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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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III

Wenn er auf dem Rednerpult stand und vor den jungen Leuten sprach, drückte ihn die Last seiner Erlebnisse, und er fühlte sich alt und hätte sich hundert Jahre gegeben. Manchmal sah er dann zu Hause in den Spiegel und überzeugte sich, daß sein Gesicht nicht älter war als vor zehn Jahren. Die Jugend und die Gesundheit der anderen aber schienen nicht physische Eigenschaften zu sein, sondern Gesinnungen. Sie waren um sechs, acht oder zehn Jahre jünger als er. Sie verstanden wohl, was er ihnen sagte. Und dennoch dachte er bei jedem Satz: Ich vertrete hier ein Lehrbuch der Geschichte, und nicht einmal ein vorschriftsmäßiges. Manchmal verriet ein kleines Wort von ihm den alten Rebellen. Dann fühlte er, wie ein hurtiger Schauder über die Rücken seiner Zuhörer strich. Er machte eine Pause. Es war ihm, als müßte er plötzlich unterbrechen, aus Mangel an Worten. Die Leidenschaft fühlte sich ertappt. Von diesen jungen Männern war keiner so wie er einsam und feindselig durch die Straßen der Städte gegangen. Sie marschierten mit Fahnen und Gesang zu Festen, Vorträgen und Versammlungen. Sie traten wie Eroberer das Erbe einer neuen Welt an, und sie hatten nichts erobert, und sie waren nur Erben. Sie brauchten Haß nicht mehr mit Haß zu erwidern. Kein einziger von ihnen sollte mehr heimatlos und unglücklich sein. Man verjagte die Traurigkeit, eine reaktionäre Einrichtung. Ein neues Geschlecht sollte auferstehn, es war schon da, mit heiteren Muskeln, Sonne in den Augen, furchtlos, weil keine Schrecken da waren, und mutig, weil keine Gefahren drohten. Er war nicht alt geworden, die Welt war nur so neu geworden, als ob er tausend Jahre verlebt hätte. Und er lernte die langsame Gleichgültigkeit des Alters kennen, die sich allmählich über den Körper breitet und schon den Lebendigen zudeckt wie ein Leichentuch. Die Schmerzen kamen wie gedämpfte Geräusche, die Freuden blieben in einer respektvollen Distanz, Genüsse fühlte er als vergangen, noch während er sie kostete, und wie ihre eigenen Spuren, die sie vor Jahren hinterlassen hatten. Sie waren Erinnerungen an Genüsse.

Den anderen, seinen Kameraden und Altersgenossen, ging es vielleicht ebenso, aber sie versanken in der Arbeit. Sie saßen an den Schreibtischen, welche die Möbelstücke des Regierens geworden waren in Vertretung der Throne. Sie schrieben und lasen und vermieden die Straßen. Ihre Fenster führten weit hinaus in die Umgebung der Stadt oder in die Höfe des Kremls. Sie sahen entweder den Nebel der Felder, der sich mit dem Rauch einiger Fabrikschornsteine verband, oder ein Stückchen Rasen, ein paar Wachsoldaten der Roten Armee und die spärlichen und amtlichen Besucher. In geschlossenen Wagen fuhren sie durch die Städte. Gesundheit und Krankheit, Sterblichkeit und Geburtenzahl, Hunger und Sattheit, Verbrechen und Leidenschaften, Obdachlosigkeit und Trunkenheit, Analphabetismus und Schulen, Dummheit und Genialität: alles stand in den Berichten, und selbst was man »die Stimmung der Bevölkerung« nannte, bekam die Physiognomie einer Statistik. Und alle prophezeiten Gutes. Der Optimismus wurde die erste Pflicht. Mit ihren alten, müden Gesichtern, ihren kranken Leibern, ihren kurzsichtigen, vielgeplagten Augen versuchten die Alten, die heitere Sprache und die sportliche Munterkeit der Jungen nachzuahmen, und sie erinnerten an Väter, die von ihren Söhnen zu Ausflügen mitgenommen wurden.

