gesichtern beider den gleichen Zug von Geistesgegenwart und Gedankenleere. Der Proletarier trainierte sich zur Revolution, der Bourgeois trainierte sich zum Vergnügen. Fahnen wehten, Menschen marschierten, und ebenso wie sich bestimmte Varieténummern in jeder großen Stadt wiederholten, lag in jeder großen Stadt ein Unbekannter Soldat begraben. Den Denkmälern für Gefallene begegnete Friedrich wie den Negern der Steptänze auch in den kleineren Orten.

Nun sah er mit seinen Augen »das Leben«, dessen ferner, geheimnisvoller und Wunder verratender Widerschein über die Wünsche seiner früheren Jahre gefallen war. Es war genauso, als hätte er das dunkelrote Farbenspiel, von einer Lichtreklame an die gegenüberliegenden Fensterscheiben geworfen, für den Abglanz eines großen, unheimlichen Brandes gehalten. Nun sah er die Quellen seiner schönen Täuschungen. Und er verspottete sich mit der Genugtuung, die ein kluger Mensch empfindet, wenn er Irrtümer aufdeckt. Und er ging herum, und er enthüllte eine Quelle nach der andern, und er triumphierte, weil er gegen sich selbst recht behielt.

Mit der Zeit waren alle Quellen aufgedeckt, schneller, als er gedacht hatte. Also lernte er die Verlorenheit in fremden Städten kennen, die ziellosen Wanderungen durch den ersten Dämmer der Abende, in denen die silbernen Laternen aufleuchten und dem Körper eines Verlassenen den Schmerz von tausend plötzlichen Nadelstichen bereiten. Er ging durch verregnete Straßen über den schimmernden Asphalt der weiten Plätze, die an steinerne Seen erinnern, den Mantelkragen hochgeschlagen, von außen zugemacht und vor sich nur seinen Blick, der ihn durch die Fremde steuerte. Er stand früh auf, trat in strahlende Morgen voll eilender Menschen. Frauen, die er nicht ansah, leuchteten ihm die Schönheit entgegen, Kinder lachten aus den Gärten, von langsamen Greisen, die mitten unter den Eilenden doppelt ehrwürdig und doppelt langsam erschienen, ging eine versöhnliche Milde aus. Endlich gab es Tage, an denen die einfachen, unzerstörbaren Schönheiten offenbar wurden und an denen sein Wunsch, das Leben wieder von vorn anfangen zu dürfen, fast überholt wurde von dem Trost, daß er es ohne Mühe wieder anfangen könne.

Er befand sich in Paris, als der Frühling kam. Jede Nacht ging er durch glatte und stille Straßen, begegnete er den voll beladenen Wagen, die zu den Markthallen fuhren, dem gleichmäßigen Trott der schweren, zotteligen Pferde, dem frommen, ländlichen Gebimmel ihrer Schellen, dem leuchtenden Grün der sauber aufgeschichteten Kohlbündel und dem blanken Weiß ihrer Gesichter zwischen den weiten, flatternden Blättern, dem künstlichen Hellrot der dünn geschwänzten Möhren, dem blutigen, feuchten und schweren Glanz der massiven, zerschnittenen Rinder. Jede Nacht ging er in einen Keller, in dem das Volk tanzte, Matrosen, Straßenmädchen, Weiße und Farbige aus den Kolonien. Die Ziehharmonika schüttete fröhliche Märsche in den hellen Saal, es war das Instrument der ausgelassenen Wehmut. Er liebte es, weil es ihn an seine Genossen der Revolution erinnerte, weil es die Musik der Verlorenheit und der Sorglosigkeit war, weil sie an den Frieden der Abende in östlichen Dörfern gemahnt und gleichzeitig an die brütende Hitze afrikanischer Sandwüsten, weil sie den Gesang des Frostes wie die ewige Stille des Sommers enthält. Von allen Wänden strahlten breite Spiegel die verschwenderischen Reihen der Lämpchen an der Saaldecke wider, machten zwanzig Räume aus einem Raum, verhundertfachten die Tänzerinnen. Er sah die Stiege und die Tür nicht mehr, die zu den nächtlichen Straßen hinaufführten. Die Spiegelwände schlossen den Saal noch endgültiger ab als Stein und Marmor und verwandelten den Keller in ein einziges endloses, unterirdisches Paradies. Er saß an einem Tisch und trank Schnaps. Einmal in einer Stunde, in der es ihm schien, daß er keine Blöße zu fürchten hätte, weil es die letzte Nacht der Welt und ihr kein Morgen mehr beschieden sei, ließ er sich ein Stück Papier geben und schrieb ohne jede Anrede:

»Ich habe lange Jahre nicht an Sie gedacht. Seit einigen Tagen kommen Sie mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich weiß, daß Sie nicht mehr an mich denken. Sie führen ein Leben, das heute wie immer von dem meinigen so entfernt ist wie ein Planet vom andern. Dennoch finden Sie hier meine Adresse. Um aufrichtig zu sein, gestehe ich Ihnen, daß es keineswegs ein unwiderstehlicher Zwang ist, der mich Ihnen schreiben läßt. Es ist vielleicht nur eine unwiderstehliche Hoffnung ...«

Er betrat die Straße. Der Morgen graute, heute wie immer, die Welt war nicht untergegangen. Ein blaues Licht lag über den Häusern, jemand machte ein Fenster auf. Der Motor eines Automobils knurrte hartnäckig und empört. Im Licht des erwachenden Morgens steckte Friedrich den Brief in den Postkasten.

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