»Die Leute sind nicht wiederzuerkennen«, sagte Friedrich zu Berzejew. »Du erinnerst dich doch an R.? Auch er ist ein Optimist geworden. Er verläßt seine Bücher und geht für eine Stunde zu den Soldaten hinunter. ›Was für prachtvolle Kerle!‹ erzählt er dann. Sie behandeln ihn wie ein rohes Ei und lassen sich von ihm auf die Schultern klopfen. Er, der einmal gesagt hat, daß er die Kanaille fürchtet und daß auch ich sie fürchten müßte, ist selig wie ein Kind. Die Leute aus dem Volk haben einen guten Instinkt, sie wissen, was R. gefällt. Und so tun sie ihm den Gefallen und sagen ihm eine Grobheit. Er ist entzückt. Er sammelt die Äußerungen gespielter Vertraulichkeit wie in vergangenen Zeiten ein Höfling die Huldbeweise der Majestät. Und die Soldaten spielen ihm zuliebe ›Majestät Volk‹. Dann kehrt er glücklich zu seinen Büchern zurück und ist überzeugt, daß er sich keineswegs von der Masse unterscheidet. Er hat ja Beweise. Sie haben mit ihm aufrichtig gesprochen. Er hat mit seinen zarten Fingern auf ihre massigen Schultern geklopft, und sie haben ihm aufrichtig gesagt, daß sie kein Vertrauen zu seiner Regierungskunst haben. Das Volk ist zur Schauspielerei glänzend begabt.«

»Wenn ich mit dem simplen Verstand meiner Kadettenschule«, sagte Berzejew, »überhaupt verstehen kann, was den Bürger eigentlich ausmacht, so glaube ich, daß unsere Genossen Bürger geworden sind. Sie waren es vielleicht immer. Nur die Spannung und die Feindschaft und die Armut, in der sie gelebt haben, hat ihre bürgerlichen Instinkte gehemmt. Jetzt ist die Spannung vorbei. Ich glaube, das Kennzeichen des Bürgers ist Optimismus. Es wird schon gehen. Man wird schon siegen. Der General weiß schon, was er zu tun hat. Der Feind ist erledigt. Meine Frau ist treu wie Gold. Jetzt geht's aufwärts und so weiter. Jetzt haben sie Wohnungen mit Mobiliar und Wasserklosetts, und die Kinder spielen in den Korridoren und machen Fortschritte in den Schulen. Hast du gesehn, wie Savelli sich eingerichtet hat? Oh, nicht kostspielig! Es ist nicht das, was uns die Zeitungen der bürgerlichen Länder vorwerfen. Unsere Genossen verachten leider den Luxus. Aber sie haben einen leidenschaftlichen Hang zur bürgerlichen Bequemlichkeit und zu Nippesgegenständen. Man sagt, daß Savelli sehr grausam geworden ist. Achtzig Prozent der Hinrichtungen gehn auf sein Konto. Vor einer Woche war ich bei ihm. Er hatte Teetassen mit Blümchen gekauft. Er trinkt den Tee nicht mehr in Gläsern. Jemand hat ihm aus Deutschland einen wunderbaren Apparat zur Herstellung eines echten türkischen Kaffees gebracht. Er erklärte mir eine Viertelstunde lang, wie es gemacht wird, und sagte voller Bewunderung: ›Die Deutschen sind doch geniale Kerle!‹ Ein amerikanischer Journalist war bei ihm. Er behandelte den Amerikaner sehr gut, das heißt sehr schlecht, von oben herab. Manchmal sagte er auf eine Frage des Amerikaners: ›Das geht Sie gar nichts an!‹ oder ›Sagen Sie Ihrem Chef, daß wir bürgerliche Journalisten viel freundlicher behandeln, als sie es verdienen.‹ Als der Amerikaner aber fort war, sagte Savelli nach einigen Minuten Nachdenken: ›Ein feines Volk, diese Amerikaner. Die wissen genau, was sie wollen.‹ Warten wir noch zwei Jahre – und Savelli sagt's den Amerikanern ins Gesicht.«

»Wie viele gibt es noch in Rußland«, sagte Friedrich, »die so sprechen wie wir? Die Leute, die mit uns gekämpft haben, sind verschwunden, sind nach Hause gegangen, sind wieder Bürger und Arbeiter und Bürogehilfen. Wie wenige sind mit uns geblieben! Man fängt an, die Armee zu organisieren. Die Leuten grüßen unsereinen schon mit Respekt. In der Tramway hat mir ein Genosse Platz gemacht. Ich werde alt, wir werden alt.«

Eine Woche später sagte R. zu Friedrich:

»Es wird vielleicht gut sein, wenn Sie mit Ihrem Pessimismus nicht in Moskau bleiben. Einer von uns hat angeregt, Sie sollten nach dem Wolgagebiet gehn.«

»Lügen Sie nicht!« rief Friedrich. »Sagen Sie gleich, daß Sie es angeregt haben.«

»Nun ja, ich hab' es angeregt! Ich wollte Ihnen Unannehmlichkeiten ersparen.«

»Kein Mensch hat Sie darum gebeten. Ich werde hierbleiben, solange ich will.«

»Das wird Ihnen nicht gelingen«, sagte R. »Sie werden freiwillig gehn oder unfreiwillig. Savelli wird dafür sorgen. Haben Sie übrigens meinen Artikel gelesen? Ich habe gegen den Pessimismus geschrieben. Ich meine natürlich Sie und Ihre Gesellschaft.«

»Erinnern Sie sich«, sagte Friedrich, »was Sie mir in Wien über Savelli gesagt haben? Er wird uns aufhängen, haben Sie gemeint!«

»Ich habe über einen anderen Savelli gesprochen. Es ist ein Unterschied. Savelli war ohnmächtig. Und heute – er hat nicht einmal mehr seinen alten Namen – ist er nicht mehr ohnmächtig.«

»Und aus Angst sprechen Sie so mit mir?«

»Nicht aus Angst. Aus Vorsicht. Aus Überzeugung auch. Savelli darf nichts von unserer Unterredung wissen. Ich warne Sie, überhaupt jemandem etwas davon zu sagen.«

»Sagen Sie doch die Wahrheit! Sagen Sie, daß Sie es übernommen haben, mich mit Güte aus dem Weg zu schaffen. Sagen Sie, daß Ihr alle Angst habt, ich hätte einen Ehrgeiz. Ich habe keinen mehr. Ich pfeife auf eure Revolution.«

»Um so besser. Dann fahren Sie schnell weg. Aber sagen Sie es niemandem. Ich werde nie zugeben, daß ich mit Ihnen gesprochen habe.«

»Aber ich habe Ihre Unterredung gehört«, rief plötzlich Berzejew. Er hatte die Tür aufgemacht, so daß man den Korridor sehn konnte. »Ich bin seit einer halben Stunde dort gestanden und habe gelauscht.«

Er trat nahe an R. heran und erhob die Hand. R. duckte sich. Berzejews Schlag traf sein Ohr. Er saß im nächsten Augenblick unter dem Tisch und rief: »Beruhigen Sie sich, oder gehn Sie weg!«

Sie gingen weg.

»Ich werde also – wahrscheinlich – nach Deutschland gehn«, sagte Friedrich. »Du fährst selbstverständlich mit mir!«

»Nein!« sagte Berzejew, »wir werden uns trennen. Du darfst mir nicht böse sein. Ich muß dir gestehn, daß ich Rußland nicht verlassen kann. Ich bin glücklich, daß ich hier ungefährdet leben darf. Seit meiner Jugend zum erstenmal ungefährdet und ohne etwas zu verbergen. Es ist mein Vaterland. Ich liebe es. Ich habe Heimweh gehabt, als ich draußen war. Ich kann nicht wieder draußen leben. Und kurz und gut: ich bleibe.«

»Wenn ich an deiner Stelle wäre«, sagte Friedrich langsam, »ich müßte den Freund begleiten.« Ich habe kein Vaterland, dachte er still. Er schämte sich, es auszusprechen. Berzejew aber erriet es: »Ich bin nur ein Russe«, sagte er – und es klang wie ein Vorwurf. »Ich habe nichts gelernt. Ich kann nur in der Armee bleiben. Was soll ich draußen? Ich würde dich nur stören ...« »Leb wohl!« sagte Friedrich. Er gab ihm die Hand, sie umarmten sich – zögernd, und es war, als hätte jeder von ihnen dem andern noch etwas zu sagen gehabt, was nicht mehr auszusprechen war. Als trennte sie, die sich umarmt hielten, ein unermeßlicher Zwischenraum, als stünden sie an den entgegengesetzten Ufern eines Sees, blickten einander an und wüßten, daß sie gegenseitig ihre Worte nicht vernehmen könnten und daß es keinen Sinn hätte, sie auszusprechen.

Und drei Tage später stand Friedrich wieder allein in einem großen Bahnhof und wartete auf einen Zug nach dem Westen.

Es dämmerte schon. Soldaten, die nach der Grenze kommandiert worden waren, saßen im Waggon. Sie sprachen von der Politik.

»In Deutschland«, sagte einer, »dauert es noch eine Woche, bis die Revolution ausbricht. Dann kommt sie in Frankreich, dann in England und zuallerletzt in Amerika.«

»Dummkopf«, sagte der andere. »Wer hat dir das eingeredet?«

»Ich war bei einem Vortrag, den R. vor den Studenten gehalten hat.«

»Welch ein Unsinn«, sagte der andere. »Erstens hast du den Vortrag nicht verstanden, zweitens hat er vielleicht einen besonderen Sinn gehabt, und drittens ist R. ein Jud, dem ich kein Wort mehr glaube. Ein paar Tage, während ich Dienst bei T. hatte, sprach er immer mit uns.«

»Ein Jud oder nicht – das hat bei uns aufgehört, es gibt keine Religionen mehr.«

»Aber die Dummköpfe haben nicht aufgehört, denn du lebst noch«, rief ein dritter, und alle heulten.

»Wer sind die Gescheiten?« fragte Friedrich. – Sie nannten die drei Namen, von denen jetzt Rußland und die Welt widerhallte. Schließlich nannte einer den Namen, den Savelli jetzt führte. Einige stimmten ihm bei.

»Ein großartiger Mann«, sagte er, »er weiß, was zu tun ist. Ich bin ihm einmal in einem Korridor in der X-Abteilung begegnet. Der Korridor ist schmal und dunkel, ich trete zurück, um ihn durchzulassen. Ich grüße ihn, da hebt er den Kopf, erwidert nicht, sieht mich nur an mit seinen Augen aus Nacht und Eis. Es ist mir ganz kalt geworden. Der weiß, was er will. Die meisten gescheiten Juden reden nur Prophezeiungen, und das ist wegen des Radios, weil nämlich die dummen Bauern in den Dörfern alles hören. Und so erfährt man überhaupt nichts Gescheites mehr, es ist alles fürs Radio bestimmt.« »Ja«, rief ein anderer. »Ich glaube manchmal, die Genossen halten uns für dümmer, als wir sind. Sie sagen etwas ganz Einfaches hundertmal. Ich kann's schon auswendig. In der Zeitung schreiben sie auch immer dasselbe.«

Was kümmert mich, was sie sagen? dachte Friedrich. Ich fange ein neues Leben an.

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